Stolpersteine Waitzstraße 27

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Hauseingang Waitzstr. 27, 20.4.13
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

Der Stolperstein für Hermann Hagen wurde am 3.4.2009 verlegt.

Der Stolperstein zum Gedenken an Lucie Hirsch, geb. Löwenstein, wurde am 10.5.2016 verlegt. Der Enkelsohn Rafi Hirsch (Israel), der ihn gespendet hat, sowie zwei seiner Nichten und ein Neffe waren anwesend.

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Stolperstein für Hermann Hagen
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
HERMANN HAGEN
JG. 1886
SCHUTZHAFT’ 27.5.1942
SACHSENHAUSEN
ERMORDET 28.5.1942

Bildvergrößerung: Hermann Hagen mit seinen sechs Kindern.
Hermann Hagen mit seinen sechs Kindern.
Bild: Privatarchiv Nina Hagen

Hermann Hagen wurde am 19. Februar 1886 in Berlin als Hermann Levy geboren. Sein Vater, der Bankier Carl Levy, hatte Katharina Philippi geheiratet und mit ihr vier Kinder: Margarethe, Hermann, Louis und Clara. Er stammte aus einer Kölner Bankiersfamilie, die um 1880 in Berlin mit Richard Wiener das Bankhaus Wiener Levy & Co gründete. Carl Levys Bruder Louis, der die väterliche Bank in Köln leitete, hatte 1893 den Namen seiner nichtjüdischen Frau Anna Emma Hagen übernommen, was dazu führte, dass auch Carl diesen Nachnamen annahm. Ihm, seiner Frau und seinen Kindern wurde dies durch eine polizeiliche Verfügung vom 16.6.1905 erlaubt. Das Bankhaus wurde 1921 in Hagen & Co umbenannt.

1894, als Hermann acht Jahre alt war, zog die Familie von der Rauchstraße in ein eigenes Haus in der Derfflingerstraße 12, beide in der Nähe des Tiergartens gelegen. In diesem gediegenen Viertel wuchs Hermann auf. 1905 bestand er das Abitur am Königlichen Französischen Gymnasium, anschließend studierte er, mit Unterbrechungen, bis 1910 an verschiedenen Universitäten – München, Freiburg, Berlin und Heidelberg – Philosophie, Nationalökonomie und Jura. Einen Abschluss machte er nicht, er habe „gebummelt“, sagte er selbst. Auf Drängen seines Vaters diente er zwischendurch ein Jahr beim 1. Garde-Ulanen Regiment in Potsdam.

Im März 1907 starb Hermanns Mutter an Krebs. Möglicherweise war dies besonders belastend für ihn, denn das Verhältnis zu seinem Vater war angespannt. Dieser war mit den Studienleistungen und dem Lebenswandel des Sohnes unzufrieden, hielt ihn für „sehr nervös“ und ließ ihn sogar in einer Nervenheilanstalt untersuchen. Dies hatte auch zur Folge, dass Hermann 1914 für kriegsuntauglich erklärt wurde.

Um 1910 lernte Hermann in Heidelberg die ein Jahr ältere Hedwig Staadt aus Essen kennen und lebte dort mit ihr zusammen. Dieses „anstößige“ Verhältnis führte zu einer Relegationsandrohung des Rektors und trug zu Sanktionen des Vaters bei. Trotz dessen Missbilligung zogen Hermann und Hedwig – die keine Jüdin war – 1915 in eine gemeinsame Wohnung in der Paul-Krause-Straße in Nikolassee. Im April 1916 wurde die Tochter Gerda Irene geboren und im Oktober des gleichen Jahres heirateten Hermann und Hedwig. Fünf weitere Kinder folgten, Hertha 1917, Helga 1918, Karl-Heinz 1919, Hans 1922 und Günther 1924. Carl Hagen akzeptierte wohl die Ehe seines Sohnes, er ermöglichte ihm den Erwerb einer eigenen Villa in der Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 41, ebenfalls in Nikolassee, in die die Familie 1919 einzog. 1927 wechselten sie in das Haus Nr. 21 in der gleichen Straße.

Carl Hagen hatte 1912 bereits Hermanns jüngeren Bruder als Gesellschafter in das Bankhaus geholt. Hermann, der Nationalökonomie studiert hatte und von seinem Elternhaus her recht vermögend war, bekam 1921 dort einen Posten als „Bankarchivar“. 1929 wurde er allerdings von seinem Bruder Louis, inzwischen in leitender Funktion, wegen der Wirtschaftskrise entlassen. Das Adressbuch führte Hermann noch bis 1936 als Bankarchivar.

Seine Ehe mit Hedwig bezeichnete Hermann als ausgesprochen glücklich, umso schwerer traf ihn, dass sie schwer erkrankte und zuletzt an den Rollstuhl gefesselt war. Sie starb am 11. Mai 1935. Dass Hermann danach eine nicht jüdische Freundin hatte, sollte ihm zum Verhängnis werden. Da inzwischen die Nürnberger Rassengesetze galten, wurde er im März 1937 wegen „Verdachts auf Rassenschande“ verhaftet, zur Untersuchungshaft nach Plötzensee gebracht und am 10. Juni 1937 wegen dieses „Deliktes“ zu 1½ Jahren Haft verurteilt, die er in Brandenburg /Havel absitzen musste. Ein anschließend vom Amtsgericht Lichterfelde bestelltes medizinisches Gutachten des Anstaltsarztes von Plötzensee kam zu dem Schluss, dass er als „geistig verwirrt“ nach seiner Haftentlassung in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung untergebracht werden sollte. Dies hat ihn möglicherweise davor bewahrt, wie andere, nach dem Gefängnis in „Schutzhaft“ in ein KZ gebracht zu werden.

Hermann Hagen wurde auf Anweisung der Politischen Polizei am 26. September 1938 in die „Heil- und Pflegeanstalt“ Buch in Pankow eingewiesen, eine psychiatrische Einrichtung, die ab 1940 an dem NS-Programm zur Ermordung psychisch kranker Menschen („Euthanasie“) eingebunden war. Er wurde jedoch nach über einem Jahr Beobachtung als „unauffällig“ beurteilt und die Verlegung in eine offene Abteilung befürwortet. Auf Antrag der Familie und mit Einwilligung der Polizei kam er am 18. Dezember 1939 in die Waldhaus-Klinik in Nikolassee. Auch dort fand man ihn „freundlich, zugänglich, höflich“ und „völlig unauffällig“. Am 6. August 1940 wurde er „nach Hause“ entlassen.

„Zu Hause“ gab es aber nicht mehr. Die Villa war verkauft worden, die Einrichtung auch. Wo Hermann Hagen die nächste Zeit lebte, ob er sich versteckte oder ein Zimmer zugewiesen bekam, wissen wir nicht genau. Im Mai 1942 wohnte er in der Waitzstraße 27 zur Untermiete bei der Witwe Anna Kann. Am 18. Mai dieses Jahres war von der Widerstandsgruppe um Herbert Baum ein Brandanschlag auf die Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ verübt worden. Zur Vergeltung fand am 27./28. Mai eine grausame „Sonderaktion“ statt: 500 unbeteiligte Juden wurden verhaftet und nach Sachsenhausen verschleppt, 250 von ihnen sofort erschossen. Hermann Hagen gehörte zu den am 28. Mai 1942 willkürlich ermordeten.

Seine Wirtin Anna Kann geb. Wittkowski wurde am 28. Januar 1943 nach Theresienstadt deportiert, am 16. Mai 1944 nach Auschwitz weiterverschleppt und dort ermordet.

Bildvergrößerung: Hermann und Hedwig Hagen mit den beiden ältesten Kindern
Hermann und Hedwig Hagen mit den beiden ältesten Kindern
Bild: Privatarchiv Nina Hagen

Hermann Hagens Geschwister überlebten – zum Teil in der Emigration – den Holocaust. Auch seine Kinder überlebten. Helga und Günther flohen in die USA, Hertha nach London. Gerda (auch Greta genannt) hatte Alexander Catsch geheiratet, der am Kaiser-Wilhelm-Institut in Buch arbeitete und nach dem Krieg mit anderen Wissenschaftlern für 5 Jahre in die Sowjetunion zwangsverpflichtet wurde. Karl-Heinz, der mehrere Monate wegen „Wehrkraftzersetzung“ inhaftiert war, wurde Chefredakteur von B.Z., Berliner Morgenpost und Bild-Zeitung sowie von „Quick“ und „Revue“.

Der jüngere Sohn Hans Oliva-Hagen, geboren am 14. April 1922, gestorben 1992, war Journalist, Schriftsteller und Drehbuchautor, der unter den Pseudonymen Hans Oliva und John Ryder schrieb. Hans war im antifaschistischen Widerstand aktiv gewesen und musste von 1941 bis zur Befreiung durch die Russen 1945 im Gefängnis Moabit einsitzen. Er war 1961 Träger des Nationalpreises der DDR. Von 1954 bis 1959 war er mit der Schauspielerin und Sängerin Eva-Maria Hagen geb. Buchholz verheiratet, aus dieser Ehe ging die Tochter Nina Hagen hervor, die wie ihre Mutter ebenfalls Schauspielerin und Sängerin ist. Auch deren Tochter Cosma Shiva, Hans Oliva-Hagens Enkeltochter, wurde Schauspielerin.

Recherchen und Text: Dr. Micaela Haas, mit ergänzenden Informationen von Nina Hagen, Hannah Starman und Helmut Lölhöffel.
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Totenbuch des KZ Sachsenhausen; Dieter Wunderlich: Biografie der Familie Hagen, 2010, (www.dieterwunderlich.de); Nina Hagen: Bekenntnisse. München 2010.

Bildvergrößerung: Stolperstein Lucie Hirsch
Stolperstein Lucie Hirsch
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
LUCIE HIRSCH
GEB. LÖWENSTEIN
JG. 1892
DEPORTIERT 13.6.1942
ERMORDET IN
SOBIBOR

Lucie Hirsch geb. Löwenstein kam am 3. Februar 1892 in Berlin als Tochter von Simon Löwenstein und seiner Frau Rosa, geb. Hoffmann, zur Welt. Sie hatte eine Schwester – Wally, die Ende der 1930er / Anfang der 1940er Jahre nach London emigrieren konnte – und zwei Halbgeschwister aus einer früheren Ehe ihres Vaters.

Lucie Löwenstein heiratete am 22. Juli.1911 den 13 Jahre älteren Johannes Josef Hirsch.. Ihr einziges Kind – Werner – kam am 12. November 1912 zur Welt. Lucie Hirsch wurde nach einer Operation wg. ihrer starken Schmerzen mit Morphium therapiert und in der Folge davon abhängig und psychisch labil, was die Familie stark belastete. Die Ehe wurde 1920 oder 1921 geschieden und Lucie Hirsch zog aus der Sybelstraße 37 in die Waitzstraße 27. Sohn Werner lebte bei seinem Vater und dessen zweiter Frau Dorothea geb. Rathinger. Zum Gedenken an Johannes Josef Hisch wurde ein Stolperstein an der der Sybelstraße 37 verlegt.

Lucie Hirsch wurde am 13. Juni 1942 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort vermutlich – wie alle nach Sobibor deportierten Menschen – unmittelbar nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet.

Informationen und Recherchen: Rafi Hirsch, Reinhard Frommann, ergänzt von Gisela Morel-Tiemann, Text: Gisela Morel-Tiemann
Quellen: Bundesarchiv, Adressbücher, Zentrale Datenbank Yad Vashem.