Stolpersteine Johann-Georg-Straße 16

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Hausansicht Johann-Georg-Str. 16
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine wurden von den Hausbewohnern Gerhard und Sabine Wedegärtner gespendet und am 28.9.2016 verlegt.

Gerhard Wedegärtner sagte zur Verlegung der Stolpersteine:

Diese Stolpersteine erinnern an die jüdische Familie Wachsmann, die bis Ende 1942 in der Johann-Georg Str.16 lebte und Anfang März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde.
Uns ist es ein Anliegen, an diese Familie zu erinnern. Daher haben wir die Patenschaft für drei sogenannte Stolpersteine übernommen.
‘Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist’, zitiert der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der das Stolpersteine-Projekt ins Leben gerufen hat, aus dem Talmud.
Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an ehemalige Bewohner lebendig gehalten, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.
Nun wird auch an drei Mitglieder der Familie Wachsmann erinnert, deren letzte selbst gewählte Wohnung in unserem Haus war.
Wer über diese Steine ‚stolpert’, liest die Namen Max, Lilli und Eva Wachsmann.
Drei Namen, drei Menschen, drei Geschichten.

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Stolperstein Max Wachsmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MAX WACHSMANN
JG. 1881
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Max Wachsmann wurde am 11. Oktober 1881 in Rosdzin-Schoppinitz (Szopienice) bei Kattowitz (Katowice) in Schlesien geboren. Verheiratet war er mit Lilli Wachsmann, geb. Löwenstein. Sie hatten einen 1921 in Berlin geborenen Sohn Gerhard Julius und eine 1931 ebenfalls in Berlin geborene Tochter Eva. Die Familie wohnte zunächst in der Dernburgstraße 51, nach der Geburt der Tochter in der Lietzenburger Straße 32 und seit 1937 in der Johann-Georg-Straße 16. Ende 1942 erfolgte der erzwungene 1 Umzug in eine kleine Hinterhauswohnung in die Gasteiner Straße 13.

Max Wachsmann war Musiker. Er arbeitete als Chordirigent, Klavier- und Geigenlehrer sowie als Komponist. Bis 1938 war er Musikdirektor der 1923 eingeweihten Synagoge „Friedenstempel“ 2 in der Markgraf-Albrecht-Straße 11/12, einer Seitenstraße des Kurfürstendamms. Nachdem diese Synagoge in der Reichspogromnacht 3 am 9./10. November 1938 schwer beschädigt worden war, ließ er sich mit dem Zusatz „Dirigent“ ins Adressbuch eintragen.

Dass Wachsmann danach seinen Beruf nicht weiter ausüben konnte und, wie 15 000 andere Berliner Juden, als Zwangsarbeiter beispielsweise in einem Rüstungsbetrieb arbeiten musste, ist wahrscheinlich. Ende Februar 1943 wurde er während der „Fabrikaktion“ 4 festgenommen und in der Synagoge in der Levetzowstraße, in der er früher ebenfalls als Dirigent tätig war und die jetzt als Sammellager diente, interniert.

Am 2. März 1943 wurde er zusammen mit 1528 Berliner Juden in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet.

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Stolperstein Lilli Wachsmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
LILLI WACHSMANN
GEB. LÖWENSTEIN
JG. 1894
DEPORTIERT 3.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Lilli Wachsmann, geb. Löwenstein, wurde am 1. Mai 1894 in Lessin (Łasin) bei Graudenz in Pommern geboren und heiratete Max Wachsmann am 29. Juni 1920 standesamtlich in Berlin-Charlottenburg.
Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, der Sohn Gerhard-Julius und die Tochter Eva.

Lilli Wachsmann wurde im Zuge der „Fabrikaktion“ von Mann und Tochter getrennt und am 3. März 1943 zusammen mit 1750 Menschen auf dem Güterbahnhof Moabit in einen Zug getrieben. Die meisten dieser Menschen wurden gleich nach der Ankunft im 570 Kilometer entfernten Auschwitz vergast.

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Stolperstein Eva Wachsmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
EVA WACHSMANN
JG. 1931
DEPORTIERT 6.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Eva Wachsmann, die am 17. April 1931 geborene Tochter der Familie, erlebte als Kind die Machtübernahme der Nationalsozialisten und die damit verbundene Diskriminierung und Verfolgung sicher noch sehr bewusst mit. Bei Schuleintritt konnte sie vielleicht noch eine öffentliche Volksschule besuchen, was zu diesem Zeitpunkt für jüdische Kinder bis zur vierten Klasse möglich war. Ab November 1938 durften jüdische Kinder nur noch private jüdische Schulen besuchen, ab September 1942 war dann jeglicher Unterricht verboten.

Eva wurde wahrscheinlich zusammen mit ihrer Mutter verhaftet, dann aber von ihr getrennt. Sie wurde am 6. März 1943 in einem Zug zusammen mit 647 Menschen aus Berlin nach Auschwitz deportiert und unmittelbar nach ihrer Ankunft mit 417 Frauen und anderen Kinder vergast.

Gerhard Julius Wachsmann 5, Evas Bruder, wurde am 31. Oktober 1921 geboren. Er lebte mit seinen Eltern und seiner Schwester Eva bis
Juni 1939 in der Johann-Georg Straße 16. Am 8. Juni 1939 konnte er als 17-jähriger nach Australien auswandern. Das war möglich, weil er 1938/1939 eine Ausbildung in der Landwirtschaft absolviert hatte.
Er wurde australischer Staatsbürger und nahm den Namen seiner Ehefrau an. Er heißt jetzt Geoffrey Winston. Nach unseren Recherchen lebt er wahrscheinlich noch und wir haben ihn per Brief über die Stolpersteinverlegung informiert 6.

Text: Gerhard Wedegärtner und Helmut Lölhöffel.

  • 1 Seit April 1939 wurde der Mieterschutz für jüdische Bürger und auch die freie Wohnungswahl aufgehoben. Die Berliner Juden wurden gezielt in sogenannten „Judenhäusern“ konzentriert. Das diente der Überwachung und Vorbereitung der ab Oktober 1941 einsetzenden Deportationen.
  • 3 Während der „Reichspogromnacht“ wurden deutschlandweit 1400 Synagogen und Betstuben zerstört, Friedhöfe, tausende Geschäfte und Wohnungen verwüstet. 30 000 Juden wurden in Konzentrationslager gebracht, hunderte von ihnen ermordet. Danach setzte eine große Flüchtlingswelle ein, 54 000 Juden verließen Deutschland.
  • 4 „Fabrikaktion“ bedeutete die Verhaftung und Deportation Berliner Juden, die bis Ende Februar 1943 noch in Rüstungsbetrieben oder bei der jüdischen Kultusvereinigung zwangsbeschäftigt waren. Am 27.02.1943 riegelte die SS schlagartig ca. hundert Betriebe ab und transportierte die Verhafteten auf offenen Lastwagen zu Sammelstellen. Gleichzeitig durchsuchte die Gestapo deren Wohnungen und verhaftete die Angehörigen. Von der Schutzpolizei wurden alle Träger des Gelben Sterns festgenommen. Zwischen dem 1. und 6. März wurden die bei dieser Aktion Festgenommenen mit den Osttransporten nach Auschwitz deportiert. Sehr wahrscheinlich wurden zwei Drittel von ihnen unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet.
  • 5 Gerhard Julius Wachsmann arbeitete bis 1943 in Australien in der Landwirtschaft, er wurde dann zum Militär eingezogen. Nach der Entlassung aus dem Militärdienst Oktober 1946 absolvierte er eine Ausbildung zum Galvaniseur bis November 1949. 1951 stellte er beim hiesigen Entschädigungsamt verschiedene Entschädigungsanträge, deren Bearbeitung sich bis 1961 hinzog und mit einem Vergleich vor Gericht endete. Die Akten dieses Verfahrens konnten wir bei der Entschädigungsbehörde am Fehrbelliner Platz 1 einsehen. Aus ihnen geht unter anderem hervor, dass die Entschädigung für das zwangsweise Tragen des Judensterns und für Konzentrationslagerhaft 4,89 DM pro Tag betrug. Die von ihm geltend gemachte Entschädigung für die gesamte Wohnungseinrichtung seiner Eltern mit verschiedenen kostbaren Instrumenten und Noten wurde abgelehnt und dafür eine sogenannte „Verschleuderungspauschale“ in Höhe von 400 (vierhundert) DM angeboten.
  • 6 Berlin, 10.09.2016 Dear Mister Winston, you will be very surprised, to receive a letter from Berlin. Let us explain, why we are writing to you. Here in Berlin, and in fact all over Germany, there is an organisation, that remembers the victims of National Socialism by installing commemorative brass plaques in the pavement in front of their last adress of choice. These plaques are called STOLPERSTEINE – stumbling stones or blocks -. We live in Berlin in Johann-Georg-Straße 16. And we find out, that you with your parents, Max and Lilli Wachsmann and your sister Eva, in the 1930s and 1940s also lived in this house. We know, that you emigrated to Australia in June 1939. We know also, that your parents and your sister were deported to Auschwitz and ended their lives there in March 1943. What happened to them, and indeed to all of those, who tragical lost their lives, is something, that we shall never forget. To remember your family in particular we have arranged for three of these memorials to be placed outside our house on 28. of September, each will be inscribed with appropriate dates and place of deportation.

Geoff Winston antwortete am 5.10.2016:
Dear Gerhard and Sabine Wedegaertner,
Thank you very much for your kind letter of 10/9 which was great surprise as I had never expected to receive such a pleasant message from my old home adress.
Unfortunately (96 yrs) is too old for me to visit a previous home again, but it is nice to know that there will, at least, be some memorial of my family.
Thank you again for what you have done and
my very best wishes.
Geoff