Stolpersteine Kurfürstendamm 47

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Hausansicht Kurfürstendamm 47
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine sind am 10.5.2016 verlegt worden. Sie wurden vom Hotel „Mondial“, dessen Eigentümer der Sozialverband Deutschland (SoVD) ist, mit seinem Geschäftsführer Christian von Rumohr gespendet. Daneben befindet sich das Restaurant „Redelsheimer“.
In diesem Haus in Berlin hatten Paul und Elsa Redelsheimer, die in Sacrow bei Potsdam wohnten, ihr Geschäft. Bei der Verlegung waren Suzanne Collet-Coppermann, die Erbin von Redelsheimers, und Jean-Franciois Collet (Frankreich) anwesend sowie die Redelsheimer-Biografin Eva Tanner-Gründahl, die in deren einstigem Haus in Sacrow wohnte.
Der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann, erläuterte in einer Ansprache das Mitwirken des Bezirks am Stolpersteine-Projekt, das unerlässlich für Erinnern und Gedenken sei und würdigte das Engagement der lokalen Initiative.

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Stolperstein Paul Redelsheimer
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER ARBEITETE
PAUL
REDELSHEIMER
JG. 1873
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 8.11.1942

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Stolperstein Elsa Redelsheimer
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER ARBEITETE
ELSA
REDELSHEIMER
GEB. DREIFUS
JG. 1879
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
1944 AUSSCHWITZ
ERMORDET

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Familie Redelsheimer
Bild: Familienarchiv

Paul Jakob Redelsheimer wurde am 12. Mai 1873 in Berlin geboren, besuchte hier die Schule, studierte Architektur, heiratete und ließ sich wieder scheiden. Bis auf sein Geburtsdatum lässt sich nichts davon belegen, da in Berlin ein Großteil aller Dokumente verbrannte, als die Stadt im Zweiten Weltkrieg in Flammen stand. Aber die Spuren seiner Arbeit lassen sich rekonstruieren. 1904 gründete er seine erste Firma „Paul Redelsheimer“ in der Französischen Straße 22-23, dort, wo heute das Kaufhaus LaFayette steht. Er spezialisierte sich auf Innenarchitektur und Innenausbau und firmierte 1912 unter derselben Adresse als „Möbelfabrik Paul Redelsheimer“.

Mit seinem beruflichen Erfolg nahm auch sein Privatleben eine glückliche Wendung. 1904 heiratete er in Ulm seine zweite Frau, Elsa Nördlinger, die sich für ihn scheiden ließ und ihre Tochter Martha mit in die Ehe brachte. Paul, Elsa und Martha wohnen in Berlin während der Woche und verbrachten die Wochenenden in ihrem Sommerhaus in Sacrow bei Potsdam.

Martha heiratete Paul Bernstein, der mit ihrem Vater zusammen arbeitete. 1925 wurde Lili, ihre Tochter, geboren. Die Bernsteins wohnten am Lietzensee. Die ganze Familie traf sich regelmäßig in Sacrow, wo sie noch ein weiteres Grundstück kauften und mit einem Bootshaus und einem Garagenhaus bebauten.
Pauls Aufträge führten ihn nach Bremerhaven und nach Cottbus, wo er im jeweiligen Stadttheater die Innenausstattung gestaltete, aber vor allem fanden seine Arbeiten auf dem Kurfürstendamm statt. Er übernahm die Innengestaltung beim damaligen ‘Union Palast’ und heutigen Apple Store, Kurfürstendamm 26, sowie beim ‘Cumberland-Haus‘, Kurfürstendamm 193/194. 1930 musste die ‘Möbelfabrik Paul Redelsheimer‘ im Zuge der Weltwirtschaftskrise ihre Tätigkeit einstellen. Im selben Jahr boten ihm die Geschäftsräume am Kurfürstendamm 47 einen Neubeginn als ‘Paul Redelsheimer & Co. Einrichtungshaus GmbH‘. Die Gesellschafter waren Elsa und Paul Redelsheimer, sein Schwiegersohn Paul Bernstein und Rechtsanwalt Beer. Um die “Herstellung von Wohnungseinrichtungen, Möbeln, Bauten und Bauaufträgen, An- und Verkauf von Einrichtungsgegenständen und die Ausführung verwandter Geschäfte“ kümmerten sich acht Angestellte.

Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 entschlossen sich Paul, Martha und Lili
Bernstein nach Frankreich auszuwandern und überlebten so den Holocaust. Am 8.
Juni 1938 wurde Paul Redelsheimer aus der Reichskammer der bildenden Künste
ausgeschlossen, seine Schaufensterscheiben wurden im September beschmiert und in der Reichspogromnacht am 9. November wurde das Geschäft verwüstet. Kurz danach mussten Redelsheimers ihre Geschäftsanteile ersatzlos abtreten. Nach der Verteilungsliste zu urteilen, waren es wahrscheinlich die arischen Angestellten, die in diesen Genuss kamen. Am 31.12.1938 wurde die Liquidation der Firma auf einer Gesellschafterversammlung beschlossen. Prof. C. Reiner (Raumgestalter) und C.J. Hacker (Kaufmann) waren die Liquidatoren, die ihren “Ariernachweis“ im Sinne der nationalsozialistischren Nürnberger Gesetze erbringen konnten. Die neue Firma am Kurfürstendamm 47 hieß nun “Reiner KG, Einrichtung in neuem Geist“.

Im Januar 1939 mussten die Redelsheimers ihr Sommerhaus in Sacrow für einen Spottpreis verkaufen. Die Kaufsumme ging auf ein Sperrkonto bei der Deutschen Bank und war für sie nicht mehr frei verfügbar. Elsa und Paul zogen in ihr Garagenhaus im Weinmeisterweg in Sacrow, sie ließen alle Möbel in ihrem Haus zurück. Ihre Ausreiseanträge nach Kuba und Belgien wurden abgelehnt.

Vor dem Tod kam der Hunger. Nachdem ihnen das Telefon, das Radio und alle Wertgegenstände genommen wurden, durften ihnen ab dem 12. September 1942 kein Fleisch, keine Eier, keine Milch, keine Weizenerzeugnisse über die Lebensmittelkarten zugeteilt werden. Da sie keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen durften, machte sich die Gestapo die Mühe, sie am 3. Oktober 1942 im Weinmeisterweg zu ihrer Deportation abzuholen. Beide wurden mit dem von den Nazis als 3. Alterstransport registrierten Sonderzug nach Theresienstadt deportiert. Viele Deportierte glauben, in Theresienstadt ihren Altersruhestand verbringen zu können.

Paul starb wenige Tage nach ihrer Ankunft, Elsa lebte noch zwei Jahre ohne ihren Mann im Lager. Am 16. Mai 1944 wurde sie zusammen mit 2 500 weiteren Menschen in einem Viehwaggon nach Auschwitz-Birkenau transportiert. Sie musste noch zwei Wochen warten, bis sie am 31.5.1944 ermordet wurde.

Text: Eva Tanner

Wie dem Melderegister von 1939 zu entnehmen ist, waren in diesem Haus Kurfürstendamm 47 ebenfalls registriert: Paul und Adelheid Cohn geb. Meyer, die am 12. August 1942 nach Riga deportiert wurden, Julius Meyer, der am 21. August 1943 in Berlin Selbstmord beging, sowie Hans und Olga Kantorowicz, die am 12. Januar 1943 nach Theresienstadt verschleppt wurden.

Zum Gedenken bei der Verlegung der Stolpersteine sagte Suzanne Collet-Coppermann, die Stieftochter von Paul und Elsa Redelsheimers Enkelin Lili Bernstein:

Das wesentliche, das ich ausdrücken will ist meine Dankbarkeit für diese Initiative hier, am Kurfürstendamm Stolpersteine auf den Namen von Elsa und Paul Redelsheimer einzusetzen. Unsere Dankbarkeit, weil außer uns beiden, meinem Mann Jean-François Collet und mir, noch zwei weitere Menschen mit uns in Gedanken hier sind: Pierre Bernstein, der junge Bruder von Lili, der seit 1940 in Brasilien in Sao Paulo lebt, und mein Bruder Ernest Coppermann, der wie wir in Paris lebt.
Als erstes geht unser Dank an Herrn von Ruhmor und an die ganze Direktion des Sozialverbandes Deutschland, die jetzt seit Jahren dieser Idee folgen: Wie kann man den Kurfürstendamm mit seiner Geschichte modernisieren und die mit starken Engagement alle Spuren der Geschichte, die hier an der Nummer 47 sich abspielte, gesucht haben.
Und dann muss ich auch dem Zufall danken. Lili Bernstein ist die einzige Enkeltochter von Paul und Else Redelsheimer. Sie hat ihre sehr geliebten Großeltern Anfang 1940 verlassen müssen, als sie mit ihrem Vater von Paris nach Brasilien geflohen ist. Ende des zweiten Weltkriegs hat ihr Vater nach den Redelsheimers gesucht. Lili, als sie älter war, hat auch versucht Nachrichten zu erhalten. Das einzige, was sie wusste, war, dass die Großeltern zuletzt in Sacrow waren, in dem Haus, wo sie so gerne als Kind mit ihnen war.
Von Brasilien ist Lili, als sie 20 wurde, nach New York gezogen und hat dort mehrere Jahre gelebt. Und 1955 hat sie in New York bei Freunden einen Mann getroffen, der in Berlin auch geboren war, obwohl er inzwischen französischer Bürger war. 1958 haben die beiden in New York geheiratet, Er war mein Vater, Lutz Coppermann, jetz Louis Coppée, der seit 1940 verwitwet war. Beide haben in Paris gelebt und sind dann nach Brüssel gezogen, wo er bei der Europäischen Kommission in der Verwaltung tätig war. Dort haben sie 40 Jahre gelebt, waren oft in Paris mit uns, mit unseren Kindern, denen meines Bruders, und unseren Kindern.
Lili hat aber uns gegenüber nie die Großeltern oder Sacrow erwähnt. Es war sicherlich viel zu schmerzhaft. Sie hat von der Schulzeit in Paris, von Sao Paulo, von Bruder Pierre viel erzählt, von Ihrer Mutter, aber nie von den Großeltern. Mit Ihrem Mann, sicherlich, aber nie uns gegenüber oder irgendjemand anderem in der Familie. Zur Zeit der Wende war mein Vater Louis schon sehr krank und nicht im Stande irgendetwas mit einer Wiedergutmachung anzufangen. 1993 ist er gestorben. Ein paar Jahre später haben Prämienjäger Lili große Angebote für die Suche nach der Erbschaft Ihrer Großeltern in der ehemaligen DDR gemacht. Gemeinsam mit Lili und meinem Bruder haben wir diese Angebote abgelehnt und einen Anwalt in Berlin beauftragt.
Ich habe damals etwas mit Lili darüber gearbeitet um die Dokumente die der Anwalt benötigte zusammen zu bringen.
Lili ist am 20 März 2000 bei uns in Paris gestorben. Wir mussten dann unter anderem weiter mit dem Anwalt in Berlin arbeiten und ich habe viel über Paul und Elsa Redelsheimer gelernt. Der Zufall ist etwas später in dieser Geschichte eingetreten. Im gleichen Jahr 2000 haben Eva Tanner und Peter Gründahl ein Haus in Sacrow gekauft und eine schöne Restauration angefangen. So fanden sie, schön versteckt hinter einer Scheuerleiste, ein Foto einer jungen Frau. Sie fingen an zu fragen: Wer ist, wer war sie und so haben sie die ganze Geschichte von Paul und Elsa Redelsheimer zu Licht und Leben gebracht.
Sie haben erfahren, daß die Enkeltochter, Lili Bernstein, höchstwahrscheinlich in London lebte, was nie der Fall gewesen ist. Eva hat, dank Internet, einen Brief an jeden Bernstein, der in London lebt, geschrieben.
Der Zufall war da. Sie hieß Paula Bernstein, die Nichte von Lili, die von Brasilien aus für ein paar Jahre nach London gezogen war und dort studiert und gearbeitet hat. Paula erhielt den Suchbrief. Sie wusste absolut nichts von Lilis Großeltern, aber schickte mir diese neue Korrespondenz.
So fing eine neue große Freundschaft mit Eva und eine interessante Zusammenarbeit an. Sie hat eine richtige historische Arbeit über Paul und Elsa Redelsheimer geführt. Ich konnte ihr einige Daten geben. Dank Eva haben wir alles erfahren über diese furchtbaren Jahre, die Paul und Elsa in Sacrow erlebt haben, aber auch über ihr Leben bis dann, mit Arbeit, Liebe und Familie.
Und jetzt sind wir sehr gerührt und froh, dabei zu sein wenn diese Stolpersteine eingesetzt werden und erinnern sollen, dass hier Menschen gelebt und gearbeitet haben.
Alle diese Leute sind nicht geboren, um Opfer zu sein, und wir sind ihnen nochmals so dankbar dafür, dass hier im ‘Redelsheimer’ man die Spur von einem außerordentlichen Tischler und Innendekorateur findet und auch Bilder von seiner Familie, von seinem Leben. Es ist ein Sieg gegen die geplante Vernichtung.
Lili wäre genau so befriedigt. Für all dies, nochmals unseren tiefsten Dank.

Suzanne Coppermann – Collet