Schiller Theater

Bild zeigt: Schiller-Theater am 15.9.2006, Foto: KHMM
Schiller-Theater am 15.9.2006, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Baudenkmal
Mit dem am 1. Januar 1907 mit Schillers “Räubern” eröffneten Schiller Theater wollte der Charlottenburger Magistrat kultur- und sozialpolitische Ziele gleichermaßen erreichen. Bereits um 1900 wurde in der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung über entsprechende Pläne diskutiert. Da die Berliner Theater-Bühnen und das 1896 eröffnete Theater des Westens wegen der hohen Eintrittspreise nur den begüterten Schichten zugänglich waren, wollte man in Charlottenburg auch den Geringverdienern anspruchsvolle Kultur nahe bringen.
Das Projekt eines Theaters für “minderbemittelte Schichten” war umstritten. Insbesondere die Charlottenburger Haus- und Grundbesitzer wollten kein besonderes soziales Image für ihre Stadt – das könnte sich ja negativ auf die Grundstückspreise auswirken. Aber der Begründer und Direktor der Schillertheater-Gesellschaft, Raphael Löwenfeld, und Oberbürgermeister Kurt Schustehrus kämpften erfolgreich für ihre Idee.
Schustehrus bilanzierte später stolz: “Das Schillertheater ist eine der ersten Bildungsanstalten Berlins, und dass Bildung etwas ist, was die Sozialpolitik zu fördern bestrebt sein muss, wird niemand leugnen können.”
Der Magistrat arbeitete mit der Berliner Schillertheater Aktiengesellschaft zusammen, die bereits zwei gepachtete Theater betrieb und durch ein besonderes Abonnementsystem die Eintrittspreise niedrig halten und dennoch wirtschaftlich arbeiten konnte. Die Aktiengesellschaft hatte sich in ihrer Satzung auferlegt, den größeren Teil des Gewinns wieder in das Unternehmen zu investieren und den Schauspielern soziale Vergünstigungen zu gewähren, die sonst nicht üblich waren. Auch der Bildungsauftrag des Unternehmens war genau definiert: In Nachmittagsvorstellungen für Gemeindeschüler und an Dichterabenden für alle sollte für die Kultur geworben werden.
Die bauliche Gestaltung des Theaters durch den Architekten Max Littmann entsprach den demokratischen Vorstellungen seiner Gründer. Der Zuschauerraum wurde einem antiken Amphitheater nachempfunden. Ränge gab es zunächst nicht. Im Ersten Weltkrieg geriet das Theater in eine wirtschaftliche Krise, die auch in den frühen 20er Jahren nicht aus eigener Kraft bewältigt werden konnte. Deshalb wurde das Theater von 1923 bis 1931 an die Generalverwaltung der preußischen Staatstheater verpachtet.

Bild zeigt: Schiller Theater, 27.9.2005, Foto: KHMM
Schiller Theater, 27.9.2005, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Nach kurzen Intermezzos mit weiteren Pächtern wurde es endgültig zum Staatstheater.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Theater von Paul Otto August Baumgarten umgebaut. Unter anderem wurden Ränge in den Zuschauerraum eingebaut. Nach dem Umbau wurde das Haus am 15.11.1938 in Anwesenheit Hitlers unter dem von Goebbels eingesetzten Intendanten Heinrich George mit Schillers “Kabale und Liebe” wieder eröffnet. Bei einem Luftangriff im November 1943 wurde das Theater schwer beschädigt und brannte aus. Bis zum 1.9.1944 wurde auf einer Behelfsbühne in der Ruine weiter gespielt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten Heinz Völker und Rudolf Grosse unter Verwendung von Resten des Vorgängerbaus ein neues Haus. Bernhard Heiliger gestaltete die Reliefwand der unteren Vorhalle, und Ludwig Peter Kowalski schuf die 25 Meter lange und 5,20 Meter hohe Glasschliffwand des Hauptfoyers mit surrealistischen Motiven. Am 5.9.1951 wurde das neue Haus mit einem Konzert der Berliner Philharmoniker eröffnet, die unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler Beethovens 9. Sinfonie spielten. Am 6.9.1951 folgte die Eröffnungspremiere mit Schillers “Wilhelm Tell” in der Regie des vom Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter berufenen Intendanten Boleslaw Barlog. Neben Paul Esser und Albert Bassermann spielt der 13-jährige Götz George Tells Sohn. Das Schiller Theater war nun das Haupthaus der neu gegründeten Staatlichen Schauspielbühnen Berlins (West), zu denen das Schlosspark-Theater in Steglitz, die Schiller-Theater-Werkstatt und die Spielstätte im Ballhaus Rixdorf gehörten. Unter Barlog wurde das Schiller Theater zum wichtigsten Theater West-Berlins, bis in den 70er Jahren die Schaubühne diese Rolle übernahm. Nachfolger von Boleslaw Barlog wurde 1972 Hans Lietzau. 1975 inszenierte Samuel Beckett “Warten auf Godot”. Von 1980 bis 1985 war Boy Gobert Intendant, von 1985 bis 1990 Heribert Sasse, danach ein Direktorium aus Alfred Kirchner, Alexander Lang, Volkmar Clauß und Vera Sturm.

Bild zeigt: Schiller Theater, 8.2.2010, Foto: KHMM
Schiller Theater, 8.2.2010, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Am 3.10.1993 wurde das Schiller Theater durch Senatsbeschluss geschlossen, danach als Musical- und Gastspiel-Theater genützt. Von Januar bis Oktober 2000 war das Haus Interimsspielstätte des Maxim Gorki Theaters. Die Schließung der größten deutschen Sprechbühne löste Protest und Verbitterung aus und brachte dem damaligen Kultur-Senator Ulrich Roloff-Momin das Etikett “Schiller-Killer” ein.
2009-2010 wurde das Schiller Theater von Peter Hapke und Andreas Zerr für die Staatsoper umgebaut und hergerichtet, die am 19.9.2010 feierlich per Schiff nach Charlottenburg umzog. Am 3.10.2010 war Premiere mit der Uraufführung von Jens Joneleits Oper Metanoia. Seither ist das Schiller Theater unter dem Intendanten Jürgen Flimm und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim Ersatzstandort für die Staatsoper, deren Haus Unter den Linden seit Juli 2010 saniert wird.

Literatur
Staatsoper im Schiller Theater Berlin (= Die Neuen Architekturführer Nr.163), Berlin (Stadtwandel Verlag) 2010