Stolpersteine Bleibtreustraße 33

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Hausansicht Bleibtreustr. 33
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Die Stolpersteine für Margarete und Julius Liepmann wurden am 11.12.2006 verlegt.

Die Stolpersteine für Alice Abrahamsohn, Clara Buschmann, Fritz und Paula Fraenkel, Betty und Else Michaelson, Doris Walther, Klara Wongtschowski, Gertrud und Joseph Wunsch wurden am 24.9.2010 verlegt.

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Stolperstein Julius Liepmann
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
JULIUS LIEPMANN
JG. 1869
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

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Stolperstein Margarete Liepmann
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
MARGARETE
LIEPMANN
GEB. HEYMANN
JG. 1875
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

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Ilse und Alfred Adler auf Hochzeitsreise 1926
Bild: Familienarchiv

Julius Liepmann wurde am 17. Januar 1869 in Neustadt-Eberswalde, Brandenburg, als Sohn des Kaufmanns Joseph Liepmann geboren. Erst ab 1877 hieß die Stadt nur Eberswalde. Das Adressbuch von 1890 verzeichnet mehrere Kaufleute Liepmann, auch einen Joseph Liepmann, Rentier, und eine Firma Joseph Liepmann, Inhaber Gustav Liepman. Die Vermutung liegt nahe, dass sie alle miteinander verwandt waren, unklar nur, in welchem Verhältnis. Sicher ist nur, dass Julius einen Bruder namens Oskar hatte, mit dem zusammen er in Chemnitz um 1897 die Firma „Gebrüder Liepmann, Kurzwaren und Posamenten“ gründete. Zuvor hatte er eine kaufmännische Ausbildung in Breslau absolviert. (Posamente sind Dekorationsborten, Spitzen, Quaste und ähnliches).

Im März 1903 heiratete Julius in Spandau Margarete Heymann, genannt Grete. In Spandau – damals noch nicht zu Berlin gehörend – war Grete am 11. Juni 1875 zur Welt gekommen. Ihr Vater Isidor Heymann war ebenfalls Kaufmann, die Mutter Emma eine geborene Seliger. Margarete hatte zwei Geschwister, Max und Anna. Isidor Heymann handelte vielleicht in der gleichen Branche wie Julius und Oskar Liepmann, und Margarete und Julius lernten sich dadurch kennen. Das Paar lebte zunächst in Chemnitz, Stephanplatz 2. Am 18. Februar 1904 kam dort ihre Tochter Ilse Johanna zur Welt.

Ein Jahr darauf sind die Gebrüder Liepmann mit ihrer Firma in Berlin zu finden, im 3. Hinterhof der Neuen Friedrichstraße 4. Oskar bezog eine Wohnung in der Klopstockstraße 31, Julius in der Flotowstraße 1. 1910 zog Julius mit seiner Familie an das Hansaufer 8, fünf Jahre später wurde auch die Firma verlagert, in die Kommandantenstraße 10/11. Vermutlich waren beides Verbesserungen. 1927 allerdings war das Lokal in der Kommandantenstraße aufgegeben, die Firma unter Julius’ Adresse eingetragen und Oskar nur noch als Kaufmann oder Vertreter aufgeführt. 1930 scheint auch die Firma aufgelöst gewesen zu sein, nun wurde Julius ebenfalls lediglich als Vertreter im Adressbuch verzeichnet. Ein Jahr später zogen Julius und Margarete in die Geisenheimer Straße 13a. Sie waren inzwischen längst Großeltern, Tochter Ilse hatte 1926 den Prokuristen Alfred Adler geheiratet und im April 1928 ihren ersten Sohn, Rolf, zur Welt gebracht. Adlers wohnten zunächst in der Wilmersdorfer Kaiserallee 30 (heute Bundesallee), später in der Zähringerstraße 25. Im September 1930 kam Ilses zweiter Sohn Stefan zur Welt.

1936 – Lebensbedingungen für Juden unter der NS-Regierung waren schon recht schwierig geworden – zogen Julius und Margarete in die Schlüterstraße 41, folgt man dem Adressbuch, für ein oder zwei Jahre. Rätselhafterweise findet sich im Adressbuch ab 1938 ein Moritz Liepmann in der Bleibtreustraße 33 und kein Julius, später im Straßenverzeichnis aber auch Julius in der Bleibtreustraße 33. Die Vermutung liegt nahe, dass, aus welchem Grunde auch immer, Julius sich als Moritz – vielleicht sein zweiter Vorname? – eintragen ließ. Demnach wären Liepmanns 1937 in die Bleibtreustraße 33 gezogen.

In diesem Jahr muss es für einen selbständigen jüdischen Vertreter schon schwierig gewesen sein, für seinen und seiner Frau Lebensunterhalt zu sorgen. Ein Höhepunkt der Diskriminierung und Verfolgung von Juden wurde dann die Zeit nach den Pogromen vom November 1938. In kurzer Folge wurden Verordnungen erlassen, die Juden vollständig aus dem wirtschaftlichen und öffentlichen Leben ausschalten sollten. Schwiegersohn Alfred Adler wurde nach dem Pogrom in Sachsenhausen inhaftiert und dort so misshandelt, dass er im Dezember 1938 als arbeitsunfähig entlassen wurde. Wie andere verpflichtet seine Auswanderung zu betreiben, gelang es ihm, im April 1939 nach England zu emigrieren, im Mai 1939 folgte Ilse mit ihrem elfjährigen Sohn Rolf – später Ralph genannt. Der jüngere Stefan war schon im März des Jahres mit einem Kindertransport nach England gelangt.

Julius und Margarete konnten jedoch nicht flüchten. Sie blieben der weiteren Diskriminierung und Demütigung ausgesetzt. Besuch von öffentlichen Veranstaltungen wie Theater, Kino u.ä. war ihnen verboten, Verkehrsmittel konnten sie nur beschränkt benutzen, sie durften zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Bannbezirken nicht auf die Straße, nur von 4 bis 5 Uhr nachmittags war ihnen erlaubt einzukaufen, und vieles mehr – Wertgegenstände mussten sie abliefern, Rundfunkgeräte wurden beschlagnahmt, Telefonanschlüsse gekündigt. Ab 19. September 1941 mussten sie den Judenstern tragen.

Im August 1942 hatten sie eine „Vermögenserklärung“ auszufüllen, da sie zur „Abwanderung“ oder „Evakuierung“ bestimmt seien – Euphemismen für die Deportation. Wahrscheinlich wurde ihnen, die bereits 75 und 67 Jahre alt waren, gesagt, sie würden in das „Altersghetto“ Theresienstadt kommen, noch ein Euphemismus, hier für das völlig menschenunwürdige Lager dort. Eine Nachricht konnten sie noch über das Rote Kreuz an ihre Tochter schicken: „Geliebte Kinder und Enkel. Eurerseits nachrichtslos. Verlassen Berlin, sind völlig gesund. Gedenken Eurer innigster Liebe. Bleibt gesund. Schreibt Lotte. Wünschen Euch alles Gute. Grüsse Eltern“. Dies sollte das letzte Lebenszeichen sein.

Lotte, das war Elisabeth Heymann, die nichtjüdische Ehefrau von Margaretes Bruder Max. Ebenfalls über das Rote Kreuz schrieb sie am 3. September 1942: „Eltern verließen Berlin nach Theresienstadt … Vielleicht Eurerseits Unterstützung zulässig“.

Tatsächlich stehen ihre Namen auf einer Liste für die Deportation nach Theresienstadt am 14. August. Offenbar wurde aber kurzfristig umdisponiert. Margarete und Julius Liepmann gehören zu den 63 Menschen, die zwar ursprünglich für Theresienstadt bestimmt waren, aber dann willkürlich zu einem „Transport“ nach Riga am 15. August kamen – wahrscheinlich aus dem zynischen Grund, dass die für letzteren vorgesehene Zahl von 1000 Opfern sonst nicht erreicht worden wäre. Tatsächlich wurden mit diesem Zug 1004 Menschen deportiert.

Der Zug erreichte Riga am 18. August 1942. Die meisten der bereits Ende 1941/Anfang 1942 nach Riga Deportierten waren in das Ghetto Riga eingeliefert worden, wo unsäglich schlechten Bedingungen herrschten. Doch nun war gar nicht mehr vorgesehen, die Menschen in das Ghetto zu bringen. Sämtliche Insassen des Zuges – bis auf eine Frau, die Krankenschwester war – wurden kurz nach der Ankunft am Bahnhof Riga-Skirotava in den umliegenden Wäldern von Rumbula und Bikernieki ermordet, auch Margarete und Julius Liepmann. Der 18. August 1942 war ihr Todestag.

Fast ein Jahr später, am 4. Juli 1943, schrieb Max Heymann an seine Nichte Ilse Adler, wieder per Rotes Kreuz: „Empfing Euern Januar Rotkreuzbrief.- Von Julius, Grete keine Nachrichten.- Correspondieren Eva regelmäßig Rotkreuz, ebenso neuerdings Maximilianos.- Innigste Grüße Onkel Max Tante Lotte“. Eva war die Tochter von Max und Lotte, die, wie Stefan Adler, mit einem Kindertransport nach England ausreisen konnte. Mit „Maximilianos“ ist vermutlich die Familie von Margaretes Schwester Anna gemeint, der mit ihrem zweiten Mann, Max Lipstein, 1939 die Flucht nach Kolumbien gelang. Max Heymann jedoch entkam nicht. Er wurde am 23. Februar 1944 nach Theresienstadt deportiert und starb dort wenige Tage nach Ankunft am 27. Februar 1944.

Ilse Adler, Margaretes und Julius’ Tochter, wanderte 1940 mit Mann und Söhnen weiter in die USA. Oskar Liepmann, Julius’ Bruder, ist in keiner Opferliste aufgeführt, so dass man hoffen kann, dass er den NS-Schergen entkommen konnte. Margaretes Nichte Eva ging nach dem Krieg nach Baltimore, studierte Musik und wurde Opernsängerin. Ihre Mutter Elisabeth Heymann fuhr 1950 auch in die USA und starb 1954 in Pittsburgh. Eva kehrte nach Deutschland zurück und heiratete den Orchesterdirigenten Frithjof Haas.

Recherchen, Texte: Micaela Haas.
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer; Angaben von Stephen Adler

Familienbilder

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Stolperstein Alice Abrahamsohn
Bild: wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ALICE ABRAHAMSOHN
GEB. MEYER
JG. 1885
DEPORTIERT 26.10.1942
RIGA
ERMORDET 29.10.1942

Alice Abrahamsohn geb. Meyer wurde am 5. Oktober 1885 in Berlin geboren. Sie war die jüngere Tochter von Isidor Meyer aus Kaukehmen (Ostpreußen) und Margarethe Meyer aus Berlin. 1878 heirateten sie, 1881 kam Marie zur Welt. Als die Mädchen neun und fünf Jahre alt waren, starb ihr Vater Isidor. Margarethe heiratete Dr. Paul Hirschfeld, und die Mädchen trugen den Doppelnamen Meyer-Hirschfeld.

1907 heiratete Alice den Juristen Harry Abrahamsohn, über den es in den Memoiren von Margarete Rund geb. Borchardt (siehe Center for Jewish History) eine ausführliche Beschreibung gibt. Harry war Schwager von Margarete Runds Onkel. Das Paar hatte mindestens eine Tochter, geboren 1911. 1939 wohnte sie in der Bleibtreustraße 33 mit ihren Eltern Margarethe und Paul. Sie war im Adressbuch als Untermieterin bei Paul Hirschfeld eingetragen, der bis 1939 als Nationalökonom darin stand und zweifellos ihr Stiefvater war.

Über die Nachkommen von Alices Schwester Marie, die Paul Lande heiratete, gibt es Informationen bei:https://www.ushmm.org/online/film/display/detail.php?file_num=4493.

Alice Abrahamsohn wurde zunächst in das Sammellager in die Synagoge Levetzowstraße 7-8 verschleppt und am 26. Oktober 1942 vom Güterbahnhof Moabit nach Riga deportiert. In dem Zug befanden sich 798 Menschen, darunter 204 Angestellte der Jüdischen Gemeinde und 55 Kinder unter zehn Jahren. Nach der Ankunft des Zuges ist Alice Abrahamsohn am 29. Oktober 1942 erschossen worden.

Text nach Informationen von Uri Shani (Kiryat Tiv’on, Israel). Quellen: Bundesarchiv; Adressbuch; Gottwaldt/Schulle: Die Judendeportationen. Wiesbaden 2005

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Stolperstein Clara Buschmann
Bild: wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
CLARA BUSCHMANN
GEB. CYNAMO
JG. 1888
DEPORTIERT 2.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Clara Buschmann war die Tochter von Felix Cynamon und seiner Frau Friederike geb. Hurwitz. Clara kam am 19. Juli 1888 in der Berliner Auguststraße Nr. 85 zur Welt. Ihr Vater hatte eine 1878 gegründete Buchdruckerei in der Chausseestraße 2e, auf dem ehemaligen Borsig-Gelände in der Oranienburger Vorstadt, heute Berlin-Mitte. Dort wurden u.a. diverse lokale Zeitschriften verlegt, z.B. „Der Nordstern, Zeitung zur Wahrung der Interessen des Nordens von Berlin“. In den 1890er Jahren wurden bei ihm auch die „Blätter für die Kunst“ von Stephan George einige Jahre lang gedruckt, auch mindestens eins von Georges Gedichtbänden.

Als Clara ein Jahr alt war, zog die Familie in eine Wohnung in unmittelbarer Nähe der Druckerei, Chausseestraße 2f, und zehn Jahre später in die einen Block von der Druckerei entfernte Friedrichstraße 114, so dass Clara ihre ganze Kindheit zwischen Chausseestraße und Linienstraße verbrachte. Im September 1903 starb Felix Cynamon. Er hatte inzwischen das Verlagsgeschäft aufgegeben und seinen Betrieb als Buch- und Kunstdruckerei bezeichnet. Seine Witwe verkaufte das Geschäft an den Hofbindemeister und Drucker Richard Gahl, der ebenfalls seit vielen Jahren seinen Betrieb in der Chausseestraße 2e hatte. Vermutlich hatten Cynamon und Gahl schon vorher beruflich miteinander zu tun. Friederike Cynamon blieb zunächst in der Friedrichstraße wohnen, 1904 zog sie jedoch um, weit weg – nach Schöneberg in die Regensburger Straße. Die 14-jährige Clara zog sicherlich mit. Vier Jahre später war Friederike in die Bamberger Straße umgezogen, möglich, dass Clara nun schon heiratete und eigene Wege ging.

Bildvergrößerung: Adressbuchauszug Buchdruckerei Cynamon
Adressbuchauszug Buchdruckerei Cynamon
Bild: Berliner Adressbücher

Über diese Wege wissen wir leider wenig. Nicht, wer der Herr Buschmann war, den sie heiratete, nicht, wo das Paar Wohnung nahm, nicht ob sie Kinder hatten. Das Jüdische Adressbuch von 1931 führte eine Clara Buschmann auf, die zur Untermiete bei Frau Bachner in der Kaiserallee (heute Bundesallee) 48a wohnte. Da keine anderen weiblichen Buschmann genannt werden, ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich um Clara, geb. Cynamon handelt. Zu diesem Zeitpunkt war sie dann wohl bereits geschieden und lebte daher zur Untermiete.

Dokumentiert ist, dass Clara im Mai 1939 in der Bleibtreustraße 33 wohnte. Bei der Volkszählung vom 17. dieses Monats wurden alle Juden, auch Untermieter, auf gesonderten „Ergänzungskarten“ erfasst, eine Kartei, die wohl, trotz gültigem Statistikgeheimnisses, später für die Verpflichtung zur Zwangsarbeit benützt wurde. Auch Clara Buschmann wurde zwangsverpflichtet. Beim Kabelwerk Siemens & Schuckert in Gartenfeld (Spandau) musste sie „entgraten“, also Kanten von Werkstücken glattschleifen. In der Bleibtreustraße konnte sie auch nicht wohnen bleiben, sie wurde genötigt, in ein Leerzimmer bei Elsa Leschnitzer in der Bayerischen Straße 4 zu ziehen. Ende Februar 1943 wurde auch Clara Opfer der „Fabrikaktion“, bei der alle noch im Reich verbliebenen jüdischen Zwangsarbeiter direkt am Arbeitsplatz zur Deportation festgenommen werden sollten. Clara Buschmann kam in das Sammellager Große Hamburger Straße 26, wo sie, nachdem sie die obligate „Vermögenserklärung“ ausgefüllt hatte, am 28. Februar die ebenfalls übliche „Verfügung“ zugestellt bekam, laut der „das gesamte Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“ wurde. Ihr gesamtes Vermögen bestand nunmehr aus der spärlichen Einrichtung eines Zimmers, einigem Küchengeschirr und verschiedenen Kleidungsstücken, alles penibel aufgezählt. Auffallend nur die Angabe eines „Notenstativs“ – offenbar hatte Clara einst ein Instrument gespielt, das jedoch nicht mehr vorhanden war. Die spätere Vermögensschätzung der Oberfinanzdirektion wurde als „fruchtlos“ bezeichnet.

Wenige Tage später, am 2. Mai 1943, wurde Clara Buschmann mit über 1500 weiteren Opfern – darunter auch ihre letzte Vermieterin, Elsa Leschnitzer, geb. Oppenheimer, wie Clara Jahrgang 1888 – nach Auschwitz deportiert. Vermutlich wurden beide auf Ankunft am 3. Mai in den Gaskammern ermordet, denn nur 45 Frauen stellten die NS-Schergen zur Arbeit zurück. Ganz sicher wissen wir Clara Buschmanns Todesdatum jedoch nicht.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

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Stolperstein Fritz Fraenkel
Bild: wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
FRITZ FRAENKEL
JG. 1875
DEPORTIERT 22.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 30.3.1944

Fritz Fraenkel wurde am 10. November 1875 im an der Oder gelegenen Cosel geboren, damals Schlesien, heute Koźle in Polen. Er studierte Medizin in Heidelberg und ließ sich 1921, nach dem Ersten Welkrieg, als praktischer Arzt in Spandau nieder. Er war auch Vertrauensarzt der Siemenswerke in Spandau, vielleicht nahm er deshalb dort Wohnung in der Schönwalder Straße 26. Am 7. Februar 1924 heiratete er Paula Plotke. Paula war am 9. Dezember 1886 in Adelnau (Odolanow) in der Region Posen geboren worden, genauer in Raschkow, Kreis Adelnau. Ihr Vater war höchstwahrscheinlich der Julius Plotke aus Raschkow, der im Adelnauer Kreisblatt im März 1883 seine Eheschließung mit Laura Cohn aus Ostrowo verkündete. 1894, Paula war noch keine 8 Jahre alt, zog die Familie nach Berlin. Julius Plotke betrieb einen Handel mit Mehl und „Landes-Produkten“, also Lebensmittel aus der Landwirtschaft, in der Reinickendorfer Straße 7. Paula, die in einem späteren Dokument als „Pflegerin“ bezeichnet wird, absolvierte wohl eine Ausbildung als Krankenschwester oder Krankenpflegerin. Gut möglich, dass sie über den Gesundheitsbereich Fritz Fraenkel kennen gelernt hatte. Am 25. Januar 1925 wurde ihre Tochter Hedwig in Spandau geboren.

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Fritz und Paula Fraenkel
Bild: Jüdisches Museum Berlin

Die gut gehende ärztliche Praxis erlaubte der Familie Fraenkel einen gediegenen Lebensstil. Dies änderte sich jedoch allmählich mit dem Erstarken des Nationalsozialismus und mit ihm des Antisemitismus. „Patienten wurden eingeschüchtert, SA-Posten standen vor der Praxis“ berichtete Tochter Hedwig. Wahrscheinlich schon 1932, noch vor Hitlers Machtübernahme, zogen Fraenkels in eine kleinere Wohnung in der Elisabethstraße 23, zwei Straßen entfernt von ihrer ersten Wohnung. Der Boykott vom ersten April 1933 vertrieb weitere Patienten, mit der Verordnung vom 22. April des gleichen Jahres wurde jüdischen Ärzten die Kassenzulassung entzogen. Die nunmehr reine Privatpraxis ging unter der wachsenden Diskriminierung weiter zurück. 1937 musste Hedwig wegen rassistischer Anfeindungen das Lyzeum Spandau verlassen und besuchte fortan die jüdische Theodor-Herzl-Schule in Charlottenburg. Dies war vielleicht einer der Gründe, warum Fraenkels 1937 in die Bleibtreustraße 33 in eine 3-Zimmerwohnung zogen.

Im Juli 1938 wurde jüdischen Ärzten die Approbation gänzlich entzogen. Mit einer besonderen Erlaubnis durften sie – ausschließlich jüdische – Patienten weiter behandeln, mussten sich aber „Judenbehandler“ statt Arzt nennen und hatten dies auch „deutlich sichtbar“ auf allen Rezepten etc. und auf einem Schild zu vermerken, das, wie auch die Schriftstücke, „auf blauem Grund einen gelben Kreis mit blauen Davidstern zeigt“. An das blaue Schild konnte sich die damals 13-jährige Hedwig deutlich erinnern. Weitere Stigmatisierungen und Demütigungen folgten bald. Juden konnten nicht mehr frei über ihr Vermögen verfügen, sie mussten ihrem Namen „Israel“ bzw. „Sara“ beifügen, Pässe wurden eingezogen oder mit einem „J“ gestempelt.

Nach den Pogromen vom 9./10. November 1938 häuften sich nun neue Verordnungen zur Einschränkung des Alltags mit dem Ziel, Juden völlig aus dem öffentlichen Leben auszuschließen. Zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten durften Juden gar nicht mehr auf die Straße, Theater, Kinos, Badeanstalten etc. waren ihnen verboten. Schmuck und Silber durften sie nicht mehr kaufen oder verkaufen, im Februar 1939 mussten sie dann solche Wertgegenstände für einen symbolischen Preis bei der staatlichen Pfandleihstelle abgeben. Ebenfalls nach den Novemberpogromen wurde für Juden eine „Sühneabgabe“ in Höhe von 20% ihres Vermögens festgesetzt. Für Fraenkels betrug sie 13750 RM, in vier Raten zu zahlen.

Die Theodor-Herzl-Schule wurde in der Pogromnacht in Brand gesetzt, im März 1939 endgültig geschlossen. Fritz Fraenkel gelang es, für seine Tochter eine Platz in einem der „Kindertransporte“ zu bekommen, die von Großbritannien aus nach dem November 1938 organisiert wurden. So verließ die 14-jährige Hedwig 1939 Berlin und ihre Eltern, um in England in eine Pflegefamilie zu kommen. Fritz und Paula Fraenkel konnten vermutlich eine eigene Auswanderung nicht mehr finanzieren. Ab Beginn des Zweiten Weltkriegs war dies ohnehin fast unmöglich. Sie blieben in Berlin und mussten weitere Einschränkungen ihres täglichen Lebens erdulden, wie etwa die Beschlagnahmung von Rundfunkgeräten, die Kündigung von Telefonanschlüssen oder das Tragen des Judensterns.

Im September 1942 wurde ihnen eröffnet, dass sie zur Deportation nach Theresienstadt bestimmt seien. Wie andere vergleichsweise noch wohlhabende Juden wurden sie zu einem „Heimeinkaufsvertrag“ genötigt. Solche mussten auf Geheiß der Gestapo deutsche Juden, die in das „Altersghetto“ Theresienstadt deportiert werden sollten, mit der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland schließen. Darin verpflichtete man sie auf hohe Vorauszahlungen und Abgaben. Im Gegenzug wurde ihnen lebenslange kostenfreie Unterbringung, Verpflegung und Krankenversorgung zugesagt – blanker Hohn in anbetracht der tatsächlichen elenden Bedingungen, die sie erwarteten. Fritz Fraenkel musste dafür 16400 RM, die sowieso auf einem Sperrkonto waren, auf das Sonderkonto „H“ der Reichsvereinigung überweisen lassen. Verfügen konnte die Vereinigung allerdings über diese Vermögenswerte nicht, und sie wurden später vom Reichssicherheitssamt eingestrichen.

Die „Vorauszahlungen“ wurden mit 150 RM monatlich auf ein Lebensalter von 85 Jahren berechnet. Dieses Alter zu erreichen hatten die erst 66 und 55 Jahre alten Fritz und Paula Fraenkel nicht den Hauch von einer Chance. Am 22. September 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert, auf der Deportationsliste wurde hervorgehoben, dass sie ein Ehepaar seien, er „Krankenbehandler“, sie „Pflegerin“. Vermutlich wurden sie als solche auch in Theresienstadt eingesetzt. Das in jeder Hinsicht erbärmliche Dasein im Ghetto hielten beide über anderthalb Jahre aus, am 30. März 1944 erlag Fritz Fraenkel aber den dort herrschenden katastrophalen Lebensbedingungen. Kurz darauf, am 16. Mai 1944, wurde Paula in einen von drei „Transporten“ von je 2500 Menschen nach Auschwitz gezwungen, durch die das Reichssicherheitshauptamt die unerträgliche Überfüllung des Ghettos vor einer bevorstehenden Besichtigung des Internationalen Roten Kreuzes vertuschen wollte. In Auschwitz wurde Paula Fraenkel entweder gleich in die Gaskammern geschickt oder durch Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen ermordet. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Recherchen, Text: Micaela Haas.
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Foto: Jüdisches Museum Berlin

Link zu: Stolperstein Paula Fraenkel
Stolperstein Paula Fraenkel
Bild: wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
PAULA FRAENKEL
GEB. PLOTKE
JG. 1886
DEPORTIERT 22.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

Paula Fraenkel geb. Plötke wurde am 09. Dezember 1886 in Adelnau geboren, sie wurde am 22. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 16. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert wo sie auch ermordet wurde.

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Stolperstein Betty Michaelson
Bild: wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
BETTY MICHAELSON
JG. 1880
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 10.3.1944

Betty Michaelson wurde am 14. August 1980 in Danzig geboren, sie wurde am 03. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert und ist am 10. März dort gestorben.

Bildvergrößerung: Brief
Brief
Bild: Privatarchiv

Betty Michaelson wurde am 14. August 1880 in Danzig geboren als erste Tochter des Kaufmannes Georg Michaelson – der auch den Namen Jacob Salomon führte – und seiner Frau Goldine geb. Vogel. Damals wohnten das Paar in der Lavendelgasse 9a, aber bald entschloss sich Georg Michaelson zum Bau eines eigenen Hauses am Langgarter Wall 69. Im Mai 2008 fanden Archäologen in der Długi Grobla, der heutige Name des Langgarter Walls, einen in einer grünen Flasche in der Wand eingemauerten Brief, unterzeichnet am 19. April 1882 von Jakob Salomon genannt Georg Michaelson und seiner Frau Goldine Michaelson. Darin teilte er mit, dass er der Erbauer des Hauses sei, zufrieden und in glücklicher Ehe mit Goldine geborene Vogel lebe. Und: Das Kind von Gott „den Eheleuten geschenkt und am 14. August 1880 in Danzig geboren führt den Namen Betty“. Es würde ihnen, fährt er fort, im Grabe Frieden bereiten, wenn das Grundstück in Händen gottesfürchtiger Menschen bliebe. „Gedenket nicht des Geldes, gedenket nicht der Reichtümer, gedenket Gottes-Worte“, mahnte er.

Wenige Monate später, sicherlich schon im neuen Haus, erblickte am 27. September 1882 die zweite Tochter, Else Michaelson, das Licht der Welt. Wie viele weitere Kinder Georg und Goldine hatten, wissen wir nicht, dokumentiert ist noch eine zehn Jahre jüngere Schwester, Cilly Claire.

Georg Michaelson widmete sich „Commissions- und Hypothekengeschäfte“. 1890 war er nicht mehr im Danziger Adressbuch verzeichnet, dafür aber ab dann im Berliner, mit Wohnsitz in der Gitschiner Straße 106a. Betty war nun zehn, Else acht Jahre alt. Georgs Geschäfte scheinen gut gelaufen zu sein, 1895 betrieb er ein „Bankgeschäft“ mit der repräsentativeren Anschrift Unter den Linden 33. Doch bald darauf, um 1897, starb er, und seine Witwe Goldine zog in die Potsdamer Straße, wo sie eine Konfitürehandlung führte, wohl zusammen mit den Töchtern.

Um 1902 gab Goldine den Konfitürenverkauf auf und zog mit den Töchtern, im Adressbuch als „Kaufmannswitwe“ bezeichnet, in die Krausnickstraße 12a. Zehn Jahre später war erstmals im Adressbuch eine B. Michaelson, Wäscheatelier, Düsseldorfer Straße 74 Hpt (Hochparterre) eingetragen. Es muss sich um Betty handeln, denn Goldine hatte jetzt auch die gleiche Adresse. Nach wieder zehn Jahren wurde das Wäscheatelier, auch mal als Wäschenäherei bezeichnet, nicht mehr im Adressbuch genannt, Goldine wohnte aber weiterhin in der Düsseldorfer Straße. Vermutlich nähte Betty – und wahrscheinlich auch Else – dennoch weiterhin. 1924, Goldine war vermutlich gestorben, nannte das Adressbuch in der Düsseldorfer Straße 74 Betty Michaelson, ab dem nächsten Jahr dann „Geschwister Michaelson“, so findet indirekt auch Else Erwähnung. Nicht zu verwechseln mit den schon seit Jahren in der Steglitzer Straße 51 erwähnten „Geschwister Michaelson, Schriftstellerin und Dozentin“. Hier handelte es sich um die in ihrer Zeit beliebte Romanautorin Margarete Michaelson (1873-1924), die unter dem Namen Ernst Georgy veröffentlichte, und ihrer Schwester Anna (1868-1926), Kunstkritikerin und Journalistin, die ebenfalls unter einem – männlichen – Pseudonym, Jarno Jessen, schrieb. Inwieweit die beiden Schwesternpaare verwandt waren, bleibt unklar, die Schriftstellerinnen lebten schon länger in Berlin als Betty und Else.

1936 finden wir die Schwestern Michaelson erstmalig in der Bleibtreustraße 33, jetzt mit Wäschehandlung eingetragen. Die Nationalsozialisten waren seit drei Jahren an der Macht, und trotz relativer Zurückhaltung im Olympiajahr, war schon deutlich geworden, dass Juden schwere Zeiten bevorstanden. Diskriminierende und entwürdigende Maßnahmen, mit dem Ziel, Juden zur Auswanderung zu treiben oder sie gänzlich aus dem wirtschaftlichen und öffentlichen Leben auszuschließen, nahmen ständig zu, vor allem nach den Pogromen vom November 1938. So kann es auch nicht verwundern, dass 1939 zum letzten Mal die „Wäschehandlung“ im Adressbuch erwähnt wurde, ein selbständiges Gewerbe war Juden inzwischen untersagt. Über ihr Vermögen konnten Juden bald nicht mehr frei verfügen, Wertsachen mussten abgeliefert werden, Juden durften sich praktisch nicht mehr öffentlich zeigen, nicht in Theatern oder Kinos, nicht in bestimmten „Bannbezirken und -straßen“, nicht zu bestimmten Tageszeiten. Radios, Telefon, Fahrräder und anderes mehr waren ihnen verboten. Bei der Volkszählung im Mai 1939 mussten sie sich auf besonderen Ergänzungskarten eintragen lassen. Diese wurde später unter anderem zur Grundlage für die Zwangsverpflichtung zur Arbeit – wir wissen nicht sicher, ob Betty und Else auch herangezogen wurden.

Im Mai 1942 wurden die beiden ledigen Schwestern gezwungen, ihre Wohnung in der Bleibtreustraße aufzugeben. Nach ihren Angaben zogen sie zu ihrer Schwester Cilly in die Fasanenstraße 20. Es lässt sich aber nicht verifizieren, dass Cilly in der Fasanenstraße wohnte, nach deren Angaben hatte auch sie in der Bleibtreustraße 33 gelebt. Im November 1942 heiratete Cilly den Buchhalter Paul Eckstein und zog mit ihm zu seiner Mutter in die Raabestraße 13. Da waren aber Betty und Else schon nicht mehr in Berlin.

Bereits Ende September 1942 waren Betty und Else Michaelson in das jüdische Altersheim Gerlachstraße 19/22 gebracht worden, das im September und Oktober 1942 als Sammellager herhalten musste, zusätzlich zu dem in der Großen Hamburger Straße. Denn in diesen Monaten organisierte die Gestapo vier sogenannte „große Transporte“ von je über 1000 Menschen nach Theresienstadt und die Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße reichte dafür nicht aus. Die Opfer wurden in geschlossenen Sonderzügen befördert. Am 3. Oktober 1942 fuhr der dritte dieser Züge nach Theresienstadt vom Güterbahnhof Moabit (Putlitzstraße) aus. In ihm waren auch Betty und Else Michaelson. Vier Tage zuvor hatten sie eine „Vermögenserklärung“ unterschrieben, die lediglich verdeutlichte, dass sie keinen nennenswerten eigenen Besitz mehr hatten, den die NS-Behörden hätten einziehen können.

Das sogenannte „Altersghetto“ Theresienstadt war ein Lager, in dem Juden durch die unsäglich schlechten Lebensumstände vernichtet werden sollten. Hielten sie der herrschenden Überfüllung, Kälte, Mangelernährung und den aufgrund der hygienischen Bedingungen grassierenden Krankheiten und Seuchen stand, wurden sie weiter in Vernichtungslager deportiert. Beiden Schwestern gelang es, fast 1 ½ Jahre zu überleben, dann erlag Betty den Bedingungen im Lager am 3. März 1944. Einige Wochen später, am 16. Mai 1944 wurde ihre Schwester Else Michaelson weiter nach Auschwitz deportiert, diesmal zusammen mit 2500 Personen. Sie gehörten zu den rund 7500, die im Mai 1944 in drei „Transporten“ aus Theresienstadt weggebracht wurden, weil am 23. Juni eine internationale Kommission angekündigt war und die Wohnungen nicht so beengt aussehen sollten. Lediglich 34 der am 16. Mai Deportierten überlebten, Else Michaelson gehörte nicht dazu. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Cilly und Paul Eckstein, Schwester und Schwager von Betty und Else, wurden am 17. März 1943 ebenfalls in einem „Massentransport“ nach Theresienstadt deportiert. Vielleicht konnten sich die Schwestern dort noch sehen und sich etwas Trost spenden. Paul Eckstein wurde einige Monate nach Else, am 29. September 1944, auch nach Auschwitz weiter deportiert und dort ermordet. Für ihn liegt ein Stolperstein an seiner letzten Wohnadresse in Prenzlauer Berg, Raabestraße 13. Cilly Eckstein geb. Michaelson konnte Theresienstadt überleben und kam 1945 in ein Bayerisches Lager für sog. „displaced persons“. Von da gelangte sie nach England.

Recherche, Text: Dr. Micaela Haas.
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Adressbücher Danzig; Berliner Adressbücher; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin (zu Paul Eckstein); Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Link zu: Stolperstein Else Michaelson
Stolperstein Else Michaelson
Bild: wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ELSE MICHAELSON
JG. 1882
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

Else Michaelson wurde am 27. September 1882 in Danzig geboren, sie wurde am 03. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert und von dort am 16. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sie auch ermordet wurde.

Link zu: Stolperstein Doris Walther
Stolperstein Doris Walther
Bild: wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
DORIS WALTHER
GEB. LISSER
JG. 1893
DEPORTIERT 12.1.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Doris Walther wurde als Doris Lisser am 12. Juli 1893 in Inowrocław (Hohensalza)/Posen geboren. Sie war die Tochter von Wolff Lisser und seiner Frau Rebecca geb. Marcus. Ob sie Geschwister hatte, wissen wir nicht. Ein Jakob Lisser aus Hohensalza, geboren 1891 und gefallen 1915 im ersten Weltkrieg, könnte ihr Bruder gewesen sein. Laut frühen Verzeichnissen betrieb Wolf Lisser in Inowrocław eine Fleischerei, sicherlich eine koschere. In Berliner Adressbüchern taucht er nicht auf, also kann man vermuten, dass Doris, auch Dora genannt, in Inowrocław aufwuchs und später ohne die Eltern in die Hauptstadt kam, vielleicht für eine Ausbildung oder eine Arbeit. In Berlin heiratete sie am 14. Dezember 1916 Bruno Walther, und zwar am Standesamt Friedrichsfelde. Von Bruno Walther wissen wir nur, dass er Kaufmann war und kein Jude. Vermutlich war er der Bruno Walther, der 1916 laut Adressbuch in der Lichtenberger Dottistraße wohnte, später in der Solmsstraße und 1921 in der Düsseldorfer Straße 14. 1920, am 29. März, brachte Doris ihre einzige Tochter Rose-Marie zur Welt.

Die Ehe von Doris und Bruno wurde 1935 geschieden. Zu diesem Zeitpunkt lebte die Familie in der Darmstädter Straße 3. Laut Scheidungsurteil hatte die Trennung nichts damit zu tun, dass Doris Jüdin war. Die Klage habe sie eingereicht, da ihr Ehemann „mit einer anderen, nicht ermittelten Frau ehewidrige Beziehungen“ unterhalte. Bruno habe das zugestanden und sich bereit erklärt „die Alleinschuld auf sich zu nehmen“. Die Ehe wurde am 10. Juli 1935 geschieden, am 27. August wurde das Urteil rechtskräftig. Ob die Scheidung tatsächlich aus diesem Grund erfolgte, oder warum auch immer zwischen den Partnern abgesprochen war – die Folge war, dass Doris und ihre Tochter fortan nicht mehr durch den nicht-jüdischen Vater geschützt waren. Das mag Doris, trotz der schon begonnenen Diskriminierung und Verfolgung der Juden, erst allmählich erkannt haben. Spätestens nach den Pogromen vom 9./10. November 1938 aber muss ihr das bewusst geworden sein.

1939 mietete sie eine Wohnung in der Bleibtreustraße 33, bis dahin wohnte sie wohl zur Untermiete oder doch weiterhin bei Bruno Walther in der Darmstädter Straße. Um die Wohnung halten zu können, nahm sie eine Untermieterin auf, Klara Wongtschowski, die am selben Tag wie sie selbst nach Auschwitz deportiert wurde. Gleichzeitig betrieb sie die Auswanderung ihrer Tochter, die es schaffte, nach London zu kommen, obwohl sie für die von dort nach den Pogromen organisierten „Kindertransporte“ bereits zu alt war. Doris selber gelang die Flucht nicht. Sie musste sich der nach dem November 1938 angeschwollenen Flut von antisemitischen Verordnungen beugen. Wie alle in Deutschland verbliebenen Juden, wurde sie gedemütigt, diskriminiert, vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Ab September 1941 musste sie den Judenstern tragen, im gleichen Jahr wurde sie zur Zwangsarbeit bei Osram in der Helmholtzstraße verpflichtet. Im Frühjahr 1942 nötigte man sie, ihre Wohnung aufzugeben. Sie bekam ein Leerzimmer zugewiesen bei Isidor und Rebekka Jaskulewicz in der Waitzstraße 6, in das sie ein Minimum an Einrichtung mitnehmen konnte: einen Schrank, zwei Stühle, eine Couch, zwei Sessel, eine Gardine, ein Federbett, ein Kopfkissen, eine Deckenlampe. Anfang Januar 1943 musste Doris Walther die „Vermögenserklärung“ ausfüllen, der Vorbote der Deportation, die es dem Nazi-Reich ermöglichen sollte, den Besitz der Deportierten „legal“ zu rauben. Doris wurde in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 gebracht, ein zweckentfremdetes jüdisches Altersheim, und am 12. Januar 1943, zusammen mit fast 1200 weiteren Menschen vom Moabiter Bahnhof aus nach Auschwitz deportiert. Eine ihrer Leidensgenossinen war die Schriftstellerin Else Ury.

In Auschwitz am 13. Januar angekommen wurden 127 Männer zur Zwangsarbeit bestimmt, alle anderen und alle Frauen und Kinder wurden in den Gaskammern ermordet. Der 13. Januar 1943 muss als das wahrscheinliche Todesdatum von Doris Walter gelten.

Isidor und Rebekka Jaskulewicz, Doris Walthers letzte Vermieter, wurden am gleichen Tag wie sie, dem 12. Januar 1943, nach Theresienstadt verschleppt, dort aber nach wenigen Tagen, am 23. Januar, weiter nach Auschwitz deportiert, mit 2000 weiteren Opfern in einem Zug, der nur für 1000 Menschen vorgesehen war. Auschwitz überlebten sie nicht.

Recherchen/Text: Micaela Haas.
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Link zu: Stolperstein Joseph Wunsch
Stolperstein Joseph Wunsch
Bild: wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
JOSEPH WUNSCH
JG. 1864
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 31.10.1942

Joseph Wunsch wurde am 06. April in Schubi geboren, er wurde am 03. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert und ist dort am 31. Oktober ermordet worden.

Link zu: Stolperstein Gertrud Wunsch
Stolperstein Gertrud Wunsch
Bild: wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
GERTRUD WUNSCH
GEB. WOLFHEIM
JG. 1874
DEPORTIERT 3.10.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 10.8.1943

Gertrud Wunsch geb. Wolfheim wurde am 23. April in Berlin geboren, sie wurde am 03. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert und wurde am 10. August 1943 dort ermordet.

Joseph und Gertrud Wunsch
Joseph und Gertrud Wunsch
Bild: Privatarchiv

Joseph Wunsch wurde am 6. April 1864 in Schubin (polnisch Szubin) bei Bromberg in Posen (Poznan) geboren. Er war der Sohn von Louis und Hulda Wunsch und hatte mindestens noch fünf Brüder: Adolf, Max, Leo, Georg und Walter. Da alle Brüder über zehn Jahre jünger als Joseph waren, liegt die Vermutung nahe, dass Louis Wunsch ein zweites Mal heiratete. Louis Wunsch ist in Berliner Adressbüchern nicht zu finden, es ist also wahrscheinlich, dass Joseph in Schubin aufwuchs und vielleicht erst zum Studium nach Berlin kam. Er studierte Jura und ist im Berliner Adressbuch erstmals 1898 als Rechtsanwalt mit einer eigenen Wohnung in der Wilmersdorfer Straße 122/123 eingetragen. Im September 1899 heiratete er die zehn Jahre jüngere Gertrud Wolfheim und bezog eine Wohnung in der Kleiststraße 26. Die Kanzlei, die er kurz vorher in die Nr. 117 der Wilmersdorfer Straße verlegt hatte, blieb dort bestehen. Gertrud war am 23. April 1874 in Berlin geboren worden. Sie war die Tochter des sehr wohlhabenden Kaufmannes Abraham (auch Adolf) Wolfheim und seiner Frau Pauline geb. Goldberg. Adolf Wolfheim besaß eine „Alfenide- und Neusilberwaarenfabrik“. Alfenide, auch Alpacca, ist eine Kupfer-Nickel-Zink-Legierung, die, versilbert, z.B. für Hotelbesteck verwendet wurde. Die Firma hieß „P. Wolfheim“, wohl nach Adolfs Vater, da letzterer erst 1891 als Inhaber verzeichnet ist.

1903 verlegte Joseph Wunsch Kanzlei und Wohnung an den Tauentzien 13 a. Am 31. Dezember 1904 brachte Gertrud Wunsch ihren einzigen Sohn Louis Paul zur Welt. Einige Jahre später wurde Josef Notar und Rechtsanwalt beim Landgericht III, 1908 Justizrat. 1920 war er Justizrat an drei Landgerichten und am Amtsgericht Charlottenburg. Wenig zuvor war Abraham Wolfheim gestorben und Gertrud erbte neben einigem Geldvermögen mindestens sechs Immobilien, darunter die Bleibtreustraße 33, in der Abraham Wolfheim bis zuletzt gewohnt hatte. Familie Wunsch wohnte entsprechend dieser Vermögensverhältnisse recht gediegen, sammelte Kunst und ihre 9-Zimmer-Wohnung „kam einem Museum gleich“ – so ein Neffe – auch ein Bechsteinflügel soll vorhanden gewesen sein. Sohn Louis studierte Geologie und Mineralogie in Berlin, Freiburg und Heidelberg. 1931 zog die Familie von dem Tauentzien 13a in die Bleibtreustraße 33.

Als Louis am 15. Mai 1933 in Heidelberg zum Dr. rer. nat. promovierte, war schon abzusehen, dass Juden es unter der neuen NS-Regierung nicht leicht haben würden. Der Boykott vom 1. April hatte sich auch gegen Rechtsanwälte gerichtet, das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April kam für viele jüdische Juristen einem Berufsverbot gleich. Joseph Wunsch betraf das noch nicht, da er schon vor dem 1. August 1914 Beamter gewesen war. Aber 1935 wurden alle jüdischen Beamten entlassen, Joseph Wunsch wurde das Notariat entzogen. Sein Sohn Louis hatte schnell erkannt, dass für ihn in Deutschland keine Zukunft bestünde: schon 1933 verließ er das Land, um sich studienhalber zunächst zwei Jahre in Lausanne, dann in Rom aufzuhalten.

Joseph und Gertrud Wunsch hatten offenbar die Gefahr nicht so realistisch eingeschätzt, denn trotz ihrer finanziellen Mittel bemühten sie sich nicht rechtzeitig um eine Ausreise. 1935 und 1936 verkaufte Gertrud zwei der geerbten Immobilien. 1937 nahm sie eine Hypothek auf das Gebäude Rheinstraße 40 auf, um die „Reichsfluchtsteuer“ zu zahlen, eine Steuer, die man bei Auswanderung entrichten sollte, die man aber unter dem NS-Regime schon vorab auf ein Sperrkonto hinterlegen musste. Für Wunschs betrug sie 124 000 RM – offenbar betrieben sie nun doch die Emigration, leider ohne Erfolg. Joseph war weiter als Rechtsanwalt tätig, die wachsende antisemitische Diskriminierung dürfte aber die Zahl seiner Mandanten geschmälert haben. Im September 1938 wurde allen jüdischen Anwälten, auch ihm, die Zulassung entzogen, sie konnten unter Umständen weiter jüdische Mandanten beraten, durften sich aber nur noch „Konsulenten“ nennen. Ob Joseph Wunsch weiter als Konsulent tätig war, ist nicht bekannt.

Die ersten Immobilienverkäufe von Gertrud Wunsch geschahen noch, bevor Zwangsmaßnahmen gegen jüdische Eigentümer erlassen wurden, obwohl man bezweifeln darf, dass sie einen fairen Preis erhielt. Nach den Pogromen vom November 1938 verschärfte sich die Lage drastisch. Zu schon bestehenden Einschränkungen des beruflichen und alltäglichen Lebens kam eine große Anzahl weiterer diskriminierender und erniedrigender Maßnahmen. Unter anderem konnten Juden nur noch eingeschränkt über ihr Vermögen verfügen und konnten zudem gezwungen werden, Grundstücke und Immobilien zu verkaufen. Bei diesen Verkäufen sahen die jüdischen Eigentümer meistens nichts oder nur einen Bruchteil vom Erlös, der dann sowieso auf ein „Sicherheitskonto“ eingezahlt wurde, über das sie nicht mehr bestimmen konnten. So sahen sich Wunschs gezwungen, das Haus Bleibtreustraße 33 am 16.10.1939 zu verkaufen, um die „Judenvermögensabgabe“ zahlen zu können, wobei das Geld direkt von der Bank an das Finanzamt überwiesen wurde. Die Judenvermögensabgabe war eine Sondersteuer, die Juden nach den Pogromen 1938 als „Sühneleistung“ auferlegt wurde: 20% des Vermögen mussten in vier Raten gezahlt werden. Für Joseph Wunsch betrug das 35 250 RM, für Gertrud 131 000 RM. 1939 mussten sie auch das Grundstück in der Rheinstraße verkaufen, weitere erzwungene Verkäufe folgten.

Ende September 1942 wurde Joseph und Gertrud Wunsch eröffnet, dass sie nach Theresienstadt „evakuiert“ würden. Noch einen Tag vor der Deportation, wohl schon in einem Sammellager, wurden sie zu einem „Heimeinkaufsvertrag“ gezwungen. 211 547,90 RM wurden in ihrem Namen an die Reichsvereinigung der Juden überwiesen, angeblich um ihnen einen würdigen Altersabend in Theresienstadt zu garantieren, mit Unterbringung, Verpflegung und Krankenversorgung bis an ihr Lebensende. Verschwiegen wurde natürlich, dass die Unterbringung in überfüllten, menschenunwürdigen Behausungen stattfinden und die Verpflegung ungenügend und ungesund sein würden, dass die Krankenversorgung diesen Namen nicht verdienen konnte angesichts der katastrophalen hygienischen Verhältnisse. Und dass das „Lebensende“, angeblich auf 85 Jahre kalkuliert, in der Regel wenige Wochen, wenn nicht Tage nach Ankunft eintrat. Dies war der Fall für den mittlerweile 78-jährigen Joseph Wunsch. Am 3. Oktober 1942 wurde er mit Gertrud und über 1000 weiteren Leidensgenossen – unter ihnen auch Josephs Bruder Adolf – nach Theresienstadt deportiert und dort im Gebäude 808 Zimmer 117 eingewiesen. Noch im gleichen Monat, am 31. Oktober 1942, erlag er den desaströsen Lebensbedingungen, offiziell an Arterienverkalkung, was sicherlich einer Vertuschung der realen todbringenden Umstände gleichkommt. Gertrud hielt noch fast ein Jahr aus, am 10. August 1943 starb auch sie, angeblich an Darmkatarrh und Miliartuberkulose, also einer TBC mit unzähligen Krankheitsherden in Lunge und anderen Organen. Diese Todesursache scheint der Realität näher zu sein, Durchfallerkrankungen und TBC wurden durch die miserablen gesundheitlichen Verhältnisse massenhaft hervorgerufen.

Josephs Bruder Leo Wunsch und seine Frau Margarethe geb. Michaelis waren bereits am 24. Oktober 1941 nach Lodz verschleppt worden und kamen dort um. Adolf Wunsch kam in Theresienstadt am 7. November 1942 ums Leben, eine Woche nach Joseph. Die Witwe von Max Wunsch, der im Ersten Weltkrieg gefallen war, Luise geb. Moses, wurde am 12. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Walter Wunsch, der jüngste der Brüder, wurde Opfer der sog. „Fabrikaktion“, bei der die noch in Deutschland verbliebenen jüdischen Zwangsarbeiter ungewarnt am Arbeitsplatz verhaftet wurden. Am 3. März 1943 wurde er auch nach Auschwitz deportiert und ermordet. Für ihn liegt ein Stolperstein vor der Alexandrinenstraße 31 in Kreuzberg

Josephs und Gertruds Sohn Louis Paul, der auch nicht in Rom Fuß fassen konnte, wanderte 1936 nach Palästina aus, nachdem er in Rom eine andere deutsche Emigrantin geheiratet hatte. 1954 kehrte er nach Deutschland zurück, 1961 schließlich siedelte er nach Chile um.

Text, Recherchen: Micaela Haas.
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer; Theresienstadt-Archiv und document/97879

Link zu: Stolperstein Klara Wongtschowski
Stolperstein Klara Wongtschowski
Bild: wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
KLARA
WONGTSCHOWSKI
GEB. DEUTSCHERT
JG. 1886
DEPORTIERT 12.1.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Klara Wongtschowski kam als Clara Deutschert am 14. Mai 1886 in Berlin zur Welt. Sie war die Tochter von Wilhelm Deutschert und seiner Frau Anna, geb. Steiner. Wilhelm Deutschert betrieb eine Leder-Treibriemenfabrik plus Lager technischer Artikel in der Kreuzberger Waldemarstraße 42 und wohnte in der nicht weit entfernten Brandenburgstraße 6, heute Lobeckstraße. Kurz nach Claras Geburt zog die Familie in die Skalitzer Straße 33, später in die Alte-Jakob-Straße 172. Erst um 1914, als sich Wilhelm Deutschert wohl zur Ruhe setzte, verließ die Familie Kreuzberg und zog zunächst nach Schöneberg, schließlich nach Wilmersdorf in die Prinzregentenstraße 85. Clara erhielt eine Ausbildung als Krankenschwester, im Ersten Weltkrieg kam sie als solche zum Einsatz. Außerdem war sie musisch interessiert, sie ist auf einer (nicht datierten) Liste von Schülern des Stern’schen Konservatoriums aufgeführt, einer privaten jüdischen Musikschule, die später, 1936, nach Entlassung aller jüdischen Lehrer, in „Konservatorium der Reichshauptstadt Berlin“ umbenannt wurde.

Um 1918 starb Wilhelm Deutschert und seine Witwe Anna zog wenig später nach Charlottenburg in die Kuno-Fischer-Straße 15. Es spricht einiges dafür, dass Clara –vermutlich noch ledig – weiterhin bei der Mutter wohnte. Vielleicht lernte sie durch die Arbeit als Krankenschwester den zwölf Jahre jüngeren Zahnarzt Karl Georg Wongtschowski kennen, vielleicht aber auch über die Musik, denn Karl war ein leidenschaftlicher Violinist. Wann genau sie heirateten, wissen wir nicht. Am 30. Juni 1928 brachte Clara einen Sohn, Thomas, zur Welt, obwohl sie schon über 40 Jahre alt war. Wongtschowskis wohnten in der Kurfürstenstraße 102, dort war auch die Zahnarztpraxis. Karl Wongtschowski spezialisierte sich auf Kiefernorthopädie und zog 1932 mit seiner Praxis als „Facharzt für Zahnrichtung“ an den Kurfürstendamm 182/183.

Die Ehe hielt nicht lange, am 26. Juni 1933 wurde sie geschieden. Thomas blieb wohl bei der Mutter. Clara zog zunächst, wahrscheinlich zur Untermiete, in die Düsseldorfer Straße 32, ab 1935 mietete sie eine eigene Wohnung in der Emser Straße 39. Sie war als Krankenschwester bei der jüdischen Gemeinde angestellt. Mit Karl blieb sie noch in Kontakt bis zu dessen Auswanderung nach England im November 1937, sicherlich auch des Sohnes wegen. Karl hinterließ ihr nach eigener Aussage „eine beträchtliche Summe“ Geldes.

Indes wurden die Lebensumstände unter dem NS-Regime für Juden durch Diskriminierungen und dekretierte Einschränkungen immer schwieriger. Die Lage verschärfte sich noch mal drastisch nach den Pogromen vom November 1938. Binnen weniger Wochen wurde eine Flut von antisemitischen Verordnungen erlassen, die Juden nicht nur aus dem wirtschaftlichen sondern überhaupt aus dem öffentlichen Leben ausschloss. Clara gelang es, vermutlich mit Hilfe Karls, den elfjährigen Thomas im März 1939 ebenfalls nach England emigrieren zu lassen. Dies war vielleicht auch der Anlass, warum sie, nun allein, ihre Wohnung 1939 aufgab und in die Bleibtreustraße 33 zog, zur Untermiete bei Doris Walther.

In den folgenden Jahren musste Clara Wongtschowski weitere verschärfte antijüdische Maßnahmen erleben: Beschlagnahmungen, Sperrstunden, Tragen des Judensterns, Zwangsarbeit. Wie ihre Vermieterin auch, wurde Clara genötigt, noch einmal umzuziehen, und zwar in die Regensburger Straße 14a, bei Charlotte Oppenheimer. Von dort wurde sie im Januar 1943 in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 gebracht und am 12. Januar nach Auschwitz deportiert. In dem Deportationszug befanden sich 1196 Opfer, unter ihnen auch Doris Walther. Vielleicht fanden beide Frauen trotz der großen Menschenmenge zueinander und konnten sich einen letzte Trost erweisen, denn, in Auschwitz angekommen, suchte man nur wenige Männer zur Arbeit aus, alle anderen Menschen wurden sofort ermordet. Clara Wongtschowskis Tod ist auf den 13. Januar 1943 oder kurz danach zu datieren.

Wenige Wochen später, am 12. März 1943, wurde auch Claras letzte Vermieterin, Charlotte Oppenheimer geb. Fels, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Karl Wongtschowski machte in England erneut Karriere als Kiefernorthopäde und wurde 102 Jahre alt. Er überlebte seinen und Claras Sohn Thomas, der 1988 starb. Karls Eltern – Claras Schwiegereltern – Adolf Wongtschowski und Bianca geb. Pniower wurden am 14. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt und erlagen den dortigen unmenschlichen Lebensumständen.

Recherchen/Text: Micaela Haas.
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer