Kiezspaziergang am 10.06.2006

Vom U-Bhf Halemweg zur Schleuseninsel

Stadträtin für Soziales, Gesundheit, Umwelt und Verkehr Martina Schmiedhofer

Treffpunkt: Am U-Bahnhof Halemweg

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herzlich willkommen zu unserem Kiezspaziergang. Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen ist heute bei der Bürgermeisterkonferenz in unserer Partnerstadt Gladsaxe in Dänemark. Deshalb werde ich sie heute vertreten. Meine Name ist Martina Schmiedhofer, ich bin Bezirksstadträtin für Soziales, Gesundheit, Umwelt und Verkehr. Auch der Leiter der Pressestelle, Herr Metzger, den die meisten von ihnen kennen, ist heute nicht dabei. Er ist im Urlaub in Spanien. Deshalb begleitet uns heute der Leiter unseres Umweltamtes, Graf zu Lynar. Er hat diesen Kiezspaziergang gemeinsam mit Herrn Metzger vorbereitet, und er hatte auch die Idee, einmal die Schleuseninsel zu besuchen.
Denn wir wollen heute zur Schleuseninsel gehen, ein interessantes Gelände mitten in der Spree am Abzweig des Westhafenkanals. Man hat von dort auch einen schönen Blick über die Wasserlandschaft zwischen Schloss Charlottenburg und Rudolf-Wissell-Brücke. Das ist wahrscheinlich einer der am wenigsten bekannten Orte in unserem Bezirk, und ich bin sehr gespannt darauf. Vorher werden wir die Feuerwache am Nikolaus-Groß-Weg besichtigen, wo lange Zeit auch die Landesbranddirektion untergebracht war.
Zuvor aber wie gewohnt der Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Am Samstag, dem 8. Juli, um 14.00 Uhr übernimmt wieder Frau Thiemen die Führung. Treff-punkt ist dann auf dem Fehrbelliner Platz vor dem Rathaus Wilmersdorf, und es geht unter anderem vorbei am Sankt Gertrauden Krankenhaus in der Paretzer Straße bis zur Winzerin am Bundesplatz.

Charlottenburg Nord: Siemensstadt und Paul-Hertz-Siedlung

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Wir befinden uns heute in Charlottenburg-Nord, und zwar in dem Teil, der zur Groß-siedlung Siemensstadt gehört, die man ja mehr mit Spandau als mit Charlottenburg verbindet. Die Großsiedlung Siemensstadt wurde 1929-31 unter der Gesamtplanung von Hans Scharoun errichtetet. Der Charlottenburger Teil gilt als beispielhaft für den fortschrittlichen Wohnungsbau der 20er Jahre mit ihren aufgelockerten, von Freiräu-men und Grünstreifen umgeben, meist fünfstöckigen Wohnzeilen. Mittelpunkt der Siedlung im Charlottenburger Teil ist der Goebelplatz. Die Straßen wurden hier nach Technikern, Erfindern und Physikern benannt, auf deren Entdeckungen der Erfolg der Firma Siemens beruhte.
Von 1956 bis 1961 entstand die Erweiterung der Siedlung Siemensstadt hier im westlichen Teil Charlottenburg-Nords mit annähernd 4000 Wohnungen für 12.000 Menschen.
Den östlichen Teil, die Paul-Hertz-Siedlung, auf der anderen Seite des Kurz-Schumacher-Dammes, mit fast 2700 Wohnungen, baute man anschließend 1961-1965. Zum Planungsteam gehörten die Siemensstadt-Architekten Hans Scharoun und Otto Bartning. Hans Scharoun nannte seine Bauten “Wohngehöfte”.
Paradoxerweise wurde durch die Baumaßnahmen die Wohnungsnot zunächst verschlimmert, denn das Baugelände bestand größtenteils aus Kleingärten, in denen Wohnlauben standen, die meist ständig bewohnt waren. Sie mussten vor Baubeginn abgerissen werden, ohne dass gleich Ersatzwohnungen zur Verfügung standen.
Viele Straßen der neuen Siedlung wurden nach Widerstandskämpfern benannt. Die Nähe zur 1951 errichteten Gedenkstätte Plötzensee spielte dabei eine wichtige Rolle.
Durch eine problematische Politik der Wohnungsbaugesellschaften (vor allem GSW) zogen hier viele Sozialhilfeempfänger her, während viele Berufstätige wegzogen, weil ihnen die Miete zu hoch wurde und weil es seit 1990 attraktive Alternativen im Umland gibt. Vor allem in der Paul-Hertz-Siedlung leben inzwischen viele Russlanddeutsche.

Halemweg

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Der Halemweg wurde 1957 benannt nach dem Juristen und Widerstandskämpfer Nikolaus Christoph von Halem, geboren 1905, am 9.10.1944 hingerichtet im Zuchthaus Brandenburg.
Er musste 1933 seine Richtertätigkeit beenden, weil er keinen Eid auf Hitler leisten wollte.
Er hatte Kontakte zu dem Widerstandskämpfer Beppo Römer und wurde nach dessen Verhaftung 1942 ebenfalls verhaftet.

Halemweg Ecke Toeplerstraße

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Am Halemweg befindet sich nördlich von uns ein großes Jugend-, Bildungs- und Schulzentrum mit dem 1965 gegründeten Jugendclub Halemweg 18 und der 1977 gegründeten Anna-Freud-Oberschule am Halemweg 22. Das ist eine staatliche Fachschule für Sozialwesen mit gymnasialer Oberstufe. Rund 900 Schülerinnen und Schüler werden dort unterrichtet und auf ihre Tätigkeit im Sozialwesen vorbereitet. Im Gebäude der Anna-Freud-Oberschule befindet sich auch die Stadtbibliothek Halemweg. Sie war die erste Bibliotheksneugründung in Charlottenburg nach dem Krieg. Sie wurde am 18. November 1962 eröffnet und versorgt seitdem die Bevölkerung im Norden des Bezirks mit Büchern und anderen Medien. 1977 bezog die Bibliothek ihre heutigen Räume im Schulgebäude. Zwar ist die Zusammenarbeit mit den Schulen ein Arbeitsschwerpunkt, doch die Bibliothek bietet nicht nur Lesestoff für Schüler, sondern auch Romane, Ratgeberliteratur und andere Medien: Kassetten und CDs, Videos und DVDs sowie 5 Internetplätze für die Bibliotheksbenutzer. Ende April 2004 eröffnete das Bürgeramt eine Außenstelle in der Stadtteilbibliothek. Die nächste Schuladresse ist Halemweg 24. Dort wurde 1973 die Poelchau-Gesamtschule eröffnet. Sie hat vor einigen Wochen durch die Vergewaltigung einer Schülerin durch vier Mitschüler eine traurige negative Publizität erhalten, die sie nicht verdient hat. Die Poelchau-Gesamtschule ist Berlins vierte Sportoberschule mit gym-nasialer Oberstufe. Die Schule arbeitet unter anderem mit Hertha BSC zusammen und ist sehr engagiert. In sportlichen Wettkämpfen hat sie immer wieder große Erfolge zu verzeichnen, etwa bei “Jugend trainiert für Olympia”. Im Fußball gibt es sowohl eine erfolgreiche Mädchenmannschaft als auch eine er-folgreiche Jungenmannschaft. Auch die Ruderer, die Tennisspieler und die Leichtathleten hatten schon große Erfolge. Neben der Poelchau-Gesamtschule liegt am Halemweg 34 die 1962 gegründete Erwin-von-Witzleben-Grundschule mit etwa 340 Schülerinnen und Schülern. Auch die-se Schule bietet einen sportbetonten Zug an. Französisch ist dort Erste Fremdsprache. Probleme bereitet hier die hohe Zahl von Arbeitslosengeld II-Empfängern mit häufig nicht intakten Familien, während die hier unterrichteten Ausländerkinder und die Kinder von Russlanddeutschen meist gut integriert sind.

Toeplerstraße

Die Toepelerstraße wurde bereits 1937 benannt nach dem Physiker August Joseph Ignatz Toepler. Er wurde 1836 in Brühl bei Bonn geboren und starb 1912 in Dresden. Er war Professor in Riga, Graz und Dresden, konstruierte eine Quecksilberluftpumpe und eine magnetische Waage.

Toeplerstraße 1

An der Ecke Halemweg und Toeplerstraße baute Hansrudolf Plarre 1962 bis 64 die evangelische Sühne-Christi-Kirche. Es ist ein hexagonaler, also sechseckiger Saal-bau mit dreieckigen Angauten für den Eingang und die Sakristei. Daneben steht ein freistehender Glockenturm. Es ist das Haus der Kirchengemeinde Charlottenburg-Nord.

Goebelplatz

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Der Goebelplatz wurde 1930 benannt nach dem Uhrmacher und Erfinder Henry Goebel.
Er hieß eigentlich Johann Heinrich Christoph Göbel, wurde1818 in Springe geborten und wanderte 1848 nach Amerika aus. 1893 starb er in New York. Er gilt als Erfinder der Glühlampe, die Thomas Alva Edison seit 1879 technisch auswertete und industriell produzierte.
Der Goebelplatz ist Mittelpunkt des Charlottenburger Teils der Großsiedlung Siemensstadt. Die Häuser ringsum stammen von bekannten Architekten der Weimarer Republik wie Walter Gropius, Otto Bartning, Hugo Häring und Rudolf Henning.

Heilmannring

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Der Heilmannring wurde 1957 nach dem Politiker und Widerstandskämpfer Ernst Heilmann benannt. Er wurde 1881 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren und starb 1940 in Buchenwald. 1898 trat er in die SPD ein. 1903 schloss er sein Studium der Staats- und Rechtswissenschaften mit dem Referendarexamen ab, wurde aber als Jude nicht in den Staatsdienst übernommen. Er arbeitete von 1909 bis 1917 als Chefredakteur der “Volksstimme” Chemnitz und von 1919 bis 1933 als Redakteur des “Vorwärts”. 1919/20 war er Mitglied der Stadtverordnetenversamm-lung Charlottenburg, 1919 bis 1933 Mitglied des Preußischen Landtages und 1928 bis 1933 Reichstagsabgeordneter. Im Juni 1933 wurde Heilmann in Berlin festge-nommen und im berüchtigten Columbia-Haus in Tempelhof inhaftiert, danach im Zuchthaus Plötzensee und in den Konzentrationslagern Oranienburg, Esterwegen, Dachau und schließlich Buchenwald.

Letterhausweg

Der Letterhausweg wurde 1957 benannt nach dem Gewerkschafter und Wider-standskämpfer Bernhard Letterhaus. Er wurde 1894 in Barmen geboren, das heute zu Wuppertal gehört und 1944 in Berlin-Plötzensee ermordet. Letterhaus arbeitete von 1921 bis 1927 in der Zentralstelle des christlichen Textilarbeiterverbandes, an-schließend in katholischen Arbeitervereinen. 1928 bis 1933 war er als Zentrumsab-geordneter Mitglied des Reichstages. Als Wehrmachtssoldat seit 1939 unterstützte er als Hauptmann der Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht den militärischen Widerstand. Nach dem gescheiterten Attentat des 20. Juli 1944 wurde er verhaftet, am 13.11.1944 zum Tode verurteilt und am Folgetag hingerichtet.

Nikolaus-Groß-Weg

Der Nikolaus-Groß-Weg wurde 1966 nach dem Gewerkschafter und Widerstands-kämpfer Nikolaus Groß benannt. Er wurde 1898 in Hattingen an der Ruhr geboren und am 23.1.1945 in Berlin-Plötzensee ermordet. Nikolaus Groß arbeitete seit 1915 als Bergmann. 1917 trat er in den christlichen Bergarbeiterverband ein und wurde Gewerkschaftssekretär. Er beteiligte sich aktiv am Widerstand gegen die Nazidikta-tur. Am 12. August 1944 verhaftete ihn die Gestapo. Am 15.1.1945 verurteilte ihn der Volksgerichtshof zum Tode und 8 Tage später wurde er in Plötzensee hingerichtet.

Nikolaus-Groß-Weg 2, Feuerwache Charlottenburg-Nord

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Ich freue mich dass Herr Hempel, Zugführer der hiesigen Feuerwache Charlotten-burg-Nord, uns seine Feuerwache vorstellt. Er hat ankündigt, dass er auch gut zwei Stunden lang erzählen könnte, aber da wir noch zur Schleuseninsel wollen, bitte ich ihn, es etwas kürzer zu machen.
Von 1963 bis 1968 wurden auf dem 47.500 qm großen Gelände in mehreren Bau-abschnitten die Hauptfeuerwache und die Direktionsgebäude der Feuerwehrbranddi-rektion von West-Berlin gebaut, außerdem wurden hier die Feuerwehrleitstelle, die Zentralwerkstatt, der Technische Dienst und die Zentralbekleidungskammer eingerichtet. Ein 20 Meter hoher Übungsturm dienst dem Training unterschiedlicher Feu-erwehrmaßnahmen wie Klettern, Abseilen und Springen. Nach der Wiedervereini-gung Berlins wurde der Sitz der Hauptfeuerwache Berlin und der Feuerwehrbranddi-rektion in die Voltairestraße 2 in Mitte verlegt.

Nonnendamm

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Den Namen “Nonnendamm” gab es schon im 13. Jahrhundert.
Er geht auf das im Jahr 1239 gestiftete Benediktiner-Nonnenkloster in Spandau zurück.
Das Kloster ließ durch die sumpfigen Niederungen einen Knüppeldamm zu seinen Charlottenburger Liegenschaften anlegen. Im Lauf der Jahrhunderte entwickelte sich daraus eine Straße. Es ist eine der ältesten Straßen in Charlottenburg-Wilmersdorf.
Auch der Name des Volksparks Jungfernheide geht auf das Nonnenkloster zurück, denn dort lag das vom Spandauer Nonnenkloster bewirtschaftete Gebiet.

Schleuseninsel und Schleuse Charlottenburg

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Die Schleuse Charlottenburg wurde im Rahmen der Regulierung der Unterspree zwischen 1883 und 1885 errichtet.
Unterspree heißt der Spreeabschnitt vom Mühlendamm bis zur Mündung in die Havel.
1881 hatte Adolf Wiebe die Planungen für das Gesamtprojekt der Kanalisierung der Unterspree vorgelegt, die nach einigen Änderungen mit Unterstützung des Stadtbaurates James Hobrecht verwirklicht wurden.
Unter der Oberbauleitung des Wasserbauinspektors Eugen Mohr entstand die Schleusenanlage.

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Für die Schleuse Charlottenburg wurde ein spezieller Schleusenkanal gebaut, der am Spreebogen nördlich des Charlottenburger Schlosses abzweigt und vor der Rudolf-Wissell-Brücke in die Spree zurückführt. Später wurde der Westhafenkanal in den Schleusenkanal eingebunden. Die Schleuse Charlottenburg be-steht aus zwei Kammern mit einer nutzbaren Länge von 87 m und 69 m, einer Breite von jeweils 9,60 m und einer Fahrwassertiefe bei Niedrigwasser von 2,27 m. Sie war für Schiffe mit 650 t. ausgelegt. Mit der Fertigstellung der Schleuse begann die Um-gestaltung der Spree zu einem Großschifffahrtsweg. Nach Realisierung des Ge-samtprojektes wurde am 25.9.1894 der Großschifffahrtsweg durch den Spreelauf eröffnet.

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Schiffe mit 600 t Nutzlast konnten seither durch Berlin zum Oder-Spree-Kanal bei Wernsdorf gelangen.
Im Rahmen des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit Nr. 17 erfolgte zwischen 1998 und 2003 der Ausbau der Schleuse für Motorschiffe von 110 m, 11,4 m Breite und einer Abladetiefe von 2,8 m. Die am 19.12.2003 ein-geweihte neue Schleusenkammer hat eine Länge von 115 m ist 12,5 m breit und gleicht eine Wasserstandsdifferenz von 1,3 m aus. Schiffe mit einem Tiefgang von 2,8 m können die Schleuse Charlottenburg problemlos passieren und den Westhafen erreichen. Der Bau kostete 74 Mio. Euro.

Im Rahmen des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit 17 wurde auch vor wenigen Tagen, am vergangenen Mittwoch, dem 7. Juni, die umgebaute Mörschbrücke neu er-öffnet. Sie führt im Zuge des Tegeler Weges über den Westhafenkanal zum Jakob-Kaiser-Platz. Die Brücke wurde 1953 gebaut. Sie wurde seit 2003 abgerissen und neu gebaut, um im Rahmen des Ausbaues des Ausbaus der Wasserstraße Hanno-ver-Berlin die Brücke anzuheben. Die frühere Durchfahrtshöhe von 4,26 m lag 0,99 m unter dem Standard, der Containerverkehr erlaubt. Für den Ausbau der Wasser-straßen-Nordtrasse in Berlin, bei dem es unter anderem um die Zufahrt zum West-hafen geht, werden bis 2007 weitere Brücken in Spandau und Mitte (Beuselstraße) angehoben.