Stolpersteine Pariser Straße 11

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Hausansicht Pariser Str. 11
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

Diese Stolpersteine wurden am 22.6.2014 verlegt.

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Stadtplan des Karrees
Bild: Familie Manasse, Monaco

Die 3 Stolpersteine für die Familie Riese wurden gestiftet von der Familie des Großneffen Donald Manasse aus Monaco und am 22. Juni 2014 zusammen mit 84 weiteren Steinen im Viertel verlegt.
Es wurde so ein mehrjähriges Projekt im Kiez vervollständigt, bei dem insgesamt 180 Steine verlegt wurden im Karrée vom Ludwigkirchplatz, über Uhlandstraße, Ludwigkirchstraße, Fasanenstraße und -platz und Pariser Straße.

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Einladung
Bild: Familie Manasse, Monaco

Alle Steine wurden von Anwohnern oder von Angehörigen und Überlebenden gestiftet. Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit, wir finden immer noch neue Opfer der Deportationen.

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Stolperstein Georg Zacharias
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
GEORG ZACHARIAS
JG. 1880
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Georg Zacharias wurde am 9. Juni 1880 in Garnsee (Westpreußen) geboren.
Auch seine Geschwister Kurt, Edith und Elsbeth kamen dort zur Welt. Die Eltern waren der Kreiswundarzt Dr. Siegfried Zacharias und seine Ehefrau Henriette, geb. Hirschberg. Henriette Hirschberg war die Schwester von Nanny Krombach. Diese lebte zusammen mit Georg, Edith und Elsbeth bis zur Deportation zusammen in einer Wohnung in der Pariser Straße 11. Nach dem Tod von Siegfried Zacharias verlegte die Mutter den Wohnsitz nach Marienwerder, wo die Kinder die Schule besuchten. 1900 zog die Familie nach Berlin-Charlottenburg.

Georg bekleidete nach seiner Ausbildung die Stellung eines Beamten der Deutschen Bank in der Zentrale Mauerstraße. Die Schwestern Edith und Elsbeth wurden im Lette-Haus zu kaufmännischen Sekretärinnen ausgebildet. Edith war bei der Firma Rawack & Gruenfeld in der Hardenbergstraße beschäftigt.
Der Bruder Kurt wurde Arzt und betrieb inBerlin – Neukölln eine Arztpraxis. Er verließ 1938 nach dem Verlust seiner Praxis zusammen mit seiner Frau Else Deutschland und lebte in Paris, wo er versuchte die Einbürgerung zu erlangen. Mitte der 1950er Jahre praktizierte er wieder als Arzt in Pirmasens.

Georg und seine Schwestern Edith und Elsbeth blieben unverheiratet und leben zusammen mit ihrer Mutter Henriette bis zu deren Tod 1935, danach mit ihrer Tante Nanny Krombach in einem Haushalt, zunächst in der Knesebeckstraße 46/47. 1939 wurden sie gezwungen die Wohnung aufzugeben und zogen in die Pariser Str. 11. In der großen Wohnung in der Knesebeckstraße hatten sie in relativem Wohlstand gelebt und eine Hausangestellte beschäftigt.

Georg brauchte die Demütigung, seine Berufstätigkeit durch einen Erlass zu verlieren, nicht zu ertragen. Er hatte schon zuvor die Altersgrenze erreicht, um in den Ruhestand zu treten. Seine Schwestern hingegen verloren ihre Stellungen. So lebten sie alle in der Pariser Straße 11 in einer Art familiärer Notgemeinschaft. Nanny Krombach trug Verantwortung für ihre verwaisten Enkelkinder und erfuhr insbesondere von Georg große Unterstützung. Nachdem Nannys Enkelkinder Ruth und Heinz 1939 nach Palästina auswandern konnten, schrieb Georg folgenden Brief an Ruth:


Liebe Ruth, Es ist beinahe nicht zu glauben, dass Ihr schon übermorgen 4 Wochen fort seid. Über Eure so fleissigen Nachrichten haben wir uns riesig gefreut, besonders deine Oma, die immer gleich viel glücklicher drein schaut, wenn sie Eure Nachrichten bekommt. Und darum könnt ihr sie garnicht genug in dieser Beziehung verwöhnen, wenn ich auch verstehen kann, wenn Ihr noch an Andre schreiben wollt……Hoffentlich klappt eure Möbelsache nun doch noch; es war eine wenig angenehme Unterhaltung, die ich deshalb mit einem der Herren auf der Dev.-Stelle führen musste. Ich kämpfte zwar wie ein Löwe, zunächst aber vergeblich…… Heini scheint ja schon ganz zu Hause drüben zu sein, woran ich übrigens keinen Augenblick gezweifelt habe. Dass es Dir dagegen nicht immer in der ersten Zeit so leicht sein wird, Dich einzuleben und dich mit dem gegebenen abzufinden, kann ich auch verstehen. Und trotzdem wirst du sicher sehr bald mit nichts und Niemandem hier tauschen wollen! …….. Nun haben wir auch endlich nach heissem Bemühen eine Wohnung u. zwar in der Pariserstr. 11 vorn II.Tr. (Berlin W.15), die zwar nur 3 Zimmer, dafür aber Heizung, jedoch leider kein Warmwasser u. keinerlei Nebengelass hat. Es blieb uns eben keine andere Wahl u. wir müssen noch froh sein, überhaupt unterzukommen. Du weißt ja Bescheid!…..
Alles Gute und Schöne und herzl. Grüße!
Onkel Georg

Bildvergrößerung: Vorne Nanny Krombach, Kurt, Else und Georg Zacharias. Dahinter Nanny Krombachs Enkel Heinz und Ruth Ginsburg im Jüdischen Landschulheim in Caputh.Heinz Ginsburg feierte dort seine Bar Mizwa.
Vorne Nanny Krombach, Kurt, Else und Georg Zacharias. Dahinter Nanny Krombachs Enkel Heinz und Ruth Ginsburg im Jüdischen Landschulheim in Caputh.Heinz Ginsburg feierte dort seine Bar Mizwa.
Bild: Familienarchiv

Über die letzten Jahre in der Pariser Straße 11, die Georg Zacharias mit seinen Schwestern und Nanny Krombach verbrachte, ist wenig bekannt.
Die Geschwister Zacharias wurden am 15. August 1942 nach Riga deportiert und dort drei Tage später ermordet.

Recherche und Text: Karin Sievert. Quellen: Bundesarchiv Gedenkbuch.
Entschädigungsamt Berlin, Landeshauptarchiv Potsdam, Briefe und Fotos von Daniel Bachrach.

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Stolperstein Edith Gertrud Zacharias
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
EDITH GERTRUD
ZACHARIAS
JG.1887
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Edith Zacharias wurde am 17. August 1887 in Garnsee, Kreis Marienwerder (Westpreußen) geboren. Auch ihre Brüder Kurt und Georg wie auch ihre Schwester Elsbeth kamen in Garnsee zur Welt. Die Eltern waren der Kreiswundarzt Dr. Siegfried Zacharias und seine Ehefrau Henriette, geb. Hirschberg. Henriette Hirschberg war die Schwester von Nanny Krombach. Diese lebte zusammen mit Georg, Edith und Elsbeth bis zur Deportation zusammen in einer Wohnung in der Pariser Straße 11.

Nach dem Tod von Siegfried Zacharias verlegte die Mutter den Wohnsitz nach Marienwerder, wo die Kinder die Schule besuchten. 1900 zog die Familie nach Berlin-Charlottenburg.

Die Schwestern Edith und Elsbeth besuchten das Lette-Haus und wurden kaufmännische Sekretärinnen. Edith war bei der Firma Rawack & Gruenfeld in der Hardenbergstraße beschäftigt. Georg bekleidete nach seiner Ausbildung die Stellung eines Beamten der Deutschen Bank in der Zentrale Mauerstraße.
Der Bruder Kurt wurde Arzt und betrieb in Berlin-Neukölln eine Arztpraxis. Er verließ 1938 nach dem Verlust seiner Praxis zusammen mit seiner Frau Else Deutschland und lebte in Paris, wo er versuchte die Einbürgerung zu erlangen. Mitte der 1950er Jahre praktizierte er wieder als Arzt in Pirmasens.

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Edith Zacharias
Bild: Familienarchiv

Georg und seine Schwestern Edith und Elsbeth blieben unverheiratet und leben zusammen mit ihrer Mutter Henriette bis zu deren Tod 1935, danach mit ihrer Tante Nanny Krombach in einem Haushalt, zunächst in der Knesebeckstraße 46/47. 1939 wurden sie gezwungen, die Wohnung aufzugeben und zogen in die Pariser Straße 11. In der großen Wohnung in der Knesebeckstraße hatten sie in relativem Wohlstand gelebt und eine Hausangestellte beschäftigt.

Aufgrund der Verordnungen und Erlasse gegen Juden verloren beide Schwestern ihre Stellungen. So lebten sie alle in der Pariser Straße 11 in einer Art familiärer Notgemeinschaft. Nanny Krombach trug Verantwortung für ihre verwaisten Enkelkinder und erfuhr von den Nichten und dem Neffen Anteilnahme und Unterstützung.
Edith Zacharias schien jedoch unter der Situation in der Pariser Straße am meisten zu leiden. In einem Brief an Nanny Krombachs Tochter Käthe in Palästina schrieb sie 1939:


Übrigens noch zu deiner Information, liebe Käte, dass ich bereits seit dem 25.November v.J. entlassen und seitdem ohne Beschäftigung bin. Was das für mich bedeutet, kannst du sicher verstehen, zumal da ich mich vergeblich bemühe, wieder etwas meinen Fähigkeiten entsprechendes zu finden. Ich habe mir zwar redliche Mühe gegeben, mich im Haushalt zu betätigen und unter Anleitung deiner lb. Mutter kochen zu lernen, sehe aber immer mehr und mehr meine Nichteignung dazu ein, was mich natürlich besonders unglücklich macht. Leider hat nun mal Deine Mutter mit ihrer Prophezeiung recht behalten, dass ich niemals kochen lernen werde…. Ich bin bald nach meiner Entlassung mit dem besten Willen an die Sache herangegangen; denn ich entliess doch zum 1. Januar unser Mädchen…. Der Wohnungswechsel hat mir vollends den Garaus gemacht; denn die allein schon damit verbundenen dauernden Aufregungen lassen mich nicht zur Ruhe kommen, abgesehen von allem anderen was uns jetzt bewegt. Ich könnte Dir über dieses Kapitel noch mancherlei erzählen, will es aber lieber für mich behalten, um dir nicht auch noch mit meinen Angelegenheiten den Kopf zu beschweren….Selbst ein kurzer Spaziergang am späten Abend bedeutete keine Erholung. Wir haben hier draussen auch kaum noch eine Möglichkeit, uns auszuruhen, und einen weiten Weg vermag Deine Mutter nicht mehr ohne Überanstrengung zu machen. So bleibt man eben am liebsten zu Hause und nutzt so viel wie möglich den Balkon aus, auch wenn er in Anbetracht des Strassenlärms keine reine Freude bedeutet. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so schwer hier eingewöhnen würde…. Und trotzdem müssen wir noch dankbar sein, ein solches Dach über unserm Kopf zu haben.

Über die letzten drei Jahre in der Pariser Straße 11, die Edith Zacharias mit ihrer Schwester, ihrem Bruder und Nanny Krombach verbrachte, ist wenig bekannt.

Die Geschwister Zacharias wurden am 15. August 1942, zwei Tage nach dem 55. Geburtstag von Edith, den se wohl in einem Sammellager verbringen mussten, nach Riga deportiert und dort drei Tage später ermordet.

Recherche und Text: Karin Sievert. Quellen: Bundesarchiv Gedenkbuch;
Entschädigungsamt Berlin, Landeshauptarchiv Potsdam;
Briefe und Fotos von Daniel Bachrach

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Stolperstein Elsbeth Zacharias
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ELSBETH
ZACHARIAS
JG. 1881
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Elsbeth Zacharias, geboren am 6. Juni 1881, kam wie auch ihre Geschwister Kurt, Georg und Edith aus Garnsee, Kreis Marienwerder (Westpreußen). Die Eltern waren der Kreiswundarzt Dr. Siegfried Zacharias und seine Ehefrau Henriette, geb. Hirschberg. Henriette Hirschberg war die Schwester von Nanny Krombach. Diese lebte zusammen mit Georg, Edith und Elsbeth bis zur Deportation zusammen in einer Wohnung in der Pariser Straße 11.

Nach dem Tod von Siegfried Zacharias verlegte die Mutter den Wohnsitz nach Marienwerder, wo die Kinder die Schule besuchten. 1900 zog die Familie nach Berlin-Charlottenburg.

Die Schwestern Edith und Elsbeth besuchten das Lette-Haus und wurden beide kaufmännische Sekretärinnen. Wo Elsbeth arbeitete, ist nicht bekannt; Edith war bei der Firma Rawack & Gruenfeld in der Hardenbergstraße beschäftigt. Georg bekleidete nach seiner Ausbildung die Stellung eines Beamten der Deutschen Bank in der Zentrale Mauerstraße. Der Bruder Kurt wurde Arzt und betrieb in Berlin-Neukölln eine Arztpraxis. Er verließ 1938 nach dem Verlust seiner Praxis zusammen mit seiner Frau Else Deutschland und lebte in Paris, wo er versuchte die Einbürgerung zu erlangen. Mitte der 1950er Jahre praktizierte er wieder als Arzt in Pirmasens.

Georg und seine Schwestern Edith und Elsbeth blieben unverheiratet und lebten zusammen mit ihrer Mutter bis zu deren Tod 1935 in einem Haushalt, zunächst in der Knesebeckstraße 46/47. 1939 wurden sie gezwungen die Wohnung aufzugeben und zogen in die Pariser Straße 11. In der großen Wohnung in der Knesebeckstraße hatten sie in relativem Wohlstand gelebt, sie hatten eine Hausangestellte und konnten 1935 ihre Tante Nanny Krombach bei sich aufnehmen. Aufgrund der Verordnungen und Erlasse gegen Juden verloren beide Schwestern ihre Stellungen. So lebten sie alle in der Pariser Straße 11 in einer Art familiärer Notgemeinschaft. Nanny Krombach trug Verantwortung für ihre verwaisten Enkelkinder und erfuhr von den Nichten und dem Neffen Anteilnahme und Unterstützung.

Über die letzten Jahre in der Pariser Straße 11, die Elsbeth zusammen mit Edith und Georg Zacharias und mit ihrer Tante Nanny Krombach verbrachte, ist wenig bekannt.
Die Geschwister Zacharias wurden am 15. August 1942 nach Riga deportiert und dort drei Tage später ermordet.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen: Bundesarchiv Gedenkbuch; Entschädigungsamt Berlin, Landeshauptarchiv Potsdam; Briefe und Fotos von Daniel Bachrach

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Stolperstein Nanny Krombach
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
NANNY KROMBACH
GEB. HIRSCHBERG
JG. 1867
DEPORTIERT 19.8.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Nanny Krombach wurde als Nanny Hirschfeld am 27. März 1867 in Garnsee (Westpreußen) geboren. Ihr Vater war Leopold Hirschberg, Kaufmann in Garnsee, ihre Mutter Hulda war eine geborene Jacoby. Nanny Hirschberg war die jüngste von fünf Geschwistern. Arnold wurde 1853 geboren, Henriette 1854, Siegfried 1860 und Pauline 1863. Über Arnolds Tod ist nichts bekannt. Henriette, Siegfried und Pauline starben noch vor der Schoah und wurden auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beerdigt. Henriette war die Mutter von Georg, Edith, Elsbeth und Kurt Zacharias, die später in Berlin lebten. Die drei erstgenannten bewohnten mit Nanny bis zur Deportation gemeinsam eine Wohnung in der Pariser Straße 11.

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Nanny Krombach
Bild: Daniel Bachrach

Nanny Hirschberg heiratete am 20. November 1895 in der Kreisstadt Marienwerder Julius Krombach, einen stattlichen Kaufmann und Landwirt. Sie lebten in Stuhm, wo ihre drei Kinder zur Welt kamen. Am 8. August 1896 wurde Tochter Hedwig geboren, am 18. August 1899 die Tochter Käthe und am 13. April 1906 der Sohn Hans.

Käthe beschrieb Nanny später als freundliche und warmherzige Mutter, die sich hingebungsvoll um Kinder und Enkelkinder kümmerte:

Sie liebte es Gäste einzuladen und zu singen und Klavier zu spielen.

Hedwig, die älteste der drei Geschwister, heiratete zuerst. Ihr Ehemann Abraham Ginsburg war leitender Angestellter und Vertreter der Firma Joh. Jacob Vowinkel, Holzgroßhandlung in Berlin-Charlottenburg und Marienwerder. Hedwig selbst war Buchhalterin.

Nanny und Julius Krombach vor ihrem Betrieb in Stuhm.
Nanny und Julius Krombach vor ihrem Betrieb in Stuhm.
Bild: Daniel Bachrach

Am 23. September 1922 wurde Tochter Ruth und am 25. Juli 1925 Sohn Heinz geboren. 1926, ein Jahr nach der Geburt seines Sohnes, starb Abraham Ginsburg. 1931 wurden Ruth und Heinz nach dem frühen Tod ihrer Mutter Vollwaisen. Heinz schrieb in seinem Lebenslauf:

Meine Eltern hinterließen meiner Schwester Ruth und mir beträchtliches Vermögen, das u.a. aus einem mehrstöckigen Mietshaus, Barvermögen und Schmuck bestand.

Nanny und Julius Krombach zögerten nicht, die Verantwortung für ihre Enkelkinder zu übernehmen. Sie verließen ihr Haus in Stuhm und zogen nach Marienwerder in das Haus von Hedwig und Abraham, um den Enkeln die vertraute Umgebung zu erhalten. Hans Krombach wurde der offizielle Vormund seiner Nichte Ruth und seines Neffen Heinz.

Julius und Nanny Krombach in der Kutsche von ihrem Haus in Stuhm.
Julius und Nanny Krombach in der Kutsche von ihrem Haus in Stuhm.
Bild: Daniel Bachrach

Diese für die Waisen sicherlich glücklichste Situation währte nicht lange. Julius Krombach starb 1935 im Jüdischen Krankenhaus in Frankfurt/Main. Nanny und die Enkelkinder zogen nun nach Berlin. Nanny Krombach ließ ihr gesamtes Mobiliar in der Obhut eines Spediteurs in Marienwerder. Käthe Krombach war bis zum Entzug ihrer Kassenzulassung niedergelassene Kinderärztin in Babelsberg-Nowawes. Mit ihrem Mann Walter Bachrach wanderte sie gleich 1933 nach Palästina aus und arbeitete als Ärztin in dem Kinderheim Ahawah, das nach seiner erzwungenen Schließung in der Berliner Auguststraße in Kiriat Bialik neu eröffnet wurde. Ruth und Heinz waren in Berlin zunächst in diesem Heim untergebracht und auf eine bevorstehende Übersiedlung nach Palästina vorbereitet worden. Später lebten sie im jüdischen Landschulheim in Caputh. Heinz schrieb in seinem Lebenslauf:

Nachdem der Transfer des Vermögens in dem Jahre nicht bewerkstelligt werden konnte, und unter dem Druck der judenfeindlichen Gesinnung der Kleinstadt, kamen wir nach einem kurzen Aufenthalt in unserer Heimat im Jahr 1936 in das Landschulheim Caputh bei Potsdam.

Julius und Nanny Krombach mit ihren Kindern Hedwig, Käthe und Hans.
Julius und Nanny Krombach mit ihren Kindern Hedwig, Käthe und Hans.
Bild: Daniel Bachrach

Hans Krombach verließ in diesem Jahr Deutschland und wanderte ebenso wie seine Schwester Käthe nach Palästina aus. Nanny Krombach war nun die Alleinverantwortliche für die Enkelkinder. Sie zog zu Georg, Edith und Elsbeth Zacharias, ihren Nichten und dem Neffen in deren geräumige Wohnung in die Knesebeckstraße 46/47. Die Geschwister Zacharias, alle drei unverheiratet geblieben und berufstätig, lebten in relativem Wohlstand und hatten ein Hausmädchen. Nanny, Georg, Edith und Elsbeth bildeten eine familiäre Notgemeinschaft. Nanny konnte kochen und den Haushalt organisieren und ihre Nichten und Neffen sorgten sich mit ihr gemeinsam um Ruth und Heinz.
1937 zog auch Enkelin Ruth zu ihnen, während Heinz bis zum Überfall auf das jüdische Landschulheim am 10. November 1938 durch ortsansässige Nazis und der damit verbundenen Auflösung des Heims in Caputh lebte. Er feierte dort auch seine Bar Mizwa. Heinz schrieb an seine Oma im Juni 1938:

Liebe Oma, liebe Schwester, meine lieben Verwandten und Freunde!
Noch selten wird eine Barmizwahfeier unter den Schülern unseres Heims in so vertrauter und geradezu familiärer Art begangen worden sein wie unsere Doppelbarmizwah, die gleichzeitig mein und meines lieben Freundes und Klassenkameraden Lothar Ehrentag ist. Es fällt mir schwer, diejenigen Worte zu finden, welche in meinem Falle angebracht sind; denn meine Feier erinnert mich lebhaft daran, dass hier Manche fehlen, die sich besonders gefreut hätten diesen schönen Tag zu erleben. Es ist eine fromme Pflicht, dass ich vor allem meiner lieben Eltern gedenke und dass ich gelobe, in ihrem Sinne ein Leben der Pflicht und der Arbeit zu führen, wie sie es einst immer taten.-Dafür hat mir das Schicksal eine liebe Oma gegeben, die seit Jahren mich wie ihren Sohn betreut und liebt, die für mich und meine Schwester Ruth stets mütterlich sorgte, zu der ich mit allen Nöten und Anliegen stets kommen kann, und die sich wirklich bemüht, mir ein sorgenfreies Jugend – Dasein zu schaffen. In der Tat habe ich mich hier im Heim so eingelebt, dass mir das Heim eine Heimat geworden ist, ja d i e Heimat, von der ich mich nur sehr schwer trennen werde. Dazu kommt, dass Du, liebe Schwester Ruth, mehrere Jahre mit mir zusammen hier warst, dass wir also es ermöglichen konnten, ein richtiges und schönes Geschwisterleben zu führen, dessen Erinnerung uns immer im Leben bleiben wird. Ich wende mich ferner an Euch, meine lieben Tanten und Onkel, die Ihr so zahlreich heute Nachmittag herausgekommen seid, um diese schön erhebende Stunde mit mir zu verbringen. Ihr werdet mir glauben, dass ich Euch alle wirklich lieb habe und dass es mir daher garnicht möglich ist, darüber besonders viele Worte zu machen. Oft seid Ihr es gewesen, die mir in Berlin bei kurzem oder längerem besuch Gastfreundschaft erwiesen habt und erweiset, und darum bin ich geradezu stolz, dass ich heute einmal E u c h hier gastlich empfangen kann! Gern denke ich in diesem Augenblick an Tante Käte, Onkel Hans, Tante Trude und Onkel Walter in Palästina, die ihr lebhaftes Bedauern darüber ausdrückten, dass sie nicht da sein können. Aber ich weiss, dass wir uns eines Tages wiedersehen und dann wird die Freude doppelt groß sein.
Mein Freund Lothar hat vorhin bereits von der schönen Verbundenheit gesprochen, die uns hier im Heimleben erfüllt. Hier sind wir jung und unberührt von den bitteren Sorgen des Alltags, und hier bauen wir uns ganz in der Stille eine Welt auf, die uns dereinst tragen soll.
Und so schließe ich, indem ich nochmals an die schönen Worte des Herrn Rabbiner erinnere, der seine guten Wünsche nicht nur auf sich, sondern auf die ganze Gemeinde übertrug, und wünsche, dass dieser Tag uns allen viel Freunde und Segen bringe und für uns werde ein
JOM LEKSCHAUNE TA UWE! (Tag zu allem Guten!)

Ruth und Heinz verließen am 17. März 1939 Nazideutschland mit einem Jugend – Alija Transport nach Palästina, wo sich von nun an Tante Käthe und Onkel Hans um sie kümmerten.
Zuvor hatte Nanny ihre Kinder 1936 und 1938 zweimal in Palästina besucht. Bemühungen ihrer Kinder, sie zum Bleiben zu bewegen, schlugen fehlt, die Verantwortung für ihre Enkelkinder zwang sie damals zur Rückkehr nach Deutschland. Ihr Schwiegersohn Walter Bachrach schrieb im April 1940 an seinen Schwager Hans Krombach:

Das schönste Geburtstagsgeschenk wäre es ja, wenn es doch noch gelänge, die liebe Mutter hierher zu bekommen, aber das ist ja sehr unwahrscheinlich…“

Nach der Ausreise ihrer Enkel setzte sie alles daran, deren persönlichen Gegenstände hinterherzuschicken, eine Nähmaschine fand den Weg nach Palästina.

Nanny Krombach bei ihrem letzten Besuch in Palästina. Neben ihr Sohn Hans, dessen Frau Trude, Walter Bachrach, seine Frau Käthe Krombach –Bachrach mit Sohn Daniel.
Nanny Krombach bei ihrem letzten Besuch in Palästina. Neben ihr Sohn Hans, dessen Frau Trude, Walter Bachrach, seine Frau Käthe Krombach –Bachrach mit Sohn Daniel.
Bild: Daniel Bachrach

Der Naziterror zwang Georg, Elsbeth und Edith Zacharias und Nanny Krombach, die große Wohnung in der Knesebeckstr. zu verlassen und in eine Dreizimmerwohnung in der Pariser Straße 11 zu ziehen.
In dem Haus lebte eine große Zahl jüdischer Nachbarn, offenbar war der Kontakt untereinander jedoch gering. Käthe Krombach beschrieb in einem Brief an ihren Bruder Hans eine Begebenheit, die dieses verdeutlichte. Sie hatte in der Ahawah 19 Kinder aus Deutschland bekommen, ein Junge davon wohnte zuvor in der Pariser Straße 11 im ersten Stock unter der Familie Zacharias und Nanny Krombach. Auf die Frage, ob die Frau Krombach denn nicht gewusst hätte, dass er ausreisen würde, verneinte der Junge. Käthe Krombach schrieb:

Als ich das hörte, habe ich wirklich geweint. Wenn Mama das gewusst hätte, hätte sie uns doch frische Grüße mitschicken können. Ich verstehe ja auch nicht, dass die Juden so wenig Zusammenhang in ein und demselben Haus haben, dass sie nicht einmal erfahren, wenn einer nach Palästina abfährt.

Nanny Krombach beschloss nun doch Anfang 1940, ihren Kindern und Enkeln nach Palästina zu folgen:

Berlin, 14. Februar 1940
Meine Lieben alle, heute will ich Euch eine überraschende Neuigkeit machen. Es handelt sich um meine eventuelle Auswanderung, die aber nur unter so großen Schwierigkeiten vor sich gehen könnte, die zu überwinden ich wie auch viele natürlich mit beinahe für unmöglich halten……Also zur Sache: Zur Auswanderung muss ich hier eine bestimmte Summe zu Verfügung haben……Ob es Euch nun möglich sein wird, das zu leisten, weiss ich ja nicht. Wir können nur 40 Pf Gepäck mitnehmen und da nicht viel mehr als für die vielleicht lang dauernde Reise nötige Sachen dazu gehören, müsste ich noch beantragte und geprüfte weitere Sachen extra an Euch schicken, die Ihr dann dort in Empfang nehmen und die Unkosten, soweit ich sie hier nicht erledigen kann, auch noch tragen müsstet. Also, es ist nicht so einfach, wie es aussieht. Nun ich weiss ja auch gar nicht, wie die Aussichten sind, da muss Gott helfen. Ich bin schon so lange ohne Nachricht von euch allen, und laufe schon jeden Tag so und so oft an den Briefkasten, leider immer ohne Erfolg. Na mal wird ja doch mit Gottes Hilfe was kommen.

Am 10. März 1942 erhielt Nanny Krombach durch das Britische Rote Kreuz einen letzten Geburtstagsgruß von ihrer Tochter Käthe. Ihr letztes Lebenszeichen erreichte am 26. Juni 1942 ihren Sohn Hans in Palästina.

Sie wurde am 19. August 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 26. September 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Die Fotos und Briefe stammen aus dem Besitz von Nanny Krombachs Enkel Daniel Bachrach.

Recherche und Text: Karin Sievert. Quellen: Bundesarchiv Gedenkbuch; Entschädigungsamt Berlin; Landeshauptarchiv Potsdam; Landesarchiv Berlin;
Briefe und Fotos von Daniel Bachrach

Ansprachen zur Verlegung des Stolpersteins für Nanny Krombach

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Bildvergrößerung: Stolperstein Ruth Cronheim
Stolperstein Ruth Cronheim
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
RUTH CRONHEIM
GEB. MÜNZER
JG. 1910
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Bildvergrößerung: Stolperstein Wolf Michael Cronheim
Stolperstein Wolf Michael Cronheim
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
WOLF MICHAEL
CRONHEIM
JG 1937
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Bildvergrößerung: Stolperstein Alfred Cronheim
Stolperstein Alfred Cronheim
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ALFRED CRONHEIM
JG. 1904
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Alfred Cronheim wohnte mit seiner Frau Ruth und seinen Söhnen Wolf Michael und Joel in der Pariser Straße 11. Er wurde am 18. November 1904 in Berlin geboren. Seine Eltern waren Walter und Meta Cronheim geborene Baum, auch die Eltern wurden in Berlin geboren, lebten in Lichterfelde in der Promenadenstr.15. Der Vater Walter verstarb am 17. Juni 1926 und hat seine letzte Ruhestätte auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee.

Alfred und Ruth Cronheim hatten zwei Söhne, Wolf – Michael, geboren am 5. August 1937 und Joel, geboren am 11.Dezember 1942. Als Berufsangabe ist im Adressbuch von 1940 ist für Alfred „Spinnereiarbeiter” angegeben, was nicht unbedingt korrekt sein muss, denn es wurden zu dieser Zeit schon Zwangsabeiten verordnet. Frau Ruth Cronheim wurde wohl bei Siemens-Schuckert Werke zwangsverpflichtet, denn aus den vorhandenen Unterlagen geht hervor, dass der offene Restlohn an die „Vermögensverwaltung” für jüdische Bürger auch nach der Deportation überwiesen werden musste, der Eingang wurde mit RM 22,85 durch den Oberfinanzpräsidenten Berlin Brandenburg mit Datum vom 22. März 1943 bestätigt.

Das Ehepaar Cronheim wurde mit seinen Söhnen mit dem 32. Osttransport am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Auf dem Transport waren ungefähr 1500 Männer, Frauen und Kinder, 45 Frauen und 535 Männer wurden als Häftlinge ins Lager eingewiesen, die übrigen Menschen wurden in die Gaskammern geführt. Die Familie Cronheim wurde am 4. März 1943 ermordet. Stolpersteine liegen vor dem Haus Pariser Str. 11, nicht aber für den Sohn Joel. Dass es diesen Sohn gab, haben erst spätere Nachforschungen ergeben, da er erst nach der Volkszählung vom Mai 1939 auf die Welt kam. Auch dass die Mutter Meta Cronheim in der Pariser Straße 11 wohnte, hat sich erst später herausgestellt, demzufolge fehlt auch ein Stolperstein für Meta Cronheim.

Das Schicksal der Frau Meta Cronheim hat hat schon fast tragische, aber auch erfreuliche Bezüge. Sie war die Mutter von Alfred Cronheim, die Schwiegermutter von Ruth Cronheim und die Großmutter der Enkelkinder. Meta Cronheim wurde als Meta Baum am 7. Januar 1877 geboren. Ihr Ehemann Walter hatte einen Tuch- und Seidenhandel in der Neuen Schönhauser Str.3. Seine Eltern waren Abraham und Mathilda Cronheim geborene Levinthal und wohnten in der Neuen Königstr. 68.

Ruth Cronheim geborene Münzer wurde am 12. Mai 1910 in Berlin geboren, ihre Eltern waren Louis Münzer geboren am 9. April 1881 und seine Frau Hertha geborene Baruch am 27. Mai 1886 – das Ehepaar wurde am 28. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort umgebracht, sie wohnten in Schöneberg in der Bayreuther Straße 3. Ruths 1913 geborener Bruder Wolfgang emigrierte in die USA, wo er sich Warren Monroe nannte. Er starb 2011 in Florida.

Meta Cronheim hat ihre Wohnung in Lichterfelde bis zu den beginnenden Schikanen bewohnt, zog dann als Untermieterin in die Martin- Luther-Str.11 bei Goldschmidt. Das geht aus einer Telefonrechnung hervor, die mit dieser Adresse versehen ist, danach wohnte sie auch als Untermieterin bei dem Ehepaar Max und Johanna Kunde in der Knesebeckstr.70/71, bevor sie zu ihren Kindern in die Pariser Str.11 zog. Hier lebte sie bis zu ihrer Deportation am 21. September 1942 nach Theresienstadt. Es gab den berühmt berüchtigten Kuhhandel zwischen Himmler und der Schweiz wodurch ungefähr 1200 Menschen die Möglichkeit bekamen, mit einem Sonderzug in die Schweiz zu entkommen und eine war auch Meta Cronheim. Der Zug endete in St. Gallen wo die Registrierung stattfand. Von hier aus wurden die Menschen weitergeleitet in verschiedene Lagerunterkünfte wie Les Avant. Nach Angaben des US Holocaust Memorial Museum geht hervor, dass Meta Cronheim am 28. Februar 1951 verstorben ist, leider ohne Angabe des Ortes. Nachforschungen haben ergeben, dass sie nicht in Berlin verstorben ist.

Recherche und Text: Siegfried Dehmel

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Theresienstädter Gedenkbuch Holocaust.cz
Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de
Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Landesarchiv Berlin
Deportationslisten
Yad Vashem – Opferdatenbank

Bildvergrößerung: Stolperstein Eva Cohn
Stolperstein Eva Cohn
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
EVA COHN
JG. 1920
DEPORTIERT 9.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Eva Cohn wurde am 28. November 1920 in Berlin geboren. Das Schicksal dieser jungen Frau bleibt weitgehend unbekannt. Der damals sehr verbreitete Nachname Cohn brachte bei der Suche nach ihren Eltern keinen Erfolg.

Die einzige Spur von Eva Cohn führt in das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu – Isenburg. Dort hat Eva Cohn bis zum 31. Dezember 1937 gelebt. Das Heim wurde 1907 von Bertha Pappenheim als Mädchenheim eingerichtet, in das sie sozial gefährdete jüdische Jugendliche, alleinstehende Schwangere und ledige Mütter aufnahm. Ihnen bot sie Schutz, Unterkunft und Ausbildung, eine familiennahe jüdische Gemeinschaft sowie Anleitung in der Führung eines jüdischen Haushalts und in der Kindererziehung.

Möglicherweise wurde Eva Cohn von ihren Eltern dorthin geschickt, oder sie war eine Waise ohne weitere Familienmitglieder, die sie hätten aufnehmen können. Eva Cohn hat das Heim zehn Monate vor dessen Zerstörung in der Pogromnacht vom 9. November 1938 verlassen. Ob sie anschließend gleich in der Pariser Straße 11 gewohnt hat ist nicht bekannt. Der Name Cohn ist in dieser Zeit in dem Haus nicht verzeichnet. Vermutlich lebte Eva nach dem Verlassen des Heims bei einem der zahlreichen jüdischen Bewohner zur Untermiete.

Die Unterkunft in der Pariser Straße 11 war noch nicht ihre letzte Adresse. Sie wohnte vor ihrer Deportation in der Seydelstraße 3 „bei Jonas“.

Am 9. Dezember 1942 wurde sie von dort mit dem 24. Osttransport nach Auschwitz verschleppt. Zusammen mit Eva Cohn stand der 3jährige Denny Cohn, geboren am 16. September 1939, auf der Deportationsliste – auch er mit der Adresse Seydelstraße 3. Jedoch waren beide Namen, wie viele andere auch, auf dieser Liste durchgestrichen. Derselbe Denny Cohn war aber auch bereits auf der Liste des 23. Osttransportes vom 29. November 1942 vermerkt, mit dem 75 Kinder aus dem Baruch Auerbach‘schen Jüdischen Waisenhaus in der Schönhauser Allee 162 nach Auschwitz deportiert worden waren. Es war ein Tag nach dem 22. Geburtstag seiner Mutter, an dem das 3jährige Kind seine Reise in den Tod antreten musste.

Eva muss ein Jahr nachdem sie aus Neu – Isenburg fortging schwanger geworden sein. Möglicherweise hat sie ihren Sohn in dem Baruch Auerbach‘schen Waisenhaus untergebracht, weil sie selbst nicht für ihn sorgen konnte. Sie wurde sicherlich zur Zwangsarbeit eingesetzt, da auf der Deportationsliste ihr Name mit dem Zusatz „Arbeiterin“ vermerkt war.
Am 10. Dezember wurden im Lager Auschwitz 1060 Menschen des 24. Transports registriert. Von ihnen wurden 137 Männer und 25 Frauen in das Lager eingewiesen. Die übrigen 898 Menschen wurden sofort in den Gaskammern getötet. Der genaue Todeszeitpunkt von Eva Cohn ist nicht bekannt.

Im 23. Osttransport vom 29. November 1942 befanden sich 998 Personen, darunter 75 Kinder, überwiegend Auerbacher im Alter von 10 Monaten bis 16 Jahren. Sie und weitere Kinder des Auerbach‘schen Waisenhauses wurden in den Gaskammern von Auschwitz ermordet.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Deportationslisten
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
http://gedenkbuch.neu-isenburg.de/das-heim/unter-der-ns-herrschaft/
„Erinnerungsort Baruch – Auerbach’sches Waisenhaus“ – Dokumentation

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Stolperstein Meta Freyer
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
META FREYER
JG. 1881
DEPORTIERT 11.7.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Meta Freyer stammte, wie auch die gesamte Familie, aus dem ostpreußischen Insterburg, dem heutigen russischen Tschernjachowsk. Sie wurde dort am 7. Mai 1881 als ältestes von vier Kindern geboren. Die Eltern hießen Salomon und Pauline Freyer geb. Josephsohn. Es handelte sich wohl um ein bildungsbewusstes Elternhaus, Metas Großvater Simon Freyer war Kultusbeamter, Salomon selbst war Kaufmann. Metas Geschwister hießen Max (*2.Januar 1883), Ernst (*30. Januar 1884), und Herta (*24. Juni 1890). Die Eltern starben recht jung, Salomon im Jahr 1903 und Pauline 1910. Wohin es die vier Kinder verschlug und welches Schicksal sie ereilte, ist im Einzelnen nicht bekannt. Lediglich von Max Freyer gibt es einen Eintrag im Gedenkbuch; er wurde im Oktober 1941 von Hamburg aus ins Ghetto Litzmannstadt deportiert.
Meta Freyer zog nach Berlin, sie blieb ledig und kinderlos. Das Berliner Adressbuch von 1939 weist sie als Lehrerin aus. In der Pariser Straße 11 hat sie ab 1937 in einer eigenen Wohnung gelebt, bis sie am 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert wurde. Es handelte sich bei dem 17. Osttransport um einen sogenannten Teiltransport, in dem neben 210 Menschen aus Berlin und Potsdam auch Juden aus Westfalen und Hamburg und Mecklenburg in einem Sammeltransport nach Auschwitz deportiert wurden. Einzelne Hinweise deuten darauf hin, dass diese Transporte möglicherweise auch im Warschauer Ghetto geendet haben könnten. Es waren insgesamt 1002 Menschen, die in diesem Todeszug saßen.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:
Gedenkbuch,
Bundesarchiv – Deportationslisten,
Berliner Adressbücher,
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“,
Landesarchiv Berlin; Personenstandsregister 1876-1945

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Stolperstein Eva Benzion
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
EVA BENZION
JG. 1931
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Marianne Benzion
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
MARIANNE BENZION
JG. 1933
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Käthe Benzion
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
KÄTHE BENZION
GEB. BASCH
JG. 1905
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Käthe Hildegard Benzion geb. Basch, die Mutter von Eva und Marianne, wurde am 25. August 1905 in Pinne, heute Pniewy, in Posen geboren. Ihre Eltern hießen Moritz und Hulda Basch. Käthe war das Jüngste von fünf Kindern. Sie hatte drei Schwestern, Elsa, geb.1891, Margarete, geb.1893 und Dagmar, geb.1895 und den Bruder Siegfried, geb.1897. Bis auf Margarete Werblowski geb. Basch bleibt das Schicksal der gesamten Familie Basch unbekannt.
Auch für Käthe und ihre beiden Töchter gibt es keinerlei überlieferte Dokumente. Zu einem unbekannten Zeitpunkt, vermutlich 1930, heiratete sie Gerhard Benzion, geb. am 24. März 1903 in Berlin. In den Berliner Adressbüchern von 1930 sind Käthe Basch als „Angestellte“ und 1931 Gerhard Benzion als „Kaufmann“ unter der gemeinsamen Adresse Lortzingstraße 3 eingetragen. Haben sie sich in diesem Haus kennen gelernt, oder war Käthe bei Gerhard Benzion angestellt? Käthe hatte vorher zusammen mit ihrer Schwester Elsa in der Brunnenstraße 110 gewohnt.
Das Ehepaar Benzion bekam zwei Töchter, Eva wurde am 27. August 1931 und Marianne am 9. Februar 1933 geboren.
Gerhard Benzion muss nach den ersten Boykottmaßnahmen gegen jüdische Unternehmen bereits 1933 seine Selbstständigkeit verloren haben, von 1934 an galt er nur noch als Angestellter mit der Wohnung im Reinickendorfer Schillerring 31.
Am 16. Dezember 1938 verließ Gerhard Benzion seine Frau und seine beiden Töchter und emigrierte in die Niederlande. Allerdings taucht sein Name mit der alten Berufsbezeichnung „Kaufmann“ 1939 noch ein einziges Mal unter der Adresse Pariser Straße 11 auf. Käthe hatte hier mit den Kindern Unterkunft gefunden. Das Haus gehörte der Jüdischen Gemeinde, wir wissen jedoch nicht, wo und bei wem sie lebten. Vermutlich hatten sie ein Zimmer zur Untermiete bei einem der jüdischen Hauptmieter.
Ihr Ehemann hielt sich genau ein Jahr in Amsterdam in Freiheit auf. Am 23. November 1939 wurde er verhaftet und im Sammellager Westerbork interniert. Er war ungewöhnlich lange, nämlich vier Jahre, in diesem eigentlich als Durchgangslager für jüdische Gefangene eingerichteten Lager inhaftiert. Im Archiv des Kamp Westerbork gibt es keinerlei Dokumente über Gerhard Benzion, die diesen langen Aufenthalt erklären könnten. Am 14. September 1943 musste er den Todeszug nach Auschwitz besteigen. Entgegen der Eintragung im Gedenkbuch, welches sein Todesdatum auf den 11. November 1943 festlegt, war er noch am 3. Januar 1944 im KZ Auschwitz inhaftiert. Quelle dafür ist ein Eintrag im Operationsbuch des Häftlingskrankenbaus des Lagers. Kaum vorstellbar, welchem Martyrium Gerhard Benzion bei einer dort durchgeführten Operation ausgesetzt war.
Wir wissen nicht, wie seine Frau und seine Töchter in dieser Zeit ihr Leben in Berlin verbrachten. Wurde Käthe zur Zwangsarbeit verpflichtet? Wie konnte sie ihre Kinder ernähren? Hatten sie Nachricht vom Ehemann und Vater? Für Eva und Marianne war durch die Verordnung vom 15. November 1938 der Besuch einer deutschen Schule verboten. Wie haben sie die Jahre verbracht, bis sie zusammen mit ihrer Mutter festgenommen und deportiert wurden? Sie wurden aus der Wohnung in der Pariser Straße 11 noch einmal ausquartiert und in die Auguststraße 17 verbracht. Auch dieses Haus gehörte, wie auch die Nachbarhäuser, der Jüdischen Gemeinde. Bis 1914 war dort der Verein für Jüdische Krankenpflege untergebracht, es war ein Schwesternwohnheim. Ab 1936 diente es als Zufluchtsheim für wohnungslose jüdische Frauen und Mädchen.
Am 12. Januar 1943 wurden von hier 74 Menschen aller Altersstufen mit einem riesigen Transport, es waren insgesamt 1196 Insassen , unter ihnen die Schriftstellerin Else Ury, nach Auschwitz verschleppt. Haben Käthe, Marianne und Eva ihren Mann und Vater, der 8 Monate später im Konzentrationslager ankam, noch einmal gesehen? Oder wurden sie sofort nach ihrer Ankunft ermordet? Käthe Benzion war noch jung, 38 Jahre alt. Es ist denkbar, dass sie im Lager oder einem der Industriebetriebe in der Nähe Zwangsarbeit leisten musste, bis sie vor Entkräftung starb. Das Leben und Sterben Käthe Benzions und ihrer beiden Kinder Eva und Marianne bleibt weitgehend im Dunkeln. Die wenigen überlieferten Informationen werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben können.
Wir wissen von ihrer Schwester Margarete, dass sie mit dem Kantor und Volksschullehrer Samuel Werblowski verheiratet war. Sie hatten einen Sohn, Gerd Siegfried, geboren 1923 in Berlin. Die Familie zog nach München, von wo aus sie am 20. November 1941 nach Kaunas/Litauen deportiert und im Fort IX, einer ehemaligen Festungsanlage, vier Tage später ermordet wurden.

Jonny Benzion, Gerhard Benzions Vater, wurde am 7. Februar 1942 im Alter von 71 Jahren im Ghetto Lodz/Polen ums Leben gebracht. Als offizielle Todesursache wurde „Multiple Hirnblutung“ angegeben.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:
International Tracing Service (ITS),
Gedenkbuch,
Bundesarchiv – Deportationslisten,
Regina Scheer: „AHAWAH – Das vergessene Haus“,
Berliner Adressbücher,
Erinnerungszentrum Kamp Westerbork

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Stolperstein Lieselotte Baumann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
LISELOTTE BAUMANN
JG. 1913
DEPORTIERT 1.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Liselotte Baumann – in ihrer Geburtsurkunde wird ihr Name Liese Lotte geschrieben – kam am 13. Oktober 1913 im Brandenburgischen Müncheberg, Kreis Lebus, auf die Welt. Ihr Vater hieß Martin Baumann (*5. November 1881), ihre Mutter war Hedwig Baumann geb. Schlesinger (*30. Januar 1879), geboren in Wittenberge. Martin Baumann, ebenfalls in Müncheberg geboren, war Betriebsleiter einer Kartoffelflockenfabrik, die 1937 als jüdischer Besitz enteignet wurde.
Anfang 1938 zog die Familie Baumann deshalb nach Berlin, wenig später nach Teltow in das Landhaus von Walter Zehden, einem Kartoffelhändler, zu dem Martin gute Geschäftsbeziehungen hatte.

1940 wurde die Familie durch die Verhaftung Martin Baumanns auseinandergerissen. Er war vom 2. März bis zum 16. September 1940 im KZ Sachsenhausen gefangen, anschließend deportierte man ihn nach Dachau, wo er am 30. Juni 1941 ermordet wurde.

Zu dieser Zeit müssen Hedwig und ihre Tochter Liselotte nach Berlin zurückgekehrt sein und Unterkunft in einer der Wohnungen in der Pariser Straße 11 gefunden haben. Das Haus war im Besitz der Jüdischen Gemeinde Berlin und es lebten dort dementsprechend viele Juden als Mieter. Da Hedwig und Liselotte in den Adressbüchern dieser Jahre nicht aufgeführt sind, wohnten sie wohl bei einem der jüdischen Bewohner zur Untermiete.

Hedwig Baumann wurde am 18. Oktober 1941 mit dem ersten Deportationszug vom Bahnhof Grunewald ins polnische Lodz, von den Nazis in Litzmannstadt umbenannt, transportiert. 1000 Berliner Jüdinnen und Juden wurden in die Waggons gepfercht. Ihre Endstation war das Ghetto in Lodz, wenn sie dort nicht starben, dann später in den Vernichtungslagern.
Liselotte war davon ausgegangen, dass ihre Mutter im April 1942 nach Warschau deportiert worden sei. So gab sie es in der „Vermögenserklärung“ an, die sie wenige Tage vor ihrer eigenen Verschleppung ausfüllen musste. Eine Hedwig Baumann ist auf den Deportationslisten der Warschauer Transporte jedoch nicht verzeichnet. Allerdings ist sie auch nicht in der Namensliste der aus Berlin in das Ghetto Litzmannstadt deportierten Juden aufgeführt, sodass ihr Schicksal letztendlich ungeklärt bleibt.

Liselotte blieb allein in Berlin zurück und musste bei der Firma Ernst Seydel in der Bülowstraße 66 Zwangsarbeit leisten. Die Firma stellte Militärausrüstungen her und zahlte der jungen Frau einen wöchentlichen Lohn von 26 RM.
Vor ihrer Deportation musste sie ein weiteres Mal ihr Zuhause verlassen. Sie wurde in der Rosenheimer Straße 29 bei dem jüdischen Vermieter Friedmann einquartiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Liselotte keinerlei Besitz. Es hieß in der Vermögenserklärung: „Erfolglose Räumung am 4.5.43, Nachlass wurde nicht vorgefunden.“

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Liselotte bereits in Auschwitz. Am 1. März 1943 war sie in einem mit 1736 Menschen vollgestopften Zug in das Vernichtungslager verschleppt worden. Über den Zeitpunkt ihres Todes gibt es keine Informationen.

Für ihre Mutter Hedwig und deren Schwester Martha wurden in Wittenberge am 11. Juni 2009 vor ihrem Elternhaus in der Steinstraße 20 zwei Stolpersteine verlegt. https://www.wittenberge.de/seite/65112/stolpersteine.html

Für ihren Vater Martin wurde am 7. November 2011 in Teltow vor dem Haus von Walter Zehden, Kleiststraße 13, ein Stolperstein verlegt. http://www.stolpersteine-teltow.de/3.html

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Deportationslisten
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Standesamt Müncheberg
Ingo Loose „Berliner Juden im Ghetto Litzmannstadt 1941 – 1945“

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Stolperstein Margarete Götze
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
MARGARETE GÖTZE
GEB. GOETZE
JG. 1891
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Margarete Goetze – der Name wurde in allen Dokumenten Goetze geschrieben – wurde am 8. Juli 1891 in Schneidemühl (polnisch Pila)/Posen als Tochter des Kaufmanns Emil Goetze und seiner Frau Johanna geb. Lefèvre geboren.
Margarete heiratete am 29. Dezember 1919 den Kaufmann Heinrich Silberstein, der am 1. Februar 1893 in Köln am Rhein geboren worden war. Die Ehe wurde auch in Schneidemühl geschlossen. Dort kam am 25. Mai 1922 die Tochter Ingrid auf die Welt.

Die Familie lebte und arbeitete in Schneidemühl, in der Mühlenstraße 6. Margarete Silberstein ist namentlich noch 1934 unter dieser Adresse im Einwohnerverzeichnis eingetragen. Vielleicht war Heinrich Silberstein zu diesem Zeitpunkt schon gestorben, sodass Margarete als Familienvorstand galt. Sie behielt den Nachnamen ihres Mannes, obwohl die Ehe schon am 2. März 1932 geschieden worden war.

Erst im April 1937 nahm sie ihren Mädchennamen Goetze wieder an. Auch dieser Verwaltungsakt geschah noch in Schneidemühl. Danach zog Margarete mit ihrer Tochter Ingrid nach Berlin in die Pariser Straße 11.

Vielleicht bestand ein verwandtschaftliches oder freundschaftliches Verhältnis zu der ebenfalls in diesem Haus wohnenden Familie Gumpert. Margarete Gumpert, sowie ihre Kinder Günter und Helga waren ebenfalls in Schneidemühl geboren und hatten dort die meiste Zeit verbracht. Die Familie Gumpert war 1936 nach Berlin gezogen. Günter und Helga Gumpert und Ingrid Silberstein waren etwa im gleichen Alter. Möglicherweise haben Margarete und ihre Tochter sogar in der Wohnung der Gumperts gewohnt. Leo Gumpert war zu dieser Zeit vor der Gestapo in die Tschechoslowakei geflüchtet und die Kinder Günter und Helga mit Kindertransporten nach England und Schweden geschickt worden.

Margarete und Ingrid mussten zwangsweise ihre Wohnung in der Pariser Straße verlassen. Ingrid wurde in der Waitzstraße 7 einquartiert und von dort am 12. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert. Ihre Mutter wurde vor der Deportation in die Auguststraße 17 eingewiesen. Ein ursprünglich als jüdisches Ausbildungsheim für Krankenpflege gegründetes Haus diente ab 1936 als Mädchen- und Frauenwohnheim der Jüdischen Gemeinde. Es diente wohnungslosen Frauen und Mädchen als Obdach und wurde zur Zeit der Massendeportationen auch als Sammelstelle für die Personen eingerichtet, deren Abtransport in die Vernichtungslager bevorstand.

Am 12. Januar 1943 setzte sich der „26. Osttransport“ nach Auschwitz mit 1196 Menschen in Bewegung, darunter die Schriftstellerin Else Ury, Autorin der „Nesthäkchen“ – Bücher für Mädchen. In dem Zug befanden sich auch Käthe, Marianne und Eva Benzion, Margarete und Ingrids Nachbarinnen aus der Pariser Straße 11. In Auschwitz wurde der Eingang von 1000 Menschen verzeichnet. Nur 127 Männer wurden nach der Selektion in das Lager eingewiesen, alle anderen in den Gaskammern von Birkenau ermordet.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:

Gedenkbuch,
Bundesarchiv – Deportationslisten,
Regina Scheer: „AHAWAH – Das vergessene Haus“,
Berliner Adressbücher,
Adressbuch der Stadt Schneidemühl 1934
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“

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Stolperstein Ingrid Silberstein
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
INGRID SILBERSTEIN
JG. 1922
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Margarete Leb Gumpert
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
MARGARETE LEB
GUMPERT
GEB. LACHOTZKI
JG. 1896
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET

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Stolperstein Benno Lewy
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
BENNO LEWY
JG. 1889
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET

Dr. Benno Lewy wurde am 5. September 1989 in Chemnitz geboren. Seine Eltern waren Louis Lewy, (*15. November 1850 in Bojanowo) und Fanny (Feiga) Lewy geb. Gites, (*12. Mai 1864 in Odessa). Das Paar heiratete am 21. Mai 1886 in Leipzig. Schon kurz nach der Eheschließung müssen sie nach Chemnitz umgezogen sein, dort kamen alle vier Kinder zur Welt. Der erstgeborene Sohn Hans starb schon zwei Tage nach seiner Geburt, am 4. November 1888. Ein Jahr später kam Benno zur Welt, es folgten Leo am 25. Juli 1892 und Lucy am 23. März 1895.

Benno Lewy studierte in Leipzig, Wien und München Germanistik und promovierte in diesem Fach.
In Berlin eröffnete er in der Knesebeckstraße 48/49 ein Antiquariat für wertvolle alte Bücher, gesamte Bibliotheken und sonstige antike Gegenstände. Seine Wohnung befand sich in der Sybelstraße 58, vermutlich als Untermieter bei dem fast gleichnamigen Facharzt Dr. E. Levy. Benno blieb ledig, er führte sein Geschäft bis zur erzwungenen Aufgabe selbstständig und offenbar erfolgreich. Bis 1939 ist sein Antiquariat noch unter der bisherigen Adresse in den Berliner Adressbüchern verzeichnet. Danach ist es nicht mehr zu finden. In der Progromnacht vom 9.November 1938 werden die SS und SA Truppen dieses Geschäft nicht verschont haben und Benno Lewy wird in der Folge sein Antiquariat zwangsweise veräußert haben.

Seine Schwester Lucy war promovierte Chemikerin. Sie wanderte zu einem nicht bekannten Zeitpunkt in die USA aus und lebte in New York. Sie starb dort am 1. Januar 1961. Lucy, ihre Mutter Fanny, sowie der Bruder Leo scheinen gemeinsam ausgewandert zu sein. Fanny starb am 5. Mai 1943 und Leo am 17. Juni 1944 in New York. Der Vater Louis war bereits 55jährig am 6. März 1905 in Chemnitz verstorben.

Lucy stellte als Alleinerbin von New York aus einen Entschädigungsantrag. Sie verstarb jedoch bevor der Antrag entschieden wurde. Als Kapitalentschädigung wurde eine Summe von 13290 DM festgelegt. Diese Entschädigungssumme erhielt als Nachnacherbe der ebenfalls in New York lebende Hans Samuel, der mit Lucy und Benno jedoch nicht verwandt war.

Benno Lewy hat allen Unterlagen zufolge in Berlin immer in der Sybelstraße 58 gewohnt. Wann und unter welchen Umständen er in der Pariser Straße 11 gewohnt haben soll, ist unklar. War sein Vermieter in der Sybelstraße 58 bis 1939 noch der Facharzt Dr. E. Levy, so hieß der Vermieter ab 1940 Dr. phil. A. Levy (Ingenieur). Möglicherweise musste Benno Lewy kurzfristig – zur Zeit der Volkszählung – die alte Wohnung verlassen und in die Pariser Straße 11 ziehen.

In den Jahren nach der Liquidierung seines Antiquariats wird Benno zur Zwangsarbeit herangezogen worden sein. Hinter seinem Namen auf der Deportationsliste war als Beruf „Arbeiter“ vermerkt.

Benno Lewy wurde von der Gestapo aus der Wohnung in der Sybelstraße 58 verschleppt und in die als Sammellager missbrauchte Synagoge in der Levetzowstraße gebracht. Am 25. Januar 1942 wurde er mit dem Transport 10 nach Riga deportiert. Die Abfahrt dieses „10. Osttransportes“ erfolgte vom Bahnhof Grunewald aus. Die Menschen wurden in gedeckten Güterwagen transportiert und der in diesem Winter herrschenden Kälte ungeschützt ausgesetzt, sodass bei der Ankunft in Riga viele bereits erfroren oder durch die Kälte stark geistig verwirrt waren. Sie wurden bei der Ankunft in Riga Skirotava sofort erschossen. Von den 1044 mit diesem Zug deportierten Menschen überlebten nur 13. Benno Lewy gehört nicht dazu.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten – Entschädigungsbehörde
Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Landesarchiv Berlin WGA
Deportationslisten
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“

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Stolperstein Leo Neustadt
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
LEO NEUSTADT
JG. 1882
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Leo Neustadt wurde am 16. März 1882 in Schwarzenau (Czerniejewo) geboren, seine Ehefrau Martha Neustadt, geb. Schachmann am 3. August 1988 in Posen (Poznan). Aus der Ehe der Neustadts gingen zwei Kinder hervor: die Tochter Alice, geboren am 15. Juli 1920 in Posen, und der Sohn Werner Neustadt, geboren am 10. Februar 1928 in Berlin.

Leo Neustadt betrieb als Möbelfabrikant die Firma „Neumann & Bunar“ am Lausitzer Platz in Kreuzberg. Während der Weltwirtschaftskrise geriet das Unternehmen in Schwierigkeiten und wurde nach einem Zwangsvergleich von der gleichnamigen neuen Firma „Neumann und Bunar GmbH“ aufgekauft. An der GmbH waren unter anderen auch Martha Neustadt und zwei ihrer Brüder durch Einlagen beteiligt.

Auch nach der Neugründung war Leo Neustadt in der Möbelbranche tätig und konnte, trotz der nach Januar 1933 einsetzenden Boykottmaßnahmen gegen jüdische Einrichtungen und Firmen, durch den guten Namen in der Branche den Lebensstandard der Familie noch einige Jahre halten. Spätestens 1936 musste Leo Neustadt seine Tätigkeit jedoch aufgeben und die Familie lebte von da an von den Ersparnissen.

Die Familie lebte in guten wirtschaftlichen Verhältnissen in einer großen Wohnung in der Knesebeckstraße. Nach dem Verlust der Erwerbstätigkeit konnte dieser Lebensstandard nicht mehr gehalten werden, das Dienstmädchen musste entlassen werden und die Familie Neustadt zog in die Pariser Straße 11. Es kann davon ausgegangen werden, dass zur Finanzierung des Lebensunterhalts Einrichtungsgenstände und sonstige Wertsachen „verschleudert“ werden mussten.

Die Tochter Alice besuchte ab 1935 eine jüdische Oberschule, nachdem die Repressalien und Schikanen gegen jüdische Schülerinnen und Schüler an den staatlichen Schulen unerträglich geworden waren. Im Jahr 1936 wanderte Alice als 16-jährige nach Palästina aus, die Eltern und der Bruder Werner blieben jedoch zurück. Ihnen gelang es später nicht mehr, Deutschland zu verlassen.

Leo und Martha Neustadt wurden zusammen mit ihrem gerade 15 Jahre alt gewordenen Sohn Werner Neustadt am 2. März 1943 mit einem vom Reichssicherheitshauptamt als “32. Ost-Transport“ eingruppierten Zug nach Auschwitz deportiert. In diesem Zug saßen 1756 Menschen, von denen 580 ins Lager eingewiesen und alle anderen in Birkenau vergast wurden.

Quelle: Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin,
Entschädigungsbehörde

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Stolperstein Werner Neustadt
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
WERNER NEUSTADT
JG. 1928
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Martha Neustadt
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
MARTHA NEUSTADT
GEB. SCHACHMANN
JG. 1888
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Werner Riese
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
WERNER RIESE
JG. 1931
DEPORTIERT 29.11.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Bildvergrößerung: Stolperstein Gertrud Riese
Stolperstein Gertrud Riese
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
GERTRUD RIESE
GEB. BARRACH
JG. 1895
DEPORTIERT 29.11.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Adolf Riese
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ADOLF RIESE
JG. 1886
DEPORTIERT 29.11.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Bildvergrößerung: Gertrud Riese geb. Barrach als junges Mädchen
Gertrud Riese geb. Barrach als junges Mädchen
Bild: Familie Manasse, Monaco

Adolf Riese findet sich in den Berliner Adressbüchern von 1932 bis 1941. In dieser Zeit zog die Familie fünfmal in Wilmersdorf um, – warum ist nicht bekannt, es wird mit den Schikanen gegen jüdische Mitbürger zu tun haben – bis sie seit Januar 1938 in der Pariser Straße 11 wohnten, im Gartenhaus, III. Stock, 2 Zimmer, Küche, Bad, Speisekammer, Ofenheizung. So seine eigenen Angaben in der Vermögenserklärung, die jeder vor der Deportation abgeben musste. Er wurde am 7. März 1886 in Berlin geboren und war Ingenieur, Dr. ing. Seine Frau Gertrud Riese geb. Barrach wurde ebenfalls in Berlin geboren, am 22. Oktober 1895. Sie hatten zwei Söhne, Günter Emil Riese, geb. am 9. März 1922 und Werner Riese, geb. am 4. April 1931. Adolf, Gertrud und Werner Riese wurden alle drei mit dem 23. Osttransport am 29. November 1942 nach Auschwitz deportiert, wo sie umkamen. Das offizielle Todesdatum wurde auf das Jahresende 1945 festgesetzt.

Bildvergrößerung: Form of Application
Form of Application
Bild: Familie Manasse, Monaco

Der ältere Sohn Günter Emil musste 1933 das Treitschke Gymnasium verlassen, und ging bis 1937 bis zur Untersekunda auf die jüdische Private Lessler-Schule in Berlin-Grunewald. Ursprünglich wollte er Journalist werden, aber er bereitete sich dann auf seine Auswanderung vor, um dem Naziterror zu entkommen. Er ging, wie so viele auf Hachschara (hebräisch: Vorbereitung) zur Alijah (hebräisch: Aufstieg= Auswanderung ins gelobte Land). Im Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde, einer Besitzung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, wurden die jungen Leute in landwirtschaftlichen, gärtnerischen und handwerklichen Berufen ausgebildet, um sich später im Kibbuz bewähren zu können. Auch von dort gab es immer wieder Deportationen und Günter Emil Riese floh von dort im März 1939 über England nach Australien, wo er am 8. Mai 1939 als 17jähriger, minderjähriger, unbegleiteter Flüchtling ankam und um Einbürgerung bat. (siehe sein Antrag als „Alien Resident“)

Bildvergrößerung: Unterschrift Werner Israel Riese
Unterschrift Werner Israel Riese
Bild: Familie Manasse, Monaco

Die bei der Stolpersteinverlegung anwesenden Verwandten seiner mütterlichen Familie Barrach wussten von diesem Verwandten nichts. Er wurde in den Akten des Entschädigungsamtes gefunden, hatte als George Emil Rees von Australien aus die Ansprüche gestellt, die später seine Tante Edith Manasse geb. Barrach, eine Schwester seiner Mutter von Berlin aus weiterverfolgte. Es begann dann sofort eine Recherche nach diesem Verwandten oder eventuellen Nachkommen, aber George E. Rees ist wohl 2005 in Melbourne ohne Nachkommen verstorben, sodass dieser Zweig Riese der Familie Barrach ausgelöscht ist.

Der jüngere Sohn Werner Riese war bei der Deportation ins Konzentrationslager 11 Jahre alt. Zwei Generationen später steht ein gleichaltriger (Großgroß-)Cousin – ein Sohn des Stifters Donald Manasse vor seinem Stolperstein. Er hat für die Zeremonie extra schulfrei bekommen unter der Bedingung, im Geschichtsunterricht ein Referat über Stolpersteine zu halten. So verbreitet sich das Wissen um diese Art des Gedenkens auch an Schulkinder aus Monaco und er erbittet sich dafür ausdrücklich den Aktenauszug mit der kindlichen Unterschrift des damals 11jährigen Werner unter die Vermögenserklärung. Die musste für jeden abgegeben werden, damit auch jeder Pfennig zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen werden konnte.

Recherche u Biographie: Marianne Gaehtgens.
Quellen: Entschädigungsamt Berlin, Akte: 355953
Landwerk Neuendorf: Kulturscheune im Sande, Berliner Adressbücher, Bundesarchiv

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Stolperstein Hermann Sandmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
HERMANN SANDMANN
JG.1886
VERHAFTET 1942
SACHSENHAUSEN
ERMORDET 25.9.1942

Hermann Sandmann, geboren am 30.Juni 1886 im ostpreußischen Lötzen, war der Sohn von Julius und Paula Sandmann. Seine älteren Geschwister hießen Siegfried, geb. am 7.Dezember 1884 und Rosa, geb. am 2. April 1881. Die Familie lebte später in Berlin, wo Hermann als Generalvertreter der „Fa.Puls, Burg Kunstadt, Lederwaren, Schuhe“ tätig war und Siegfried als Konfektionskontrolleur bei „Kleinman & Wolff“ arbeitete. Die Schwester Rosa wurde Buchhalterin und heiratete den protestantischen Kaufmann Kurt Emil Laudien. Damit war ihr ein anderes Schicksal beschieden als ihren Brüdern.

Am 27. Januar 1910 heirateten Hermann Sandmann und die am 12.April 1887 geborene Regina Grün, Tochter von Josef und Rebecca Grün. Am 7. November 1910 wurde die Tochter Ruth geboren und zehn Jahre später, am 25. Oktober 1920, der Sohn* Hans*.

Die Brüder Sandmann wohnten mit ihren Familien in enger Nachbarschaft in Prenzlauer Berg, Siegfried zunächst in der Hufelandstraße, Raabestraße 15 und zuletzt in der Wehlauer Straße (heute Eugen-Schönhaar-Straße), Hermann in der Raabestraße 12. Hermann und Regina Sandmann lebten in einer 4-Zimmerwohnung mit wertvollem Inventar, wie aus der Akte des Entschädigungsamtes hervorgeht. Im Berliner Adressbuch war der Name Hermann Sandmann mit dem Zusatz „Direktor“ versehen. Er bezog nach Angaben aus der Entschädigungsakte ein jährliches Einkommen von 40 000 Reichsmark.
Nach 1937 fand sich im Adressbuch kein Eintrag mehr in der Raabestr.12 für Hermann Sandmann. In der Vermögenserklärung, die Regina Sandmann vor ihrer Deportation abgeben musste, gab sie an, 1937 in die Pariser Straße 11 gezogen zu sein. Sie bewohnten zusammen mit ihrem Sohn Hans im Gartenhaus eine 3-Zimmerwohnung.

In seiner Firma war Hermann Sandmann ab Januar 1935 als Jude beruflich degradiert worden. 1936 verlor er die Stellung endgültig. Er war somit auf die finanzielle Unterstützung seiner Kinder Ruth und Hans angewiesen.

Hermann Sandmann wurde im Mai 1942 von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Er trug die Häftlingsnummer 042787 und wurde im Häftlingsblock 39 gefangen gehalten. In den Baracken 38 und 39 pferchte die SS bis Oktober 1942 alle jüdischen Häftlinge zusammen. Danach wurden sie in die Vernichtungslager in Osteuropa deportiert. Noch vorher, am 25. September 1942, starb Hermann Sandmann in den frühen Morgenstunden an den Folgen der Ruhr.

Sein Bruder Siegfried hatte am 23.Dezember 1919 die in der Raabestraße 8 wohnende Rosa Meyer geheiratet. Das kinderlose Ehepaar lebte in einer 3-Zimmerwohnung in der Wehlauer Straße 2 oder 4. Nach seiner Entlassung aus dem Angestelltenverhältnis bei der jüdischen Firma Kleinmann & Wolff musste Siegfried Sandmann ein Zimmer der Wohnung abgeben – in der Akte des Entschädigungsamtes hieß es „verkaufen“ –, um den notdürftigsten Lebensunterhalt zu bestreiten.
Er wurde zusammen mit seiner Ehefrau Rosa am 1. November 1941 in das Ghetto Lodz deportiert. Dort wurden kriegswichtige Waren wie z.B. Uniformen von den im Ghetto gefangenen Menschen gefertigt. Sicherlich beutete man Siegfrieds Kenntnisse als Textilfachmann in diesen Fabriken aus. Rosa und Siegfried Sandmann wurden am 11. Mai 1942 in das 55 km entfernte Chelmno geschafft. Dort hatte seit Dezember 1941 der Massenmord an Juden durch den Einsatz von Kohlenmonoxid stattgefunden. Das Ehepaar wurde in einem speziell zu diesem Zwecke umgebauten LKW vergast.

Hermann und Siegfrieds Schwester Rosa überlebte die Shoah. Ihr Ehemann Kurt Emil Laudien war kein Jude und sie selbst erklärte im Juli 1940 ihren Austritt aus der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Ihre 1907 geborene Tochter Lieselotte heiratete den Schauspieler, Schriftsteller und Kabarettisten Walter Lieck. Dieser trat zusammen mit Werner Finck und Walter Gross im Kabarett Tingeltangel auf. Auf Anweisung von Goebbels wurde er 1935 verhaftet und ins Konzentrationslager Esterwege eingeliefert. Im Olympiajahr 1936 wurde mit Rücksichtnahme auf das Ausland seine Haftstrafe in ein einjähriges Berufsverbot umgewandelt. Seine jüdische Schwiegermutter Rosa lebte mit in seinem Haushalt. Sie hatte ihm in schlechten Zeiten geholfen und so nahm er sie jetzt in Schutz, kaufte ihr außerhalb Berlins ein Haus und ermöglichte ihr das Überleben.
Er selbst starb 1944 an einer verschleppten Blutvergiftung aus der KZ – Haft. Rosa Laudien, geb. Sandmann lebte bis März 1951.

Lieselotte wurde eine bekannte Schauspielerin, die nach dem Zweiten Weltkrieg in einigen Defa-Spielfilmen mitwirkte: z.B. „Die Buntkarierten“, „Ehe im Schatten“. Sie stellte 1958 Anträge auf Wiedergutmachung und Entschädigung für ihre ermordeten Familienangehörigen.

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Stolperstein Regina Sandmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
REGINA SANDMANN
GEB. GRÜN
JG. 1887
DEPORTIERT 3.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Regina Sandmann wurde am 12. April 1887 in Berlin geboren. Ihre Eltern waren Josef und Rebecca Grün. Die Familie wohnte in der Brunnenstraße 1-2. Ob Regina noch Geschwister hatte, ist nicht bekannt. Am 27. Januar 1910 heiratete sie den Vertreter für Lederwaren Hermann Sandmann. Noch im selben Jahr, am 7. November, brachte sie die Tochter Ruth zur Welt und 10 Jahre danach den Sohn Hans.

Die Familie lebte in Prenzlauer Berg in der Raabestraße 12, bis ihr Mann seine Anstellung verlor. Sie mussten die große Wohnung verlassen und zogen in die Pariser Straße 11. Dieses geschah 1937.

Die Tochter Ruth arbeitete bei der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“. Sie war mit dem selbstständigen Bankkaufmann Ralph Biesenthal verheiratet. Ralph verlor ebenfalls seine Stellung und gab in seiner Vermögenserklärung als Beruf „Hilfsarbeiter“ bei der Firma Hagenuk an. 1939 zog Ruth zu ihren Eltern; im Berliner Adressbuch war ihr Name in der Pariser Straße 11 mit dem Zusatz „Telefonistin“ eingetragen. Seit März 1942 lebte nach eigenen Angaben ihr Ehemann Ralph auch in dieser Wohnung. Möglicherweise war das Ehepaar bis dahin getrennt gewesen. Die fünf Personen drängten sich in einer kleinen, mit Möbeln vollgestellten 3-Zimmerwohnung im Gartenhaus zusammen.

Sie mussten ertragen, wie Hermann Sandmann von der Gestapo verhaftet und in das KZ Sachsenhausen verschleppt wurde. Vier Monate nach dessen Tod wurde Regina Sandmann zusammen mit ihrem Sohn Hans nach Auschwitz deportiert. Am 3. Februar 1943 wurden insgesamt 952 Menschen in einen Zug gepfercht und vermutlich sofort nach Ankunft im Vernichtungslager ermordet.

Ruth und Ralph waren 4 Tage zuvor, am 29. Januar, abgeholt, nach Auschwitz deportiert und dort am 16. Februar ermordet worden. Aus der Familie Biesenthal konnte nur Ralphs Schwester Ruth ihr Leben retten. Sie emigrierte nach England. Ralphs Eltern Martha und Georg wurden im Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert. Georg kam dort ums Leben, seine Frau Martha wurde 1944 nach Auschwitz verbracht und dort ermordet.

Text Karin Sievert, Quellen: wie Hans Sandmann

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Stolperstein Hans J. Sandmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
HANS J. SANDMANN
JG. 1920
DEPORTIERT 3.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Hans Julius Sandmann, geboren am 25. Oktober 1920 in Berlin, Sohn von Hermann und Regina Sandmann, wurde nur 23 Jahre alt. Er lebte immer mit seinen Eltern zusammen; zuerst in Prenzlauer Berg, Raabestraße 12 in enger Nachbarschaft mit seinem Onkel Siegfried und seiner Tante Rosa, ab 1937 bis zu seiner Deportation 1943 in der Pariser Straße 11. Vermutlich musste er sich jahrelang mit seiner zehn Jahre älteren Schwester Ruth und zum Schluss auch noch mit deren Ehemann Ralf Biesenthal in der kleinen Wohnung ein Zimmer teilen.

Er hatte den Beruf des Feinmechanikers erlernt und arbeitete in der Fabrik für „Feinmechanik und Optik Helmut Korth“ für einen Wochenlohn von 38 RM. Davon bestritt er zusammen mit seiner Schwester Ruth, die monatlich 175 RM verdiente, den Lebensunterhalt für sich und seine Eltern, nachdem sein Vater seine Anstellung verloren hatte.

Hans Sandmann wurde zusammen mit seiner Mutter am 3. Februar 1943 mit dem sogenannten „28.Osttransport“ nach Auschwitz verschleppt und dort sofort ermordet.

Recherche und Texte: Karin Sievert

Quellen:

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Stolperstein Karl Silbermann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
KARL SILBERMANN
JG. 1901
DEPORTIERT 10.1.1944
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Karl Silbermann wurde am 10. September 1901 im Schlesischen Gleiwitz geboren. Sein Vater war der Textilkaufmann Max Silbermann, seine Mutter hieß Rosalie Silbermann, geb. Simenauer, geboren am 10. Februar 1876 in Myslowitz/ Kattowitz in Schlesien.

Die Silbermanns hatten außer Karl vier weitere Söhne: Julius, geb. 1904, Herbert, geb. 1905, Ernst, geb. 1906. Sie alle kamen in Kattowitz auf die Welt. Der vierte Bruder hieß möglicherweise Willy. Ebenso wie seine Brüder emigrierte er in den 30er Jahren. Er galt aber lange als verschollen.

Rosalie Silbermann gründete am 1. Februar 1911 in Berlin SW Lindenstraße 57 (heute Axel–Springer–Straße) eine Blusen- und Kleiderfabrik. 1913 ging die Firma auf ihren Ehemann Max über und trug auch dessen Namen. Max Silbermann verstarb am 14. Juni 1923. Die Erben waren die Witwe Rosalie und die fünf Söhne, von denen sich aber nur Karl für die Firma interessierte. Er wurde Teilhaber und leitete mit seiner Mutter gemeinsam den Betrieb; 1928 wurde er als Inhaber in das Handelsregister eingetragen. Neben sieben Angestellten beschäftigte er zwanzig Heimarbeiterinnen in der Produktion. Er wohnte weiterhin zusammen mit seiner Mutter in der Landsberger Allee 153.

Karl lernte die am 14. April 1905 in Berlin geborene Lucie Sattler kennen. Die beiden heirateten am 24. Februar 1931. Lucie war keine Jüdin, was für das weitere Eheleben eine große Rolle spielte. Sie bezogen ihre gemeinsame Wohnung im Wilmersdorfer Rheingauviertel in der Ahrweiler Straße 19a. Die Tochter Margrit wurde am 27. September 1932 geboren. Die Familie konnte bis 1936 in dieser Wohnung leben, dann wurde ihnen der Mietvertrag gekündigt. Man wollte keinen Juden im Haus wohnen haben. Die Silbermanns fanden noch vorübergehend eine passende Wohnung in der Sächsischen Straße 66. Gleichzeitig liefen die Geschäfte der Textilfirma immer schlechter. Die Boykottmaßnahmen gegen jüdische Unternehmen hatten längst ihre Auswirkungen gezeigt. Im November 1936 durften sie auch in der Sächsischen Straße nicht wohnen bleiben, jetzt sollte die gesamte Straße „judenfrei“ werden. Die Familie geriet in eine verzweifelte Situation.

Da inzwischen Karls Brüder Nazideutschland verlassen hatten, gingen auch Karls und Lucies Gedanken in diese Richtung. Die gesamte Wohnungseinrichtung wurde für ein geringes Entgelt verkauft und stattdessen billige Gebrauchtmöbel angeschafft, die man mit auf die Reise nehmen wollte. Mit dem 9. November 1938 wurde die Firma „Max Silbermann Blusen und Kleider“ stillgelegt und am 1. Januar 1939 liquidiert.
Mit ihren billigen Gebrauchtmöbeln wohnten Karl, Lucie und Margrit nun nacheinander in verschiedenen Wohnungen zur Untermiete. 1939, zur Zeit der Volkszählung, in der Pariser Straße 11 bei Fleischer. Es handelte sich hierbei vermutlich um Martha Fleischer, die auch zuvor ihre eigentliche Wohnung in der Pariser Straße 17 hatte verlassen müssen.

Anfang 1941 gelang es Lucie eine Wohnung in der Köpenicker Straße 173 anzumieten, ihr jüdischer Ehemann Karl war nur als Untermieter eingetragen.
Ein Jahr darauf ließen sich Karl und Lucie scheiden. Ansich lag kein Scheidungsgrund vor, Karl hatte jedoch vor Gericht die Schuld am Scheitern der Ehe auf sich genommen. Er hoffte dadurch, seine Frau und die Tochter vor Repressalien schützen zu können. Die Familie lebte aber weiterhin die meiste Zeit zusammen in der gemeinsamen Wohnung in der Köpenicker Straße. Obwohl die Silbermanns ein kärgliches Leben führten, war das Vermögen aus dem Verkauf der Firma und der Wohnungseinrichtung schnell aufgebraucht. So ging der 40jährige Karl als Lehrling in einen Elektrobetrieb, wurde nach einiger Zeit in das Kabelwerk Siemens zur Zwangsarbeit verpflichtet und musste von Ende 1942 bis Anfang 1943 als Arbeiter auf dem Schlesischen Bahnhof schuften.

Lucie Silbermann wurde im Oktober 1943 zusammen mit der Tochter Margrit Berlin nach Mühlau in Sachsen evakuiert. Sie ging dort im April 1945 die Ehe mit dem französischen Kriegsgefangenen Jean Noiron ein, nicht wissend, dass dieser bereits verheiratet war. Sie wollte mit ihrer Tochter auf diese Weise aus Sachsen herauskommen. Nach Kriegsende verbrachte man sie nach Frankreich und Lucie wurde sofort interniert. Die Ehe mit Noiron wurde umgehend annulliert. Nach ihrer Freilassung im Juni 1946 reiste sie mit Margrit nach Deutschland aus und sie ließen sich in Wiesloch bei Heidelberg nieder.

Karl Silbermann blieb allein in Berlin zurück, bis ihn die Gestapo am 10. Januar 1944 abholte und mit dem Transport I/105 in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppte. Zynischerweise wurde dieser Transport mit dem Zusatz „Wohnsitzverlegung von nicht mehr bestehenden privilegierten Mischehen“ versehen.
Am 29. September 1944 verließ ein Zug mit 1500 Deportierten Theresienstadt, unter ihnen Karl Silbermann, in Richtung Auschwitz. Dort im Vernichtungslager angekommen, wurden fast alle sofort ermordet.

Karl Silbermanns Mutter Rosalie wurde in Frankfurt am Main von der Gestapo gefasst und in Raasiku/Estland ermordet. Am 26. September 1942 war ein „Koppelzug“ mit Juden von Berlin–Moabit abgefahren, dem ein Waggon mit 237 Personen aus Frankfurt/Main angehängt worden war. Dieser hatte die Stadt am 24. September verlassen. Umgehend nach Ankunft des Transports wurden die meisten Menschen erschossen und in Gruben verscharrt.

Recherche und Text: Karin Sievert
Quellen:
- www.bundesarchiv.de/gedenkbuch
- Theresienstädter Gedenkbuch www.holocaust.cz
- Entschädigungsamt Berlin
- Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
- Landesarchiv Berlin WGA www.landesarchiv-berlin.de
- Deportationslisten
- Gottwaldt/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941-1945“