Spandauer Vorstadt

Spandauer Vorstadt

Die Spandauer Vorstadt ist einer der ältesten erhaltenen Berliner Stadtteile und bietet Geschichte auf engstem Raum. Im Quartier lässt sich wegen der vielen Shops und Cafés auch gut Bummeln.

  • Spandauer Vorstadt© dpa
  • Spandauer Vorstadt© Franziska Delenk
    Oranienburger Straße mit Synagoge
  • Spandauer Vorstadt© Franziska Delenk
    Oranienburger Straße in Richtung Hackescher Markt
Die Vorstadt Berlins, die Richtung Spandau lag, die Spandauer Vorstadt also, wird gern, aber fälschlicherweise mit dem Scheunenviertel verwechselt. Wie aber der Name schon sagt, standen in der Spandauer Vorstadt keine Scheunen, sondern sie war eine (Vor-)Stadt mit Wohnbebauung.

Entlang der Rosenthaler Straße

An der Ecke zur Rosenthaler Straße steht ein Haus mit den vom Rosa- Luxemburg-Platz her bekannten Bändern der 1920er Jahre. Dass dieses Haus aber wesentlich älter ist, verrät nicht nur ein Stuck-Zitat in der Fassade, sondern auch die Berolina-Apotheke an der Ecke mit der erhaltenen Einrichtung von 1886. Folgt man der Rosenthaler Straße linker Hand, lohnt sich ein Blick in den Hof der Nummer 39. Neben dem Café "Cinema" geht es zum Central-Kino. Hier erinnert zudem ein Museum an die Rettung von zur NS-Zeit Verfolgten in der ehemaligen Blindenwerkstatt Otto Weidt.
Hackesche Höfe
© www.enrico-verworner.de

Hackescher Markt und die Hackeschen Höfe

Wir erreichen nun den Hackeschen Markt, dessen Stadtbahnhof aus dem Jahre 1882 einer von zwei original erhaltenen Stadtbahnhöfen Berlins ist. In den S-Bahn-Bögen bieten sich zahlreiche Möglichkeiten zum Einkehren. Zuvor ist der Eingang zu den Hackeschen Höfen nicht zu übersehen, dem größten deutschen Wohn- und Gewerbehof, eröffnet 1906. Baumeister Kurt Berndt hatte vermutlich die Gesamtleitung für den Komplex. Die Schmuckfassaden im ersten Hof gestaltete August Endell. Sie dienten und dienen noch als auffälliges Entree. Dahinter folgt ein typischer Berliner Gewerbehof mit großen Fenstern und den üblichen kleinformatigen hellen Kacheln an den Wänden. Es schließen sich verputzte Wohnhöfe an, die zum Teil in Richtung der angrenzenden Friedhöfe offen sind und somit über extrem ruhige Nachbarn verfügen. Der Immobilienentwickler Roland Ernst hatte die offiziell acht Höfe zu seinem Steckenpferd gemacht und nicht nur auf die denkmalgerechte Sanierung Wert gelegt. Zum Erfolg des Projektes trägt ganz wesentlich die einzigartige Mischung aus Alt und Neu, aus Arbeiten, Wohnen und Kultur bei. Man kann hier in über 80 Wohnungen leben, es gibt Galerien, Varieté und Kino. Cafés, Bars und Restaurants laden ein, bei einem Kaffee die Bücher zu lesen, die man gerade gekauft hat, zum Beispiel im Buchladen "artificium" im zweiten Hof. Mode- und Schmuckgeschäfte breiten sich auch hier immer mehr aus, doch im kleinen neunten, dem letzten Hof, spielt man immer noch Billard oder tanzt wie seit DDR-Zeiten im Sophienclub in der Sophienstraße. Diese erreichen wir über den offiziell nicht gezählten neunten Hof.

DDR-Vorzeige-Projekte: die Sophienstraße

Auch die Sophienstraße war eines der DDR-Vorzeige-Rekonstruktions-Projekte der 1980er Jahre. Im Gegensatz zur Husemannstraße sind die Strukturen der 1712 angelegten Straße erkennbar barocken Ursprungs, wenngleich die vorhandenen Häuser zumeist im 19. Jahrhundert gebaut wurden. Das Gebäude Sophienstraße 18, gegen 1840 entstanden, wurde für den Handwerkerverein 1905 mit einer terrakottageschmückten Durchfahrt versehen, durch die man zu den Sophiensaelen gelangt. Diese Räume, die noch über ungeschminkten Charme verfügen, waren nicht nur Schauplatz der Arbeiterbewegung, sondern inspirieren heute auch die Besucher und die Kulturschaffenden des umfangreichen Veranstaltungsprogramms. In der Sophienstraße 21 locken die Sophie-Gips-Höfe, zur Gipsstraße vorzustoßen, die ebenso wie die Sophienstraße zur Großen Hamburger Straße führt.

Sophienkirche in der Spandauer Vorstadt

Hier steht die Sophienkirche, eine 1712 von der Königin Sophie Luise gestiftete schlichte Hallenkirche. Auf dem Kirchhof fanden, neben anderen, Carl Friedrich Zelter und – an der Kirchwand zur Straße hin – Anna Louisa Karsch ihre letzte Ruhe. Die "Karschin", schon mit 15 Jahren mit einem Gewalttäter verheiratet, verlassen in dritter Schwangerschaft und dann einem Alkoholiker angetraut, den sie mit Hilfe von Freunden ins Militär ziehen ließ, war die erste Frau Deutschlands, die von ihrer Schreibtätigkeit leben konnte. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in einem Haus, das ihr König Friedrich Wilhelm II. in der Neuen Promenade am Hackeschen Markt hatte bauen lassen. Sie starb dort 1791.

St.-Hedwig-Krankenhaus

An der Großen Hamburger Straße steht links das 1844 gegründete St.-Hedwig-Krankenhaus mitten im Kiez. Gleich der Kathedrale der Katholiken am Bebelplatz trägt auch diese Einrichtung den Namen der schlesischen Schutzheiligen. Das heute von den Alexianern betriebene Krankenhaus hat die Nationalsozialisten und den Sozialismus als kirchliche Einrichtung überlebt – und bislang sogar die Sparkonzepte des Senates.
Die Neue Synagoge in Berlin
© dpa

Spuren der NS-Zeit in der Spandauer Vorstadt

Ein Blick rechts in die Krausnickstraße zeigt die Spitze der Kuppel der Neuen Synagoge. Ein Blick links durch die von Kurt Berndt 1905 geschaffenen Wohn- und Gemeindehäuser der Sophiengemeinde zeigt deren Kirchturm. Der einzige barocke Turm der Berliner Innenstadt, der die Zeiten überstand, wurde bis 1735 erbaut. Vor den Häusern erinnern einige der weltweit insgesamt über 22 000 "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig an von den Nationalsozialisten vertriebene und ermordete ehemalige Bewohner. Direkt hinter der Großen Hamburger Straße 15 öffnet sich eine 1945 durch Bomben entstandene Häuserlücke, die Erinnerung und Kunstwerk zugleich ist. Das fehlende Haus wurde durch Tafeln des französischen Künstlers Christian Boltanski ersetzt. Namen und Daten der Bewohner des Gebäudes lassen die vielen Geschichten dahinter anklingen.

Jüdisches Leben in der Spandauer Vorstadt

Auf der anderen Straßenseite wurde 1993 das Jüdische Gymnasium wiedereingerichtet. Gegründet wurde die erste jüdische Schule in Berlin – anders als eine Tafel am Haus behauptet – von David Friedländer. Die Anregung dazu kam jedoch in der Tat vom 1743 aus Dessau nach Berlin gekommenen Moses Mendelssohn. Auf dem nächsten freien Grundstück hängt zur Straße hin eine Gedenktafel, die an das verschwundene erste Jüdische Altersheim und dessen Nutzung als Deportations-Sammelstätte durch die Faschisten erinnert. Steine liegen hier. In hebräischer Tradition werden sie im Gedenken an Tote auf Grabsteine gelegt. Die Skulpturengruppe daneben wurde für das ehemalige Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück von Will Lammert in dessen Todesjahr 1957 entworfen und blieb unvollendet. 1985 wurde sie hier zum 40. Jahrestag des Kriegsendes auf- und neu zusammengestellt.

Ein Friedhof ohne Grabsteine

Dahinter öffnet sich ein Friedhof fast ohne Grabsteine. "Mißtraut den Grünanlagen!" So beginnt der berühmte literarische Berlin-Flaneur Heinz Knobloch sein Buch „Herr Moses in Berlin“. Ein Grabstein für Moses Mendelssohn, den großen Philosophen der Aufklärung, steht am Weg durch das grüne Rund. Dieses Areal war nach 1672 der erste jüdische Friedhof Berlins, der 1827 zugunsten der neuen Anlage an der Schönhauser Allee geschlossen wurde. Der Zerstörung der Begräbnisstätten durch die Faschisten zum Trotz wurde das grüne Areal 2008 wieder als jüdischer Friedhof erkennbar gemacht, instand gesetzt und eingefriedet. Der Grabstein für Moses Mendelssohn belegt in etwa die Originalstelle. Der mittlerweile vierte Stein trägt eine hebräische Inschrift. Sie bedeutet "Hier liegt der weise Lehrer Moshe aus Dessau" und enthält auch die Lebensdaten: Mendelssohn wurde im Jahre 5489 geboren. Die jüdische Zeitrechnung ist der christlichen um 3760 Jahre voraus.

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| Aktualisierung: 6. April 2017