Depression im Alter - Psychologische Therapie und Beratung kann auch bei Pflegebedarf hilfreich sein

Juli August 2019

Diagnose Demenz
Diagnose Demenz
Bild: Angela Parszyk / pixelio.de

von Prof. Dr. Eva-Marie Kessler

Nach aktuellen Analysen leben allein in Berlin circa 113.000 Pflegebedürftige, die überwiegende Mehrheit älter als 60 Jahre. Bis zum Jahr 2030 wird diese Zahl auf 162.000 Personen ansteigen. Mehr als 75 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause gepflegt.

Im Alltag auf die Hilfe von anderen angewiesen zu sein, stellt neben einer großen finanziellen auch eine emotionale Herausforderung im Alter und besonders bei Pflegebedarf da. Betroffene haben oft das Gefühl, nichts mehr leisten zu können, fühlen sich wertlos oder schuldig und ziehen sich zurück. Die Folge kann eine depressive Erkrankung sein, welche auch durch im Alter häufige Erkrankungen wie Diabetes, Schlaganfall Parkinson und Demenz mitverursacht sein kann. Auch weit in der Biographie zurückliegende traumatische Erfahrungen in können bei der Entstehung von Depression im Alter eine Rolle spielen.

Depression ist kein Zeichen von Schwäche

Depression drückt sich im Alter häufig in Antriebslosigkeit, Interessenverlust und Lebensüberdruss aus. Wenn Angehörige depressive Stimmung bei den Betroffenen bemerken, wollen sie in der Regel helfen und verfallen dabei nicht selten in überfürsorgliches Verhalten und vorschnelles Erteilen von Ratschlägen. Dies ist problematisch, weil die Betroffenen dadurch den Eindruck bekommen, nichts mehr allein bewältigen zu können und anderen zur Last zu fallen.

Depression ist kein Zeichen von Unfähigkeit oder Schwäche. Betroffene sollten an positiven Routinen und dem Austausch mit anderen festhalten, auch wenn sie erst einmal keine Motivation dazu verspüren. Trotz eingeschränkter Selbständigkeit kann man auch bei Pflegebedarf versuchen, möglichst selbstbestimmt zu leben.

Haus- und Nervenärzten kommt eine wichtige Funktion in der Behandlung der Patientengruppe bei. Allerdings mangelt es nicht selten an Zeit für die aufwändige Betreuung der Patienten, Hausbesuche und die sehr wichtigen, aber umfangreichen Koordinations- und Kooperationsaufgaben etwa mit Pflegekräften, Physio- und Ergotherapeuten. Psychotherapeuten wiederum sind noch nicht ‚in den Köpfen als relevante Akteursgruppe in der Versorgung dieser Patientengruppe verankert. „Das lohnt sich doch nicht mehr!“ ist eine häufige Annahme von Behandlern und Pflegenden. Entsprechend werden ältere Menschen mit Depression häufig nur pharmakologisch behandelt, obwohl gerade bei gebrechlichen älteren Menschen die Nebenwirkungen von Antidepressiva erheblich sein können. Auch ältere Menschen selbst trauen sich eine Psychotherapie häufig nicht mehr zu oder denken „Das steht mir nicht mehr zu“. Dabei ist die Wirksamkeit von Psychotherapie, insbesondere Verhaltenstherapie, bei älteren Patienten mit Depression durch wisseschaftliche Studien sehr gut belegt worden.

Psychotherapie ist oftmals hilfreich

Trotz des steigenden Bedarfs sowie entsprechender Leitlinienempfehlungen durch Fachgesellschaften befinden sich allerdings weniger als fünf Prozent der älteren Menschen mit Depression in Deutschland in psychotherapeutischer Behandlung. Bei Pflegebedürftigen kann man sogar von einer ‚Nicht-Versorgung‘ statt einer Unterversorgung sprechen. Dabei kann eine Psychotherapie pflegebedürftige Patienten dabei zu unterstützen, das Leben wieder besser bewältigen und zuversichtlicher Dinge anpacken zu können.

Das Projekt PSY-CARE unter der Projektleitung von Prof. Dr. Eva- Marie Kessler, Professorin für Gerontopsychologie, möchte diese Versorgungslücke schließen. Pflegebedürftigen Menschen über 60 mit Depression wird durch die Versorgungsinitiative in Berlin und angrenzenden Regionen Brandenburgs der Zugang zu psychologischer Therapie und Beratung gebahnt.

PSY-CARE wird durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert wird. Die wissenschaftliche Evaluation erfolgt durch die Charité Universitätsmedizin Charité – Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft (IMSR). Praxispartner ist die Caritas Altenhilfe Berlin.

Das Projektteam konnte bereits durch die Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (dgvt) zahlreiche gerontologisch qualifizierte Psychologische und Ärztliche Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten für die Mitarbeit gewinnen.

Anmeldungen für ältere Menschen sind aktuell noch möglich.
TEILNEHMEN, KÖNNEN ALLE, DIE

  • älter als 60 Jahre sind;
  • zuhause leben uud Pflegebedarf haben (Pflegegrad 1 – 5)
  • einige der folgenden Beschwerden zeigen:
  • Interessen- und Freudlosigkeit
  • gedrückte Stimmung und Schuldgefühle
  • Schlaf- und Appetitstörungen
  • Lebensüberdruss und verminderter Antrieb
  • negativ getrübte Gedanken

Wenn Sie sich unsicher sind, ob die Kriterien auf Sie oder Ihre Angehörigen zutreffen, melden Sie sich telefonisch bei der Projektleiterin Prof. Dr. Eva-Marie Kessler und ihren Mitarbeiterinnen unter 030 – 766 8375 838. Informationen erhalten Sie auch unter www.psy-care.de.