Stolpersteine Weimarer Straße 28

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Hausansicht Weimarer Str. 28
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

Diese von Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses gespendeten Stolpersteine sind am 9.8.2014 verlegt worden.

Der Stolperstein für Ernst Wasservogel wurde am 27.03.2015 verlegt.

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Stolperstein Walther Schuftan
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
WALTHER SCHUFTAN
JG. 1888
„SCHUTZHAFT“ 1938
SACHSENHAUSEN
DEPORTIERT 3.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Walther Schuftan wurde am 1. April 1888 in Forst in der Lausitz geboren. Die Mutter war Betty Schuftan, geb. Horwitz, geboren am 8. September 1860 in Koschmin (Kozmin), über den Vater ist nichts bekannt.

Er hatte zwei Geschwister: Arthur Schuftan, der mit Frau und Tochter deportiert wurde. Dessen Sohn Franz Ludwig Schuftan emigrierte in die USA und hat sich in John Louis Schaftan umbenannt. Die Tochter Elfriede Schuftan, verheiratet mit Erich Heinz Alexander, beide am 18. Oktober 1941 nach Lodz/Litzmannstadt deportiert, hatte zwei Kinder, die überlebten: Liselotte Herta Cannon, geboren am 7. September 1910, später wohnte sie in New York, und Heinz Alexander, geboren am 8. September 1915 in Berlin, später lebte er als Haim Alexander in Jerusalem.

1904 begann Walther Schuftan als kaufmännischer Lehrling bei der Maschinenbaufirma Orenstein & Koppel; 1919 bekleidete er dort eine höhere Position. Danach arbeitete er bei einer Förderungs-GmbH, einer Gründung oder Tochter der Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank). 1939 war er im Adressbuch als „Treuhänder“ ausgewiesen. Er war mit Erna Schuftan, geboren am 11. November 1890 in Allenstein als Erna Siberstein, verheiratet. Sie hatten zwei Töchter: Hildegard Lore, geboren am 31. August 1919, und Ursula Ilse, geboren am 21. Dezember 1923, und lebten im 1. Stock in der Weimarer Straße 28 in einer Fünfeinhalbzimmerwohnung für 140 RM Monatsmiete. Die Töchter durften nach Aussage von Großtante Erika Parrasch aufgrund der Rassengesetze nicht Medizin studieren, weshalb Hildegard als Kindergartenpraktikantin und Ursula als Kinder- und Säuglingspflegerin arbeitete. Beide Töchter wurden am 2. März 1943, einen Monat nach ihren Eltern, nach Auschwitz deportiert.

Weil ab 1933 keine Juden mehr zugelassen waren, wurde Walter Schuftan von der Förderungs-GmbH entlassen. 1938 wurde er unter dem Vorwand, in „Schutzhaft“ genommen zu werden, für einige Zeit im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt. Er musste dann bei der Lederwarenfabrik Fritz Möwes, Chausseestraße 82, als Hilfssattler Zwangsarbeit leisten. Die Familie versuchte 1942, offenbar erfolglos, noch aus Deutschland zu fliehen (es gibt eine Gestapo-Verfügung vom 1.1.1942). Am 3. Februar 1943 wurde Walther zusammen mit seiner Frau Erna in einem mit 952 Menschen besetzten, als 28. Osttransport bezeichneten Zug, überwiegend Viehwagen, vom Güterbahnhof Berlin-Moabit nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort umgebracht.

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Stolperstein Erna Schuftan
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ERNA SCHUFTAN
GEB. SILBERSTEIN
JG. 1890
DEPORTIERT 3.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Erna Schuftan wurde am 11. November 1890 in Allenstein als Erna Silberstein geboren. Sie war mit Walther Schuftan, geboren am 1. April 1888 in Forst in der Lausitz, verheiratet, mit dem sie zwei gemeinsame Kinder hatte: Hildegard Lore, geboren am. 31. August 1919, und Ursula Ilse, geboren am 21. Dezember 1923. Sie lebten im 1. Stock im Haus Weimarer Straße 28 in einer Fünfeinhalbzimmerwohnung für 140 RM Monatsmiete. Erna Schuftan war Hausfrau, ihr Ehemann bis zur Zwangsentlassung kaufmännischer Angestellter. Die Töchter durften nach Aussage von Großtante Erika Parrasch aufgrund der Rassengesetze nicht Medizin studieren, weshalb Hildegard als Kindergartenpraktikantin und Ursula als Kinder- und Säuglingspflegerin arbeitete. Beide Töchter wurden am 2. März 1943, einen Monat nach ihren Eltern, in einem als 32. Osttransport gekennzeichneten Zug mit 1 592 Menschen nach Auschwitz deportiert.
Erna Schuftan wurde am 3. Februar 1943 zusammen mit ihrem Mann Walther nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

Am Tag der Volkszählung (17.5.1939) waren Fritz Wasservogel, geboren am 22. Juni 1892 in Berlin, und Hildegard Wasservogel geb. Aron, geboren am 5. Januar 1900 in Breslau, als Untermieter bei Walther und Erna Schuftan gemeldet. Sie wurde am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert und am 7. März 1943 ermordet, er wurde einen Tag vor ihrem Tod am 6. März 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und umgebracht, das Datum ist nicht überliefert.

Recherchen, Text:
Michaele Kellerer

Quellen:
http://www.statistik-des-holocaust.de/OT28-28.jpg
http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1156444
http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=500214&language=en
http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=4132302&language=en
Aktenbestand der Entschädigungsbehörde Berlin
Brandenburgisches Landeshauptarchiv

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Stolperstein Ursula Schuftan
Bild: Hörmann

HIER WOHNTE
URSULA SCHUFTAN
JG. 1923
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Ursula Schuftan wurde am 21. Dezember 1923 in Berlin geboren. Sie war die Tochter von Erna und Walter Schuftan und hatte eine ältere Schwester Hildegard, die am 31. August 1919 in Berlin geboren war. Die Töchter müssen zunächst wohlbehalten in gut bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen sein, der Vater war in höherer Position bei der Firma Orenstein & Koppel, einem 1876 in Berlin gegründeten Maschinenbauunternehmen, und später bei einer Bank tätig, die Mutter war Hausfrau. Die Familie lebte in einer 51/2-Zimmerwohnung im 1. Stock mit allem Komfort für 140 Reichsmark Miete. Allerdings konnten beide Töchter nach Aussage einer Großtante aufgrund der nationalsozialistischen Rassegesetze nicht mehr Medizin studieren. Ursula hat daher als Kinder- und Babypflegerin und Hildegard als Kindergartenpraktikantin gearbeitet. Hildegard ist in die Leibnizstrasse 4 gezogen und heiratete am 11. Dezember.1941 Manfred Lustig. Ursula blieb ledig.

Aus der Vermögenserklärung des Vaters vom 1. Februar 1943 geht hervor, dass nun wieder beide Töchter im gemeinsamen Haushalt lebten und beide bei der Firma Osram in der Helmholtzstrasse beschäftigt waren, was auf Zwangsarbeit hindeutet. Ursula hat 23 RM und Hildegard hat 21 RM als Wochenlohn erhalten. Am 2. März 1943 wurden die beiden Schwestern Ursula und Hildegard, einen Monat nach ihren Eltern, aus der Weimarer Straße 28 nach Auschwitz deportiert. In diesem von der Gestapo als 32. Transport registrierten Zug, der vom Bahnhof Grunewald abging, waren auch ihre Cousine Hildegard und ihr Cousin Hans aus der Lindenallee in Westend. Der jüdische Ehemann von Hildegard war einen Tag vorher mit dem als 31. Transport bezeichneten Zug, ebenfalls ab Grunewald, nach Auschwitz deportiert worden.

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Stolperstein Else Buker
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ELSE BUKER
GEB. HIRSCHLAFF
JG. 1884
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD 7.3.1943

Else Buker wurde am 15. Juni 1884 als Else Hirschlaff in Schönfließ (Ostpreußen) geboren. Sie war mit dem Kaufmann Max Buker, der nach nationalsozialistischer Rasseneinteilung kein Jude, sondern Arier war, verheiratet und wohnte mit ihm und seiner Stieftochter Erna Gronemann nachweisbar von 1938 bis 1943 im 2. Stock. Else Buker und Erna Gronemann wurden am 5. März 1943 in die Synagoge in der Levetzowstrasse in Moabit, ein für Berliner Juden eingerichtetes Sammellager, gebracht. Von dort aus wurden die beiden Frauen am gleichen Tag mit einer Schlafmittelvergiftung in das Jüdische Krankenhaus in der Iranischen Straße im Wedding eingeliefert, wo Else Buker am 7. März 1943 gegen 12:30 Uhr starb. Aus dem Bericht der Kriminalpolizei zu dem „Selbstmord durch Einnahme von Schlafmitteltabletten“ geht hervor, dass in der Wohnung Weimarer Straße 28 mehrere Röhrchen Veronal und Simbadorn-Tabletten gefunden wurden, jedoch kein Abschiedsbrief. Nicht geklärt werden konnte, ob Else Buker die Tabletten in der Wohnung oder erst später im Sammellager eingenommen hat, aber vermutet wurde: „Der Grund dürfte in Angst vor Evakuierung zu suchen sein.“ Der Begriff „Evakuierung“ wurde damals von den Behörden beschönigend für „Deportation“ verwendet.

Bildvergrößerung: Grab von Else Buker und Erna Gronemann auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, 10. August 2014
Grab von Else Buker und Erna Gronemann auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, 10. August 2014
Bild: Ulrike Hörmann

Else Buker und Erna Gronemann, die bereits am 6. März 1943 an den Folgen der Schafmittelvergiftung starb, wurden gemeinsam am 17. März 1943 auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee begraben. Die Bestattungen wurden von Max Buker, dem Ehemann von Else und Stiefvater von Erna, veranlasst.

Die Schätzung vom 7. Juli 1943 über Inventar und Bewertung des Obergerichtsvollziehers Simon aus Neukölln, Wildenbruchstraße 5, war aus der Sicht der NS-Behörden „ohne Erfolg“, weil die Wohnung und Einrichtung Max Buker gehörten. Da er Arier war, erfolgte keine Räumung der Wohnung, in der Max Buker bis 1953 lebte.

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Stolperstein Erna Gronemann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ERNA GRONEMANN
JG. 1910
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
6.3.1943

Erna Gronemann wurde am 7. Oktober 1910 in Dramburg (Pommern) geboren. Am Tag der Volkszählung (17.5.1939) lebte sie in der Weimarer Straße 28 im 2. Obergeschoss gemeinsam mit Else und Max Buker. Am 5. März 1943 wurden Erna und Else „zwecks Evakuierung“ in die Synagoge in der Levetzowstraße gebracht, wo Erna gemäß Bericht der Kriminalinspektion Mitte – III. Kommissariat -“ungesehen Tabletten zu sich genommen“ hat und daher in das jüdische Krankenhaus in der Iranischen Strasse gebracht wurde. Erna starb dort an den „Folgen der Vergiftung“ am 6. März 1943 gegen 03:45 Uhr.

Else Buker und Erna Gronemann wurden gemeinsam am 17. März 1943 auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee begraben. Die Bestattungen wurden von Max Buker, dem Ehemann von Else und Stiefvater von Erna, veranlasst.
Das Vermögen von Erna Gronemann wurde am 9. April 1943 eingezogen. Die Räumung der Wohnung blieb aber „ohne Erfolg“, wie amtlich notiert wurde, da die Wohnung und Einrichtung dem arischen Stiefvater Max Buker gehörten.

Das Verwandtschaftsverhältnis innerhalb der Familie Else und Max Buker und Erna Gronemann konnte nicht abschließend geklärt werden. Ebenso ist offen, ob es eine verwandtschaftliche Beziehung zu der Familie Meta und Max Gronemann im Horstweg 38 in Charlottenburg – Meta Gronemann wurde ebenfalls in Dramburg (Pommern) geboren – gab oder nur eine zufällige Gleichheit des Nachnamens und des Geburtsortes bestand.

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Stolperstein Hildegard Wasservogel
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
HILDEGARD
WASSERVOGEL
GEB. ARON
JG. 1900
DEPORTIERT 1.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 7.3.1943

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Stolperstein Fritz Wasservogel
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
FRITZ
WASSERVOGEL
JG.1892
DEPORTIERT 6.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Bildvergrößerung: Stolperstein Ernst Wasservogel
Stolperstein Ernst Wasservogel
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ERNST
WASSERVOGEL
JG. 1928
KINDERTRANSPORT 1939
ENGLAND

Bildvergrößerung: Suchanzeige
Suchanzeige von Lieselotte Spitzer
Bild: Zeitung „Aufbau“

Hildegard Wasservogel, geb. Aron, wurde am 5. Januar 1900 in Breslau geboren. Die Eltern Else, geb. Königsberger, und Georg Aron hatten wahrscheinlich zwei weitere Töchter. Eine Schwester, Lieselotte Spitzer, geb. Aron, die bereits frühzeitig ausgewandert war, hat im März 1946 Hildegard und ihren Mann per Anzeige in der Zeitung „Aufbau“ gesucht (s. Abb.).

Bildvergrößerung: Toni Wasservogel
Toni Wasservogel
Bild: aus: „Frauen in der Gesellschaft – Frauen in der Allianz“, Internetfassung).

Fritz Wasservogel und seine Zwillingsschwester Toni wurden am 22. Juni 1892 in Berlin-Kreuzberg geboren, ihre Eltern waren Emmy und Emanuel Wasservogel. Da der Vater im Alter von 52 Jahren im Mai 1902 starb, wurden die Zwillinge aufgrund finanzieller Schwierigkeiten in Waisenhäuser gegeben, wobei aber weiter ein enger Kontakt untereinander und mit der Mutter bestand.
In einem evangelischen Waisenhaus lernte Toni fließend Englisch und Französisch, Kurzschrift, Schreibmaschine und wurde liberal erzogen. Bedingt durch diese gute Ausbildung konnte sie als eine der ersten weiblichen Angestellten bei der Allianz bzw. ihrer Tochtergesellschaft, der Union Hagel, eine Anstellung finden (s. Abb. aus: „Frauen in der Gesellschaft – Frauen in der Allianz“, Internetfassung).
Fritz kam dagegen in ein jüdisches Waisenhaus, evtl. war es das Auerbachsche Waisenhaus in der Schönhauser Allee. Er mochte Schach und Sport und erhielt eine klassische Ausbildung, wozu auch Griechisch und Latein gehörten. Nach dem Besuch eines Realgymnasiums oder Gymnasiums, mindestens bis zum Einjährigen (laut Auskunft des Sohnes), also zur Mittleren Reife, machte Fritz eine Ausbildung bei der Dresdner Bank und war anschließend, unterbrochen von seiner Zeit bei der Marine im Ersten Weltkrieg, bis 1937 dort tätig, zuletzt als Abteilungsdirektor.

Das Hochzeitsdatum von Hildegard und Fritz Wasservogel ist nicht bekannt, aber am 30. Juli 1928 wurde ihr Sohn Ernst in Berlin geboren. Die Familie hat damals bereits in der Bundesallee 5 (heute Länderallee) in Westend in einer von dem jüdischen Architekten Artur Korn 1924 für sie errichteten Villa, die 1970 abgerissen wurde, gelebt. Fritz’s Schwester Toni und ihre Familie sowie die Mutter Emmy müssen zumindest zeitweise auch hier gewohnt haben.

Anfang der 1930er Jahre kam die wohlhabende Familie Wasservogel aus nicht geklärten Gründen in große wirtschaftliche Schwierigkeiten, so bestand seit April 1931 eine Sicherungsübereignung des Mobiliars an die Dresdener Bank, später leistete Fritz „… aufgrund völliger Vermögenslosigkeit den Offenbarungseid…. “. Außerdem wurde Fritz Wasservogel am 1. Juli 1937 von der Dresdner Bank in den Ruhestand versetzt, da er als Jude nicht mehr beschäftigt werden konnte.
Die Dresdner Bank erklärte 1937, dass sie sich für die Schuld ihres früheren Direktors nur mit der Weiterhaftung seines Grundbesitzes begnügt, hat aber seine Pension, die sie bis März 1939 weiterzahlte, von 425 RM auf 325 RM herabgesetzt. Da Fritz Wasservogel mit seiner Familie auswandern wollte, hat er zusätzlich eine Abfindung von 3000 RM von der Bank erhalten.
Nach dem Verkauf des Grundstücks Bundesallee 5 im August 1939 erhielt die Dresdener Bank 27000 RM, so dass eine Restschuld von 99000 RM, mit deren Verlust sich die Bank abgefunden hat, verblieb. Das Mobiliar der Familie Wasservogel war aufgrund dieser Regelung somit nicht betroffen.

Bedingt durch die finanziellen Einschränkungen sind Hildegard, Fritz und Ernst Wasservogel Mitte der 1930er Jahre in die Johann-Sigismund-Strasse 2 in Berlin-Halensee in eine elegant eingerichtete 4-Zimmerwohnung gezogen. Von dort aus konnte Ernst Wasservogel mit seinem Kinderausweis vom 18.3.1939 über den Hamburger Hafen am 21.3.1939 nach England geschickt werden, so wurde seine Leben gerettet. Unmittelbar danach zogen die Eltern in das Haus Weimarer Strasse 28 um, das seit 1938 dem in Rom lebenden Prinzen Obeid Ullach von Afghanistan gehörte. Sie waren hier am Tag der Volkszählung (17. Mai 1939) als Untermieter in einem Zimmer bei der Familie Schuftan im Vorderhaus im 1. Stock gemeldet. Ab Juni 1941 wohnten Hildegard und Fritz bei Hugo Israel Schlesinger, ebenfalls Jude, in einem Zimmer in der Schlüterstraße 63 im Vorderhaus, 2. Stock. Am 27. Februar 1943 musste Hildegard hier ihre Vermögenserklärung (Einzug des Vermögens durch das Deutsche Reich) unterschreiben und wurde dann ins Gefängnis gebracht. Am 1. März 1943 wurde sie mit dem von den NS-Behörden als 31. Osttransport eingruppierten Zug vom Bahnhof Grunewald nach Auschwitz deportiert.

Fritz war zuletzt als Zwangsarbeiter bei der Otto Wulf AG, Volkmarstraße 17 in Berlin-Tempelhof, für 28 RM/Woche beschäftigt. Sein Vermögen wurde am 1. Februar 1943 eingezogen, die Zustellungsurkunde vom 6. März 1943 wurde ihm in der Sammelstelle Große Hamburger Straße 26 in Berlin-Mitte am Tag seiner Deportation nach Auschwitz mit dem so bezeichneten 35. Osttransport, ebenfalls vom Bahnhof Grunewald, übergeben. Der Todestag von Fritz Wasservogel ist nicht bekannt.

Der in England zumeist in Kinderheimen aufwachsende Sohn Ernst hat sich vermutlich zwischen 1944 und 1948 mit Lungentuberkulose angesteckt. Er war deswegen immer wieder in ärztlicher Behandlung und nicht arbeitsfähig. Im Februar 1948 erhielt Ernst ein Schreiben von Max Buker aus der Weimarer Strasse 28 (s. o. bei Else Buker und Erna Gronemann) mit Informationen zum Lebensweg seiner Eltern nach seiner Flucht und dem von Max Buker für ihn aufbewahrten Abschiedsbrief der Eltern vom 31. Mai 1942 (s. Abb.):

Bildvergrößerung: Brief der Eltern Wasservgel an ihren Sohn Ernst
Brief der Eltern Wasservgel an ihren Sohn Ernst
Bild: Landesarchiv
  • „Lieber Ernst!
    Wenn Du diese Zeilen bekommst, so hat sich leider unser innigster Wunsch nicht mehr erfüllt, dass wir Dich wieder in unsere Arme schließen können. Sei deshalb nicht traurig. Wir haben unser Geschick auf uns nehmen müssen und haben den Kopf oben behalten. Unsere größte Freude war es, dass wir Dich außer aller Gefahr in guten Händen wussten. Dafür sind wir dem lieben Gott dankbar. Er hat es nun mit uns anders beschlossen. Wir gehen hoch erhobenen Hauptes den schweren Leidensweg und Du kannst stolz von Deinen Eltern sprechen, die immer das Beste gewollt und getan haben. Denk in Zukunft immer an uns, werde ein aufrechter guter Mensch. All unsere Wünsche begleiten Dich auf Deinem ferneren Lebensweg.
    Behalte immer die Fühlung mit Tante Lieselotte.
    Adresse: Jerusalem, Ababamelstr. 4.
    Wir umarmen Dich in Gedanken und küssen Dich innigst
    Deine getreuen Eltern
    Berlin, den 31. Mai 1942. „

Ernst studierte in London erst Physik (ohne Abschluss), wechselte dann später zur Psychologie. Um sein Studium zu finanzieren, musste er tagsüber immer arbeiten und hatte daher und wegen seiner gesundheitlichen Probleme Schwierigkeiten, sein Studium abzuschließen. Er hat am 15. April 1961 seinen Namen geändert zu Ernest Weldon. Er war mit Pauline, geboren 1935 in den Niederlanden, als Pauline Jeffrey verheiratet.

Gemäß den Informationen der verschiedenen Schreiben der Oberfinanzdirektion (OFD), Wiedergutmachungsämter Berlin und Rechtsanwälten wurden von ihm Rückerstattungsansprüche für den Verlust eines Lifts mit Möbeln der 4-Zimmerwohnung in der Johann-Sigismund-Strasse 2 und der Abgabe von Juwelen, Wertsachen, Silber der Eltern angemeldet. Nachweise, Zeugenaussagen und andere Belege waren zum Teil schwer nachvollziehbar. Nach vielen, vielen Schreiben und sehr langen Auseinandersetzungen insbesondere über die Wohnungseinrichtung aus der Johann-Sigismund-Strasse 2 erklärte sich die OFD Berlin am 25. Juli 1979 bereit, als Schadensersatz für entzogene Gegenstände – Hausrat, sog. Letzte Habe, Edelmetall, Schmuck – von Hildegard und Fritz Wasservogel 5000 DM an Ernst Wasservogel zu zahlen. Mit Beschluss des Wiedergutmachungsamtes vom 4. September 1979 erhielt Ernst Wasservogel, 29, Studholme Court, London N.W. 3, England, das Geld.

Am 9. Januar 1995 ist Ernst Wasservogel in London gestorben.

Die Schwester Fritz Wasservogels Toni hat Hermann Brichta geheiratet. Ihr Sohn Franz wurde am 7. Oktober 1928 geboren. Toni Wasservogel ist mit ihrer Familie 1938 nach Prag umgezogen. Alle drei wurden 1943 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert, wo die Eltern beide im Oktober 1944 ums Leben gekommen sind. Der Sohn Franz überlebte den Holocaust, er hat sich in Frank Bright umbenannt und lebte in Canada und London, jetzt wohnt er in Ipswich, England.

Recherchen und Text:
BewohnerInnen des Hauses Weimarer Straße 28

Quellen: Berliner Adress- und Telefonbücher im Landesarchiv Berlin und im Museum für Kommunikation, Aktenbestand im Landesarchiv Berlin, in der Entschädigungsbehörde Berlin und im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, Das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945) online, Information vom Jüdischen Friedhof, http://www.holocaustresearchproject.org/, „Frauen in der Gesellschaft – Frauen in der Allianz“, Internetfassung