Stolpersteine Westfälische Str. 82

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Hauseingang Westfälische Str. 82, Foto: H-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

Diese Stolpersteine wurden, ebenso wie die an der Westfälischen Straße 70 und 85, von der Deutschen Rentenversicherung Bund gespendet und am 21.9.2013 verlegt.

In einer Ansprache zum Gedenken an die deportierten und ermordeten zehn Frauen – ein Ehepaar beging vorher Selbstmord – sagte Herbert Rische, Präsident der DRV Bund, unter anderem:

„Wir stehen in der Verpflichtung, die Erinnerung an die Ereignisse der damaligen Zeit wachzuhalten. Ist sie für uns doch Mahnung und Botschaft zugleich, dass ein friedvolles und respektvolles Miteinander selbst in entwickelten, modernen Gesellschaften nicht als selbstverständlich angesehen werden kann. Nicht nur als Anlieger, sondern auch als Institution, die der sozialen Sicherung verpflichtet ist, sehen wir es als unsere Aufgabe, die Erinnerung an diesen Teil unserer Vergangenheit wachzuhalten.“

Sechs Damen im Alter zwischen 49 und 84 haben am 17.5.1939, dem Tag einer Volkszählung, in der Westfälischen Straße 82 zusammengewohnt. Sie waren gemeldet bei Herta Schwarz, die offenbar eine geräumige Wohnung hatte und fünf Frauen aufnehmen konnte, von denen vier verwitwet waren und offenbar nach dem Tod ihrer Ehemänner hier Zuflucht fanden. Eine, Cäcilie Selma Cohn, hatte den Geburtsnamen Schwarz, war also möglicherweise mit sowohl mit Herta Schwarz als auch mit Clara Galland, geb. Cohn, verwandt. Die beiden jüngsten, Herta Schwarz selbst und Lisa Adele Wolffenstein, waren unverheiratet. Die Wohngemeinschaft wurde jedoch 1941/42 gewaltsam auseinandergerissen: vier Frauen mussten zwangsweise in andere Wohnungen umziehen, nur zwei – Cäcilie Selma Cohn und Babette Wittkowsky – wurden in den gleichen Deportationszug gesteckt.

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Stolperstein Lisa Adele Wolffenstein, Foto:H.-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
LISA ADELE
WOLFFENSTEIN
JG. 1889
FLUCHT 1939 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1.6.1943
SOBIBOR
ERMORDET 4.6.1943

Lisa Adele Wolffenstein , die am 3. September 1889 in Berlin geboren ist, hatte ihrer Heimatstadt schon den Rücken gekehrt, als die anderen fünf deportiert wurden. Am 22. Mai 1939, fünf Tage nach der Volkszählung, gelang ihr die Flucht nach Amsterdam. Sie war knapp 40 Jahre alt. Aber nach der Besetzung Hollands durch Nazideutschland war sie auch dort nicht mehr sicher, wurde aufgegriffen und aus dem Lager Westerbork nach Sobibor verschleppt, wo sie am 4. Juni 1943 umgebracht worden ist. In diesem Vernichtungslager in Südostpolen sind von 1942 bis 1945 schätzungsweise 250 000 Menschen in Gaskammern ermordet worden.

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Stolperstein Herta Martha Schwarz, Foto:H.-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
HERTA MARTHA
SCHWARZ
JG. 1887
DEPORTIERT 13.1.1942
RIGA
ERMORDET

Herta Schwarz ist am 10. Januar 1877 in Berlin geboren. Vor ihrer Deportation wurde sie in die Thomasiusstraße 17 in Tiergarten eingewiesen, sie verrichtete zu dieser Zeit in der Chemischen Fabrik J.D. Riedel, die auch Pharmazeutika herstellte, in Britz Zwangsarbeit. Ein Restlohn, der ihr zustand, wurde von der Finanzbehörde eingezogen, weil sie am Zahltag im Februar 1942 schon nach Riga deportiert war. Am 13. Januar 1942 wurde sie in einem offenen Lastwagen oder zu Fuß zum Bahnhof Grunewald getrieben, wo sie am Gleis 17 einen Zug besteigen musste, der aus Personenwagen 3. Klasse bestand und vier Tage und drei Nächte nach Riga unterwegs war. Nur 15 der rund 1 000 Menschen dieses Transports haben den Holocaust überlebt.

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Stolperstein Clara Galland, Foto:H.-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
CLARA GALLAND
GEB. COHN
JG.1871
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
TREBLINKA
1942 ERMORDET

Clara Galland , geb. Cohn, wurde am 23. Oktober 1871 in Berlin geboren. Sie war 70 Jahre alt, als sie zunächst kurzfristig in die Dahlmannstraße 1 umgesiedelt und am 14. September 1942 mit etwa 1 000 Menschen vom Bahnhof Grunewald oder vom Güterbahnhof Moabit ins Ghetto nach Theresienstadt transportiert wurde. Von dort wurde sie am 29. September 1942 mit 42 anderen Opfern in das Vernichtungslager Treblinka gebracht und wenige Tage später ermordet.

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Stolperstein Gertrud Cussel, Foto:H.-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
GERTRUD CUSSEL
GEB. BRASCH
JG. 1884
DEPORTIERT 13.6.1942
ERMORDET IN
SOBIBOR

Gertrud Cussel , geb. Brasch, ist am 15. Dezember 1884 in Berlin geboren. Als sie unter Druck und Zwang aus ihrer gewohnten Umgebung in der Westfälischen Straße in die Rankestraße 9 vertrieben wurde, wusste sie, dass sie wie viele ihrer Verwandten, Bekannten und Nachbarn irgendwo nach Osten deportiert würde. Immerhin hatten ihre beiden Kinder rechtzeitig nach Südamerika flüchten können. Eines Tages musste sie sich in der Levetzowstraße 7-8, einer trotz der Brandstiftungen in der Pogromnacht am 9./10. November 1938 wenig zerstörten Synagoge melden, die als Sammellager für Deportierte missbraucht wurde.

Am 13. Juni 1942 ist sie in das Vernichtungslager Sobibor deportiert worden. In dem Zug, der am gefürchteten Gleis 17 des Bahnhof Grunewald stand, saßen schon mindestens 250 Juden aus Potsdam, etwa 750 aus Berlin kamen hinzu, außerdem 24 Kinder aus einem Heim für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz. Bis auf wenige Männer, die unterwegs in das Lager Majdanek eingewiesen wurden, kamen alle anderen nach Sobibor in Südostpolen. Dort sind von 1942 bis 1945 schätzungsweise 250 000 Menschen in Gaskammern umgebracht worden. Unter ihnen war wohl auch Gertrud Cussel.

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Stolperstein Cäcilie Selma Cohn, Foto:H.-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
CÄCILIE SELMA
COHN
GEB. SCHWARZ
JG. 1855
DEPORTIERT 25.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 10.3.1943

Cäcilie Selma Cohn , geb. Schwarz, ist am 16. Mai 1855 in Preußisch Stargard (Starogard) geboren. Bevor sie im hohen Alter von 87 Jahren deportiert wurde, musste sie ihr Zimmer in der Wohnung von Herta Schwarz verlassen und kam zunächst im Gartenhaus der Uhlandstr. 40/41 unter. Dort musste sie ein Zimmer teilen mit Babette Wittkowsky, die in der Westfälischen Straße ebenfalls bei Herta Schwarz gewohnt hatte.
Cäcilie Selma Cohn wurde in das ehemalige Jüdische Altersheim in der Großen Hamburger Straße 26 gebracht, wo die Geheime Staatspolizei ein Sammellager für Transporte in die Vernichtungslager eingerichtet hatte. Von dort ist sie am 25. August 1942 mit einem von den Nazis als 49. Alterstransport bezeichneten Zug nach Theresienstadt gebracht worden, wo sie ins schon völlig überfüllte Ghetto musste und am 10. März 1943 ums Leben kam. In die Todesurkunde http://109.123.214.108/de/document/DOCUMENT.ITI.18243 wurde „senile Altersschwäche“ eingetragen, was wohl ein, die wahre Ursache – nämlich Mangelversorgung – , verschleiernder Befund war.

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Stolperstein Babetta Wittkowsky, Foto:H.-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
BABETTA WITTKOWSKY
GEB. LEWY
JG 1876
DEPORTIERT 25.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 5.4.1943

Babetta Wittkowsky , geb. Lewy, ist am 30. April 1876 in Friedrichsgemünd (Bayern) geboren. Vermutlich zog sie in die Gemeinschaftswohnung bei Herta Schwarz in der Westfälischen Straße 82 ein, nachdem ihr Mann gestorben war. Doch wie Cäcilie Selma Cohn musste sie diese Bleibe verlassen und in die Uhlandstraße 40-41 einziehen, wo sie mit ihr zusammen die nächste Zeit in einem Zimmer lebte.
Das Schicksal der beiden Frauen blieb eng miteinander verbunden. Sie hatte sich gemeinsam in der Sammelstelle Hamburger Straße 26 einzufinden, wo ständig viele hunderte Jüdinnen und Juden in qualvoller Enge manchmal tagelang auf ihren Abtransport warten mussten. Hier hatten sie auch ihre Vermögenserklärungen abzugeben, bekamen von der Geheimen Staatspolizei Verfügungen ausgehändigt, dass ihr Vermögen eingezogen worden sei und wurden schließlich für bestimmte Deportationszüge eingeteilt.
Am 25. August 1942 war es dann soweit, dass sie in einem von zwei an den fahrplanmäßigen Zug nach Prag angehängten Waggons ins Ghetto Theresienstadt geschickt wurden, wo ihnen ein Leben in einer Siedlung versprochen wurde. Aber dort herrschten grauenvolle Zustände und sie überlebte ihre Freundin nur um dreieinhalb Wochen. Babetta Wittkowsky ist am 5. April 1943 ums Leben gekommen – sicher eine Folge des Transports und der Lebensumstände im Ghetto.

Recherchen und Texte: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf
Quellen: Melderegister vom 17.5.1939 beim Bundesarchiv; Brandenburgisches Landeshauptarchiv; Datenbank der Berliner Zwangsarbeitsfirmen; Gottwald/Schulle: Die Judendeportationen, Wiesbaden 2005