Stolpersteine Leibnizstraße 19

Link zu: Hauseingang Leibnizstr. 19, 25.03.2012
Hauseingang Leibnizstr. 19, 25.03.2012
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

Diese Stolpersteine wurden am 17.07.2007 verlegt.

Link zu: Stolperstein Eugen Cohn, 25.03.2012
Stolperstein Eugen Cohn, 25.03.2012
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

HIER WOHNTE
EUGEN COHN
JG. 1872
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 23.10.1944

Eugen Cohn wurde am 11. April 1872 in Beuthen (Oberschlesien) geboren. Er heiratete Minna Friedländer und ging mit ihr nach Berlin. 1903 bekamen sie einen Sohn, den sie Otto nannten. Ihm gelang es später in die USA zu flüchten. Sie wohnten in der Leibnizstraße 19, die Eltern wurden kurzfristig gezwungen, in ein Zimmer umzuziehen. Wo er vorher wohnte, ist nicht zu bestimmen, denn im Jüdischen Adressbuch von 1931 waren mehrere Gleichnamige verzeichnet.

Eugen Cohn ist am 23. Oktober 1944 in Theresienstadt ums Leben gebracht worden, wohin er gemeinsam mit seiner Frau Minna und weiteren 98 Menschen, die aus dem Sammellager zum Anhalter Bahnhof gebracht wurden, am 22. September 1942 deportiert worden war.

Text: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Link zu: Stolperstein Minna Cohn, 25.03.2012
Stolperstein Minna Cohn, 25.03.2012
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

HIER WOHNTE
MINNA COHN
GEB. FRIEDLÄNDER
JG. 1868
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 28.2.1943

Minna Cohn geb. Friedländer wurde am 29.Februar 1868 in Oppeln (Schlesien) geboren. Dem 1903 geborenen Sohn Otto gelang es, den Nazis in die USA zu entkommen. Mit ihrem Ehemann Eugen wohnte sie 1939 in der Leibnizstraße 19, sie mussten, kurz bevor sie abgeholt wurden, zwangsweise in die Joachim-Friedrich-Straße 26 umziehen. Von dort wurden beide nach einer Zwischenstation im Sammellager am 22. September 1942 in einem Waggon, der an den planmäßigen Zug Berlin-Prag angehängt wurde, nach Theresienstadt deportiert. Dort ist Minna am 28. Februar 1943 und Eugen am 23. Oktober 1944 umgekommen. Auf ihrer Todesurkunde, die in Theresienstadt aufbewahrt ist wurde „Marasmus/Altersschwäche“ als Todesursache angegeben.

Text: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Link zu: Stolperstein Carl Rochmann, 25.03.2012
Stolperstein Carl Rochmann, 25.03.2012
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

HIER WOHNTE
CARL ROCHMANN
JG. 1895
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Link zu: Stolperstein Elsel Rochmann, 25.03.2012
Stolperstein Elsel Rochmann, 25.03.2012
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

HIER WOHNTE
ELSE ROCHMANN
GEB. IMBACH
JG. 1898
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Carl Rochmann, geboren am 24.8.1895 in Berlin, Sohn des Zigarettenfabrikanten Szlama Rochmann, und seine Ehefrau Else Rochmann geb. Imbach, geboren am 5.5.1898 in Tworog, wurden am 9.12.1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Else Rochmann wurde als Else Imbach, Tochter des Holzhändlers und späteren Inhabers einer Dampfsägerei, Salomon Imbach, am 05. Mai 1898 in Tworog nahe Gleiwitz geboren. Die Mutter war Hedwig geb. Ostrowski und sie hatte fünf weitere Kinder: Erna, Jahrgang1891, Alfons Abraham, 1892 geboren, der schon 1908 starb, Luzie, 1895, Herta, 1900, und Kurt, 1904 geboren. 1905 wohnte die Familie wahrscheinlich schon seit mehreren Jahren in Gleiwitz in der Nieberdingstraße 6, dort war auch die Dampfsägerei. Salomon Imbach betrieb auch einen Holzkohlehandel.

1915 – Else war 17 Jahre alt – starb Salomon Imbach. Seine Witwe führte die Sägerei weiter, zusammen mit einem Partner, Arthur Freund. Sie zog damals in Gleiwitz mit ihren Kindern von der Moltkestraße 10 in die Wilhelmstraße 7. Wie Else ihren späteren Ehemann Carl Ferdinand Rochmann aus Berlin kennen lernte ist nicht bekannt, jedenfalls heiratete sie ihn 1919 und zog mit ihm in die Hauptstadt.

Carl Ferdinand Rochmann war gebürtiger Berliner. Er kam am 24. August 1895 in der Georgenkirchstraße 59 in Friedrichshain zur Welt. Sein Vater Szlama Rochmann betrieb die Zigarettenfabrik „Mahala“. Carls Mutter Johanna (Hanna) geb. Kotner stammte aus Litauen. Beide waren russische Staatsbürger. Hanna brachte drei weitere Kinder zur Welt: Erna 1891, Heinrich 1893 und Friedrich 1897. Schon Carls Großvater, Israel Rochmann, besaß eine Zigarettenfabrik, die Firma I. Rochmann in der Landwehrstraße 5. Als Israel 1891 starb, übernahm sein Sohn Baruch, Carls Onkel, die Fabrik. Wenig später gründete Szlama seine eigene Fabrik unter dem Namen „Mahala“. 1905 wohnte er mit seiner Familie in der Alexanderstraße 30, die Fabrik war in der gleichen Straße Nr. 22. Die Zigarettenmarke wurde 1912 in „Problem“ umbenannt – Probleme sollte man wie Zigarettenrauch in die Luft blasen – und war wegen ihrer vielfältigen und kunstvollen Werbung bekannt. 1914 erwarb Szlama das Grundstück Greifswalder Straße 212/13 und nach einem Umbau zog die Fabrik 1916 dorthin, auch die Familie wohnte fortan in dem Gebäude. 1918 – Carl war gerade aus dem Kriegsdienst zurück – beteiligte Szlama seine Söhne Heinrich und Carl an der Firma.

Zum Kriegsdienst hatte Carl sich freiwillig gemeldet, er kämpfte an der französischen Front und erhielt das Eiserne Kreuz. 1919 heiratete er Else Imbach. Das Paar wohnte zunächst auch in der Greifswalder Straße. Noch vor Geburt der Tochter Marion am 7. Juni 1925 zogen sie um in die Charlottenburger Schillerstraße 111. Im Dezember 1925 starb Szlama und Carl führte mit seinem Bruder Heinrich und zunächst auch der Mutter Hanna den Betrieb weiter. Schlechte Tabakernten in der Türkei und schließlich die Weltwirtschaftskrise 1929 zwangen sie jedoch zunächst den Namen an die Hamburger Firma Reemtsma zu verkaufen, 1932 auch die gesamte Fabrik. Reemtsma stellte 1935 die Produktion ganz ein und vermietete die Fabrikhallen anderweitig.

Link zu: Plakat "Problem", Hans Rudi Erdt
Plakat "Problem", Hans Rudi Erdt
Bild: wikimedia

Carl betätigte sich nun als Generalagent für Versicherungen, beteiligte sich auch an der Teppichfirma Geissenberg. Er wechselte mit Frau und Tochter in die Schillerstraße 3, in eine 8-Zimmer-Wohnung. Die Familie hatte Dienstpersonal und unternahm regelmäßig Urlaubsreisen. Carls Einkünfte plus seinem Anteil an dem Fabrikverkauf erlaubten ihm auch, zwei Häuser zu erstehen, in der Bismarckstraße 9 und in der Joachim-Friedrichstraße 21. Carls Mutter Hanna erwarb 1932 das Haus Leibnizstraße 19 und war im Adressbuch dort ab 1935 eingetragen.

Link zu: Reklamemarke "Versuchung", Emil Lajos Barabás
Reklamemarke "Versuchung", Emil Lajos Barabás
Bild: JMBerlin
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Carl und Else Rochmann
Bild: www.myheritage.de

Inzwischen waren die Nationalsozialisten an der Regierung und ließen bereits 1933 nichts Gutes für Juden ahnen. Heinrich Rochmann emigrierte schon 1934 nach England. Auch Elses Schwester Erna und ihr Mann Philip Lachs wanderten schon früh in die USA aus. 1937 unternahmen Carl, Else und Marion eine Reise in die USA und besuchten sie in Texas. Laut der Registrierung in Ellis Island, konnten Carl und Else mit gutem Gewissen angeben, dass sie nicht Poligamisten seien (Spalte 26), auch keine Anarchisten (Spalte 27), nie im Gefängnis waren (Spalte 25) und auch nicht vorhätten, mit Gewalt die US-Regierung zu stürzen. Rochmanns‘ Visum galt dennoch nur für 3 Wochen und sie kehrten (leider!) nach Berlin zurück. Auch Hanna war 1936 mit ihrem Sohn Friedrich ebenfalls für 3 Wochen in die USA gefahren und hatte ihren Neffen Ruben Kanter in New York besucht. Und auch sie war nach Deutschland zurückgekehrt. Bei der Volkszählung vom 17. Mai 1939 wurde sie in der Leibnizstraße 19 erfasst. Zu diesem Zeitpunkt – nach den Pogromen vom November 1938 – erreichten Diskriminierung und Verfolgung von Juden fast jeden Tag einen neuen Höhepunkt. Wer noch konnte, versuchte das Land zu verlassen. Hanna Rochmann wurde als „Angehörige des ehemaligen polnischen Staates“ ausgewiesen, es gelang ihr unmittelbar vor Kriegsausbruch, am 31. August 1939, nach England zu ihrem Sohn Heinrich zu reisen. 1943 konnte sie dann in die USA zu Sohn Friedrich ziehen. Auch Carls Schwester Erna und ihr Mann, der Anwalt Heinrich Stern, brachten sich noch rechtzeitig nach London in Sicherheit. Elses Schwester Herta, die 1929 Ferdinand Maier geheiratet hatte und laut der Volkszählung vom 17. Mai 1939 in der Erdenerstraße 13 in Berlin-Grunewald wohnte, floh vermutlich relativ spät nach Shanghai, eines der seltenen Zufluchtsorte, für die bis 1941 noch Visa erteilt wurden. Allerdings starb Ferdinand dort schon am 5. Dezember 1943. Herta konnte nach dem Krieg in die USA einwandern.

Carl und Else blieben in Berlin. Zwar gelang ihnen, die 14jährige Marion mit einem Kindertransport nach England zu retten, sie selbst konnten sich wohl nicht mehr rechtzeitig Ausreisepapiere beschaffen, obwohl sie bereits ihr Umzugsgut bei der Speditionsfirma Haberling gelagert hatten. Carl hatte aufgrund der Judendiskriminierung seine Versicherungsvertretung verloren, 1936 und 1937 sah er sich genötigt, die Häuser in der Bismarckstraße und in der Joachim-Friedrich-Straße an Nichtjuden zu verkaufen. Vom Erlös wurde ihm nur ein kleiner Teil ausgezahlt, den Rest bekam er nie.

Carla und Else hatten bis Hannas Abreise schon seit einiger Zeit mit ihr in der Leibnizstraße 19 gewohnt und blieben auch dort. Für Verwirrung sorgen allerdings die Daten der Volkszählung vom Mai 1939: Sowohl Carl wie Else wurden zwei Mal registriert, Carl in der Leibnizstraße 19, also dem Haus seiner Mutter, und zusammen mit Else in der Erdener Straße 13, Else mit dem Vermerk „vorübergehend abwesend“. Offenbar hatten sie eine zeitlang bei Elses Schwester Herta Maier gewohnt, denn auch Marions letzte Adresse vor ihrer Flucht nach England war die Erdener Strasse. Else war zum Zeitpunkt der Volkszählung vermutlich zu Besuch bei ihrer Mutter in Breslau. Dort wurde sie nun auch von den Volkszählern in der Carmer Straße 11 registriert. Nach Breslau war Hedwig Imbach 1936 gezogen, nachdem in Gleiwitz das Sägewerk schon länger von jemand anderes betrieben und schließlich von den Nazis beschlagnahmt worden war. Ihre erwachsenen Kinder Lucie und Kurt zogen mit in die Breslauer Carmer Str.11.

Ab 1939 wuchs der Druck auf Hauseigentümer, ihren Besitz an Nichtjuden zu verkaufen. Hanna musste die Leibnizstraße 19 noch vor ihrer Ausreise veräußern. Im August 1939 schloss sie den Kaufvertrag, er wurde erst 1940, nach ihrer Flucht, genehmigt und in das Grundbuch eingetragen. Den Erlös, der auf ein Auswanderersperrkonto überwiesen wurde, sah Hanna nie. Das Konto wurde später von der Gestapo beschlagnahmt. Dennoch konnte bis 1942 Carl noch die 5-Zimmer-Wohnung in dem Haus nutzen. Allerdings wohnten dort spätesten ab Ende 1942 auch Elfriede und Heinz Imbach, Witwe und Sohn von Elses Onkel Siegfried Imbach. Und ein Ehepaar Meyer – es ist nicht auszuschließen, dass es sich um Herta und Ferdinand Maier kurz vor ihrer Flucht nach Shanghai handelte. Diese Mitbewohner gab Carl nicht als Untermieter an, was dafür spräche, dass es Familienmitglieder waren. Eigentümerin des Hauses war inzwischen eine Doris Aschmann geb. v. Siemens geworden.

Am 2. Dezember 1942 unterschrieb Carl Rochmann die sog. Vermögenserklärung, ein vielseitiges Formular, in dem Juden, denen die Deportation bevorstand, ihren gesamten Besitz auflisten sollten, um der Oberfinanzdirektion die Beschlagnahme – aus heutiger Sicht Raub – jüdischen Vermögens zu erleichtern. Carl, der zur Zwangsarbeit in einem Bautrupp bei der Reichsbahn herangezogen worden war, nannte noch ca. 10000 RM sein eigen, über die er allerdings nicht verfügen konnte, da es sich dabei, wie bei allen jüdischen Konten, um ein Sperrkonto und ein sog. „Sicherheitskonto“ handelte, von dem er nur monatlich das Minimum für die Existenz abheben durfte. Die wohl noch weitgehend intakte Wohnungseinrichtung wurde später von dem Gerichtsvollzieher auf 3850 RM geschätzt, die Versteigehrung des bei der Firma Haberling gelagerten Umzugsgutes – an der sich viele namentlich genannte Bürger beteiligten – brachte noch mal 11233 RM ein. Alles Summen, die die Oberfinanzdirektion für sich einbehielt.

Carl und Elsa waren an diesem 2. Dezember vermutlich schon im Sammellager Große Hamburger Straße 26, am 3. Dezember 1942 erhielten sie dort die Zustellungsurkunde, durch die ihnen die Beschlagnahmung mitgeteilt wurde – ein pseudolegaler Anstrich der Ausplünderung. Am 9. Dezember wurden dann beide vom Güterbahnhof Moabit aus mit fast tausend weiteren Menschen nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt, sehr wahrscheinlich gehörten sie zu den 898 Opfern, die nach Ankunft gleich in die Gaskammern geschickt wurden.

Zuvor war schon am 13. April 1942 von Breslau aus Elses Schwester Lucie in das Durchgangsghetto Izbica südöstlich von Lublin deportiert worden. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt, vermutlich wurde sie im Vernichtungslager Belzec ermordet. Die Mutter, Hedwig Imbach, hatte man am 30. August 1942 nach Theresienstadt deportiert und schon einen Monat später nach Treblinka weiterverschleppt, wo sie ums Leben gebracht wurde. Auch Kurt soll deportiert und in Theresienstadt ums Leben gebracht worden sein. Er steht in keinem Gedenkbuch, seine Nichte Marion, Carl und Elses Tochter, geht von seinem Tod aus. Elses Tante, Elfriede Imbach geb. Honigbaum, wurde am 17. März 1943 nach Theresienstadt deportiert und von dort am 16. Mai 1944 weiter nach Auschwitz, wo sie ermordet wurde. Ihr Sohn Heinz tauchte am 26. Februar 1943 unter, vermutlich als die Deportation angekündigt wurde, und überlebte in der Illegalität bis Kriegsende. Er wanderte später in die USA aus.

Quellen:
  • Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006;
  • Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995;
  • Berliner Adressbücher;
  • Adressbücher Gleiwitz;
  • Landesarchiv Berlin;
  • Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin;
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv,
  • Akten der Oberfinanzdirektion;
  • Yad Vashem,
  • Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer

Recherchen/Text:
Micaela Haas