Stolpersteine Bleibtreustraße 34-35

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Hausansicht Bleibtreustr. 34-35
Bild: H.-J. Hupka

Diese Stolpersteine wurden am 12.9.2012 verlegt.

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Stolperstein Toni Heymann
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
TONI HEYMANN
JG. 1893
DEPORTIERT 6.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Toni Heymann wurde in Berlin am 21. Februar 1893 geboren. Leider wissen wir wenig über sie und gar nichts über ihr Elternhaus und ihre Kindheit. Auch die Adressbücher helfen nicht ihren Vater ausfindig zu machen, da der Name Heymann sehr häufig war. Und doch können wir den Adressbüchern den ältesten Hinweis auf Toni Heymann entnehmen: 1927, im Alter von 24 Jahren, machte sie sich selbständig, indem sie in der Bleibtreustraße 34/35 „Schönheitspflege“ anbot. Gewiss kein großer Salon, vermutlich fand die Dienstleistung in ihrer Hinterhauswohnung statt, Gartenhaus, Erdgeschoss. Vielleicht muss man aber auch den Eintrag „Schönheitspfl.“ als Berufsbezeichnung lesen und Toni Heymann war als Schönheitspflegerin in einem Salon angestellt. Noch 1939 ist sie mit der gleichen Adresse und Bezeichnung im Adressbuch zu finden. In diesem Jahr wurde sie bei der Volkszählung vom 17. Mai auch in der Bleibtreustraße erfasst. Bei dieser Volkszählung mussten Juden auf gesonderten „Ergänzungskarten“ eingetragen und die Konfession ihrer vier Großeltern angegeben werden. So konnten die herrschenden Nationalsozialisten leichter ihre 1935 in den Nürnberger Gesetzen festgeschriebene rassistische Einstufung in „Voll-, Halb- und Vierteljuden“ anwenden.

Für etliche der vielen mittlerweile erlassenen antisemitischen und diskriminierenden Verordnungen, die das Berufs- und Alltagsleben von Juden nach und nach unerträglich machten, spielten solche Unterscheidungen eine geringe Rolle. Die Zahl solcher Erlasse nahm nach den Pogromen vom 9./10. November 1938 sprunghaft zu, sie hatten zunächst zum Zweck, Juden zur Auswanderung zu treiben. Für die entsprechenden Visa, Schiffspassagen und Sonderabgaben waren aber beträchtliche finanzielle Mittel vonnöten, die Toni Heymann wahrscheinlich nicht besaß. Zudem war spätestens seit der internationalen Konferenz von Evian im Juli 1938 deutlich geworden, dass viele Staaten zwar die Verfolgungen im NS-Reich verurteilten, aber nicht gewillt waren, mehr Flüchtlinge als bis dahin aufzunehmen.

Ab 1940 ist Toni Heymann nicht mehr im Adressbuch vertreten. Sie war vermutlich bereits genötigt worden, ihre Wohnung aufzugeben und zur Untermiete bei anderen Juden zu wohnen. Oft wurden Juden gezwungen, mehrmals umzuziehen. 1943 wohnte Toni in der Kleinen Alexanderstraße 17, bei Süßkind. In ihrem Beruf konnte Toni auch schon länger nicht mehr arbeiten. Seit mehreren Jahren wurden Juden zur Zwangsarbeit herangezogen, im Oktober 1938 war speziell für sie das „Beschäftigungsverhältnis eigener Art“ eingeführt worden, dass sie jeglicher Arbeitnehmerrechte beraubte. Auch Toni Heymann war zur Zwangsarbeit verpflichtet worden, wo wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass Ende Februar 1943 auch sie im Rahmen der sogenannten „Fabrikaktion“ am Arbeitsplatz festgenommen und in ein Sammellager verbracht wurde. Bei dieser Razzia sollten alle noch im Reich arbeitenden Juden verhaftet und deportiert werden. Toni Heymann wurde am 6. März im fünften der anschließenden „Transporte“ mit fast 700 weiteren Opfern nach Auschwitz verschleppt. In einem Fernspruch aus dem Konzentrationslager Auschwitz vom 8. März von Arbeitseinsatzführer Schwarz an das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt hieß es:
“Transport aus Berlin, Eingang 7.3.43, Gesamtstärke 690 einschliesslich 25 Schutzhäftlingen. Zum Arbeitseinsatz gelangten 153 Männer u. 25 Schutzhäftlinge (Buna) und 65 Frauen. Sonderbehandelt wurden 30 Männer u. 417 Frauen u. Kinder.”
[N. Blumental (Hrsg.), Dokumenty i materialy, Bd. 1, Obozy, Lodz 1946, S. 110].

Ob die kurz zuvor 50 Jahre alt gewordene Toni Heymann „zum Arbeitseinsatz gelangte“, wissen wir nicht, wenn ja, hat sie ihn nicht überlebt. Wenn nicht, dann war sie unter den „Sonderbehandelten“ – dieser zynische Begriff bezeichnete den Mord in der Gaskammer. Das Todesdatum von Toni Heymann ist nicht bekannt.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Statistik des Holocaust

Recherchen/Text: Micaela Haas

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Stolperstein John Löwenthal
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
JOHN LÖWENTHAL
JG. 1862
DEPORTIERT 29.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 23.8.1942

John Löwenthal wurde am 22. Juli 1862 in Strasburg (Brodnica) geboren. Verheiratet war er mit Emilie Löwenthal geb. Oppenheimer, die am 25. Oktober 1873 in Uedem bei Kleve am Niederrhein geboren wurde. 1900 kam sie nach Berlin und lernte ihre Mann kennen.1903 ist ihre Tochter Anni geboren, die 1925 Ludwig Warschauer heiratete. Ludwig Warschauer war Generaldirektor der Hermann Meyer AG, die mit alkoholischen Getränken handelte („Keine Feier ohne Meyer“). Sie wiederum bekamen eine Tochter Leonie, mit der sie im Oktober 1938 in die USA auswanderten. Am 10. November 1938, dem Tag nach der Pogromnacht, kamen die Geflüchteten mit dem Schiff in New York an. 1954 heiratete Leonie Warschauer in New York den ebenfalls in Berlin geborenen Peter Feigl, die zusammen zwei Töchter hatten.

Am Tag der Volkszählung, dem 17.5.1939, waren John und Emilie Löwenthal in der Bleibtreustraße 34-35 polizeilich gemeldet, zuvor hatten sie nicht weit entfernt in der Knesebeckstraße 78/79 gewohnt. John Löwenthal arbeitete sein ganzes Leben in der Bekleidungsindustrie. Als in den 1940er Jahren ihr Hab und Gut größtenteils geraubt war und sie ihre Wohnung nicht mehr halten konnten, waren sie gezwungen, in der Sybelstraße 66 unterzuschlüpfen, wo Emilie Löwenthals Bruder Ernst Oppenheimer seit 1920 in einer komfortablen Wohnung lebte. Oppenheimer, geboren am 8. März 1869 in Uedem, war unverheiratet und kaufmännischer Angestellter und hatte es in seinem Beruf zu einigem Wohlstand und Vermögen gebracht.

Am 29. Juli 1942 wurden alle drei zusammen in einem verplombten Personenwagen, der an den normalen Zug von Berlin nach Prag angehängt war, vom Anhalter Bahnhof ins Ghetto Theresienstadt deportiert. John Löwenthal ist am 23. August 1942 ums Leben gebracht worden, der Totenschein kann eingesehen werden.

Sein Schwager Ernst Oppenheimer kam am 22. November 1942 ums Leben. Das Todesdokument mit der verlogenen Diagnose „Darmkatarrh“ ist in Theresienstadt aufbewahrt Dessen Schwester Emilie Löwenthal wurde am 7. Juli 1944 umgebracht, eine Todesurkunde von ihr gibt es nicht..

Zum Gedenken an Ernst Oppenheimer wurde an der Sybelstraße 66 ein Stolperstein verlegt.

Text nach Erinnerungen und Aufzeichnungen von Leonie Warschauer Feigl (Palm City, Florida, USA)

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Stolperstein Emilie Löwenthal
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
EMILIE LÖWENTHAL
GEB. OPPENHEIMER
JG. 1873
DEPORTIERT 29.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 7.7.1944

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Stolperstein Julius Jesaias Neuberg
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
JULIUS JESAIAS
NEUBERG
JG. 1875
DEPORTIERT 25.6.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 19.7.1942

Bildvergrößerung: 1885 Sexta Julius und Salomon Neuberg vorne links
1885 Sexta Julius und Salomon Neuberg vorne links
Bild: Familienarchiv

Jesaias Julius und Salomon Neuberg waren Brüder. Ihr Vater Abraham Neuberg aus Peckelsheim (Westfalen) zog mit seiner Frau Hanne, genannt Sophie, geb. Rosenstein (sie war aus Beverungen) in das nahegelegene Höxter und eröffnete dort eine Metzgerei in der Westerbachstraße 12. Bereits Abrahams Vater, -Julius’ und Salomons Großvater- Jesaias Neuberg, war Fleischer in Peckelsheim gewesen. Abraham und Sophie hatten vier Kinder, Mordechai, der vermutlich früh starb, Jesaias Julius, am 1. August 1875 geboren, Salomon, am 12. November 1876 und Johanna, die am 26. November 1878 zur Welt kam.

Bildvergrößerung: 1894 Abitur Salomon stehend 3. v. links
1894 Abitur Salomon stehend 3. v. links
Bild: Familienarchiv

Jesaias Julius, meist nur Julius genannt, ging in Höxter auf die jüdische Schule und aufs Gymnasium, war aber vielleicht kein sehr fleißiger Schüler, denn 1887 schickten ihn seine Eltern zu seinem Onkel Salomon Neuberg nach Berlin, und dort besuchte er nicht mehr das Gymnasium sondern eine Realschule. Auf dem Klassenbild des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums in Höxter von 1885 ist neben ihm auch sein ein Jahr jüngerer Bruder Salomon zu sehen, möglicherweise war Julius schon einmal sitzengeblieben.

Bildvergrößerung: Die Westerbachstraße in Höxter um 1930 (mit Pfeil die ehemalige Metzgerei Neuberg)
Die Westerbachstraße in Höxter um 1930 (mit Pfeil die ehemalige Metzgerei Neuberg)
Bild: Familienarchiv

Er machte nach der Schule – wahrscheinlich noch in Berlin – eine Schlachterlehre. Für ein paar Jahre kehrte er nach Höxter zurück und half in der väterlichen Metzgerei. 1905 starb Sophie, die Mutter, und Abraham verkaufte das Geschäft und zog zu seiner inzwischen in Hannover verheirateten Tochter Johanna, wo er 1914 auch starb.

Julius ging wieder nach Berlin und trat 1912 als Mitinhaber in die von seinem Onkel Salomon 1893 gegründete Firma ein, „S. Neuberg Pferdehandlung“, mit Sitz in der Lehrter Straße 12/13. Salomon Neuberg – Julius’ Onkel – war 1902 gestorben. Sein Sohn Isaias und sein Schwiegersohn Abraham Eisenstein führten das Geschäft weiter, das sich auch „Pferdeheim“ oder „Pferdehof“ nannte. 1912 boten sie dem Militär Stallungen für 300 Pferde an. Das Gebäude in der Lehrter Straße war Eigentum der Neubergs. Dort wohnten auch mehrere Mitglieder der Familien Neuberg und Eisenstein, Julius hatte zunächst ebenfalls seinen Wohnsitz in dem Haus. In Berlin lebte schon seit einigen Jahren auch Julius’ Bruder Salomon. Anders als Julius hatte Salomon in Höxter sein Abitur abgeschlossen und dann Medizin studiert. 1898 promovierte er in Bonn und ließ sich bald danach in Berlin als praktischer Arzt nieder. Das Adressbuch verzeichnet ihn erstmals 1902 in der Michaelkirchstraße 24a, 1910 war er in die Elberfelder Straße 38 gezogen, 1920 finden wir ihn in der Paulstraße 35. Auch Julius gab in diesem Jahr beim Handelsregister diese Adresse an. Die beiden Brüder, die bis zuletzt ledig blieben, wohnten wohl hier und an anderen späteren Adressen meist zusammen, mal taucht der eine, mal der andere in den Adressbüchern als Hauptmieter auf, häufiger allerdings Julius, in der Regel als Kaufmann bezeichnet.

1920 starb Cousin Isaias Neuberg, sein jüngerer Bruder Max war schon seit einigen Jahren auch Mitinhaber der Firma. Sechs Jahre später schied Julius aus, nachdem ein Jahr zuvor sein Neffe Julius Eisenstein (Sohn von Abraham Eisenstein) Mitgesellschafter geworden war. Welchen Geschäften Julius Neuberg dann nachging, wissen wir nicht.

Anfang der 30er Jahre wohnten Julius und Salomon in der Spichernstraße 2, 1934 zogen beide, jetzt „Rentiere“, in die Bleibtreustraße 34/35. Als Julius und Salomon in die Bleibtreustraße zogen, waren beide noch keine 60 Jahre alt. Dass sie sich als „Rentiere“ bezeichneten, zeugt von Wohlstand, muss aber nicht heißen, dass sie beruflich nicht mehr aktiv waren. Vor allem auf Salomons Namen lief eine große Anzahl von Wertpapieren und Konten. Es ist aber anzunehmen, dass Salomon Neuberg weiter als Arzt praktizierte, obwohl es bemerkenswert ist, dass er sich nur ab zu ins Adressbuch eintragen ließ. Vielleicht arbeitete er in einer anderen Praxis mit, in der Bleibtreustraße 35 gab es auch einen Dr.med. Bloch. Für jüdische Ärzte war sowieso alles schwieriger geworden. Gleich nach der Machtübernahme, 1933, hatten die Nationalsozialisten jüdischen Ärzten die Kassenzulassung aberkannt, sie durften nur noch Privatpatienten behandeln. Und infolge der offiziell sanktionierten Judendiskriminierung wurden die Patienten auch immer weniger. Ab 1. Oktober 1938 wurde jüdischen Ärzten dann die Approbation ganz entzogen. Sie konnten lediglich noch – auf Antrag – unter der abschätzigen Bezeichnung „Krankenbehandler“ jüdische Patienten behandeln. Es ist nicht bekannt, ob auch Salomon Neuberg einen solchen Antrag stellte. Wenige Wochen später, am 9. November, erreichte die Judenverfolgung mit den Novemberpogromen einen vorläufigen Höhepunkt. Cousin Max Neuberg und drei seiner Neffen wurden in Sachsenhausen inhaftiert und nach ihrer Entlassung verpflichtet, Deutschland zu verlassen. Dank der Hilfe des englischen Geheimdienstes gelang ihnen das auch, nachdem sie in aller Eile die Firma liquidieren mussten. Julius und Salomon hingegen blieben in der Bleibtreustraße und hatten die Flut von diskriminierenden Verordnungen, die auf die Pogromnacht folgte, zu erleiden. Ziel war es, Juden nicht nur aus dem wirtschaftlichen, sondern überhaupt aus dem öffentlichen Leben auszuschließen. Bannbezirke, Beschlagnahmungen, Sperrstunden, Tragen des Judensterns. Theater, Kinos u.ä. durften sie nicht besuchen, öffentliche Verkehrsmittel nur beschränkt benutzen, Führerscheine mussten abgegeben werden. Radios, Elektrogeräte, Wertsachen ebenfalls. Die Verfügung über ihr Vermögen wurde stark eingeschränkt. Sie hatten eine „Sühneleistung“ zu zahlen und, falls sie im Verdacht standen, auswandern zu wollen, auch eine „Reichsfluchtsteuer“.

Ob die Brüder noch versuchten zu fliehen, ist nicht bekannt. Wenn ja, scheiterten sie. Nach Kriegsbeginn wurde Emigration fast unmöglich, Visa wurden seltener, die ansteigende Nachfrage ließ Preise für Schiffspassagen und Visavermittlung explodieren. Juden hatten in ihren Wohnungen zusammenzurücken um Platz für nicht-Juden zu machen. Auch Neubergs hatten mindestens eine Untermieterin aufzunehmen, Katharina Salomon. Im Januar 1941 wurden sie selber gezwungen, ihre Wohnung aufzugeben und als Untermieter von Wally Böhmer in die Duisburger Straße 8 umzuziehen. Von dort wurden beide im Juni 1942 von der Gestapo in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 gebracht, ein umfunktioniertes jüdisches Altersheim, und kurz darauf, am 26. Juni, mit 48 weiteren Opfern in einem verplombten Waggon nach Theresienstadt deportiert. Der Sonderwagen 3. Klasse wurde an den fahrplanmäßigen Personenzug nach Dresden bzw. Prag angehängt: Abfahrt 6.07 Uhr von Gleis 1 im Anhalter Bahnhof. Den Deportierten war vorgegaukelt worden, Theresienstadt sei ein „Altersghetto“, in dem sie angemessen versorgt und gepflegt ihren Lebensabend verbringen würden. Die Realität war Lichtjahre davon entfernt: die Wohnräume heruntergekommen und brutal überbelegt, die Nahrung unzureichend, die hygienischen Bedingungen katastrophal. Hunger, Kälte, Krankheiten und Seuchen suchten die Bewohner heim und rafften sie dahin. Das Entsetzen der Brüder, als sie dies erkannten, muss maßlos gewesen sein. Julius entschied nach wenigen Wochen, dies nicht länger ertragen zu wollen. Am 19. Juli 1942 nahm er eine Überdosis Veronal und starb um 20:00, so die „Todesfallanzeige“ aus Theresienstadt, die bezeichnenderweise die Veronalvergiftung als Krankheit und eine Lungenentzündung als Todesursache bezeichnet. Salomon Neuberg hielt die unmenschlichen Bedingungen noch den Winter lang durch, am 18. März 1943 erlag auch er ihnen. Sein Leichnam wurde im Sarg Nr. 13909 am folgenden Tag im Krematorium verbrannt.

Von Julius’ und Salomons nahen Verwandten konnten mehrere nach Neuseeland, England und Palästina emigrieren. Ihre Cousine Emma, verheiratete Eisenstein jedoch, Tochter des Gründers der „S. Neuberg Pferdehandlung“, wurde am 14. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und kam dort am 23. März 1943 zu Tode. Vielleicht hatte Salomon noch Kontakt zu ihr. Emmas Sohn Julius Eisenstein tauchte unter, wurde aber denunziert und am 9. März 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Johanna, die Schwester von Julius und Salomon, nahm sich, zermürbt von den Verfolgungsmaßnahmen, am 26. November 1939 das Leben. Ihre Tochter Else und deren Mann Ludwig Speier wurden vom Bahnhof Fischerhof in Hannover-Linden am 15. Dezember 1941 mit Tochter Lore nach Riga deportiert und kamen nicht zurück. Sie wurden für tot erklärt. Johannas Sohn Hans und seine Frau Helene, geb. Wolffs kamen im gleichen Zug ebenfalls nach Riga, Hans verschleppte man nach Salaspils weiter und dort wurde er im Februar 1942 ermordet. Helene wurde noch im Oktober 1944 nach Stutthof weiterdeportiert, kam dann auf dem anschließenden „Todesmarsch“ kurz vor Kriegsende am 29. März 1945 bei Schlewe in Pommern zu Tode.
Die letzte Vermieterin von Julius und Salomon Neuberg, Wally Böhmer, geb. Jablonsky wurde noch vor ihnen am 17. November 1941 nach Kowno (Kauen) deportiert und dort ermordet.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; OpferdatenbankTheresienstadt: https://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/79348-neuberg-jesaias-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/; IST-Arolsen; zur Familiengeschichte und Bilder: Forum Jacob Pins

Recherchen/Text: Dr. Micaela Haas

Link zu: Stolperstein Salomon Neuberg
Stolperstein Salomon Neuberg
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
SALOMON NEUBERG
JG. 1876
DEPORTIERT 25.6.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 18.3.1943

Link zu: Stolperstein Katharina Salomon
Stolperstein Katharina Salomon
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
KATHARINA SALOMON
GEB. SÄNGER
JG. 1894
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 16.5.1944
AUSCHWITZ

Katharina Salomon wurde am 17. November 1894 in Stettin als Katharina Sänger geboren. Über ihr Elternhaus wissen wir nichts Sicheres, das Stettiner Adressbuch führt mehrere Familien Sänger auf. Vermutlich war ihr Vater Louis Sänger, der in Katharinas Geburtsjahr von Prenzlau nach Stettin zog und als Berufsbezeichnung „Geschäfts-Vermittler“ angab. Und wahrscheinlich ist er derselbe Louis Sänger, der um 1905 nach Berlin umsiedelte und seine Betätigung nun als „Grundstücksverkehr“ ins Adressbuch eintragen ließ. Er wohnte nahe dem Friedrichshain in der Bötzowstraße 2, später in der nicht weit entfernten Hufelandstraße 47. 1916 ist er das letzte Mal im Adressbuch verzeichnet. Ob er eine Witwe hinterließ und wohin diese zog, ist nicht bekannt. Vermutlich wohnte die 22-jährige Katharina zunächst noch bei ihr. Im Oktober 1924 bekam Katharina einen Sohn, Alfred, der ihren Nachnamen erhielt. Entweder hatte Katharina einen Mann gleichen Familiennamens geheiratet, oder – was wahrscheinlicher ist – sie war eine ledige Mutter. Später, wir wissen nicht genau wann, heiratete sie Ernst Salomon. Über ihn ist nur wenig bekannt. Dokumentiert ist lediglich, dass zum Zeitpunkt der Volkszählung vom 17. Mai 1939, bei der Juden in gesonderten Karteien erfasst wurden, Katharina und Ernst Salomon getrennt lebten: Katharina zur Untermiete bei den Brüdern Neuberg in der Bleibtreustraße 34 und Ernst in der Grolmanstraße 27, ebenfalls zur Untermiete, bei Arthur und Gittel Zimmermann. Da Katharina schon den Nachnamen Salomon trug, müssen sie vorher geheiratet haben. Katharinas Sohn Alfred wurde bei der Volkszählung in der Wilmersdorfer Straße 55 registriert, bei Erich Sänger, wahrscheinlich sein Onkel und Katharinas Bruder (oder doch sein Vater?). Später, wahrscheinlich ab 1941 oder 1942, wohnte Alfred mit Katharina und auch Ernst Salomon in der Hohenstaufenstraße 9. Erich Sänger, von Beruf kaufmännischer Angestellter, blieb in der Wilmersdorfer.

Wurden Juden schon seit der Machtübernahme Hitlers 1933 offiziell diskriminiert und schrittweise entrechtet und isoliert, so zielte die sprunghaft erhöhte Zahl von antijüdischen Verordnungen nach den Pogromen vom 9./10. November 1938 auf ihre völlige wirtschaftliche und soziale Ausgrenzung. Verbote in allen Lebensbereichen, Ablieferung von Wertsachen, eingeschränkte Verfügung über ihr Vermögen, Sondersteuern und –abgaben, Bannbezirke, Bannzeiten, Entwürdigung allenthalben. Wer konnte, verließ Deutschland. Aber auch das war extrem erschwert durch weitere Bestimmungen und v.a. durch die Preise für Visa und Schiffspassagen. 1941 wurde die Auswanderung ganz verboten. Ab September dieses Jahres hatten Juden den Judenstern zu tragen. Juden wurden zunehmend zur Zwangsarbeit herangezogen, so auch Katharina Salomon. Sie wurde der Firma „Electrica“ in der Schöneberger Hauptstraße 49 zugewiesen. Mit Sicherheit hatte auch Ernst Zwangsarbeit zu leisten, wir wissen allerdings nicht wo. Möglicherweise wurde sogar der 16-, dann 17-jährige Alfred zwangsverpflichtet.

Im August 1942 musste Katharina erleben, wie ihr Sohn von der Gestapo abgeholt wurde, in die als Sammellager missbrauchte Synagoge Levetzowstraße 7/8 verbracht und am 15. August vom Bahnhof Moabit aus nach Riga deportiert wurde. Was sie sicherlich nicht mehr erfahren hat, ist, dass in Riga alle 1004 Insassen des Zuges nicht wie behauptet, in das Rigaer Ghetto kamen, sondern nach der Ankunft in den umliegenden Wäldern von Rumbula und Bikernieki ermordet wurden.

Ein halbes Jahr später wurden Katharina und Ernst Opfer der sogenannten „Fabrikaktion“: Am 27. Februar 1943 wurden ohne Vorwarnung alle noch verbliebenen Juden in Berlin und in anderen Städten direkt am Arbeitsplatz verhaftet und in Sammellager verbracht. In Berlin betraf das etwa 8000 Menschen. Katharina und Ernst, die zuletzt in ihrer Wohnung noch zwei Untermieterinnen zugewiesen bekommen hatten, Frl. Jäger und Frl. Rothschild, wurden getrennt verhaftet und sahen vermutlich einander nicht mehr. Katharina musste noch am 28. Februar eine „Vermögenserklärung“ ausfüllen, in der sie allerdings nur spärliche Angaben machte. Vermutlich war sie da schon in dem Sammellager in der großen Hamburger Straße 26. Dort musste sie über zwei Wochen ausharren, bis sie am 17. März 1943 mit über 1300 weiteren Menschen nach Theresienstadt deportiert wurde. In diesem zur Täuschung als „Altersghetto“ bezeichneten Lager erwartete die erst 48jährige Hunger, Kälte, überbelegte Unterkünfte, Krankheit und Seuchen infolge der miserablen hygienischen Verhältnisse. Über ein Jahr hatte sie dem schon standgehalten, als sich eine Rot-Kreuz-Kommission zur Besichtigung des Ghettos ankündigte. Daraufhin ließ die Kommandantur in aller Eile 7500 Insassen in drei „Transporten“ nach Auschwitz „evakuieren“, damit das Ghetto weniger überfüllt aussähe. Katharina Salomon war in dem zweiten dieser Züge: Am 16. Mai 1944 wurde sie nach Auschwitz weiterverschleppt und dort ermordet. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Auch den Todestag von Ernst Salomon kennen wir nicht. Er wurde noch vor Katharina am 12. März 1943 mit weiteren 940 meist im Zuge der „Fabrikaktion“ Verhafteten nach Auschwitz deportiert. Die Deportationsliste vermerkt, dass er ohne Vermögenserklärung „aufgenommen“ sei. In Auschwitz angekommen wurden 218 Männer und 147 Frauen zur Zwangsarbeit ausgesucht, die anderen sofort ins Gas geschickt. Vielleicht wurde Ernst nicht gleich ermordet – Auschwitz hat er nicht überlebt.

Erich Sänger, Katharinas vermutlicher Bruder, am 9. Januar 1893 in Prenzlau geboren, wurde wahrscheinlich irgendwann im Jahre 1942 im berüchtigten „Arbeitserziehungslager“ Wuhlheide inhaftiert. Der zynische Begriff “Arbeitserziehungslager” sollte von vornherein die Insassen kriminalisieren und als „arbeitsscheu“ diffamieren. Dort wurde er am 14. Januar 1943 ermordet – diese deprimierende Nachricht könnte Katharina noch erreicht haben.

Recherchen/Text: Dr. Micaela Haas

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Adressbücher Prenzlau; Adressbücher Stettin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005