Stolpersteine Pestalozzistraße 99 a

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Hausansicht Pestalozzistr. 99a
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Die Stolpersteine für Walter Wallnau, Erich Gross und Betty Pich wurden am 20.09.2010 verlegt.

Der Stolperstein für Jette Croner wurde am 9.6.2015 verlegt.

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Stolperstein für Frieda Baer
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
FRIEDA BAER
GEB. JOACHIMSTHAL
JG. 1889
DEPORTIERT 5.9.1942
RIGA
ERMORDET 8.9.1942

Frieda Baer wurde als Frieda Joachimsthal am 22. März 1889 in Eberswalde (Brandenburg) geboren. Ihr Mann Herrmann Baer war im Ersten Weltkrieg ums Leben gekommen, sie bekam als Witwe eine Kriegshinterbliebenenrente von 88,95 Mark. Sie hatte zwei Kinder, Alfons und Regi, 1908 und 1915 geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg schlug sich Frieda Baer als Buchhalterin und Kontoristin mit ihren Kindern durch. Ab etwa 1934 lebte sie mit ihnen in der Pestalozzistraße 99a im Vorderhaus Parterre. Tochter Regi pflegte ihre Mutter, die nach einem Verkehrsunfall bei der Eisenbahn körperlich schwer behindert war. Alfons Baer wurde am 13. Juni 1938 verhaftet und war bis zu seiner Befreiung in 6 verschiedenen KZs: Buchenwald, Auschwitz, Birkenau, Dachau, Warschau, Ampfing bei Mühldorf. Er wurde am 28.4.1945 durch die amerikanischen Truppen in der Nähe von Starnberg befreit.

Die Wohnung von Frieda Baer in der Pestalozzistraße hatte 2 ½ Zimmer, eines war zuletzt untervermietet, aber der Mieter sei im April 1942 „abgewandert“, einer der vielen Verschleierungsausdrücke der nationalsozialistischen Bürokratie für die Deportation.

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Stolperstein für Regi Baer
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
REGI BAER
JG. 1915
DEPORTIERT 5.9.1942
RIGA
ERMORDET 8.9.1942

Regi Baer, geboren am 4. November 1915, war ausgebildete Säuglingsschwester und Kindergärtnerin. In der erzwungenen „Vermögenserklärung“ gab sie an, „Hausangestellte“ gewesen zu sein, zuletzt würde sie vom Arbeitsamt nur stundenweise angestellt, um sich um ihre körperbehinderte Mutter kümmern zu können. Der Hausrat der gemeinsamen Wohnung wurde auf 193.- Mark geschätzt und von einem Trödler aus der Krummen Strasse, Kwiatkowski, für 130,10 RM erworben. Frieda und Regi Baer hatten die „Vermögenserklärungen“ am 27. August 1942 unterschrieben. Da waren sie höchstwahrscheinlich schon im Sammellager Levetzowstrasse 7-8, einer ehemaligen Synagoge. Frieda hatte noch eingetragen „Tochter wandert mit aus“.

Die Miete für September hatten sie schon bezahlt, im Oktober dann verlangte die Hausbesitzerin Elisabeth Schauppmeyer von der Oberfinanzdirektion die ausgefallene Miete, da die Wohnung von der Gestapo versiegelt worden sei. Sie wies auch auf den Mietausfall in der 6 ½-Zimmerwohnung von Natalie Hardt hin, die am 31. August „evakuiert“ worden sei. Noch 1940 war Natalie Hardt im Adressbuch als Eigentümerin des Eckhauses Pestalozzistrasse 99a/Schlüterstrasse 17 angegeben worden. Offenbar wurde sie aufgrund der am 3.12.38 erlassenen „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“, nach der Juden gezwungen werden konnten, Grundstücke zu verkaufen, genötigt worden, das Haus an Frau Schauppmeyer zu veräußern. Natalie Hardt wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und in Treblinka ermordet, ihr Sohn Max Hardt nahm sich im gleichen Jahr das Leben.

Frieda und Regi Baer deportierten die Nazis am 5. September 1942 nach Riga und ließen sie dort nach Ankunft am 8. September ermorden.

Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Berliner Adressbücher; Akten der Berliner Entschädigungsbehörde

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Stolperstein für Betty Heymann
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
BETTY HEYMANN
JG. 1871
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 20.10.1943

Betty Heymann stammte aus Greifswald, wo sie am 3. Januar 1871 geboren wurde. Seit Juli 1940 wohnte sie in der Krumme Straße 61, zur Untermiete bei Bertha Heymann, geb. Goldschmidt, Jahrgang 1873, möglicherweise eine Schwägerin. Diese, verwitwet, wohnte schon seit den 1920er Jahren dort als „Handelsfrau“ und stammte aus der Umgebung von Danzig. Sie wurde am 17. Juli 1942 zunächst nach Theresienstadt und zwei Monate später nach Treblinka deportiert. Dort wurde sie ermordet. Wann und bei wem Betty Heymann in der Pestalozzistrasse 99a wohnte, ist nicht klar, im Adressbuch taucht sie nicht als Mieterin auf.

Betty Heymann war ledig und zahlte in der Krumme Straße 20.- Reichsmark Miete. Sie bezog eine kleine Invalidenrente und bekam von einer anderen Reichsverwaltung noch 40.- Mark jährlich. Ihre Akte bei der Oberfinanzdirektion enthält Vermerke wie „Es wurde nichts vorgefunden“ und „Keine Einrichtung bewertet“. Dennoch muss sie ursprünglich bessere Verhältnisse gekannt haben, sie hatte noch zwei Bankkonten mit etwas über 500.- Mark und einige Wertpapiere, das „Gesamtvermögen“, das der NS-Staat einzog, wurde von der Oberfinanzdirektion auf 1876,11 M bewertet.

Betty Heymanns erzwungene „Vermögenserklärung“ ist am 2. September 1942 unterschrieben, die „Enteignungsverfügung“ wurde ihr am 8. September in das zur Sammelstelle umfunktionierte ehemalige Jüdische Altersheim in der Großen Hamburger Strasse 26 zugestellt. Am 14. September 1942 ist Betty Heymann nach Theresienstadt deportiert worden. Dort wurde sie ein Jahr später, am 20. Oktober 1943, ums Leben gebracht.

Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Berliner Adressbücher; Opferdatenbank des Ghettos Theresienstadt

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Stolperstein für Erich Gross
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ERICH GROSS
JG. 1894
DEPORTIERT 6.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET IN
KZ MITTELBAU-DORA

Erich Gross war am 2. August 1894 in Preußisch Friedland (Westpreußen) geboren worden und wohnte seit 1937 in der Pestalozzistraße 99a im Vorderhaus, 2. Stock. Er war Kaufmann und hatte in seinem Geburtsort einen Lebensmittelgroß- und -detailhandel und eine Likörfabrik gehabt. 1936 verließ er Preußisch Friedland aufgrund von Judenverfolgung und kam nach Berlin. In Berlin betätigte er sich wieder im Lebensmittelgroßhandel. Er soll ein Lager in der Schönhauser Allee 8-9 betrieben haben. Möglicherweise beteiligte er sich an dem im Adressbuch eingetragenen Lebensmittelgroßhandel Schebeler. 1938 musste er auch das aufgeben.
Im Dezember 1938 heiratete er Gertrud Croner , geboren am 1. November 1905 in Berlin, die zu ihm in die Pestalozzistraße zog. Ihr erster Ehemann war nach der Rückkehr von einer kurzen Inhaftierung in einem Konzentrationslager 1937 gestorben. Gertrud Gross hatte seit 1928 einen Konfektionsladen in Oberschöneweide gehabt, der in der Pogromnacht am 9. November 1938 geplündert und zerstört wurde. Ihr wurde die Ausweisung angedroht, da ihr verstorbener Mann aus Polen stammte. Durch die Heirat mit Erich Gross wurde das abgewendet.

1941 wurden beide zur Zwangsarbeit verpflichtet. Gertrud Gross zunächst bei Siemens, dann bei der Batteriefabrik Zeiler. Erich Gross wurde als Hilfsschweißer bei Nordland eingesetzt, Kurfürstenstrasse 14, („Nordland Deutsche Schneekettenfabrik“ und „Nordland Deutsche Sichtscheibenfabrik“) für 25.- Reichsmark in der Woche. Damit hätte er wohl kaum die Miete von 100.- Mark seiner 4 ½ Zimmer Wohnung bestreiten können, hätte er nicht zwei Untermieter gehabt, Ilse Cohn und Max Eisenstädt (sie seien, so ist aus einem späteren Schreiben in der Akte der Oberfinanzdirektion zu erfahren, „am 27.2. auch evakuiert“ worden). An Hausrat sind von Erich Gross in der von ihm verlangten „Vermögenserklärung“ lediglich „diverse Kleidungsstücke“ angegeben. Seine Habe, einschließlich der Einrichtung der möbliert vermieteten Zimmer, wurde auf ganze 55.- Mark geschätzt. Möbel seien allerdings nur noch in einem Zimmer gewesen, der Rest ausgeplündert, berichtete später eine Nachbarin. Die Wohnung wurde erst fast ein Jahr nach der Deportation, am 15. Januar 1944, geräumt – bis dahin musste die Oberfinanzdirektion der Hausbesitzerin die Miete ersetzen, insgesamt 954,50 Mark.

Von der nach der „Arisierung“ des Wohngebäudes neuen Hausbesitzerin Schauppmeyer ist aus den Akten zu erfahren, dass die Untermieter „wohl sämtlich von ihrem Arbeitsplatz abgeholt“ worden seien, also bei der sogenannten „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943. Nicht so Erich und Gertrud Gross: von ihnen wusste Frau Schauppmeyer zu berichten, dass sie seit Mitte Januar 1943 „verschwunden“ seien. Sie, Schauppmeyer, hätte am 24.1. die Polizei benachrichtigt. Auch die Reichsvereinigung der Juden hätte ihr nicht mitteilen können, wo das Ehepaar sei. Tatsächlich waren Erich und Gertrud Gross bereits im November 1942 untergetaucht – für Erich Gross letztlich ohne Erfolg: Er wurde auf der Strasse erkannt, denunziert und verhaftet. Die „Vermögenserklärung“ unterschrieb er am 6. März 1943 im Sammellager in der ehemaligen Synagoge Levetzowstrasse. Am gleichen Tag wurde er nach Auschwitz deportiert. Dort gehörte er vermutlich zu den Häftlingen, die im Außenlager der Buna-Werke Auschwitz-Monowitz zur Arbeit eingesetzt wurden. Von 662 Deportierten seines „Transports“ wurden 187 Männer und 65 Frauen zur Arbeit selektiert, alle anderen sofort ermordet. Noch im Jahr 1943 verschleppte man Erich Gross weiter in das Lager Sangershausen, das zum KZ Mittelbau-Dora gehörte. In Mittelbau-Dora wurde unterirdisch unter unmenschlichsten Bedingungen vor allem an Hitlers „Wunderwaffen“ V1 und V2 gebaut. Erich Gross’ genaues Todesdatum ist unbekannt. Zeugen berichteten später, dass er im März 1945 auf dem Transport vom KZ zur Ostsee umgekommen sei, bis kurz vor „Torschluss“ habe die Helferin in Berlin, bei der Gertrud Gross zeitweise untergetaucht war, noch Nachrichten von ihm erhalten.

Obwohl in der Vermögenserklärung eingetragen ist, die Ehefrau „wandert mit aus“, konnte Gertrud Gross dank Helfern in der Stadt weiter in der Illegalität bis Kriegsende überleben. Sie arbeitete schwarz als Schneiderin und Haushaltshilfe, litt allerdings unter gesundheitlichen Folgen der Zwangsarbeit, die sie als Illegale nicht angemessen behandeln lassen konnte. Nach dem Krieg heiratete sie 1950 erneut und wanderte anschließend in die USA aus. Dort starb sie 94-jährig in San Francisco im Jahr 2000.

Gertrud Gross’ Mutter Jette Croner, geb. Wolff, geboren am 2. Februar 1868 in Strelno (Strzelno) in der Region Posen (Poznan), wohnte zuletzt auch in der Pestalozzistrasse 99a. Sie wurde am 28. August 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 29. September 1942 nach Treblinka weiter verschleppt. Ihr genaues Todesdatum ist nicht bekannt.

Quellen: Bundesarchiv; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Berliner Adressbücher; Statistik des Holocaust; Akten der Berliner Entschädigungsbehörde

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Stolperstein Jette Croner
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
JETTE CRONER
GEB. WOLFF
JG. 1868
DEPORTIERT 28.8.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Jette Croner wurde als Jette Wolff am 2. Februar 1868 in Strelno, Posen geboren. Ihr Vater war Teilhaber der renommierten Tabakfirma Loeser & Wolff. Jette heiratete Max Croner, ebenfalls Tabakhändler. In Berlin betrieb er einen Tabakgroßhandel in der Linienstrasse 28, “Cigarettenhaus Max Croner”. Wohnadresse des Ehepaars war zunächst auch in der Linienstrasse, später in der Strassburger Strasse 53. Sie hatten zwei Töchter, Hertha und die 1905 geborene Gertrud.

Max Croner kam aus dem 1. Weltkrieg als Kriegsinvalide zurück. Vermutlich begann spätestens dann Jette an, das Geschäft mit zu betreiben, denn als ihr Mann 1932 an den Spätfolgen seines Kriegsleidens starb, führte sie als tüchtige Kauffrau die Firma weiter. 1935 musste sie sie allerdings aufgeben, da jüdische Geschäfte nicht mehr beliefert wurden. Jette bezog eine Kriegswitwenrente von 553 RM im Jahr. Sie hatte 1938, laut Angaben an das Finanzamt, noch etwa 12000 RM an Vermögen, ein größeres Darlehen an ihre Tochter Gertrud zur Einrichtung eines Konfektionsladens musste sie ganz abschreiben, da der Laden in der Pogromnacht vom 9. November 1938 völlig zerstört wurde.

Jette Croner, inzwischen über 70, musste mehrmals umziehen, 1939 wohnte sie zur Untermiete bei der Witwe Gessert in der Bleibtreustrasse 26, zog aber bald darauf zu Tochter Gertrud, die mittlerweile zum zweiten Mal verheiratet – der erste Ehemann war an den Folgen eines KZ-Aufenthaltes gestorben – in der Pestalozzistrasse 99a wohnte. Von hier wurde Jette Croner im August 1942 abgeholt und am 28. des gleichen Monats nach Theresienstadt deportiert. Einen Monat später, am 29. September, wurde sie weiter nach Treblinka verschleppt. Eine Zeitzeugin, die sie im November 1944 noch in Theresienstadt gesprochen haben will scheint daher wenig glaubwürdig. Jette Croner wurde aller Wahrscheinlichkeit nach in Treblinka ermordet, ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Ihre beiden Töchter überlebten, deren Männer, Goldberg und Erich Gross, wurden von den Nazis ermordet. Hertha konnte nach Belgien, dann nach Kanada fliehen, Gertrud überlebte im Untergrund und emigrierte nach dem Krieg in die USA. Beide heirateten erneut.

Recherche und Text: Micaela Haas

Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Statistik des Holocausts; Berliner Adressbücher; Akten der Berliner Entschädigungsbehörde

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Stolperstein für Walter Wallnau
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
WALTER WALLNAU
JG. 1885
DEPORTIERT 24.10.1941
LODZ
ERMORDET IN
ZWANGSARBEITSLAGER
POSEN

Walter Wallnau wurde am 10. September 1885 in Berlin geboren. Ab 1. September 1939 wohnte der ledige Wallnau in der Alte Jacobstraße 84, zur Untermiete bei Grünfeld. Ob er bis dahin in der Pestalozzistraße 99a wohnte, ist nicht sicher. In der erzwungenen und auf den 14.10.1941 datierten „Vermögenserklärung“ trug er ein, Arbeiter bei der Lederhandlung Carl Vater in der Reichenberger Straße 14 zu sein und dort 40.- Reichsmark in der Woche zu verdienen. Sein angegebener Besitz war äußerst ärmlich: ein Federbett, eine Stehlampe, ein Badelaken und einen Bademantel nannte er sein eigen, offenbar wohnte er möbliert. Hinzu kamen noch „spärliche Kleidungsstücke“. Der Wert der Gegenstände wurde auf 5.- Reichsmark geschätzt.

Außer in der Lederhandlung war Walter Wallnau auch in dem Nord Cement-Verband, Mühlenstraße 66/67 zur Zwangsarbeit eingesetzt, da dieser im November 1941 noch 20 Mark und 41 Pfennig Lohn für ihn nachzahlte, welche die Oberfinanzdirektion sofort als „Einnahme“ verbuchte. Dass Wallnau kein einfacher Arbeiter gewesen war, zeigt ein Schreiben der AOK, die bei der Oberfinanzdirektion Forderungen gegen Wallnau „als ehemaligen Arbeitgeber“ anmeldet: 111,64 „Beiträge zur Krankenversicherung und zum Reichsstock für Arbeitseinsatz“ (letzterer hatte die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zu verwalten). Die Adressbücher Berlins geben über Walter Wallnau nur spärlich Auskunft: 1926 wohnte er in der Niebuhrstraße 75, Berufsbezeichnung: Kaufmann, dann wurde er nicht mehr erwähnt.
Mehr erfährt man über Hans Wallnau, Herrenkonfektion, Klosterstraße 17, der seit 1923 in der Kantstraße 99 wohnte und ab 1935 noch drei Jahre am Kaiserdamm 10. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs kennt einen Hans Wallnau, Jahrgang 1888, der in die Niederlande emigrierte und dann doch 1944 nach Auschwitz deportiert und später für tot erklärt wurde. Möglicherweise war er ein drei Jahre jüngerer Bruder von Walter Wallnau, der an dem Konfektionsbetrieb beteiligt war. 1939 hatte laut Adressbuch kein Wallnau mehr eine eigene Wohnung. In der Pestalozzistrasse 99a wird Walter Wallnau Untermieter gewesen sein.

Walter Wallnau wurde über das in der ehemaligen Synagoge eingerichtete Sammellager Levetzowstrasse 7-8 am 24. Oktober 1941 in das Ghetto Litzmanstadt (Lodz) deportiert und zwei Wochen später, am 7. November 1941, in das Zwangsarbeitslager Posen weiter verschleppt. Sein Todesdatum ist nicht bekannt.

Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion
Berliner Adressbücher; Gedenkbuch „Opfer der Verfolgung der Juden …“, Bundesarchiv Koblenz

Link zu: Stolperstein für Betty Pich
Stolperstein für Betty Pich
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
BETTY PICH
JG. 1990
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ
ERMORDET 8.5.1942 IN
KULMHOF

Betty Pich wurde im Jahr 1900, am 13. Oktober, in Bütow/Küstrin geboren. Mit 21 Jahren bekam sie eine Tochter, Beate, geboren am 29. Juni 1922. 1941war die Tochter bereits nach Jerusalem ausgewandert.
Zu diesem Zeitpunkt bewohnte ihre ledige Mutter ein Zimmer in der Kellerwohnung der Näherin Betty Brodtmann am Hoffmanndamm 5 in Kreuzberg. Von wann bis wann sie in der Pestalozzistraße gewohnt hat und bei wem, ist nicht zu ermitteln.

Betty Pich, deren Beruf an einer Stelle als „Köchin“ angegeben wird, war als Zwangsarbeiterin bei der IG Farben in Lichtenberg verpflichtet, sie habe dort im Durchschnitt 20-22 Mark in der Woche verdient, gab sie an. Die sehr spärliche „Vermögenserklärung“ unterschrieb sie an ihrem 41. Geburtstag, dem 13. Oktober 1941, wahrscheinlich schon in der als Sammelstelle genutzten Synagoge in der Levetzowstraße 7-8. Wie in anderen Fällen forderte auch in ihrem Fall die Hausverwaltung von der Oberfinanzdirektion entgangene Miete, denn die Wohnung sei versiegelt. Betty Brodtmann, die Hauptmieterin am Hoffmanndamm, sei am 26. Oktober 1941 „ausgezogen“, Betty Pich sei schon „viel früher nach Litzmannstadt gebracht“ worden. So viel früher war das nicht: Betty Pich wurde am 18. Oktober 1941 mit dem ersten sogenannten „Osttransport“ zusammen mit über tausend Leidensgenossen in das völlig überfüllte Ghetto in Lodz (von den Nationalsozialsten in Litzmannstadt umbenannt) deportiert. Von dort kam sie nach etwas mehr als einem halben Jahr, am 5. Mai 1942, in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno), wo sie ermordet wurde. Der Todestag ist nicht dokumentiert. Ob ihre Wohngenossin Betty Brodtmann auch Jüdin war und verfolgt wurde oder ob sie freiwillig aus der Wohnung am Hoffmanndamm auszog, bleibt ungeklärt.

Der Besitz von Betty Pich wurde öffentlich versteigert. Die verschiedenen Gegenstände wurden von drei unterschiedlichen Personen erworben, sicherlich steigerten auch weitere mit. Der Erlös ergab 66,50 Mark. Für Betty Pich überwies die IG Farben nachträglich noch 39,24 Mark Lohn. Beträge, die die Oberfinanzdirektion auch auf ihrer Einnahmenseite verbuchte.

Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Berliner Adressbücher
Recherchen und Texte: Micaela Haas (Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf)