Biesdorf: Größte archäologische Grabung Berlins

Januar Februar 2020

Archäologe bei der Dokumentation in Biesdorf
Archäologe bei der Dokumentation in Biesdorf
Bild: ABA Schirmer & Bräuning GbR

von Ursula A. Kolbe

Die Wuhle schlängelt sich auf 16,5 Kilometern durch den Bezirk Marzahn-Hellersdorf bis nach Köpenick rüber, bietet Tieren und Pflanzen einen Lebensraum. Und nicht nur das. In jüngster Zeit steht auch die Siedlung Habichtshorst nahe der Köpenicker Straße in Biesdorf im Blick der Öffentlichkeit. Denn hier fand von 1999 bis 2014 bauvorbereitend für das Entwicklungsgebiet Biesdorf-Süd Berlins größte Ausgrabung statt.

Auf gut 22 Hektar konnten 10.000 Jahre Siedlungsgeschichte dokumentiert werden, bevor hier erneut Häuser gebaut wurden. In Biesdorf entdeckten die Forscher an die 100 bedeutende Fundplätze und den Beleg liefern Funde, die jetzt bis zum 19. April 2020 in der Ausstellung „Berlins größte Grabung. Forschungsareal Biesdorf“ im Neuen Museum in der Bodestraße zu sehen sind.

Einen ersten Hinweis lieferte eher zufällig ein Bewohner bereits Ende der 1920er Jahre: Bei Arbeiten im Garten stieß er auf eine durchlochte Goldmünze, erklärte Ausstellungs-Kuratorin Dr. Anne Sklebitz. Diese war, wie sich später herausstellte, ein Relikt aus der Zeit des römischen Kaisers Caracalla und wurde zwischen 211 und 217 nach Christus hergestellt. „Solche Funde gelten für unsere Region als selten“, sagte Dr. Sklebitz.

Da es sich bei dem Areal links und rechts der Wuhle um eine Gegend mit fruchtbaren Böden handelte, wusste man, dass dies nicht das einzige Zeugnis längst vergangener Zeiten bleiben würde. Denn die Wuhle hat ja schon weit vor unserer Zeit Menschen angezogen, die dann hier gesiedelt haben. Das Flüsschen lieferte Wasser für die Tiere, und Ackerbau konnte betrieben werden. 1999 begann man dann, eines der Baufelder genauer unter die Lupe zu nehmen. Insgesamt untersuchten die Wissenschaftler akribisch rund 22 Hektar Fläche – daraus wurde das bislang größte Ausgrabungsprojekt dieser Art in Berlin.

Zu den Funden zählen insgesamt 84 Brunnen von der Bronzezeit bis ins Mittelalter, aber auch weitaus ältere Objekte, etwa Alltagsgegenstände wie Fibeln, Nadeln und Münzen. Einer der jüngsten Funde ist ein FDJ-Ansteckpin aus der DDR, eine geheimnisvolle Hirschgeweihmaske aus dem 10. Jahrtausend v. Chr. gehört zu den ältesten Objekten.

Letztere bezeichnen die Archäologen als spektakulär. Dieser mindestens 11.000 Jahre alte Fund soll einst von Schamanen für Rituale benutzt worden sein. Weltweit sind nach Angaben von Dr. Sklebitz nur fünf Orte bekannt, an denen ähnliche Masken gefunden wurden.

Vor allem aber, so ein Fazit dieser Ausgrabungen, konnten etliche Lücken in den Unterlagen gefüllt werden. So wurde aus der Eisenzeit, genauer gesagt, aus der Zeit der Jastorf-Kultur (600 v. Chr.) eine nahezu komplett erhaltene Siedlung entdeckt. Das sei schon etwas Besonderes, so die Wissenschaftlerin.

Auch praktische Demonstrationen im Museum

Das alles kann nicht nur bestaunt oder bewundert werden, zudem laden ebenso verschiedene Stationen dazu ein, einen Blick in die Arbeit der Archäologen zu gewinnen. Um z. B. mehr über die Schamanen-Maske aus dem steinzeitlichen Marzahn herauszufinden, haben die Forscher(innen) ein möglichst originalgetreues Replikat der Hirschkopfbedeckung hergestellt, das vor Ort sogar anprobiert werden kann. Jeden Donnerstag und Freitag (außer feiertags) demonstrieren zudem Studenten(innen) bei Live-Ausgrabungen direkt in der Ausstellung, wie sie aus einem dicken Erdklumpen mit Tonscherben durch Fotometrie 3-D-Modelle von alten Keramikgegenständen erstellen.

Mittels technisch aufwändiger Pflanzen- und Pollenanalysen der Biesdorfer Erde zeigte sich, dass an der Wuhle erstmals in der Jungsteinzeit Getreide angebaut wurde – also vor rund 12.000 Jahren. Luftaufnahmen und Phosphatrückstände von Tierdung ließen sogar darauf schließen, wo die bronzezeitlichen Marzahner(innen) ihr Vieh entlangtrieben. Des weiteren sind Teile der Ausstellung zusammen mit dem Marzahner Jugendprojekt Manege im Don-Bosco-Zentrum am S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße entstanden. Die Jugendlichen haben einzelne Stationen mitgestaltet und unter anderem ein bronzezeitliches Marzahn-Brettspiel hergestellt.