Modder mit Fernheizung und Fahrstuhl

März April 2019

Am Anfang war viel Schlamm
Bild: Jürgen Raupach

von Hans-Jürgen Rudolf

Einige Bemerkungen zur Geschichte vorweg: Der heutige Bezirk Marzahn-Hellersdorf besteht aus den Ortsteilen Marzahn, Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf und Hellersdorf. Alle fünf Ortsteile gehörten einst zum Landkreis Niederbarnim und wurden 1920 durch das Groß-Berlin-Gesetz nach Berlin eingemeindet. Der Bezirk liegt im Nordosten Berlins und grenzt im Westen an den Bezirk Lichtenberg, im Süden an den Bezirk Treptow-Köpenick sowie im Norden an den Landkreis Barnim und im Osten an den Landkreis Märkisch-Oderland des Landes Brandenburg. Marzahn-Hellersdorf – der jüngste Bezirk in Berlin – feiert in diesem Jahr sein 40jähriges Bestehen.

Man musste auch was tun

Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, dann wurden meine Frau und ich im Jahre 1978 Mitglied der Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft „Friedenshort“. Als im Januar 1979 die Urkunde zur Gründung des Stadtbezirkes Marzahn unterzeichnet wurde, waren wir mit der Ableistung unserer sogenannten AWG-Stunden beschäftigt. So manchen Samstag „verbrachten“ wir auf Baustellen im Funkwerk Köpenick oder in Berlin-Buch. Das hat zugegebenermaßen nicht immer Spaß gemacht. Doch man wusste wofür: Eine Neubauwohnung stand in Aussicht. Endlich raus aus der Anderthalb-Zimmer-Wohnung im Hinterhof-Seitenflügel mit drei Außenwänden, Hochparterre und nur einfachen Fenstern im Friedrichshain.

Wie ein Lotto-Gewinn

Ich weiß es noch wie heute! Im Mai 1980 erfuhren wir, dass wir eine Wohnung in der Allee der Kosmonauten in Marzahn bekommen werden. Obwohl wir auf eine Wohnung in der Greifwalder Straße spekuliert hatten, machten wir uns auf den Weg nach JWD. Die Suche dauerte einige Zeit: Keine Straßenschilder, ringsum Baustelle, und alle Häuser sahen gleich aus. Als wir dann endlich vor dem Objekt der Begierde standen, mussten wir doch mit ein paar Freudentränen kämpfen. Das Haus war fertig, aber die Wasserversorgung noch nicht komplett installiert.
Doch im Juli 1980 unterschrieben wir den Mietvertrag und am 8. August standen wir dann endlich in unserer 4-Raum-Wohnung mit Hobbyraum, Balkon und Einbauküche. Warmwasser aus der Wand, Fernheizung und Fahrstuhl. Was wollte man mehr? Es fühlte sich wirklich an wie ein Lotto-Gewinn. Eine junge Familie mit zwei Jungs war selig.

Erinnerung an die Gummistiefelzeit

Zum Auto ging es die erste Zeit wirklich nur in Gummistiefeln. Es gab noch keine befestigten Gehwege und Parkplätze. In den 33 Wohnungen unseres 11-Geschossers aber begann das große Renovieren, denn wir hatten die Wohnungen quasi im Rohbau – mit blanken Betonwänden – übernommen. Und so wuchs auch das zarte Pflänzchen einer Hausgemeinschaft. Denn solche Mangelgegenstände wie eine Multimax mit Schlagbohrvorsatz oder Vidiabohrer gingen oft von Hand zu Hand.

Gegenseitige Hilfe war irgendwie einfach angesagt. Als die Gehwege gebaut wurden, begannen wir auch gemeinschaftlich den Vorgarten zu gestalten, Hecken und Bäume zu pflanzen. Zweimal im Jahr war großer Hausputz angesagt, den wir damals Subbotnik nannten.

Von unserem Balkon aus konnten wir beobachten, wie unser Kiez – offiziell als Wohngebiet 2 bezeichnet — immer weiter wuchs. Den Wohnungen folgten die Kindergärten, die Schulen und Gesundheitszentren. Danach waren die Kaufhallen, Gaststätten und Dienstleistungsgebäude an der Reihe. Bald folgte die Verlängerung einer Straßenbahnverbindung zwischen

der Großsiedlung Marzahn und dem Stadtzentrum von Berlin. Buslinien garantierten den Anschluss an U- und S-Bahn. Im Jahre 1994 wurde die Marzahner Bockwindmühle als das neue Wahrzeichen des Stadtbezirkes eingeweiht. So entstand Schritt für Schritt die größte Plattenbausiedlung Europas. Mit Marzahn bekam die damalige Hauptstadt der DDR nicht nur einen neuen Stadtbezirk. Im Prinzip wurde an das damalige Ost-Berlin eine komplette Kleinstadt angebaut. In nur 15 Jahren entstanden 100.000 Wohnungen. Ende 2017 hatte Marzahn-Hellersdorf 267.452 Einwohner. Das sind Zahlen, die für sich sprechen!

Party, bis die Platte wackelt

Mit dieser Überschrift würdigte der „Berliner Kurier“ das Marzahn-Jubiläum. Die Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle stellte in diesem Zusammenhang fest: „Nach dem rasanten Beginn und dem zwischenzeitlichen Schrumpfen stehen aktuell wieder alle Zeichen auf Wachstum.“ Mit dem Motto „Wir feiern Marzahn-Hellersdorf!“ wird es eine Vielzahl von Veranstaltungen geben. Rund 200.000 Euro wird das Bezirksamt dafür ausgeben. Bereits vom 17. Februar bis 29. März findet im Schloss Biesdorf eine Fotoausstellung mit dem Titel „Fernwärme“ der renommierten Ostkreuz-Schule statt (mehr unter info@schlossbiesdorf.de).

So soll z.B. auch eine alte Marzahner Tradition: der Blumenmarkt auf der Marzahner Promenade (11. bis 12. Mai) wiederbelebt werden und künftig wieder in jedem Frühjahr stattfinden. Das große Geburtstagsfest findet am 15. Juni in den „Gärten der Welt“ statt. Zum vergünstigten Eintrittspreis von 3 Euro (sonst 7 Euro) werden 20.000 Besucher erwartet. Mit meiner Frau werde ich auf jeden Fall dabei sein und unsere heutige Heimat Marzahn feiern.