Stolpersteine Pariser Straße 56-57

Link zu: Hauseingang Pariser Str. 56
Hauseingang Pariser Str. 56
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, F. Siebold

Die Stolpersteine für Emil und Charlotte Muskat, Margarete Klopstock und Betty Demuth wurden am 16.10.2012 verlegt.

Der Stolperstein für Adolf Lewy wurde am 14.5.2013 verlegt.

Diese fünf Stolpersteine wurden gespendet von einem Patenkollektiv: Prof. Dr. K. Bruder, Dr. A. Bruder-Bezzel, S. van Buiren, W. Krautstrunk, Dr. H.-R. Krüger, H. Leiste-Bruhn, Dr. S. Leiste-Bruhn, A.M. Pfister, F. Schutzbach (alle Berlin).

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Stolperstein Emil Muskat
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, F. Siebold

HIER WOHNTE
EMIL MUSKAT
JG. 1876
DEPORTIERT 28.3.1942
ERMORDET IN
PIASKI

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Stolperstein Charlotte Muskat
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Siebold

HIER WOHNTE
CHARLOTTE MUSKAT
GEB. SCHMUL
JG. 1877
DEPORTIERT 28.3.1942
ERMORDET IN
PIASKI

Link zu: Stolperstein Margarete Klopstock
Stolperstein Margarete Klopstock
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Siebold

HIER WOHNTE
MARGARETE
KLOPSTOCK
GEB. FÜRSTENBERG
JG. 1877
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

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Stolperstein Betty Demuth
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Siebold

HIER WOHNTE
BETTY DEMUTH
GEB. COHN
JG. 1884
DEPORTIERT 2.4.1942
ERMORDET IM
GHETTO WARSCHAU

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Stolperstein Adolf Lewy
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Siebold

HIER WOHNTE
ADOLF LEWY
JG. 1891
VERHAFTET 1943
GEFÄNGNIS GROSSBEEREN
SACHSENHAUSEN
BERGENBELSEN
ERMORDET

Emil Muskat, geboren am 2. Dezember 1876 in Wien, und seine Frau Charlotte Muskat, geb. Schmul, geboren am 16. April 1877 in Wien, wohnten von 1933 bis Mitte 1941 in der Pariser Straße 56-57. Am 1.7.1941 mussten sie – aus welchen Gründen, wissen wir nicht, aber sicherlich nicht freiwillig – in die Regensburger Straße 27 umziehen, wo sie als Untermieter bei Max Ullmann im Gartenhaus im 2. Stock wohnten und für zwei Zimmer mit Balkon und Badezimmer sowie Küchenbenutzung 107 Reichsmark zu bezahlen hatten.

Emil und Charlotte Muskat, die keine gemeinsamen Kinder hatten, mussten am 12.3.1942 im Sammellager in der zu diesem Zweck missbrauchten Synagoge Levetzowstraße diese Erklärungen unterschreiben: „Mir ist eröffnet worden, daß mein gesamtes Vermögen und das meiner Familienangehörigen als beschlagnahmt gilt.“ In einer Randnotiz dazu stand: Eine Nachprüfung der Auskünfte dazu werde „vor dem Abtransport vorgenommen“. In die Vermögenserklärung vom 14.3.1942 trug Emil Muskat ein: „ohne Beruf“. In den Adressbüchern führte er in den 1930er Jahren den Zusatz „Kaufmann“, später „Korrespondent“. Als letzte Beschäftigung gab er die Firma Wilhelm Hartmann & Co GmbH in der Jerusalemer Straße 65/66 an, er habe dort 585 RM monatlich verdient.

Charlotte Muskat schrieb auf: „Ich beziehe lt. Testament vom 9.8.1925 des verstorbenen Hofrat Wilhelm Hartmann aus früherem Arbeitsverhältnis ab 1.8.1938 eine monatl. Rente von RM 400.-.“ Davon würden 200 RM auf ein „beschränkt verfügbares Konto“ einbezahlt. Hartmann war ihr gestorbener erster Ehemann, sie hatten einen Sohn namens Fritz, der in der Bayernallee 26 wohnte und als Direktor im Adressbuch stand. Von dessen Familie versuchten das Finanzamt 1943 Vermögens- und Einkommensteuer in Höhe von 1614,15 RM einzutreiben.
Nachdem Emil und Charlotte Muskat abgeholt und in das Sammellager gebracht worden waren, beschlagnahmten die Nazibehörden das Wohnungsinventar, wozu ein Eichentisch, eine antike Kommode, ein Speiseservice mit 24 Teilen, ein Kaffeeservice mit 14 Teilen und drei Ölgemälde „auf Pappe“ von „nicht besonderem Wert“ gehörten, wie die Schätzer der Reichsfinanzverwaltung notierten. Immerhin errechneten sie einen Gesamtwert von 1052 Reichsmark, den ein Verkauf oder eine Versteigerung erbringen werde.

In der der schmalen Akte Muskat befinden sich bürokratische Briefwechsel, in denen es heißt, die beiden seien „abgewandert“, das Inventar sei „dem Deutschen Reich verfallen“, die Renten stünden „nunmehr dem Deutschen Reich zu“. Ein Bevollmächtigter namens Hans Zorn umschrieb die Deportation mit den Worten: „Der jetzige Wohnort der beiden soll Piaska (gemeint ist wohl Piaski) bei Lublin sein. Der Wechsel des Aufenthaltsortes hat vor etwa 3 Wochen stattgefunden.“ Er unterschrieb: „Heil Hitler! Zorn.“

Am 28. März 1942 sind Emil und Charlotte Muskat in einem Zug mit 985 Berliner Jüdinnen und Juden vom Bahnhof Grunewald aus in das Ghetto im jüdischen Schtetl von Piaski im Distrikt Lublin in Polen deportiert worden. Der Deportationszug endete im 15 Kilometer weiter östlich gelegenen Trawniki, da Piaski keinen Bahnanschluss hatte. Die Strecke ins Durchgangs-Lager musste zu Fuß bewältigt werden. Ihre Todesdaten sind nicht bekannt, jedoch ist sicher anzunehmen, dass sie im Vernichtungslager Belzec bei Lublin ums Leben gekommen sind oder in Piaski, denn auch dort fanden Erschießungen der NS-Opfer statt, oder bei einem der Transporte.

1958 begann die Nichte Josephine Spitzer geb. Schmuhl aus Wien, auch im Namen ihrer Schwester Edith Schaul geb. Schmuhl, die in Los Angeles lebte, ein Wiedergutmachungsverfahren. Nach neun Jahren, am 19.7.1967 wurde ihr, die krank und verarmt war, vom Entschädigungsamt Berlin in herzloser Form mitgeteilt, dass „der Antrag als unbegründet zurückgewiesen“ sei. So blieben die Verluste von Emil und Charlotte Muskat unersetzt.

Ihr letzter Vermieter, Max Ullmann, geboren am 20. April 1875 in Berlin, war am 19. Januar 1942 nach Riga deportiert worden. Bis dahin seien die Mieten an ihn bezahlt worden, heißt es in den erhaltenen Unterlagen, danach an den Hausbesitzer Hermann Vater, der am Nürnberger Platz 3 wohnte und, wie ausdrücklich vermerkt wurde, „arisch“ war.
Ein weiteres Zimmer hatte Ullmann an Regina Samuel, geb. Boas, geboren am 31. Oktober 1867 in Schwerin (Warthe) bei Posen (Poznan), vermietet, sie bezahlte dafür 45 RM. Auch diese Mitbewohnerin wurde deportiert, und zwar am 26. Juni 1942 nach Theresienstadt, wo sie im Ghetto am 13. August 1942 starb. In der jüdischen Zeitung „Aufbau“ erschien am 13. September 1946 eine Traueranzeige, in der es hieß, Regina Samuel sei in Theresienstadt „dem feigen Nazigesindel zum Opfer gefallen“. Unterzeichnet ist diese Anzeige von acht ihrer Familienmitglieder, die nach Shanghai, Tel Aviv, Mexico und London flüchten konnten.

Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Potsdam; Bundesarchiv Berlin; Berliner Adressbücher 1925-1943
Literatur: Else Behrend-Rosenfeld, Gertrud Luckner (Hg.): Lebenszeichen aus Piaski, 1970; Robert Kuwalek: Belzec, in: Wolfgang Benz, u.a. (Hrsg.): Der Ort des Terrors, Bd. 8, 2008.

Weitere biografische Angaben zu Max Ullmann, für den ein Stolperstein an der Regensburger Straße 27 verlegt wurde finden Sie hier.
Die Todesanzeige für Regina Samuel ist veröffentlicht unter
freepages.genealogy.rootsweb.ancestry.com/~alcalz/…/1946a37s32.pdf.

Margarete Klopstock, geb. Fürstenberg, wurde am 31. August 1877 in Danzig geboren, wohnte in der 2. Etage, war im Adressbuch schon seit 1925 als Witwe und Rentnerin eingetragen und musste am 15. August 1942 in einen der Deportationszüge nach Riga steigen, wo sie wie fast alle der rund 1000 Insassen nach der Ankunft am 18. August erschossen wurde.

Betty Demuth, geb. Cohn, wurde am 6. August 1884 in Thorn (Thorun) geboren. Sie wohnte zusammen mit Margarete Klopstock und ist am 2. April 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert worden.

Von Adolf Lewy wissen wir nur, dass er am 14. Januar 1891 in Fürstenfelde geboren ist und sich wie viele aus ihren Berufen ausgeschlossene Juden als Vertreter durchschlugen. Er wurde 1943 in das Polizeigefängnis Großbeeren bei Berlin eingeliefert wurde, später im Polizeigefängnis am Alexanderplatz in Berlin eingesperrt. Wohin er schließlich verschleppt wurde und wo und wann er zu Tode kam, ist unbekannt. Zu diesen drei Bewohner/innen der Pariser Straße 56-57 sind im Brandenburgischen Landeshauptarchiv Potsdam keine Akten vorhanden. Auch sonst wurden außer den spärlichen Daten keine Hinweise auf ihre Lebensläufe, auch keine Nachkommen, gefunden.

Recherchen und Texte: Helmut Lölhöffel/Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf