Stolperstein Kaubstraße 9-10

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Hausansicht Kaubstr. 9-10
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Dieser Stolperstein wurde am 22.10.2015 verlegt.

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Stolperstein Nachum Bloch
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
NACHUM BLOCH
JG. 1892
UMZUG 1939
KOWNO
ERMORDET 1942
WILNA / VILNIUS

Nachum Bloch wurde 1892 – das genaue Datum ist unbekannt – in Pilvishki in Litauen geboren. Seine Eltern Shimon und Feiga Bloch besaßen dort eine große Textilfabrik. Nach der Hochzeit mit Frieda Bloch und der Geburt des Sohnes Samuel verließ Nachum Bloch und seine kleine Familie Mitte 1921 Litauen, um nach Berlin zu ziehen. Dort wollte er für die elterliche Firma und deren Produkte werben. Auf dem großen, den Blochs bereits gehörenden Gartengrundstück Kaubstraße 9 – 10 in Wilmersdorf ließ Nachum Bloch ein für damalige Verhältnisse üppiges Einfamilienhaus errichten, in dem 1927 sein zweiter Sohn Alexander Bloch zur Welt kam. Mitte der 20er Jahre verließen auch die Eltern Litauen und zogen in das Tiefgeschoss des repräsentativen Hauses in der Kaubstraße ein. Heute gehört das Haus dem Verein Alte Feuerwache e.V. Genutzt wird es seit über 30 Jahren von der „Jugendbildungsstätte Kaubstraße“, die Seminare zur politischen und kulturellen Bildung veranstaltet und internationale Jugend-Begegnungen organisiert.

Bis 1936 verlief das Leben der Blochs in der Kaubstraße im jüdisch-großbürgerlichen Rahmen. Sohn Alexander erinnerte sich 2014, mit 87 Jahren, so:

Wir hatten ein beschütztes Leben damals, das Leben einer gut situierten Familie. Wir Kinder wurden von unserem Kindermädchen betreut; die meisten Mahlzeiten nahmen wir getrennt von den Erwachsenen ein, außer am festlichen Freitagabend und in den Ferien. Meinen Vater sah ich nicht sehr häufig. Ich erinnere ihn als einen ruhigen, freundlichen Mann. Die wenigen Gelegenheiten, in denen wir zusammen Zeit verbrachten, sind mir noch in guter Erinnerung, etwa als er mich zum Eislaufen mitnahm. Das war eine richtige magische Winternacht. Oder wenn wir die Kaubstraße entlanggingen und meine Hand in seiner warmen Manteltasche verschwand.
Mein Vater widmete die meiste Zeit dem Geschäft; wenn er am frühen Abend nach Hause kam, mussten wir für den Rest des Abends absolut ruhig sein. Mehrmals in der Woche ging er zum Bridge-Spielen und manchmal brachte er uns eine kleine Sieg-Trophäe mit. Offenbar mochte er gerne klassische Musik, denn er und meine Mutter gingen gerne ins Konzert. Über seine Lesegewohnheiten weiß ich nicht viel. Als ich zwischen zwei und vier war, verbrachte die ganze Familie inklusive Kindermädchen im Sommer vier Wochen in Heringsdorf auf Usedom, mein Vater kam nur für zwei Wochen mit. Und als ich fünf und sechs Jahr alt war, schickten die Eltern mich und meinen Bruder ins Sommerlager.

An seine Mutter Frieda erinnert sich Alexander Bloch so:

Sie war die starke und dominante Person in der Familie. Sie liebte die Unterhaltung und das Reisen, und es war sie, die entschied, wohin es in den Ferien mit meinem Vater zu gehen hatte: Im Winter meistens in die Schweiz. Wir blieben dann mit dem Kindermädchen in Berlin zu Hause.

Frieda Bloch war es auch, die 1936 wegen der wachsenden antisemitischen Stimmung und den immer repressiver werdenden Nazi-Gesetzen entschied, Berlin und Deutschland zu verlassen und zusammen mit den Söhnen Samuel und Alexander nach Palästina zu gehen. Sie wählte Palästina, obwohl sie in den USA einen Bruder und eine Schwester hatte. Ihr Mann Nachum und dessen Vater Shimon blieben in Berlin. Nachum Bloch wollte sein Unternehmen, das zunehmend unter dem Aufstieg der Nazis litt, noch halbwegs vernünftig auflösen. Und sein Vater fühlte sich zum Ausreisen zu alt. Er starb 1939 in Berlin, wo er neben seiner Frau Feiga, die schon 1929 gestorben war, die letzte Ruhe fand.

Nachum Bloch bemühte sich später, Frau und Kindern zu folgen und ebenfalls nach Palästina auszureisen. Doch seine Bemühungen waren erfolglos. Im Frühjahr 1939, einige Monate vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, verließ er Berlin und kehrte nach Kowno/Kaunas in Litauen zurück. Denn er war immer noch litauischer Staatsbürger.
Obwohl die Sowjetunion Litauen im Oktober 1939 besetzte, konnte Nachum Bloch zunächst mit seiner Familie in Palästina lose in Kontakt bleiben. Alexander Bloch erinnert sich:

Wir bekamen Postkarten von meinem Vater, bis das Land 1942 von den Deutschen okkupiert wurde.

Danach gab es kein Lebenszeichen mehr von ihm.

Lange blieb das Schicksal von Nachum Bloch unbekannt. Erst durch ein „Testimony-Dokument“ aus dem Holocaust-Museum Yad Vashem in Jerusalem erfuhr Alexander Bloch, dass sein Vater 1943 im Ghetto Wilna/Vilnius ermordet wurde. Eine Nichte Nachum Blochs hatte sich als Zeugin gemeldet. Das genaue Datum und die Art seines Todes sind bis heute unbekannt geblieben.

Über das Leben der nach Palästina geflüchteten Mutter mit ihren beiden Söhnen berichtete später Alexander Bloch wie folgt:

Besonders in den ersten zehn Jahren war es sehr hart für meine Mutter, finanziell, aber auch sonst. Aber sie liebte klassische Musik und gleich nach unserer Ankunft unterschrieb sie beim Palestine Philharmonic, das gerade gegründet worden war. Später schlug sie sich mit kleinen Geschäften durch. Sie versuchte immer, gut angezogen zu sein, wenn sie sich mit Freunden im Cafe traf. Sie war sehr belesen und profitierte von fünf Fremdsprachen.

Alexander Bloch besuchte später mehrfach Deutschland und Berlin. Besonders freute es ihn, dass in seinem Geburtshaus in der Kaubstrasse heute Jugendliche über ihre Lebensperspektiven, über Demokratie, Rassismus, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit diskutieren.

Text: Alexander Bloch und Sönke Petersen

Bei der Verlegung des Stolpersteins hielt Peter Ogrzall, Geschäftsführer des Vereins Alte Feuerwehr e.V, der die Jugendbildungsstätte Kaubstraße betreibt, folgende Ansprache:

Wir können nicht wieder gut machen, was damals in der Zeit des Faschismus passiert ist. Aber wir können durch die Verlegung von Stolpersteinen und das Erinnern an das damalige Unrecht versuchen zu verhindern, dass solches Gedankengut erneut um sich greift. Leider wird diese Arbeit angesichts der zunehmenden rechtsradikalen Aktivitäten in unserem Land immer wichtiger.

Alexander Bloch, der nicht nach Berlin kommen konnte, hat ein paar Zeilen geschrieben und darum gebeten, sie vorzutragen:

Es ist eine große emotionale Herausforderung für mich, zu diesem Anlass das Wort zu ergreifen. Dieses Haus, vor dem heute der Stolperstein gelegt wird, ist das Haus, in dem ich 1927 geboren wurde und in dem ich die möglichst glücklichste Kindheit erlebte. Mit dem zur Machtkommen der Nazis und ihrem brutalen antisemitischen Vorgehen hat mein Vater die Fähigkeit verloren, dieses große Anwesen zu halten. Mein Vater hat dieses Haus 1923 gebaut in der Hoffnung, seine Familie viele Jahre in Frieden und Harmonie erleben zu können. So groß war sein Engagement für die Stadt, dass er sich weigerte, sie zu verlassen, selbst als die Verfolgung einsetzte und meine Mutter mich, meinen Bruder und sich selbst nach Palästina rettete. Er selbst flüchtete am Vorabend des Weltkrieges nach Litauen, wo er zusammen mit Tausenden anderer Juden durch die Nazi-Besatzer und ihrer Helfer ermordet wurde.
Ich bete dafür, dass dieser Stolperstein dazu beiträgt, Menschen daran zu erinnern, was passiert, wenn Hass, Extremismus und falsche Ideologie sich vereinen.