160. Kiezspaziergang

Vom Rathaus Charlottenburg zur Villa Oppenheim

Bezirksstadträtin Dagmar König

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Start 160. Kiezspaziergang Bild: BA-CW, ML

Treffpunkt: Hauptportal des Rathauses Charlottenburg, Otto-Suhr-Allee 100, U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz ca. 950 m

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Karte des 160. Kiezspaziergang Bild: BA-CW, ML

Herzlich willkommen zu unserem 160. Kiezspaziergang! Da Bezirksbürgermeister Naumann heute nicht in Berlin ist, werde ich ihn heute vertreten. Ich freue mich sehr, mit Ihnen durch einen Teil der Altstadt Charlottenburgs zu gehen. Mein Name ist Dagmar König und ich bin die Bezirksstadträtin für Bürgerdienste, Weiterbildung, Kultur, Hochbau und Immobilien.

Im April und Mai dieses Jahres jährt sich zum 70. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Zerstörung und der Wiederaufbau waren für die öffentliche Verwaltung eine große Herausforderung. Wir beginnen deshalb hier am Rathaus Charlottenburg, wo ich Ihnen etwas zu den Zerstörungen und den Schwierigkeiten der Verwaltung berichten werde. Dann gehen wir gemeinsam bis zur Villa Oppenheim, wo am Ende des Krieges das Standesamt, aber auch ein Lazarett und ein Leichenkeller untergebracht waren. Unterwegs gibt es aber natürlich viele weitere interessante Dinge zu entdecken, so wird uns Herr Theis im Keramikmuseum empfangen. Dann gehen wir am Puppentheater Berlin und Café Theater Schalotte vorbei zum ältesten Schulgebäude Charlottenburgs, wo wir auch etwas über den Stadtpfarrer Dressel hören werden. Am Gierkeplatz 4 befindet sich ihm zu Ehren eine Gedenktafel. Die Luisenkirche ist seit 1716 die Pfarrkirche von Charlottenburg. Auch sie wurde während der Novemberangriffe 1943 stark beschädigt. Pfarrer Kunkel von der Luisengemeinde wird uns dort begrüßen. Zum Schluss gehen wir über den Schustehruspark und den Otto-Grüneberg-Weg zur Villa Oppenheim, wo uns die Leiterin des Fachbereiches Kultur, Frau von der Lieth, begrüßen wird.

Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen den nächsten Treffpunkt für unseren 161. Kiezspaziergang mitteilen. Es ist wie immer der zweite Samstag des Monats, also der 9. Mai, um 14.00 Uhr. Auch an diesem Tag wird Herr Naumann nicht in Berlin sein, und deshalb wird Frau Hansen, die stellvertretende Vorsteherin der Bezirksverordneten-Versammlung Charlottenburg-Wilmersdorf, seine Vertretung übernehmen. Der 9. Mai ist der Tag der Städtebauförderung. Schwerpunkt werden deshalb die geplanten Projekte im Aktiven Zentrum City West sein. Treffpunkt ist der Hardenbergplatz 8 vor dem Verwaltungsgebäude des Zoos direkt am U-Bahnhof Zoologischer Garten. Dort wird Ihnen Herr Richter vom Regionalmanagement City West die Planungen zur Umgestaltung des Hardenbergplatzes vorstellen. Der Spaziergang führt dann über die Hardenbergstraße, den Steinplatz zum Savignyplatz, wo die Umgestaltungspläne für einen Spielplatz und die Pausenhöfe der Joan-Miró-Grundschule vorgestellt werden. Der Spaziergang endet bei den Lichtinstallationen unter der Bahnbrücke in der Bleibtreustraße.

Station 1: Rathaus Charlottenburg

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Rathaus Charlottenburg Bild: BA-CW, ML

Vor siebzig Jahren endete der Zweite Weltkrieg. In einem Verwaltungsbericht des Bezirksamtes Charlottenburgs von 1945 wird der Zustand am Kriegsende beschrieben. Ich zitiere:


Infolge der Kämpfe in Berlin waren große Häuserteile auf die Straßen gestürzt; Stein- und Schuttmassen, Fahrzeugwracks und Tierkadaver bedeckten die Straße, behinderten in stärkstem Maße den Verkehr, begünstigten die Ausbreitung des Ungeziefers und ließen Seuchenherde entstehen. Bei dem Fehlen von Baggern und Transport-Fahrzeugen blieb nichts anderes übrig, als Tausende von Menschen mit dem Aufräumen zu beschäftigen.

Auch das Rathaus, das von 1899 bis 1905 von den Architekten Heinrich Reinhardt & Georg Süßenguth für die Stadt Charlottenburg erbaut worden war, wurde während des Zweiten Weltkrieges weitgehend zerstört. Am 1. März 1943 gab es den ersten Luftangriff auf das Rathaus, das den Bezirksverordneten-Sitzungssaal so stark beschädigte, dass er nicht mehr genutzt werden konnte. Im September desselben Jahres wurde der 4. Stock des Ost-Flügels zerstört. Die größten Luftangriffe auf Charlottenburg aber fanden in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1943 statt. Ein erheblicher Teil der Charlottenburger Innenstadt fiel ihnen zum Opfer. Das Rathaus wurde von einer Luftmine getroffen, die über den Turm bis ins Erdgeschoss durchschlug. Danach war das Rathaus nicht mehr zu nutzen und die Bezirksverwaltung zog teilweise in die Fürstin-Bismarck-Schule in der Sybelstraße 2-4 [heute Sophie-Charlotte-Oberschule] und in das Gebäude des Reichskriegsgerichts in der Witzlebenstraße 4-5. Bei einem der letzten Luftangriffe am 24. April 1945 wurde der hintere Teil des Rathauses in Alt-Lietzow zerstört.

Das Rathaus wurde von 1947 bis 1958 durch Hans Günther wieder aufgebaut. Es dauerte also recht lange bis die über den Bezirk verstreuten Verwaltungsdienststellen wieder mehrheitlich in einem Gebäude zusammenarbeiten konnten.

Die Zerstörung des wichtigsten Verwaltungsgebäudes ist aber natürlich nur ein Aspekt, denn mit der Kapitulation am 8. Mai 1945 musste die Verwaltung auch von innen völlig neu aufgebaut werden. Hierzu wieder ein Zitat aus dem Verwaltungsbericht Charlottenburg von 1945:


Nach Abschluss der Kampfhandlungen und nach Einnahme der Stadt Berlin durch die Rote Armee war das Bezirksamt Charlottenburg fast völlig von allen bisherigen Beamten und Angestellten verlassen. Ein neues Bezirksamt musste geschaffen werden. Tatkräftige Antifaschisten waren die ersten, die sich einfanden, Hand anlegten, Beamte und ehemalige Angestellten der Stadt Charlottenburg folgten nach und nach. […] Aufgabe des neugebildeten Personalamtes war es nun, diese aufbauwilligen Kräfte zweckentsprechend und dort, wo die größten Schwierigkeiten waren, anzusetzen. Insbesondere war dies im Ernährungs- und Transportsektor, im Gesundheitswesen, beim Arbeitseinsatz, in der Energie- und Wasserversorgung und im Wohnungswesen notwendig. […] Bei einzelnen Abteilungen war es notwendig, sie vollkommen neu zu besetzen, [wie zum Beispiel] die Abteilung Volksbildung, die […] fast nur mit Frauen besetzt, sehr aktiv arbeitet.

Im Juni 1945 schrieb der zuständige Bezirksrat aber noch:


Erwähnt muss noch werden, dass, als am 30.6.1945 vom Magistrat der Stadt Berlin […] eine Verfügung kam, nach der auf Anordnung Marschall Schukows sämtliche ehemalige Parteigenossen zu entlassen seien, diese Aktion bereits durchgeführt worden war. Trotzdem arbeiten im Gesundheitswesen zur Zeit noch 20 ehemalige Parteigenossen, die bisher nicht ersetzt werden konnten.

Wir gehen nun weiter zum ältesten Gebäude Charlottenburgs in der Schustehrusstraße 13. Dazu überqueren wir die Kreuzung am Richard-Wagner-Platz. In der Schustehrusstraße 13 wird uns Herr Theis empfangen.

Station 2: Schustehrusstraße 13

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Herrn Theis, Leiter des Keramik-Museums Bild: BA-CW, ML

Ich begrüße nun ganz herzlich Herrn Theis, den Leiter des Keramik-Museums, der uns einiges zu der aufregenden Geschichte des ältesten Hauses in Charlottenburg erzählen wird.

Das älteste Haus Charlottenburgs entstand 1712, als König Friedrich I. nach dem Tod seiner Gemahlin Sophie-Charlotte eine Idealstadt anlegen ließ. Das Gebäude wurde durch den Gelbgießer Berger erbaut. Es war ein Doppelstubenhaus mit Mittelflur und entsprach ursprünglich dem barocken fünfachsigen Modellhaus Eosander von Göthes für die Stadt Charlottenburg. 1799 wurde es um die Toreinfahrt erweitert und umgebaut. 1877 lässt der Hausbesitzer Eckmann auf dem rückwärtigen Grundstück einen Tanzsaal für 500 Personen errichten, auf dessen Fundamenten wir jetzt stehen.

1981 wird es in die Denkmalliste des Landes Berlin aufgenommen, und trotzdem versuchte der Hausbesitzer an Heiligabend 1983 das Haus in einer Nacht- und Nebelaktion illegal abzureißen. Nur durch das beherzte Eingreifen der Bevölkerung konnte die Zerstörung verhindert werden. Das Haus wurde dann originalgetreu nach dem Zustand von 1800 -1844 mit alten ursprünglichen Baumaterialien in alter Handwerkstechnik von dem Architekturbüro Uli Böhme im Auftrag des Landeskonservators rekonstruiert. Als begehbares Baudenkmal vermittelt es heute Einsichten in Bauformen und Lebensweisen in der barocken Stadt. Wandbemalungen in den Innenräumen belegen zugleich den Einfluss höfischen Bauens auf das bürgerliche. Es verdeutlicht das bürgerliche Leben in der jungen Stadt Charlottenburg im Gegensatz zum höfischen Leben im Schloss des 19. Jahrhunderts.

Station 3: Gierkeplatz 2 - Puppentheater Berlin

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Puppentheater Berlin Bild: BA-CW, ML

In diesem Haus gibt es eine Berliner Attraktion, denn hier residiert das Puppentheater Berlin. Leider ist das Ensemble auf Tournee, so dass wir heute nicht hineingehen können.

Das Puppentheater wurde 1984 in Schöneberg gegründet und konnte damit letztes Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feiern. Im Sommer 1996 zog das Theater nach Charlottenburg, zuerst in die Haubachstraße / Ecke Gierkezeile, zehn Jahre später an den Spandauer Damm und seit 2008 hat es seine neue Spielstätte hier am Gierkeplatz 2. Die Räume konnten mit Lotto-Mitteln umgebaut werden und nun hat das Theater 100 Plätze. Die Leitung des Theaters haben Hella und Ulrich Treu inne. Zudem gibt es mehrere freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die meisten kommen von der Musikhochschule „Hanns Eisler“ oder der UdK. Es finden im Jahr ca. 220 Vorstellungen für Kinder und Familien statt, aber es gibt auch Vorstellungen nur für Erwachsene. Insgesamt kann das Puppentheater etwa 18.000 Gäste jährlich begrüßen.

Das Puppentheater nimmt aber auch an Festivals teil und hat Gastspiele in zahlreichen Ländern, wie Japan, Korea, Italien, Dänemark, Österreich, Frankreich, Polen, was auch der Grund ist, warum wir heute nicht hinein können.

In diesem Theater werden Stücke gespielt wie: Das Rübchen, Der Karneval der Tiere, Hänsel und Gretel, und das alles mit Puppen!

Station 4: Behaimstraße 22 – Café Theater Schalotte

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Café Theater Schalotte Bild: BA-CW, ML

Am 3.6.1980 hat Karin Köthe in einem ehemaligen Kino das Café Theater Schalotte als Jugendprojekt des evangelischen Kirchenkreises Charlottenburg gegründet. Seit 1988 ist der Journalist Christian Retzlaff ehrenamtlich dabei. Die professionelle Bühne der Off-Theater-Szene bietet 300 Plätze. 25 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für Programmgestaltung, Bühnentechnik, PR, das Café usw. verantwortlich. Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind immer willkommen. Auf der Bühne gibt es Kabarett, Theater, Performances und Musik-Events. 2003 erhielten die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Café Theaters Schalotte den Ehrenamtspreis des Bezirks.

Station 5: Gierkezeile

Wir sind jetzt in der Gierkezeile. Diese Straße ist eine der ältesten Straßen Charlottenburgs. Sie hieß bis 1824 Brettergasse und bis 1950 Kirchstraße. Danach wurde sie nach der 1874 geborenen Sozialpädagogin Anna von Gierke benannt. Anna von Gierke leitete das Jugendheim Charlottenburg, eine Einrichtung zur Ausbildung von jungen Frauen in den unterschiedlichsten Berufen. In dem Jugendheim in der Goethestraße 22 gab es aber auch, besonders für Kinder aus armen Familien, eine Kinderkrippe, einen Kindergarten und einen Schulhort. 1922 gründete sie das Landjugendheim Finkenburg in der Nähe von Falkensee. Dort konnten die Auszubildenden des Jugendheims Charlottenburg Praktika absolvieren. Gleichzeitig war es Erholungsheim für die Großstadtkinder und später Fluchtort für jüdische Kinder und manchmal auch für ihre Familien. 1933 wird sie von den Nationalsozialisten wegen der jüdischen Abstammung ihrer Mutter aus allen Ämtern entlassen. Sie veranstaltete aber weiterhin regelmäßig Vortrags- und Literaturabende in der Goethestraße 22. Bei einem Verhör durch die Gestapo im November 1942 musste sie sich verpflichten, keine Abendveranstaltungen mehr durchzuführen. Sie starb 1943.

Station 6: Gierkezeile 39: Altes Schulhaus

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Älteste Schulhaus Charlottenburgs Bild: BA-CW, ML

Das älteste Schulhaus Charlottenburgs wurde 1785/86 nach den Plänen des Oberbaurates Schulze im Zopfstil in der Übergangsphase vom Barock zum Klassizismus erbaut und 1798 um drei Achsen erweitert. Das Schulhaus entstand auf Initiative von Johann Christian Gottfried Dressel, der die nötigen finanziellen Mittel beschaffte. Die Bausumme betrug exakt 2701 Taler, ein Groschen und zwei Pfennige. Der Rektor wohnte im oberen Geschoss, und der Unterricht fand im Erdgeschoss statt. 1798 wurde das Haus erweitert, so dass in den Räumen zwei Mädchen- und zwei Jungenklassen unterrichtet werden konnten. Die Dachräume wurden 1906 ausgebaut. In dem mehrfach umgebauten Haus wurde bis 1931 unterrichtet.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schulhaus beschädigt. Zehn Jahre später 1956/57 wurde Hans-Dieter Bolle mit der Restaurierung beauftragt. Das heutige Erscheinungsbild des Baudenkmals entspricht dem Zustand von 1798. Auch der rosa Farbton orientiert sich an der Farbe der Entstehungszeit.

Da unser Schwerpunkt heute das Kriegsende ist, nehme ich diesen Standort vor der Schule, auch wenn sie damals nicht mehr in Betrieb war, zum Anlass, ein Problem mit der Schuhversorgung der Schulkinder anzusprechen. Hierzu wieder ein Zitat aus dem Verwaltungsbericht von 1945:


Die Schuhversorgung war von Anfang an völlig lahmgelegt. Da sich herausstellte, daß ein erheblicher Teil unserer Schulkinder mangels ausreichender Fußbekleidung nicht die Schule besuchen konnte, wurde mit Hilfe der Schuhmacherinnung eine Schuhbesohlaktion für die Schuljugend durchgeführt. Auf diese Weise konnten 10.000 Paar Schuhe wieder gebrauchsfähig gemacht werden.

1979 zog die Landesstelle Berlin gegen die Suchtgefahren in das Gebäude ein. Dieser Verein ist eine Anlaufstelle für alle Fragen rund um das Thema Sucht. Es wird das gesamte Spektrum abgedeckt: Alkohol, Arzneimittel, Nikotin, illegale Drogen und nicht stoffgebundene Süchte, z.B. Glücksspiel, Computersucht, Sex- oder Konsumsucht u.a. Interessierte, betroffene süchtige Menschen, Angehörige und Kinder aus suchtkranken Familien werden an die zuständigen Institutionen vermittelt oder erhalten konkrete Hilfen.

Station 7: Gedenktafel für den Stadtpfarrer Johann Christian Gottfried Dressel

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Gedenktafel für den Stadtpfarrer Johann Christian Gottfried Dressel Bild: BA-CW, ML

Diese Berliner Gedenktafel (Porzellantafel der KPM) am Haus Gierkeplatz 4, wurde am 29.09.1989 enthüllt. Hier steht:

BERLINER GEDENKTAFEL

In dem Vorgängerbau dieses Hauses
lebte von 1778 bis 1824
der Charlottenburger Oberpfarrer
JOHANN CHRISTIAN
GOTTFRIED DRESSEL
22.9.1751-16.10.1824

Der aufgeklärte Prediger führte die Reformpädagogik Pestalozzis ein, ordnete die Schulverhältnisse neu und richtete eine städtische Armenpflege ein.

Nun noch ein paar weitere Informationen zu dem für Charlottenburg so wichtigen Stadtpfarrer. 1771 begann er ein Theologiestudium in Wittenberg, das er ein Jahr später in Halle fortsetzte und 1773 abschloss. Nach seinem Studium war Dressel ein Jahr lang Konrektor in Werder, ehe er eine Stelle als Rektor in Biesental bekam. 1778 übernahm er das Pfarramt in der Stadt Charlottenburg. Zu diesem Zeitpunkt war Charlottenburg ein ländliches Städtchen, in dem die Bewohner hauptsächlich Ackerbau und Viehzucht trieben. Die Kirchengemeinde war in einem genauso kläglichen Zustand wie die Schulen, die damals der Kirche unterstanden. Auch die Armut war groß. Dressel setzte sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen in seiner Gemeinde ein und reformierte das Schulwesen in Charlottenburg. Wie vorhin gesagt, wurde auf seine Initiative hin das erste Schulhaus Charlottenburgs gebaut. Er engagierte sich auch sehr für die Einrichtung eines Armenhauses, was dann 1802 tatsächlich eröffnet werden konnte. Berühmt wurde Dressel auch, weil er zwei Chroniken verfasste: die sogenannte Pfarrchronik, die im Besitz der Luisenkirche ist, und die sogenannte Dressel-Chronik, die im Besitz des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf ist. Beide Chroniken berichten über die Geschichte der Stadt Charlottenburg und sind in ihrer Art einzigartig.

Zudem hat Dressel sechs Tagebücher geschrieben. Die ersten beiden Bände befinden sich in der Königlichen Magistratsbibliothek im Verwaltungsinformationszentrum des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin. Der erste Band berichtet über Dressels Kindheit, Jugend und Studium. Der zweite behandelt die Zeit bis zu seinem Amtsantritt in Charlottenburg. Die vier anderen Bände sind derzeit verschollen.

Diese Handschriften sind nun, soweit sie im Besitz des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf sind, digitalisiert und über Wikimedia weltweit verfügbar. Wir freuen uns sehr, dass wir dieses ambitionierte Digitalisierungsprogramm mit unseren wenigen Personalmitteln geschafft haben.

Station 8: Luisenkirche

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Luisenkirche Bild: BA-CW, ML

Hier mitten auf dem Platz steht nun die Pfarrkirche, die Dressel 1778 übernahm. Die barocke Kirche mit ihrem kreuzförmigen Grundriss wurde nach den Plänen von Baumeister Philipp Gerlach unter der Leitung des Schlüter-Schülers Martin-Heinrich Böhme 1712–16 erbaut. Der Bau mit einem gleichschenkligen Kreuz als Grundriss in Form eines griechischen Kreuzes hatte keinen Turm, sondern einen hölzernen Dachreiter am Schnittpunkt der beiden Walmdächer. 1814 musste er abgerissen werden. Karl Friedrich Schinkel erstellte 1821 ein Gutachten zur Vollsanierung der Kirche und legte darin den Bau eines Turmes nahe. 1823 wurde der Bau genehmigt und am 11. Juni 1826 konnte der Turm eingeweiht werden. Kurz zuvor hatte der König Friedrich Wilhelm III. die Erlaubnis zur Benennung der Kirche nach der 1810 verstorbenen Königin Luise erteilt. In den folgenden zwei Jahrhunderten wurde die Kirche mehrfach erneuert. Im September 1943 brannte sie bei einem Bombenangriff aus und bei den Angriffen im November 1943 wurde sie von zwei Luftminen getroffen.

Zwischen 1950 und 1956 wurde die Luisenkirche unter der Leitung des Landeskonservators Hinnerk Scheper und der Bauleitung von Alfred Lagotz und Bodo Lehmann aus Köln wieder aufgebaut. Es gab geringfügige Änderungen zur Schinkelschen Fassung. 1976 wurde das Kirchenäußere saniert. 1987 bis 1988 fand durch Jochen Langeheinecke eine – dem Zustand des Schinkelbaus angenäherte – Rekonstruktion des Innenraumes statt.

Wir haben nun die Ehre, dass uns Pfarrer Kunkel höchstpersönlich die Luisenkirche öffnen wird, so dass wir sie auch von innen sehen können. Pfarrer Kunkel wird uns natürlich auch noch etwas zu seiner Kirche und Gemeinde sagen.

Hiermit begrüße ich ganz herzlich Pfarrer Kunkel. Wir freuen uns sehr, dass Sie heute Zeit gefunden haben, um uns die Luisenkirche vorzustellen.
Vielen Dank, Herr Pfarrer.

Jetzt gehen wir weiter zum Schustehruspark durch die Schustehrusstraße über die Kaiser-Friedrich-Straße.

Station 9: Schustehruspark

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Schustehruspark Bild: BA-CW, ML

Da, wo heute der Schustehruspark ist, ließ Friedrich I., König von Preußen, 1711 mehrere Karpfenteiche anlegen. Die ausgehobene Erde wurde zur Befestigung der Schustehrusstraße genutzt, die deshalb auch zuerst Deichstraße hieß.

Schustehruspark und Schustehrusstraße heißen nach dem Oberbürgermeister von Charlottenburg Kurt Schustehrus. Er wurde 1856 in Bärholz bei Königsberg geboren und starb 1913 in Berlin. Das Amt des Oberbürgermeisters hatte er von 1900 bis 1911 inne. Zusammen mit seinem Vorgänger Hans Fritsche steht ihm das Verdienst zu, die schwierigen Zeiten des enormen Wachstums der Stadt in Charlottenburg kreativ und innovativ für Charlottenburg genutzt zu haben. 1875 hatte Charlottenburg gerade einmal 25.000 Einwohner und Einwohnerinnen, zwanzig Jahre später 100.000 und noch einmal zehn Jahre später bereits 210.000. Man kann sich also vorstellen, vor welchen Herausforderungen die beiden Bürgermeister standen. In dieser Zeit wurde die U-Bahn gebaut, die Oper, das Rathaus, alle vierstöckigen Mietshäuser, …..

Station 10: Otto-Grüneberg-Weg

Die Villa Oppenheim hatte früher die Adresse Am Parkplatz 1, heute liegt sie am Otto-Grüneberg-Weg. Otto Grüneberg war Mitglied in einer Charlottenburger kommunistischen Jugendorganisation und engagierte sich in einer der Häuserschutzstaffeln, die ursprünglich zum Schutz der Mieter vor behördlichen Maßnahmen wie Zwangsräumungen gegründet worden waren, in seinem als „Rotem Kiez“ bekannten Wohngebiet. Durch die Brutalisierung der politischen Kämpfe bestand die Hauptaufgabe der Häuserschutzstaffeln ab etwa 1930 im Schutz der Anwohner vor Angriffen der SA. Am Abend des 1. Februar 1931 traf er auf dem Heimweg von einer Versammlung an der Ecke Schloßstraße / Hebbelstraße auf den als „Mord-Sturm“ berüchtigten Charlottenburger SA-Sturm 33 und geriet von allen Seiten unter Beschuss. Kurz darauf verstarb er in der Gaststätte „Wascher“ (heute „Kastanie“) im Erdgeschoss seines Wohnhauses in der Schloßstraße 22. Grüneberg hatte in der Woche vor seiner Ermordung Drohbriefe erhalten. Der Grund: Er sollte als Zeuge in einem Prozess gegen Nationalsozialisten aussagen, die wenige Tage zuvor den Arbeiter Max Schirmer durch Messerstiche so verwundet hatten, dass er nach zwei Tagen starb. Grünebergs Beerdigung wurde zu einer Kundgebung gegen den Terror der SA. Er war einer der ersten Opfer des nationalsozialistischen Terrors.

Station 11: Villa Oppenheim

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Villa Oppenheim Bild: BA-CW, ML

Zur Zeit der ersten Bebauung Charlottenburgs befanden sich auf dem Gelände Marstall, Menagerie und Lorbeerhaus des Charlottenburger Schlosses. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Orangerie errichtet und König Friedrich Wilhelm II. verschenkte das Grundstück an den Geheimen Kämmerer Rietz. Nach mehreren Besitzerwechseln ging es 1844/1846 in den Besitz des Bankierspaares Alexander und Margarete Mendelssohn über, das dort einen Sommersitz errichtete, dem sie den Namen „Sorgenfrei“ (frz.: sans souci ‚ohne Sorge‘) gaben, als Anspielung auf ein „Kleines Sanssouci“. Nach ihrem Tod fielen Villa, Nebengebäude und Garten an die zweitälteste Tochter des Paares, Margarete (1823–1890), die mit Otto Georg Oppenheim (1817–1909) verheiratet war. Die alte Villa „Sorgenfrei“ wurde abgerissen, um für einen Neubau im Stil der Neo-Renaissance Platz zu machen – die heutige Villa Oppenheim. Diese wurde bis zum Tod Oppenheims im Jahr 1909 als Alterssitz des Juristen sowie als Sommersitz der Nachkommenschaft genutzt und 1911 samt dem dazugehörigen Grundstück an die Stadt Charlottenburg verkauft. Auf dem östlichen Teil des Gartens legte die Stadt den Schustehruspark an, riss den Nordflügel und die Nebengebäude der Villa ab und errichtete nach Plänen von Hans Winterstein ein Schulgebäude, das mit dem Rest der Villa Oppenheim verbunden war. Die Schule trug zunächst den Namen Sophie-Charlotte-Schule, später wurde sie in Oppenheim-Oberschule umbenannt.

Während des Zweiten Weltkriegs dienten die Gebäude als Seuchenlazarett, Ende 1944 kam auch noch das Standesamt hinzu.

Dazu schreibt Thomas Wolfes in dem Buch 140 Jahre Standesamt:


In dem in Schule und Villa untergebrachten Lazarett wurden spätestens ab Ende 1944 wahrscheinlich nicht nur seuchenkranke, sondern, räumlich voneinander getrennt, zusätzlich auch durch die Kämpfe und Bombardements verletzte Menschen eingeliefert und Tote aufgebahrt. (S. 109)
Die sowjetischen Streitkräfte […] erreichten Charlottenburg um den 24. April 1945. Der Keller der Villa diente als Leichenkeller, im angrenzenden Park wurden die Toten notdürftig begraben.
Nicht nur das Standesamt Charlottenburg schloss jetzt seine Türen. Ende April kam praktisch das ganze öffentliche Leben in Berlin zum Erliegen: die Schulen waren bereits geschlossen, am 21. April wurde der private Verbrauch von Gas und Strom verboten. Am 25. April wurde die letzte noch verkehrende U-Bahnlinie zwischen Wittenbergplatz und Ruhleben eingestellt und damit fast der gesamte öffentliche Nahverkehr, am 29. April wurde die letzte noch erscheinende Zeitung […] eingestellt. (S. 112)

Hierzu ein Zitat aus dem bereits erwähnten Verwaltungsbericht von 1945:


Das Standesamt Berlin-Charlottenburg hielt in seinem Haus Am Parkplatz 1 [also in der Villa Oppenheim] seinen Dienst bis zum 28.4.45 aufrecht. Dann musste es infolge der zunehmenden Heftigkeit der Kampfhandlungen seine Tätigkeit einstellen.
Am 5. Mai 1945 öffnete es seine Pforten wieder. [Es war also nur eine Woche geschlossen.] Es richtete sich zunächst in einem Schulraum der Fürstin-Bismarck-Schule [heute: Sophie-Charlotte-Oberschule], Sybelstraße 2-4, notdürftig ein. Das Haus Am Parkplatz 1 war durch Beschuss unbewohnbar geworden. Nach etwa drei Tagen siedelte das Amt von der Fürstin-Bismarck-Schule in das neue Rathaus im ehemaligen Kriegsgerichtsgebäude in der Witzlebenstraße 4-5 über.
Eine größere Anzahl von Brautpaaren, welche nach den Nürnberger Gesetzen nicht heiraten durften, schlossen nunmehr die Ehe. Die erste derartige Eheschließung fand am 8. Mai 1945 statt. Bemerkenswert ist es, daß ein großer Teil dieser Paare lange Jahre hindurch auch ohne gesetzliche Bindung treu zusammengehalten hat, bis ihre Zähigkeit jetzt den gebührenden Lohn fand.
Ein trauriges Bild bot in diesen Tagen und Wochen unmittelbar nach Einstellung der Kampfhandlungen die Tätigkeit der Sterbefallabteilung des Standesamts. Diese Abteilung war überlastet durch die Beurkundung der zahlreichen Todesfälle, welche die erbitterten Straßenkämpfe im Gefolge gehabt hatten. Es wurden in den vergangenen sechs Monaten 7000 Sterbefälle beurkundet, unter denen auch eine größere Anzahl von Selbstmorden zu verzeichnen ist. Sonst waren es im Jahr etwa 3000 Sterbefälle.
Nach den letzten Kampftagen in Berlin war es die Hauptaufgabe, die vielen herumliegenden Leichen von den Straßen und Plätzen zu entfernen. Erschwerend kam dabei in Betracht, dass die drei für unseren Bezirk in Frage kommenden Friedhöfe (Friedhof Heerstraße, Friedhof Eichkamp und Luisenfriedhöfe) sich weigerten, Leichen aufzunehmen.
Weiterhin kam erschwerend hinzu, daß die hiesige russische Kommandantur augenscheinlich annahm, dass der Leiter des Bestattungsamtes ein Zauberer sei, denn sie verlangte, dass binnen 24 Stunden auf einem Platz nördlich des Lietzensees ein kleiner russischer Heldenfriedhof mit Bäumen, Blumen, Rasen und Grabsteinen entstanden sein sollte. Mit Hilfe des rührigen Leiters des hiesigen Gartenamtes wurde die Zauberei in 20 Stunden geschaffen.
Den Friedhöfen wurde der Auftrag erteilt, jedes Quantum Leichen zu jeglicher Tageszeit anzunehmen. […] Die Friedhöfe, die vorgefunden wurden, befanden sich in bejammernswertem Zustand. Die Luisenfriedhöfe und der Friedhof Heerstraße waren nahezu voll belegt. Der städtische Friedhof Eichkamp war eine abschreckende Schutt- und Sandwüste mit der Bezeichnung eines Armeleutefriedhofes. Während anfangs die Leichen in Massen ohne Sarg zur Bestattung kamen, wurde nach der allmählichen Beruhigung der Lage die Frage der Sargherstellung akut.
Weiterhin war ein Kampf zu führen gegen die geradezu uferlose Profitgier der Bestatterfirmen. Es wirkte auf den Unterzeichneten erstaunlich, dass ein Sarg in der Herstellung ungefähr 50 Reichsmark kostete, aber versucht wurde – und bisweilen mit Erfolg – Särge mit 700 Reichsmark und mehr abzusetzen. Hiergegen wurde mit aller Schärfe vorgegangen und durch festgesetzte Höchstpreise jeder Betrug und Schwindel aus der Welt geschafft.

Die Villa Oppenheim hatte durch die Luftangriffe der Alliierten ihr Dachgeschoss eingebüßt und erhielt nun ein provisorisches Flachdach.
Von 1985 bis 1987 wurde die Villa Oppenheim umfangreich restauriert und mit Galerieräumen im Erdgeschoss versehen. 2005–2009 beherbergte sie die Galerie für Gegenwartskunst. Nach deren Schließung wurde die Villa umfassend saniert. Im Januar 2012 zog das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf in die Villa Oppenheim ein. Mehrere Ausstellungen sind für Besucher und Besucherinnen geöffnet, darunter Dauer- und Wechselausstellungen.

Nun freuen wir uns auf Frau von der Lieth, die Leiterin des Fachbereichs Kultur, die uns durch die Villa Oppenheim führen wird. Herzlich willkommen Frau von der Lieth in unserer Runde.

Ich möchte mich nun von Ihnen verabschieden. Es hat mich sehr gefreut, dass Sie mich auf diesem Spaziergang begleitet haben. Wenn Sie Lust haben, können Sie sich gerne die Ausstellungen in unserer Villa anschauen. Viel Spaß!

Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Luisenkirche_(Berlin-Charlottenburg)
http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Grüneberg
https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Oppenheim_(Berlin)
Charlottenburg ist wirklich eine Stadt : aus den unveröffentlichten Chroniken des Johann Chirstian Gottfried Dressel (1751-1824) / hrsg. von Henrike Hülsbergen. – Berlin, 1987 (= Veröffentlichungen des Heimatvereins Charlottenburg in Verbindung mit dem Bezirksamt Charlottenburg ; 1)
140 Jahre Standesamt Charlottenburg : Aufgaben und Standorte im Wandel der Zeit / Sylvia Brenke und Thomas Wolfes. – Berlin, 2014
Das Rathaus Charlottenburg : zur Geschichte und Ikonographie eines bürgerlichen Monumentalbauwerkes / Bertold Grzywatz. – Berlin, 1989.
Wiederaufbau in Charlottenburg : die ersten sechs Monate nach Kriegsende / hrsg. vom Bezirksamt Charlottenburg am 12.11.45
Wo der König Bürgermeister war : Charlottenburger Stadtgeschichten seit 1700 / Dorothea Zöbl. – Berlin, 2013