Stolpersteine Fasanenstraße 55

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Hausansicht Fasanenstr. 55
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine wurden am 9.6.2009 verlegt.

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Stolperstein für Elise Levinsky
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ELISE LEVINSKY
JG. 1897
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
ERMORDET 30.11.1941

Elise Levinsky wurde am 10. Juli 1897 in Odessa geboren.
Wer war diese Frau, die 44jährig grausam ermordet wurde?
Über ihre Eltern, eventuelle Geschwister und sonstige Lebensumstände ist nichts dokumentiert. Auch die Umstände ihrer Umsiedlung nach Berlin sind nicht bekannt. Floh sie vielleicht vor den Progromen, denen 1905 in Odessa 400 Juden zum Opfer fielen?

Elise Levinsky lebte in Berlin in der Fasanenstraße 55 mit Judesa Levinskeite zusammen. Diese war ihre Vermieterin. Die Wohnung befand sich im Seitenflügel in der 2. Etage. Elise musste für ihr Zimmer 45 RM Miete bezahlen. Judesa Levinskeite war Jüdin und kam ebenfalls aus Odessa. Sie war zwei Jahre jünger als Elise.

Elise Levinsky war eine sehr arme Frau. In der Vermögenserklärung, die sie vor ihrer Deportation ausfüllen musste, gab sie als einzigen Besitz wenige Teile Unterwäsche an. Ihr Zimmer war so armselig eingerichtet, dass die meisten Teile als schadhaft, wertlos, stark beschädigt oder nicht schätzbar bezeichnet wurden, lediglich ihre Nähmaschine hatte noch einen Wert von 20 RM.

Sie war zudem sehr krank. In der Chemiefabrik Riedel in Britz hatte sie Zwangsarbeit leisteten müssen und erkrankte so schwer, vermutlich durch den Umgang mit gefährlichen Chemikalien, dass sie entlassen wurde.

Am 27. November 1941 wurde Elise Levinsky zusammen mit ihrer Mitbewohnerin Judesa Levinskeite und mehr als 1000 anderen Juden vom Bahnhof Grunewald aus nach Riga deportiert. Sie hatten sich zuvor in der als Sammelstelle umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße einfinden müssen. Nach dreitägigem Transport wurden die Menschen in den Wald von Rumbula gebracht und sofort erschossen. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD zwangen die Opfer, sich trotz des eiskalten Wetters zu entkleiden. Sie wurden aus kurzer Distanz in ausgehobenen Gruben in den Hinterkopf geschossen. Lettische Polizeieinheiten waren bei diesem Massenmord beteiligt, dem insgesamt 27000 Juden zum Opfer fielen.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945,
Berliner Adressbücher,
Statistik des Holocaust Deportationslisten,
Akten des Brandesburgischen Landeshauptarchivs.

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Stolperstein für Rudi Heinz Seidel
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
RUDI SEIDEL
JG. 1929
DEPORTIERT 12.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Der 6jährige Rudi 1934 in Breslau
Der 6jährige Rudi 1934 in Breslau
Bild: Privatarchiv

Heinz Rudi Seidel kam am 17. Januar 1929 in der „Israelischen Kranken-Verpflegungsanstalt“ in Breslau auf die Welt. Seine Mutter war Margot Alice Seidel, geb. Arndt. Sie wurde am 20. Dezember 1907 geboren. Sein Vater war der Kaufmann Martin Seidel, geboren am 1. Juni 1904 in Schildberg. Margot Arndt war in einer Pflegefamilie aufgewachsen. Ihr Onkel Max Lewin und seine Frau Paula, eine Christin, hatten außer Margot noch mindestens ein weiteres Pflegekind namens Klara Hübner. Margot Arndt lebte bis zu ihrer Eheschließung am 29. Dezember 1927 bei ihren Pflegeeltern in Breslau.

Zwei Jahre nach seiner Geburt wurde Rudi ebenfalls in diese Pflegefamilie gegeben. Er wuchs bei den Lewins auf und besuchte die jüdische Volksschule „Am Anger“. Was seine leiblichen Eltern während dieser Zeit machten, ist nicht bekannt. Jedenfalls wurde die Ehe 1937 geschieden. Rudis Bruder Horst wurde am 6. März 1930 in Breslau geboren. Er lebte bei seinen Eltern.

Die Pflegefamilie Lewin zog 1935 nach Berlin in die Fasanenstraße 55. Rudi besuchte zunächst eine Privatschule in der Pariser Straße und später die Schule der Jüdischen Gemeinde in der Synagoge Fasanenstraße. Nach den November-Progromen 1938 war für Rudi kein Schulbesuch mehr möglich. Er hat bis zu seiner Deportation 1943 keinen Unterricht und keine Ausbildung mehr erhalten.

Seine Mutter Margot heiratete im März 1939 in Breslau in zweiter Ehe den Frisör Kurt Loewy und emigrierte mit ihm nach Shanghai.

Im April 1939 verließ auch Martin Seidel zusammen mit seinem jüngsten Sohn Horst und seiner zweiten Frau Mali von Breslau aus nach Shanghai das Land.

In der Datenbank von Yad Vashem befindet sich ein Gedenkblatt, das von Rudis Bruder Horst Seidel, später Harry Sydel, von Puerto Rico aus bestellt wurde. Dieser gab darin an, von Mai 1939 bis Dezember 1947 in Shanghai gewesen zu sein. Martin und Mali Seidel kehrten in den 1950er Jahren noch einmal nach Berlin zurück, wo sie zunächst im Wedding, danach in Charlottenburg wohnten. 1966 lebten sie in New York.

Es war vorgesehen, Rudi 1939 nach Venezuela zu schicken und dort bei seinem Onkel leben zu lassen. Es war alles für die Ausreise vorbereitet, zwei Wochen bevor sein Schiff ablegen sollte, erklärte Deutschland der Welt den Krieg. Damit waren alle Tore geschlossen und Rudis Schicksal besiegelt.

Die Familie Lewin musste mit ihren Pflegekindern 1939 die Wohnung in der Fasanenstraße verlassen und in die Walter-Fischer-Straße 4 (heute Fechnerstraße) ziehen. Von dort aus wurde der 14-jährige Rudi von der Gestapo abgeholt und trat, isoliert von allen vertrauten Personen, den Weg in den Tod an.
Mit dem sogenannten 36. Osttransport am 12. März 1943 wurden 947 Juden nach Auschwitz deportiert, viele arbeitsfähige Männer und Frauen mussten dort anschließend in den Buna-Werken Zwangsarbeit leisten.

Rudi Seidels genaues Todesdatum ist nicht bekannt.
Horst Seidel sah seinen Bruder am 18. April 1939 ein letztes Mal, als er für nur fünf Stunden in Berlin weilte.
Rudi und Horsts Großeltern (Paul und Rosa Seidel) und zwei Onkel (Herbert und Helmut Seidel) verloren im Holocaust ihr Leben. Sie wurden von Breslau aus in das Durchgangslager Ghetto Izbica deportiert und vermutlich in Treblinka ermordet.
Max Lewin wurde am letzten Tag des Krieges auf der Straße getötet. Seine Frau Paula starb im Januar 1952. Sie wohnte zuletzt in der Barstraße 12.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945,
Opferdatenbank Yad Vashem,
Entschädigungsamt Berlin,
Berliner Adressbücher 1936 – 1940,
Ergänzende Angaben und Foto von Harry Sydel, Puerto Rico.