Stolperstein Wexstraße 29

Bildvergrößerung: Hausansicht Wexstr. 29
Hausansicht Wexstr. 29
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Dieser Stolperstein wurde am 25.04.2018 verlegt.

Bildvergrößerung: Stolperstein Harry Mastbaum
Stolperstein Harry Mastbaum
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HARRY MASTBAUM
JG. 1925
KINDERTRANSPORT
FRANKREICH
INTERNIERT
BEAUNE-LA-ROLANDE
DEPORTIERT 5.8.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET 16.8.1942

Bildvergrößerung: Harry und David Mastbaum
Harry und David Mastbaum
Bild: Familienarchiv

Harry Mastbaum wurde am 22. Juli 1925 als Sohn von Chemje Mastbaum und seiner aus Erfurt stammenden Frau Ellen Pankow in Berlin geboren. Chemje Mastbaum war während des ersten Weltkrieges oder kurz danach aus einem Shtetl in Galizien nach Berlin gekommen.

Sie lebte in der Wexstraße 29 im hinteren Gartenhaus in der 1.Etage. Ein Jahr nach Harry kam sein Bruder David auf die Welt. Ellen Mastbaum handelte mit Damenhüten, Accessoirs und anderen Waren und zog von Marktplatz zu Marktplatz. Harry begleitete sie oft.

Der jüngere Bruder David war ein wildes Kind, vielleicht zu wild für die Familie, so dass es besser schien, ihn im jüdischen Kinderheim in der Fehrbelliner Straße 92 unterzubringen. David kam nur samstags nach Hause in die Wexstraße, wenn er es nicht vorzog in der Stadt herumzustromern. Es gibt eine Fotografie von den Brüdern Harry und David auf einer Postkarte. Auf der Rückseite haben die beiden Jungs Grüße an die Oma geschrieben. Es muss die Erfurter Großmutter gemeint gewesen sein, denn die galizische Oma haben die Brüder nie kennen gelernt.

Fotomontage Harry und David Mastbaum
Fotomontage Harry und David Mastbaum
Bild: Familienarchiv

Die Eltern waren einverstanden, dass ihre Söhne mit Kindertransporten gerettet würden. David kam so 1938 nach England. Harry aber, der ein leichtes Handicap hatte, bekam diese Chance nicht, denn es wurden nur gesunde jüdische Kinder nach England geholt. Harry schloss sich mit 14 oder 15 Jahren einer Gruppe an, die sich auf den Weg nach Palästina machte. Er kam bis nach Paris und wohnte ab dem 2. Juli 1940 in einem Jugendheim in der Rue de Vaugirard 379.

Es ist eine Fotomontage mit Harry und David erhalten. Der Vater muss sie um 1940 aus zwei existierenden Fotos angefertigt haben. Auf der Rückseite steht ein Text aus dem hervorgeht, dass er die Aufenthaltsorte seiner Söhne kannte. David in Glasgow und Harry in Paris.

Am 16. Juli 1942, kurz vor seinem 17. Geburtstag, wurde Harry in Paris verhaftet und in das Internierungslager Beaune-la-Rolande gebracht. Mit dem Transport Nr. 15 wurde er am 5. August 1942 nach Auschwitz deportiert. Nur wenige haben den tagelangen Transport und Auschwitz überlebt. Harry war nicht unter ihnen. Er wurde am 16.8.1942 ermordet. (S. „Endstation Auschwitz… „von Beate und Serge Klarsfeld).

Die Eltern haben überlebt. Die Mutter wurde durch ihre nichtjüdische Verwandtschaft geschützt. Der Vater hatte gute Freunde, die ihn die ganze Zeit versteckten und versorgten.

David, der heute in Kanada lebt, schrieb zur Stolpersteinverlegung:

Ich sitze jetzt schon lange vor dem Computer und weiß nicht was ich schrei-ben soll. Ich bin sprachlos. Ich hatte so eine Ehre für meinen Bruder nie erwartet. Ich kann nicht mehr weinen oder lachen, es ist alles schon so lange her.
Ein Memorial für meinen armen Bruder, der wohl sehr gelitten hatte in dem Viehwaggon, wo Männer, Frauen, Kinder und Babys so eng zusammen gedrängt wurden, so dass sich niemand bewegen konnte, nicht einmal sich hinsetzen. Es war eine 5 Tage Fahrt bis Auschwitz. Sie wussten aber zurzeit nicht, was ihnen bevorsteht. Von ihnen aber sind nur ein paar klägliche Menschen in Auschwitz angekommen und sofort ermordet worden. Mein Bruder hatte es nicht geschafft, hätte ihm auch nicht geholfen.
Dass eine so eine zivilisierte und kultivierte Gesellschaft das geduldet hat, ist eine unbeantwortliche Frage. Meine Trauer ist schon lang, meine Tränen sind schon lange aus getrocknet.
Trotzdem denke ich, dass ich durch die Setzung des Stolpersteines ein Frieden und ein Ziel habe, immer daran denken zu können, dass doch ein Fokus jetzt da sein wird, woran ich denken kann – und mein KADDISCH für seine Seele beten kann.

Text Susanne Besch, 25.04.2018

Literaturhinweis:
Beate und Serge Klarsfeld: „Endstation Auschwitz – Die Deportation deutscher und österreichischer jüdischer Kinder aus Frankreich – Ein Erinnerungsbuch“, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien, 2008 – Seite 168 ff