Stolperstein Hardenbergstr. 28

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Hausansicht Hardenbergstr. 28, Foto: H-J. Hupka
Bild: H.-J. Hupka

Dieser Stolperstein wurde von Tom Riebe & Bo Osdrowski vom Literaturverein Poesie schmeckt gut e.V. in Jena gestiftet und am 29.10.2013 verlegt – ausnahmsweise nicht vor der letzten frei gewählten Wohnung, sondern vor dem heutigen Romanischen Café im Hotel Waldorf Astoria an der Hardenbergstraße 28. Das legendäre Romanische Café, ein Künstler- und Intellektuellentreff, befand sich damals am Kurfürstendamm 238 (heute: Budapester Straße 43) und war sozusagen Hoexters „Wohnzimmer“.

In einem seiner spöttischen Gedichte karikierte John Hoexter sein Umfeld:

Romanisches Café
Maler, Dichter, Journalisten,
Ärzte, Mimen und Juristen,
Börsianer, Zionisten,
Juden, Juden, ein paar Christen,
Jahrelang der gleiche Kreis:
Tag! Wie geht’s? Was gibt es Neu’s?

Kunst und Psychoanalyse,
Reichstags- oder Börsenkrise,
Bühnenklatsch und Schach und Sport,
Keiner hört sein eignes Wort.
Jahrelang der gleiche Kreis:
Tag! Wie geht’s? Was gibt es Neu’s?

Marschall Tsching diktiert den Frieden,
Meyers Ehe wird geschieden.
I. G. Farben sollen fallen;
Prahlen, Tuscheln, trunknes Lallen,
Jahrelang der gleiche Kreis:
Tag! Wie geht’s? Nie gibt es Neu’s.

(in: VERSENSPORN, Heft Nr. 8, S. 26f.)

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Stolperstein John Höxter, Foto: Poesie schmeckt gut e.V., Jena, 2013
Bild: Poesie schmeckt gut e.V., Jena

JOHN HOEXTER
JG. 1884
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
15.11.1938

John Hoexter wurde am 2. Januar 1884 in Hannover geboren. Schon früh erkrankte er an Asthma und hatte Zugriff auf das lindernde Morphium. 1904 ging er erstmals und Ende 1905 dauerhaft nach Berlin, wo er bei Leo von König Kunst studieren sollte. Hoexter zog aber eine nichtakademische Künstlerlaufbahn vor. Graphische und literarische Arbeiten veröffentlichte er ab 1905 in Zeitschriften wie Ost und West, Die Opale, Deutsche Theater-Zeitschrift, Die Aktion, Schlemiel, Schall und Rauch, Der Querschnitt und Der Taugenichts. Buchillustrationen fertigte er für Der Roman der XII (1909), Hermann Heiberg: Streifzüge ins Leben (1909), Victor Hadwiger: Wenn unter uns ein Wandrer ist (1912), Henry Wenden: Mahatma (1914) und Oscar Wilde: Der Priester und der Messnerknabe (1922) an. Er schuf zwei Grafikmappen mit Porträts: Sechs Romantiker (1907), Imagines Divi (1913); eine dritte, für 1916 angekündigte Mappe Ornamenta Spiritus, ist wohl nie erschienen.

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John Höxter, Foto: Poesie schmeckt gut e.V., Jena
Bild: Poesie schmeckt gut e.V., Jena

Der junge Künstler, der sich in der damaligen Berliner Kulturszene bewegte, war einer der ersten Mitarbeiter der von Franz Pfemfert 1911 gegründeten Zeitschrift Die Aktion. Engen Kontakt hatte er zum „Neuen Club“ um Kurt Hiller, Jakob van Hoddis, Georg Heym und Ernst Blass; er besuchte die Mittwoch-Abende im Nollendorf-Casino und das „Neopathetische Cabaret“. Eine Zeitlang teilte er mit Jakob van Hoddis eine Wohnung.

Im Herbst 1916 wurde er zum Militär eingezogen, aber bald darauf wegen Dienstuntauglichkeit wieder entlassen. Hoexters Heimat wurden die Berliner Bohème-Cafés wie das Café Monopol, das Café des Westens („Café Größenwahn“), später das Café Josty und das Romanische Café, die als Begegnungsstätten von Künstlern wesentlich zur Entstehung des deutschen Expressionismus beitrugen. Dort galt er als „Pumpgenie“ (Franz Mehring) und sicherte sich als Schnorrer auch die Mittel für seine nächste Morphiumration.

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Höxter Karrikatur, Quelle: Poesie schmeckt gut e.V., Jena
Bild: Poesie schmeckt gut e.V., Jena

1919 begründete er die Zeitschrift Der blutige Ernst, die ab der dritten Nummer von Carl Einstein und George Grosz fortgeführt und zu einem der Hauptorgane der DADA-Bewegung wurde. Auch nach den 1920er Jahren, als das Kaffeehaus-Leben längst aus der Mode gekommen war, geisterte Hoexter als „Schatten der einstigen Bohème … aus Erwerbsgründen noch Abend für Abend … durch das Industriegebiet der Intelligenz an der Gedächtniskirche“ (Erich Mühsam).

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Gedicht von John Hoexter, Quelle: Poesie schmeckt gut e.V., Jena
Bild: Poesie schmeckt gut e.V., Jena

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 begann der Exodus vieler seiner Künstlerkollegen und die Entrechtung des jüdischen Teils der Bevölkerung, die auch vor seinem Lebensraum Kaffeehaus nicht haltmachte. Wenige Tage nach der Reichspogromnacht, wohl am 15. November 1938, beging John Hoexter, um der „dauernd wachsenden Entwürdigung“ zu entgehen, Selbstmord. Am 16. November wurde er im Wald zwischen Potsdam und Caputh mit geöffneten Pulsadern aufgefunden.

Sein letzter Wohnort war die Berliner Straße 110 in Charlottenburg (heute: Otto-Suhr-Allee). Er wohnte dort zur Untermiete bei dem Buchhändler Benno Wolff.

Literatur:
John Höxter. Gedichte und Prosa, hrsg. v. Franz-Josef Weber und Karl Riha (= Vergessene Autoren der Moderne III). Siegen 1984.
John Höxter. Ich bin noch ein ungeübter Selbstmörder. Mit einem Nachwort von Karl Riha. Postscriptum Verlag (= Randfiguren der Moderne, hrsg. v. Karl Riha und Franz-Josef Weber), Hannover 1988.
John Hoexter. VERSENSPORN, Heft Nr. 8, Edition POESIE SCHMECKT GUT (hrsg. von Bo Osdrowski & Tom Riebe), Jena 2012.

Quelle: Edition POESIE SCHMECKT GUT, Jena