Stolpersteine Grolmanstraße 20

Bildvergrößerung: Hausansicht Grolmanstr. 20
Hausansicht Grolmanstr. 20
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Die Stolpersteine für Albert, Jenny und Gerda Schendel wurden am 4.9.2018 auf Wunsch und in Anwesenheit der Enkelin Merle Newland und ihres Mannes Oliver Newland (früher Neuländer) verlegt, die sie auch gespendet haben.

Bildvergrößerung: Stolperstein Albert Schendel
Stolperstein Albert Schendel
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ALBERT SCHENDEL
JG. 1873
DEPORTIERT 4.11.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 22.12.1942

Albert Schendel wurde 13. Januar 1873 in Inowrazlaw (Hohensalza), preußische Provinz Posen geboren. Er heiratete Henriette Speter, und das Ehepaar hatte 3 Kinder – die Söhne Hans, der 1905 geboren wurde, Bruno folgte 1909 und die Tochter Dorothea, die 1913 zur Welt kam. Henriette Schendel, geb.Speter starb 1915 als die Jüngste zwei Jahre alt war.

Der Witwer und alleinerziehende Vater Albert Schendel heiratete um 1918 Jenny Hartmann. Aus dieser Ehe ging eine weitere Tochter Gerda, geboren am 3. Juni 1919 in Hohensalza, hervor.

Nach der Wiederherstellung des polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg zog die Familie Schendel – wie tausende jüdischer und nichtjüdischer Deutscher, die sich als „Preußen“ fühlten und nicht Polen werden wollten – in den 20er Jahren ins Deutsche Reichsgebiet. Familie Schendel lebte in Breslau und Fürstenwalde, bevor sie nach Berlin kam.

Albert Schendel war Kaufmann und besaß ein Geschäft für Herrenausstattungen und Berufskleidung. Am Tag des Boykotts jüdischer Geschäfte – 1. April 1933 – mußte er das Geschäft schließen. Fortan lebte die Familie vom Ertrag der Kriegsanleihen aus derm 1. Weltkrieg.

Albert Schendel wurde am 4.November 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 22.12.1942 ermordet.

Bildvergrößerung: Stolperstein Jenny Schendel
Stolperstein Jenny Schendel
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
JENNY SCHENDEL
GEB. HARTMANN
JG. 1891
DEPORTIERT 4.11.1942
THERESIENSTADT
1943 AUSCHWITZ
ERMORDET

Jenny Schendel, geb. Hartmann, kam am 8. April 1891 in Odolanow (Aldenau), preußische Provinz Posen, zur Welt. Sie war die zweite Frau von Albert Schendel. 1919 wurde die gemeinsame Tochter Gerda geboren. Jenny kümmerte sich liebevoll auch um die Kinder aus Alberts erster Ehe. Der Zweitgeborene Bruno starb bereits im Kindesalter, der Erstgeborene Hans nahm sich 1933 das Leben. Es blieben dem Ehepaar Schendel also nur noch die Töchter Dorothea und Gerda. Jenny Schendel wurde – zusammen mit ihrem Ehemann – am 4. November 1942 nach Theresienstadt deportiert. Von dort wurde sie am 23. Januar 1943, als sie schon Witwe war, weiter nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Bildvergrößerung: Stolperstein Gerda Schendel
Stolperstein Gerda Schendel
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
GERDA SCHENDEL
JG. 1919
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

Gerda Schendel wurde am 3. Juni 1919 in Hohensalza, preußische Provinz Posen geboren. Sie war die einzige gemeinsame Tochter von Alfred Schendel und seiner zweiten Frau Jenny, geb. Hartmann. Sie war eine talentierte Mode-Designerin.

Am 12. September 1939 schrieb sie ihren nach Neuseeland geflüchteten Verwandten eine Postkarte:

Postkarte Gerda Schendel
Postkarte Gerda Schendel
Bild: Merle und Oliver Newland

Gerda Schendel wurde am 19. Oktober 1942 nach Riga deportiert und dort am Tag der Ankunft – am 22. Oktober 1942 – ermordet.

Bildvergrößerung: Stolperstein Dorothea Schendel
Stolperstein Dorothea Schendel
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
DOROTHEA SCHENDEL
JG. 1913
FLUCHT 1939
NEUSEELAND

Dorothea Schendel, die 1913 in Hohensalza, preußische Provinz Posen, als drittes Kind aus erster Ehe von Albert Schendl mit Henriette Speter geboren wurde, besuchte in Bres-lau das „Pawelsche Lyzeum“ erlernte Stenographie und Schreibmaschine, sodass sie später in Berlin Sekretärin bei „Arthur Leyser’s Damenbekleidung“ wurde. Sie lebte damals bei ihren Eltern in der Grolmannstr. 20.

Mit Hilfe des aus Fürstenwalde stammenden Heinz Eisig, der 1937 nach Neuseeland geflüchtet war, gelang auch ihr die Flucht aus Deutschland. Die beiden kannten sich schon aus Fürstenwalde, wo Heinz Trainer im „Turnverein Eiche e. V.“ war, dem auch Dorothea angehörte. Er hatte bei der neuseeländischen Regierung Dorotheas Einreiserlaubnis erwirkt, die als Bedingung vorsah, dass die beiden binnen eines Monats nach Dorotheas Ankunft heirateten. Dorothea kam am 1. Juli 1939 in Neuseeland an – ein Rabbiner stand schon bereit – und sie heiratete Heiz Eisig am 3. Juli 1939. Dorothea bezeichnete diese Möglichkeit, ihr Leben zu retten, lebenslang als einen „Lotteriegewinn“.

Auch die Einreiserlaubnis von Heinz Eisig 1937 war von der neuseeländischen Regierung mit einer Bedingung verbunden, nämlich dass er als Landwirt zu arbeiten habe – obwohl er das nicht war. Heinz und Dorothea arbeiteten hart auf einer Farm in einem isolierten Gebiet unter sehr primitiven Lebensbedingungen – aber sie waren in Sicherheit!

Dorothea und Heinz bekamen die Tochter Merle, die am 18. Juli 1940 geboren wurde, und den Sohn Ronald George, der am 5. November 1945 das Licht der Welt erblickte. Merle heiratete später Oliver Newland, geboren als Oliver Neuländer am 11. Dezember 1939. Dessen Eltern waren in den 30ger Jahren ebenfalls aus Deutschland geflohen – aus Breslau nach Italien, Palästina, England und 1939 nach Neuseeland.

Fotos Familie Schendel
Fotos Familie Schendel
Bild: Merle und Oliver Newland

Heinz Eisig und seine Frau Dorothea, geb. Schendel, waren natürlich über das Schicksal ihrer in Deutschland verbliebenen Verwandten sehr besorgt. Ein Brief, den Dorothea 1964 einem Rechtsanwalt in Berlin geschrieben hat, gibt davon Zeugnis.
Merle Newland zitiert daraus:

Die schlimmste Zeit war während des Krieges. Es war Nerven beunruhigend, so lange nicht zu wissen, was mit der Familie in Deutschland passieren wird. Ich musste bis nach 1945 warten um zu hören, dass (ich) alle verloren habe:
1. Mein Vater Albert Schendel in Auschwitz (Anm.: tatsächlich in Theresienstadt)
2. Meine Mutter Jenny Schendel in Theresienstadt (Anm.: tatsächlich in Auschwitz)
3. Meine Schwester Gerda Schendel in Theresienstadt (Anm.: tatsächlich in Riga)
4. Mein Schwiegervater Georg Eisig in Auschwitz
5. Meine Schwiegermutter Frieda Eisig war so aufgeregt durch die Nazi-Regierung, dass sie Selbstmord verübte ungefähr 1936
6. Von meinem Vetter Herbert Simon und seiner Frau habe ich auch nie wieder gehört.
7. Von meiner Großmutter Emma Speter nie wieder gehört.
8. Meiner Tante Linscha Zuckerman und Familie nie wieder gehört.
9. Meiner Tante Selma Nelken und Familie nie wieder gehört.
10. Meiner Tante Paula Grun, welche in Berlin lebte, nie wieder gehört.

Heinz Eisig starb 1953 im Alter von 45 Jahren und hinterließ seine Frau Dorothea mit zwei kleinen Kindern – Merle und ihren Bruder Ronald George. Dorothea Eisig, geb. Schendel starb 1999 im Alter von 86 Jahren. Sie verfügte, dass auf ihrem Grabstein Albert, Jenny und Gerda Schendel genannt werden, weil sie keine eigenen Grabsteine haben.

Nun – 70 Jahre später – haben sie vor ihrem letzten Wohnsitz ihre eigenen Steine – Stolpersteine,

so Merle Newland bei der Verlegung.

Text: Merle und Oliver Newland mit Unterstützung von Gisela Morel-Tiemann

Brief Dorothea Schendel

Dorothea Schendel berichtete ihrer Tochter Merle über ihr Schicksal und das ihrer Familie während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft:

PDF-Dokument (1.3 MB)