Stolpersteine Kirschenallee 5

Link zu: Hausansicht Kirschenallee 5, Foto:H.-J. Hupka
Hausansicht Kirschenallee 5, Foto:H.-J. Hupka
Bild: H.-J. Hupka

Diese Stolpersteine sind am 9.8.2014 verlegt worden. Bei dem Gedenken waren der Enkel Peter Evans (London) sowie Studierende und zahlreiche Interessierte anwesend. Gespendet wurden die beiden Stolpersteine von einer Gruppe Studierender der Humboldt-Universität und der Freien Universität (Helen Wagner, Marian Spode-Lebenheim, Anne Vitten, Alexander Valerius und Wiebke Zeil), die den Betrag mit Crowdfunding gesammelt haben.
Es besteht der Wunsch der Nachkommen, für die drei überlebenden Töchter später ebenfalls Stolpersteine zu verlegen.

Link zu: Stolperstein Eugen Vandewart, Foto:H.-J. Hupka
Stolperstein Eugen Vandewart, Foto:H.-J. Hupka
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
EUGEN VANDEWART
JG. 1885
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
10.11.1941

Link zu: Stolperstein Anna Vandewart, Foto:H.-J. Hupka
Stolperstein Anna Vandewart, Foto:H.-J. Hupka
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ANNA VANDEWART
JG. 1885
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
10.11.1941

Eugen Vandewart , geboren am 21. September 1885 in Nürnberg, und seine Frau Anna Vandewart , geb. Marcus, geboren am 28. Dezember 1885 in Ansbach, lebten mit ihren drei Töchtern Eva, Marie und Gertrude in einer recht großzügigen Wohnung im 4. Stock in der Kirschenallee 5 im Berliner Stadtteil Westend. Die jüdische Religion, welcher sie formell angehörten, spielte im Leben der Vandewarts kaum eine Rolle. Eugen und Anna, beide aus traditionell jüdischen Familien stammend, teilten vielmehr den Glauben an die Wissenschaft und erzogen ihre Kinder nach humanistischen Idealen. Als Marineingenieur bei Siemens verdiente Eugen ausreichend, um den Kindern eine musikalische Erziehung, Gymnastikstunden und ähnliches zu finanzieren.

Die Vandewarts waren Teil einer aufgeklärten jüdischen Mittelschicht, die sich in erster Linie als Deutsche verstand und lange Zeit glaubte, dass die Nationalsozialist_innen mit ihrer antisemitischen und rassistischen Politik nur eine Phase seien, die wieder vorübergehen würde. Erst die Pogromnacht am 9. November 1938 ließ Eugen Vandewart mit aller Härte erkennen, dass es mit dem Deutschland wie er es kannte, längst vorbei war. Am folgenden Tag, dem Geburtstag der ältesten Tochter Marie, wurde er von der Geheimen Staatspolizei „abgeholt“ und in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Die Familie erhielt über mehrere Wochen keine Information über seinen Verbleib.

Gertrude, die jüngste der drei Töchter, die trotz der antijüdischen Gesetze weiterhin die Hochschule für Musik besuchte, wurde zwangsexmatrikuliert. Binnen weniger Tage war das Leben der Familie, wie sie es, der zunehmenden politischen Radikalisierung zum Trotz, versuchten aufrechtzuerhalten, zerbrochen. Nach seiner Rückkehr aus Sachsenhausen wurde Eugen als Zwangsarbeiter in Siemensstadt verpflichtet. Angesichts der sich drastisch verschlechternden Lage begann nun die Vorbereitung der Emigration der Töchter. Das Ehepaar selbst würde in Berlin bleiben, da es für Eugen aufgrund seiner ehemaligen Stellung als leitender Marineingenieur, der sich mit der Konstruktion von U-Booten beschäftigte, keine Möglichkeit mehr gegeben hätte, das Land zu verlassen. Erste Kontakte nach England wurden über den späteren Ehemann der Tochter Marie hergestellt, der bereits selbst hatte flüchten können. So erhielten die Schwestern ihre Arbeitserlaubnis, inzwischen die einzige Möglichkeit, in England aufgenommen zu werden. Im Juli 1939 reisten die drei Töchter nach England aus, ohne zu wissen, ob und wann sie ihre Eltern je wiedersehen würden.

Als im Oktober 1941 schließlich die ersten, von den Nazis als Jüd_innen kategorisierten Personen aus Deutschland in Richtung Osten deportiert wurden, sahen sich auch Eugen und Anna zunehmend mit diesem grausamen Schicksal konfrontiert. Anfang November erhielten auch sie Deportationsbescheide. Wie viele andere sahen die Vandewarts im Freitod die einzig verbliebene Möglichkeit, ihre von den Nationalsozialisten und deren Rassenpolitik stückweise genommene Würde zu wahren, sich ihnen nicht zu fügen. Das ihnen bevorstehende Schicksal ins Auge fassend, entschieden Eugen und Anna Vandewart am 10. November 1941 sich gemeinsam in ihrer Wohnung das Leben zu nehmen.

Von dem Tod der Eltern erfuhren die Kinder, nun über den gesamten Globus verteilt, vom Roten Kreuz. Der von den Eltern verfasste, an sie gerichtete Abschiedsbrief blieb ihnen jedoch vorenthalten. Worte des Trosts, der Hoffnung und Liebe verhallten in der Ferne. Die Kriminalpolizei vermerkte lediglich, dass es keine im Inland lebenden Verwandten gäbe und die Akte wurde somit geschlossen. Eugen und Anna wurden gemeinsam auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee bestattet.

Text: Wiebke Zeil (Berlin)

Siehe auch diesen Artikel im Tagesspiegel vom 9.8.2014: Odyssee eines Abschiedsbriefes