Die Straße, in der ich wohne…

Januar/Februar 2018

Straßenschild Janusz-Korczak-Straße
Bild: Waltraud Käß

von Waltraud Käß

Die Straße, in der ich wohne, trägt den Namen eines Mannes, der vielen tausenden Menschen in ihrer Notlage geholfen und sie so vielleicht vor dem Tod bewahrt hat. Ich hatte zwar seinen Namen schon gehört, doch das, was er tat, war mir im Einzelnen unbekannt.

Und natürlich wollte ich wissen, warum eine Straße seinen Namen trägt. Was war er für ein Mensch? Was hat er getan, welche Verdienste erworben, dass man ihn so ehrt? Also habe ich recherchiert und noch im Nachhinein finde ich es gut, dass man auf diese Weise das Andenken an ihn offenhält.

Im Stadtbezirk Marzahn-Hellersdorf finden sich viele solcher Straßen- bzw. Platznamen wie z.B. Lea-Grundig-Straße, Max-Herrmann-Straße, Victor-Klemperer-Platz, Walter-Felsenstein-Straße und viele andere mehr. Doch es ist anzunehmen, dass sich, genau wie ich, die wenigsten Anwohner mit der Legende des Namensgebers befasst haben.

Als ich neulich wieder im Stadtbezirk unterwegs war, fand ich gleich zwei Straßen und einen Platz, die unbekannte und bekannte Namen tragen und meine Aufmerksamkeit erregten. Wenn man vom S-Bahnhof Marzahn mit der Linie M6 kommend Richtung Hellersdorf fährt und an der Station Stendaler/Quedlinburger Straße aussteigt, trifft man auf eine dieser Straßen. Sie trägt den Namen Janusz Korczak. Nie gehört! Klingt polnisch, oder?

Es ist eine Nebenstraße, in der nicht allzu viel los ist. An ihrem Eingang befindet sich ein Drogeriemarkt, es schließt sich eine Bäckerei mit einem Cafè an. Im Sommer sitzen die Gäste vor der Tür. Ihre Gespräche drehen sich um ihre ganz persönlichen Probleme, um die Kinder, um das Jobcenter, um die Suche nach Arbeit. Mir fällt auf, dass es viele junge Frauen sind, die dort sitzen, den Kinderwagen an ihrer Seite.

Auch Uhren und Schmuck wird in der Straße verkauft. Auf der anderen Seite der Straße finden sich ein Sonnenstudio und eine Tiefgarage. So etwa nach hundert Metern Länge lässt die Straße genau an der Ecke mit dem Postamt, was es hier noch gibt, eine weitere Nebenstraße, die Fritz-Lang-Straße, in sich hinein und vereinigt sich mit ihr. „Fritz Lang – natürlich. Der hatte doch was mit dem Film zu tun“, werden viele sagen. Das stimmt. Aber wo liegt sein Verdienst?

Fritz Lang war ein Schauspieler und Regisseur. Im Dezember 1890 in Wien geboren, verstarb er 1976 in Beverly Hills in den USA. Was lag dazwischen?
Seine jüdische Mutter konvertierte noch vor seiner Geburt zum katholischen Glauben. Fritz Lang, als Friedrich Christian Anton Lang geboren, wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen auf.

Sein Vater war Architekt und Stadtbaumeister und der Sohn sollte in dessen Fußstapfen treten. Doch vom Studium der Architektur wechselte er zum Studium der Malerei, ließ aber auch davon ab und interessierte sich mehr und mehr für die Schauspielerei und den Film. Bei der Machtergreifung der Nazis war er bereits schon sehr bekannt, hatte mehrere Filme gedreht, so dass ihm Joseph Goebbels eine führende Position beim Film anbot, um „wahrhaft nationalsozialistische Filme“ zu schaffen.

Damit hatte Fritz Lang nichts am Hut und emigrierte bereits 1933 zunächst nach Frankreich. Von dort führte ihn sein Weg in den 40-er Jahren nach Hollywood. Auch hier war er sehr produktiv und drehte u.a. den Antinazifilm „Auch Henker sterben“. Im Jahre 1956 kehrt er für einige Jahre nach Europa zurück, dreht hier seinen letzten Film „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“. Dann kehrt er in die USA zurück und verstirbt dort im Jahre 1976.

Er hinterlässt ein großes filmisches Werk an Stumm- und Tonfilmen. Der Stummfilm „Metropolis“ und der Tonfilm „M“ gehören zu den Meilensteinen der internationalen Filmgeschichte.

Nach der Fritz-Lang-Straße schlägt die Janusz-Korczak-Straße einen kleinen Bogen und huscht am Kurt-Weill-Platz vorbei. Musikinteressierte Menschen kennen diesen Namen, oft wird er im Zusammenhang mit Bertold Brecht genannt.
Kurt Weill war ein Komponist, geboren im Jahre 1900 in Dessau und verstorben 1950 in New York/USA. Doch was hat er getan, dass man einen Platz nach ihm benennt?

Auch Kurt Weill wuchs in gesicherten Verhältnissen auf. Sein Vater war Kantor in einer jüdischen Gemeinde. Schon in der Schule entdeckte man seine musikalischen Fähigkeiten. Sehr früh begann er zu komponieren. Mit 18 Jahren nahm er ein Studium an der Hochschule für Musik in Berlin auf und bereits mit zwanzig Jahren hatte er ein Engagement als Kapellmeister in Lüdenscheid.

Im Jahre 1927 beginnt seine Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht (Die Dreigroschenoper 1928). Seine Kompositionen in dieser Zeit waren in Fachkreisen einerseits sehr umstritten, andererseits nahm man sie begeistert auf. Mit der Machtergreifung der Nazis begann auch für Kurt Weill eine unheilvolle Zeit und er floh bereits im Jahre 1933 nach Frankreich. Dort entstand nach einem Text von Bertolt Brecht das Ballett mit Gesang „Die sieben Todsünden“.

Im Jahre 1935 führte ihn sein Weg weiter in die USA, wo er am Brodway in den 1940-er Jahren große Erfolge, hauptsächlich mit Musicals, feiern konnte. Insgesamt hinterließ er ein künstlerisches Werk in großer Vielfalt. Er schrieb Musik für Opern, Schauspiel, Operetten, Musicals, Pantomime und Ballette, Kantaten, Kammermusik, Werke für Klavier, Songs und Chansons. Ein Mensch, der „ehrwürdig“ ist.

Haben wir den Kurt-Weill- Platz verlassen, sind es nur noch wenige hundert Meter, bis die Janusz-Korczak-Straße endet. Vorbei an einem ambulanten Herzzentrum und mehreren Arztpraxen beenden wir unseren Gang an der Hellersdorfer Straße und wenden uns dem Namengeber der Straße zu.

Janusz Korczak, der eigentlich Henryk Goldszmit heißt, wurde im Jahre 1879 geboren. Sein Leben wurde zusammen mit dem Leben von etwa 200 Kindern im Vernichtungslager Treblinka durch die Faschisten im Jahre 1942 beendet. Es waren die Kinder eines Waisenhauses aus dem Ghetto in Warschau, Schutzbefohlene, die ihm anvertraut waren. Er hätte sich retten können – nein, das tat er nicht. Er beschützte „seine Kinder“ und half ihnen in ihrer Todesangst. Das ist sein Verdienst.

Henryk Goldszmit stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Aber in jedem Leben gibt es Brüche und es kam die Zeit, wo er auch die Armut kennenlernte. Neben seinem Medizinstudium begann er unter dem Pseudonym Janusz Korczak zu schreiben und hatte später sowohl Erfolg als Arzt als auch als Schriftsteller. In „Kinder der Straße“, „Kinder der Salons“ setzt er sich mit den sozialen Gegensätzen des Kapitalismus auseinander und benennt sie als Ursache für Kinderarmut und Kinderleid.

In „Wie man ein Kind lieben soll“ gibt er wichtige pädagogische Hinweise, die er seit 1912 als Leiter des Waisenhauses sammelte. Mit seinen Kindern übte er demokratisches Zusammenleben, indem er sie in die Arbeit einbezog. Es gab ein „Kinderparlament“, die Kinder lernten Regeln aufzustellen, Streitigkeiten zu schlichten. In diesem Waisenhaus gab es die erste Kinderzeitung weltweit, sie trug den Namen „Kleine Rundschau“, die Kinder kommunizierten in dieser Zeitung ihre eigenen Angelegenheiten.

Janusz Korczak gilt damit auch als erster Fachlehrer für Medienerziehung. Sein Credo: „Kinderrechte sind Menschenrechte“. Danach lebte und handelte er. Der faschistische Überfall auf Polen beendete alle Aktivitäten. Und als die Kinder des Waisenhauses im August 1942 deportiert werden sollten, gingen Janusz Korczak und einige seiner Mitarbeiter zusammen mit den Kindern in die Gaskammer.

Solche Verbrechen dürfen nicht verjähren und nicht vergessen werden.
Drei Namen, drei Lebensläufe. Was haben ein Arzt und Pädagoge, ein Schauspieler und Regisseur und ein Komponist gemeinsam, dass man sie in räumlicher Nähe zueinander ehrt?

Es gibt grundsätzliche Gemeinsamkeiten: Alle drei sind jüdischer Abstammung.
Alle drei haben der Nachwelt ein großes Vermächtnis hinterlassen. Alle drei haben sich den Nazis entzogen, zwei durch Emigration, einer durch den Tod. Halten wir ihr Andenken in Ehren und bleiben wir weiter in dieser Tradition. Es gibt noch viele ungenannte Helden.

Mitunter denke ich, dass es doch ganz gut ist, dass sich nicht alle Menschen für die Bedeutung eines Namens interessieren. Sonst würden sich vielleicht gerade an diesen Plätzen und in diesen Straßen rechtsradikale, unbelehrbare Menschen austoben und das Andenken beschmutzen. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ (B. Brecht) bleibt aktuell. Der Beweis ist der ausgebrochene Neonazismus in Deutschland und vielen anderen Ländern. Bleiben wir also wachsam!