78. Kiezspaziergang am 14.06.2008

Die neue Altstadttour vom Rathaus zum Schloss Charlottenburg

Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen

Treffpunkt: Vor dem Rathaus Charlottenburg

Sehr geehrte Damen und Herren!
Herzlich willkommen zu unserem 78. Kiezspaziergang. Ich möchte heute unsere neue Altstadttour vorstellen. Diese Altstadttour haben wir in den letzten Monaten gemeinsam mit der Firma Wall entwickelt. Wall stellt uns die Stelen zur Verfügung und übernimmt die Gestaltung und den Einbau. Unser Kulturamt hat die Texte und Bilder zusammengestellt. Die neue Altstadttour ersetzt den Altstadtpfad. Dessen Tafeln waren an vielen Stellen beschädigt, einige sind inzwischen abhanden gekommen, und einige Texte waren überholt.
Sie können heute als erste die neue Tour erleben. Sie führt hier vom Rathaus durch Alt-Lietzow über das Standesamt in der Villa Kogge, das Stadtbad in der Krumme Straße, das ehemalige Krankhaus an der Gierkezeile Ecke Zillestraße, die Epochenecke Wilmersdorfer Staße und Haubachstraße, das älteste Wohnhaus Charlottenburgs, Schustehrusstraße 13, das alte Schulhaus an der Gierkezeile 39, die Luisenkirche auf dem Gierkeplatz, durch den Schustehruspark zur Villa Oppenheim, die Eosander- und Schinkelschule, Nithackstr. 8-16 bis zum Museum Charlottenburg-Wilmersdorf gegenüber dem Schloss an der Schloßstraße 69.

Zu Beginn will ich Ihnen aber wie gewohnt verraten, wohin uns der nächste Kiezspaziergang führt.

Am Sonnabend, dem 12. Juli, will ich Sie von unserem Fest der Nationen zum Weinbrunnen führen, damit Sie sehen, was bei uns unmittelbar vor den Sommerferien alles los ist. Vom 11. bis zum 13. Juli feiern wir auf dem Prager Platz zum 23. Mal unser großes Bezirksfest, das Fest der Nationen, und ich denke, beim Kiezspaziergang darf ich Ihnen dieses Fest nicht vorenthalten. Wir treffen uns deshalb am 12. Juli wie immer um 14.00 Uhr, und zwar in der Trautenaustraße zwischen Bundesallee und Prager Platz. Das ist direkt am U-Bahnhof Güntzelstraße, Ausgang Trautenaustraße. Wir werden einmal um den Prager Platz herumgehen, und wenn wir das Fest gesehen haben, uns auf den Weg machen in Richtung Rüdesheimer Platz, wo den ganzen Sommer über von Weinbauern aus unserem Partnerlandkreis Rheingau-Taunus der Weinbrunnen veranstaltet wird. Am 12. Juli wird um 16.30 Uhr das Gladsaxe Harmonie Orchester aus unserer dänischen Partnerstadt Gladsaxe ein Konzert veranstalten. Sie sehen also: Bei unserem nächsten Kiezspaziergang gibt es eine Menge zu erleben, allerdings auch eine Strecke zu laufen: Quer durch Wilmersdorf werden wir unter anderem durch den alten Dorfkern mit dem Schoeler-Schlösschen und der Auenkirche kommen.

Nun also zu unserer heutigen Altstadttour:
1696 entschied sich Sophie Charlotte, die Gemahlin Friedrichs I., ihr entlegenes Schloss in Caputh aufzugeben und stattdessen in dem Dörfchen Lützow westlich von Berlin ein Schloss errichten zu lassen. Die vielfältigen Interessen von Sophie-Charlotte, die 1701 erste Königin in Preußen wurde, ließen den Landsitz zu einem prunkvollen Musenhof der Barockzeit wachsen. Vom Hofstaat angezogen, siedelten sich Handwerker, Kaufleute und Bedienstete an. Erst 1705, nach dem Tod von Sophie-Charlotte, wurde das Schloss in Charlottenburg umbenannt. Die Siedlung am Schloss erhielt Stadtrechte und ebenfalls den Namen Charlottenburg.
In Sichtweite zum Schloss entwickelte sich das bürgerliche Leben von Charlottenburg. In der Berliner Straße, der heutigen Otto-Suhr-Allee, wurden die ersten Rathäuser errichtet, weitere Einrichtungen der städtischen und sozialen Infrastruktur, wie Schule und Krankenhaus, Feuerwehr und Stadtbad folgten. Dazu gehören auch die einfachen Bürgerhäuser und die repräsentativen Villen entlang der Schloßstraße, wo sich höfisches und bürgerliches Leben trafen. Den zentralen Mittelpunkt bildete der Gierkeplatz mit der Luisenkirche.
Die Tour durch die Charlottenburger Altstadt stellt einzelne Gebäude vor und erzählt vom Alltag in der Stadt: Den Bewohnern der ersten Ackerbürgerhäuser, den Mietskasernen der Arbeiter und den Villen der wohlhabenden Bankiers und Industriellen, die sich mit wohltätigen Stiftungen für die Daseinsfürsorge in der Stadt verdient gemacht haben. In 13 Stationen, vom Rathaus bis zum Charlottenburger Kiez, werden über 200 Jahre Geschichte von der Stadtgründung 1705 bis 1905 lebendig.
Der historische Blick auf die Altstadt vergegenwärtigt eine Epoche, die für das Heranwachsen der ehemaligen Stadt Charlottenburg steht. Die einzelnen Baudenkmäler fügen sich heute ein in den ständig wachsenden Organismus der Großstadt, aber ihre Geschichte hebt sie heraus aus ihrer Umgebung. Wer die Straßen durchwandert, erlebt den historischen Wandel eindringlich – und das wollen wir heute tun.

1 Rathaus Charlottenburg
Das erste Charlottenburger Rathaus, ein ehemaliges Privatwohnhaus, befand sich in der Schloßstraße 2/2a. Schon bald wurde es dort zu eng. Ein 1791 erbautes, nicht mehr bewohntes Palais an der Berliner Straße (heute Otto-Suhr-Allee) war zunächst als Ersatz gut geeignet, auch weil es an der Verbindungsstraße nach Berlin lag. Von 1860 bis 1910 stieg die Einwohnerzahl Charlottenburgs von 12.000 auf 306.000. Dies hatte erneut zur Folge, dass die ebenfalls rapide zunehmende Zahl von Beamten in dem Haus nicht mehr genug Platz fand. Man entschied sich für den Abriss des alten Gebäudes und für einen Rathausneubau.
Den Wettbewerb, den man ausgeschrieben hatte, gewannen die Architekten Heinrich Reinhardt und Georg Süßenguth. 1899 war Baubeginn, und die Einweihung feierte man pünktlich zur 200-Jahr-Feier Charlottenburgs im Jahr 1905. Stilistisch orientiert sich die Gestaltung der Sandsteinfassade noch am Jugendstil, zeigt aber auch schon Elemente der beginnenden Moderne. 1911-16 wurde von Heinrich Seeling ein Erweiterungsbau realisiert.
Da der Turm mit einer Höhe von 88 Metern das Charlottenburger Schloss überragte, soll Kaiser Wilhelm II. seinen Unmut geäußert haben. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude stark beschädigt. Nach der Fusion mit dem Bezirk Wilmersdorf im Jahr 2001 blieb das ehemalige Charlottenburger Rathaus Amtssitz des Bezirksbürgermeisters und Verwaltungsgebäude.

Alt-Lietzow 12: Gedenktafel für Erich Mühsam
Die Gedenktafel für Erich Mühsam mit einer Portraitzeichnung wurde von der Künstlerin Brigitte Arndt gestaltet und am 18.1.2003 enthüllt. Wegen Beschädigungen wurde sie zunächst wieder abgenommen und jetzt vor einigen Wochen an einem anderen Ort in einer etwas höher gelegenen Nische wieder angebracht. Der Text lautet:

Hier lebte der deutsche Schriftsteller

Erich Mühsam

von 1924 bis 1927

“Ein Anarchist, der die Gewalt hasste”

1934 von den Nationalsozialisten

im KZ Oranienburg ermordet

2 Alt-Lietzow (am Standesamt)
Das Dort Alt-Lietzow wurde 1720 nach Charlottenburg eingemeindet und bildet heute den ältesten Teil des Bezirks. Vermutlich geht die Bezeichnung “Lietzow“ auf das slawische Wort “luza” für Pfütze und Morast zurück, was auf eine sehr frühe Besiedlung verweist. Im Jahr 1314 wurde der Hof Lusze in das Angerdorf Lützow umgewandelt.
1541 wird erstmalig eine Lützower Kirche urkundlich erwähnt. 1708 zerstörte ein Brand das Dorf Lützow, und 1740 erbaute man eine neue Kirche, die 1846-56 durch Friedrich August Stüler umgestaltet wurde. 1910/11 errichtete man nach Plänen Jürgen Krögers am selben Ort ein neobarockes Gotteshaus, das im Zweiten Weltkrieg vollständig ausbrannte. Die heutige zeltartige Kirche mit ihrem freistehenden Glockenturm entstand in den Jahren 1960/61 nach Entwürfen von Ludwig von Walthausen.
Das gegenwärtige Standesamt (Alt-Lietzow 28), 1864-66 als prunkvolle spätklassizistische Villa für den Holzhändler Albert Kogge errichtet, ging 1910 in den Besitz der Stadt Charlottenburg über. Bemerkenswert ist der Reliefschmuck an der Fassade mit Szenen aus dem Leben Friedrichs II. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz.
Die ehemalige Feuerwache (Alt-Lietzow 33) entstand 1888-89 unter der Leitung des Stadtbaurats Paul Bratring als viergeschossiger gelber Ziegelbau mit gliedernden Schichten aus roten Backsteinen.
Der Platz Alt-Lietzow, ehemaliger Dorfanger, wurde um 1900 zu einem ovalen Schmuckplatz umgestaltet.

3 Stadtbad Charlottenburg, Krumme Straße 10
Seit dem Abriss des Moabiter Volksbades im Jahr 1985 ist das Stadtbad Charlottenburg das älteste Hallenbad Berlins. Das Jugendstilbad wurde 1896/98 nach Plänen des Stadtbaurats Paul Bratring erbaut. Die Halle besteht aus einer Stahlkonstruktion, die mit Ziegelmauerwerk ausgefacht ist. Schon bald nach der Fertigstellung des Gebäudes mussten Ausbauten vorgenommen werden: Zwei zusätzliche Dampfkessel sowie weitere Ankleideschränke waren vonnöten. Es war damals selbstverständlich, dass Männer und Frauen getrennt badeten. 1923 folgte der Einbau einer Chlorierungsanlage. Nach Anschluss des Stadtbads an die Fernheizung des Kraftwerks Charlottenburg wurden 1926 die Dampfkessel abgeschaltet. Im selben Jahr entstand eine Abteilung mit Wannenbädern. 1933 führte man an zwei Wochentagen den Familienbadetag ein, was bedeutete, dass Männer und Frauen von nun an gemeinsam baden durften. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs beschädigten Granaten das Gebäude. 1974 wurde das neue Stadtbad eröffnet, das sich in direkter Nachbarschaft befindet. Man erwog den Abriss des alten Stadtbads, entschied sich dann aber doch für den Erhalt: 1974-1976 wurden deshalb umfangreiche Renovierungsarbeiten durchgeführt. Seit 1982 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. 1985 rekonstruierte man die mit rotem Backstein verblendete Fassade, die an die märkische Backsteingotik erinnert.

4 Ehemaliges Krankenhaus Gierkezeile 5-11
Das ehemalige Städtische Krankenhaus in der Gierkezeile 5-11 an der Ecke zur Zillestraße wurde 1865-67 nach Plänen von Gustav Knoblauch erbaut. Es handelt sich um ein dreigeschossiges Haupthaus in geschlossener Bebauung; dahinter befanden sich Krankenpavillons mit hohen luftigen Räumen und Sälen. Achtzig Patienten konnten in dem Gebäudeensemble untergebracht werden. Die Außenwände sind mit gelben Ziegeln verblendet. Die Fassade mit Mittelrisalit und kapellenartigem Vorbau wird horizontal durch Ziegelstreifen gegliedert. Nach Entwürfen des Stadtbaurats Paul Bratring gestaltete man 1889 das Hauptgebäude um und errichtete 1894-97 zusätzliche Krankenpavillons sowie ein Wirtschaftsgebäude. 1904-06 folgten weitere Umbauten und Erweiterungen. Im Zweiten Weltkrieg wurden verschiedene Gebäude beschädigt. Das Haus Gierkezeile 9, ein eingeschossiger roter Ziegelsteinbau, nutzte man einst als Operationstrakt. Das Gebäudeensemble steht unter Denkmalschutz.
Die Zillestraße ist benannt nach dem Zeichner und Grafiker Heinrich Zille (1858-1929), von den Berlinern liebevoll als “Pinsel-Heinrich” bezeichnet. Zille, posthum zum Ehrenbürger Berlins ernannt, wurde berühmt durch seine Darstellungen der unteren Bevölkerungsschichten, des sogenannten “Milljöhs”. Er lebte von 1892 bis zum seinem Tod in der nahe gelegenen Sophie-Charlotten-Straße 88a.

5 Wilmersdorfer Ecke Haubachstraße
Die Kreuzung ist wegen der treppenartigen Anordnung des Häuserensembles an einer ihrer Ecken eine der stadthistorisch interessantesten in Berlin. Hier lässt sich die typologische Entwicklung des Charlottenburger Wohnhausbaus ablesen:
Das älteste Gebäude dort ist das einstöckige Eckhaus Haubachstraße 13. Es entspricht in seiner Anlage dem barocken Modellhaus Eosander von Göthes für das 1705 gegründete Charlottenburg. Um 1800 erbaut stellt es ein gutes Beispiel für die frühen eingeschossigen Ackerbürgerhäuser dar.
Direkt daneben befinden sich nach beiden Seiten zweistöckige Häuser aus den Jahren 1865 (Wilmersdorfer Straße 18) und 1880 (Haubachstraße 15). Das Gebäude von 1865 ist ein Einspänner-, das von 1880 schon ein Zweispänner-Mietshaus. Beide Putzbauten mit Dachgeschoss zeigen den spätklassizistischen Fassadenstuck der Entstehungszeit. Die daran anschließenden vier- und fünfgeschossigen Mietshäuser wurden um 1890 erbaut.
Bemerkenswert ist auch das eingeschossige Bürgerhaus in der Haubachstraße 8, das ebenso dem Modellhaus Eosanders entspricht.
Der Namensgeber der Haubachstraße Dr. Theodor Haubach (1896-1945) war Politiker und Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Er wurde in der Hinrichtungsstätte Plötzensee ermordet. Die Wilmersdorfer Straße erhielt einst ihren Namen, weil sie Charlottenburg mit Wilmersdorf (dem heutigen Partnerbezirk) verbindet.

6 Schustehrusstraße 13
Der Straßenname leitet sich ab von Kurt Louis Wihelm Schustehrus (1856-1913), einem Juristen und Kommunalpolitiker, der von 1899 bis 1911 Charlottenburgs Bürgermeister war. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs trug die Straße den Namen Scharrenstraße: Hier standen im 18. Jahrhundert die Scharren – Holzbuden, an denen es Fleisch und Brot zu kaufen gab. Das Gabäude in der Schustehrusstraße 13 ist das älteste noch erhaltene Wohnhaus Charlottenburgs und stammt aus dem Jahr 1712.
Es wurde errichtet nach den Vorgaben des Schlossbaumeisters Eosander von Göthe. Erbauen ließ dieses Haus der Goldschmied Gottfried Berger, der auf die Herstellung von Schmuckknöpfen spezialisiert, aber auch als Handwerker am Schlossbau beteiligt war. Es handelt sich um ein fünfachsiges, eingeschossiges Gebäude mit einem Giebel über dem Mitteleingang und einer reinen Fachwerkkonstruktion.
Bergers Werkstatt befand sich im linken Seitenflügel auf dem Hof. 1843-1980 gehörte das Haus der Familie Eckmann. Der Tanzlehrer Ernst Eckmann unterrichtete in einem 1877 im Hof erbauten Saal, der angeblich 500 Personen fasste. 1981 wurde das stark vernachlässigte Gebäude in die Denkmalliste aufgenommen, und 1983 entging es nur knapp einem Abriss ohne Genehmigung. Nur durch das Eingreifen der Bevölkerung konnte die vollständige Zerstörung verhindert werden. Die denkmalgerechte Restaurierung erfolgte 1985.

Keramik-Museum Berlin
Keramik des deutschen Kulturkreises von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute.
Wechselnde Sonderausstellungen.
Seit 2004 befindet sich auf dem idyllischen Gelände dieses ältesten Bürgerhauses Charlottenburgs das Keramik-Museum Berlin und präsentiert in wechselnden Sonderausstellungen seine Schätze. Von Anfang April bis Ende September finden auch im alten Bürgerhaus Ausstellungen statt.
Der gemeinnützige Förderverein KMB e.V., der auch das Museum betreibt, bietet das ganze Jahr über ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm an.
Eintritt: 2.- EUR
Öffnungszeiten: Sa, So, Mo 13-17 Uhr

7 Altes Schulhaus Gierkezeile 39
Das Schulhaus in der Gierkezeile 39 war das erste in Charlottenburg und wurde 1785/86 nach Plänen des Oberbaurats Schulze erbaut. Es verdankt sich der Initiative des Predigers Johann Gottfried Dressel, der die nötigen finanziellen Mittel beschaffte. Die Bausumme betrug exakt 2701 Taler, ein Groschen und zwei Pfennige. Der Rektor wohnte im oberen Geschoss, und der Unterricht fand im Erdgeschoss statt. Im Jahr 1798 erweiterte man das Haus, so dass in den Räumen zwei Mädchen- und zwei Jungenklassen unterrichtet werden konnten. Die Dachräume baute man 1906 aus, und 1931 fand hier der letzte Unterricht statt.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schulhaus in Mitleidenschaft gezogen; die Schäden beseitigte man aber erst gut zehn Jahre später, in den Jahren 1956/57. Das heutige Erscheinungsbild des Gebäudes entspricht dem Zustand von 1798. Auch der rosa Farbton der Fassade des ehemaligen Schulhauses orientiert sich an dem der Entstehungszeit. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Es beherbergt heute die Landesstelle Berlin gegen Suchtgefahren e.V. sowie eine Beratungs- und Behandlungsstelle für Alkohol- und Medikamentenabhängige.
Die Straße – anfangs Brettergasse und anschließend Kirchstraße genannt – erhielt ihren heutigen Namen 1950 nach der Sozialpädagogin Anna von Gierke (1874-1943), einer Berliner Politikerin und Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime.

8a Die Luisenkirche bis 1914
Gemäß dem Bebauungsplan Eosander von Göthes aus dem Jahr 1706 lag der Kirchplatz (heute Gierkeplatz) ursprünglich auf einer Freifläche im Zentrum der Stadt Charlottenburg. Heute ist die Kirche von hohen Mietshäusern umringt. Der zweigeschossige Putzbau mit Holzturm wurde 1712-16 nach Plänen von Phillipp Gerlach auf einer leichten Anhöhe errichtet. Er diente als Simultankirche, das heißt Reformierte und Lutheraner durften ihn zu gleichen Teilen nutzen. Da der Kirchturm beim Läuten schwankte, trug man ihn ab.
1823-25 führte man nach Plänen Karl Friedrich Schinkels größere Umbauten durch, bei denen unter anderem ein neuer quadratischer, steinerner Turm angefügt wurde. Per Kabinettsorder erhielt die Kirche 1826 im Angedenken an die verstorbene Königin den Namen Luisenkirche. 1834 war das Altarbild des Berliner Künstlers Franz Catel vollendet, welches die Auferstehung Jesu zeigte und eine Stiftung des Prinzen Heinrich von Preußen war. 1878 renovierte man unter Leitung von August Orth die Kirche, dabei wurden Orgel, Gestühl und Uhr erneuert. 1883 folgte der Einbau zweier Glocken. 1904 rüstete man die Orgel erneut um; des Weiteren wurde das Dach erneuert und eine elektrische Beleuchtung installiert. Zwei Jahre später wurde das so genannte “Kaiserfenster” eingefügt.

8b Die Luisenkirche nach 1914
Zu Zeiten des Ersten Weltkriegs benötigte die Rüstungsindustrie Metall als Rohstoff. Deshalb ordnete man an, zwei Glocken sowie mehrere Orgelpfeifen einzuschmelzen. Neue Glocken baute man erst 1925 wieder ein. 1934 fanden umfangreiche Renovierungsarbeiten statt: eine Dacherneuerung, die Turmkreuzvergoldung und der Einbau einer Zentralheizung. Obwohl man das Kirchendach 1943 gegen Feuer imprägnierte, brannte die Kirche nach Bombentreffern im selben Jahr fast vollständig nieder. Nach Gründung eines Bauvereins zum Wiederaufbau der Luisenkirche im Jahr 1951 begann die etappenweise Wiederherstellung.
Sie stand unter Regie des Architekten Lagotz und unter Aufsicht durch Professor Scheper, des Leiters der Denkmalbehörde. Veränderungen gab es im Kircheninnern und am Turm, der seitdem ein niedriges Pyramidendach besitzt. 1953 konnte die Wiedereinweihung gefeiert werden. 1968 baute man eine neue Orgel ein. Bei der Fassadeninstandsetzung wurden der Kirche 1976/77 wieder die warmgelben Farbtöne der barocken Erbauungszeit zurückgegeben. 1987/88 wurde der Innenraum nach Entwürfen von Jochen Langenheinicke in Anlehnung an Schinkel neu gestaltet. Obwohl Trauergottesdienste in der Luisenkirche stattfanden, hat es niemals einen Begräbnisplatz am Ort gegeben. Die Kirche steht nach wie vor unter Denkmalschutz.

9 Villa Oppenheim
Auf dem Baugrund der heutigen Villa Oppenheim befanden sich zunächst der Marstall und die Menagerie des nahen Schlosses Charlottenburg. König Friedrich Wilhelm II. verschenkte das Anwesen, und 1845 erwarb schließlich der Bankier Alexander Mendelssohn das weiträumige Grundstück. Er ließ darauf den Sommersitz der Familie errichten den er “Villa Sorgenfrei” nannte. Charlottenburg war damals noch eine kleine Ackerbürgerstadt und bei den Berlinern als Sommerfrische beliebt. Die Bewohner der Villa genossen einen weiten Blick in die freie Natur über Äcker und Wiesen. Mendelssohns Erben, seine Tochter Margarethe und ihr Ehemann, Obertribunalrat Otto Georg Oppenheim ließen die Villa abreißen und gaben beim Architekten Christian Heidecke 1881 das heutige zweigeschossige Neorenaissancegebäude in Auftrag. Außerdem wurde ein großzügiger Garten angelegt. Auf dem Gelände entstanden zudem eine Kegelbahn, ein Tennisplatz, ein Gartensaal und mehrere Treibhäuser. Bald war das Villenareal jedoch umstellt von hohen Mietshäusern, und Eigentümer boten ihr Grundstück der Stadt Charlottenburg zum Kauf an. Da es der immer dichter besiedelten Stadt an Grünflächen mangelte, ging sie 1911 auf das Angebot ein. Sämtliche Nebengebäude wurden abgerissen. 1985 erhielt die 1914 nach Plänen von Erwin Barth gestaltete Grünanlage den Namen Schustehruspark. Die im Krieg stark zerstörte Villa wurde 1985-87 restauriert.

10 Christ-, Ecke Nehringstraße
Die Christstraße ist benannt nach Marie Christ (1813-1878) und ihrem Ehemann Robert Christ (1813-1878), einem Stadtrat in Charlottenburg. Beide waren Mäzene. Namensgeber der Nehringstraße war Johann Arnold Nehring (1659-1695), ein bedeutender Architekt des Berliner Barock.
Der Baubeginn in der Christstraße geht auf das Jahr 1872 zurück und war eine Reaktion auf die damals akute Wohnungsnot in Charlottenburg. Die Gebäude aus der ersten Bebauungsphase spiegeln noch den kleinstädtischen Charakter des Ortes wider: Kennzeichnend dafür sind die niedrige Geschosszahl, die geringe Tiefe der Grundstücke und das Fehlen von Gewerberaum für Einzelhandel in den Erdgeschossen. Später wurde – im Interesse einer intensiveren Bodennutzung – auch hier mit vier Geschossen gebaut. Die gegenüber stehenden Häuser Christstraße 1, Ecke Nehringstraße 3 und Christstraße 2, Ecke Nehringstraße 3a wurden 1880 bzw. 1889/90 errichtet.
1964 führte man die ersten Sanierungsarbeiten durch, die ihren Abschluss erst in den 1980er Jahren mit der “behutsamen Stadterneuerung” fanden. Diese war eine Folge von Mieterprotesten nach der Erklärung der Gegend zum Sanierungsgebiet (1972). Das Ergebnis hieß: Altbauerhalt mit preiswerten Mieten statt Abriss mit Neubau. Die Christstraße stellt heute ein anschauliches Beispiel eines Altbauquartiers aus der Gründerzeit dar.

11 Eosander-Schinkel-Grundschule
Der 1913-14 unter Leitung von Stadtbaumeister Paul Weingärtner und Heinrich Seeling errichtete große, fünfgeschossige Schulbau wurde als Zweiflügelanlage ausgeführt. Der Bau von Schulen war ab 1875 eine wichtige soziale Aufgabe, da die Bevölkerung Charlottenburgs –und damit auch die Anzahl der Schüler – explosionsartig anstieg. Das Gebäude besteht aus elfenbeinfarbigem, verputztem Mauerwerk auf einem Granitsockel. Roter Sandstein und bräunliche Keramikplatten zieren die mit sparsamem Reliefschmuck versehene Fassade.
Die Architektur steht beispielhaft für die beginnende Moderne, die Dekorelemente zeigen expressionistische Formauffassungen. Im Ersten Weltkrieg diente das Gebäude als Lazarett und Kaserne; erst zu Beginn der 1920er Jahre konnte der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden.
Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gebäude – nunmehr Infektionsabteilung eines Krankenhauses – Schäden, deren Beseitigung 1950 begann. 1986 restaurierte man das Dach. Die beschädigten Dekorplatten und die keramischen Platten im Eingangsbereich der Fassade wurden erneuert.
Namensgeber für das heutige, unter Denkmalschutz stehende Schulgebäude waren die berühmten Baumeister Johann Friedrich Eosander von Göthe (1669-1728) und Karl Friedrich Schinkel (1781-1841).
Der Name der Nithackstraße erinnert an Walter Nithack-Stahn (1866-1942), einen pazifistischen Theologen und Schriftsteller.

12a Die Schloßstraße
1695 begann der Architekt Johann Arnold Nehring mit dem Bau des Lustschlosses für die Königin Sophie Charlotte. Die heutige Schloßstraße legte man um 1700 – damals “Breite Straße” genannt – als Sichtachse zum Barockschloss an. 1705 erklärte König Friedrich I. Charlottenburg zur Residenzstadt, und im nördlichen Bereich der Breiten Straße ließen sich Hofbeamte ihre Wohnhäuser errichten. König Friedrich Wilhelm IV. missfiel jedoch der schlichte Anblick der Straße, und er ließ deshalb 1841 eine breite Mittelpromenade mit Rasen und Blumen anlegen.
Nach Plänen von August Stüler erbaute man 1851-59 zwei repräsentative Gebäude rechts und links am Eingang zur Schloßstraße als Kasernen der königlichen Leibgarde. Die alten, mehrheitlich eingeschossigen Gebäude im weiteren Verlauf der Straße wichen nun schrittweise repräsentativen, mehrgeschossigen Stadtvillen und Mietshäusern mit Vorgärten.
1901 wurde in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II. das Denkmal für den Prinzen Albrecht von Preußen enthüllt. An der Einmündung von Zille- und Knobelsdorffstraße wurde eine kleine Verkehrsinsel mit einem Kandelaber angelegt.
Seit Beginn der 1980er Jahre ist man bemüht, den repräsentativen Charakter der Schloßstraße nach historischem Vorbild wiederherzustellen.

12b Einzelbauten in der Schloßstraße
Das 1873/74 für den Ziegeleibesitzer Reinicke erbaute, heute unter Denkmalschutz stehende Wohngebäude Schloßstraße 67 stellt ein typisches Beispiel für den Villenbau der Gründerzeit dar. Die Stadtvilla enthielt ursprünglich zwei herrschaftliche Neun-Zimmer-Wohnungen, die nach 1930 aufgeteilt und einzeln vermietet wurden. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde das schmiedeeiserne Vorgartengitter abmontiert und eingeschmolzen. Erst 1986 wurden die Vorgärten in der Schloßstraße durch die Gartendenkmalpflege wieder hergestellt.
In den so genannten “Freihäusern” in der Schloßstraße 4 und 6 lebten ab 1704 die ersten Türken, die in Berlin arbeiteten. Die Familien Aly und Hassan kamen allerdings nicht als Gastarbeiter, sondern waren “Kriegsbeute” der preußischen Truppen. Beide gehörten zum Hofpersonal Sophie Charlottes beziehungsweise Friedrichs III.
Heute sind in der Charlottenburger Schloßstraße Häuser aus den verschiedensten Bauepochen erhalten. Dazu gehören spätklassizistische zwei- und dreigeschossige Wohngebäude ebenso wie am Ende des 20. Jahrhunderts erbaute vier- und fünfgeschossige Mietshäuser.
Bemerkenswert sind aber auch architektonisch auffällige Neubauten wie die des Architektenpaares Inken und Hinrich Baller an den Ecken zum Otto-Grünberg-Weg und der Hebbel- bzw. Zillestraße.

13 Schloßstraße 69
Im Kopfbau Schloßstraße 69 hat das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf passend seinen Platz gefunden. Hier begann vor rund dreihundert Jahren die städtische Entwicklung Charlottenburgs.
Gegenüber, auf dem Grundstück Schloßstraße 2 diente von 1705 bis 1847 das von Eosander von Göthe für den höfischen Oberstallmeister Marquis d’Ausson de Villarnoux erbaute Palais als erstes Rathaus der Stadt, in dem auch Gericht, Kirche und Gefängnis untergebracht waren. Zur Stallstraße hin befanden sich die Stallungen des Hofes.
Die 1859 nach Plänen Stülers errichteten, von Rundtempeln bekrönten Eckbauten am Spandauer Damm (heute Sitz der Kunstsammlungen Berggruen und Scharf-Gerstenberg) waren vorher Kasernen der königlichen Leibwache.
In der Schloßstraße 69 sind heute drei Kultureinrichtungen versammelt: das Bezirksmuseum, das sich mit seinen Ausstellungen der Regionalgeschichte widmet und Tausende historischer Fotos, viele Pläne und Gegenstände des Alltagslebens beherbergt, sowie die Naturwissenschaftlichen Sammlungen der Stiftung Stadtmuseum Berlin und die Abgusssammlung antiker Plastik.