14. September 2026, 13:57 Uhr
Die „ergänzende Förderung und Betreuung“ verschwindet – zumindest dem Namen nach. Künftig soll in Berlin von „Bildung, Erziehung und Betreuung“, kurz BEB, gesprochen werden. Das klingt zunächst nach einer kleinen sprachlichen Änderung. Tatsächlich steckt dahinter aber eine wichtige Botschaft: Die Arbeit der Erzieher*innen im Ganztag ist kein Anhängsel von Schule. Sie ist Bildungsarbeit. Doch ein neuer Name allein verbessert noch keine Arbeitsbedingungen.
Schluss mit „ergänzend“
eFöB – für viele Beschäftigte an Berliner Grundschulen gehört dieses etwas sperrige Kürzel seit Jahren zum Alltag. Es steht für „ergänzende Förderung und Betreuung“. Gerade das Wort „ergänzend“ war dabei immer wieder problematisch. Denn wer täglich Kinder begleitet, Konflikte löst, soziale Kompetenzen fördert, Projekte entwickelt, Elterngespräche führt, inklusive Angebote gestaltet und mit Lehrkräften zusammenarbeitet, erledigt eben nicht nur eine Betreuung, die den Unterricht irgendwie ergänzt.
Diese Arbeit ist ein eigenständiger und unverzichtbarer Bestandteil von Schule. Mit dem neuen Schuljahr soll deshalb zunehmend ein anderes Kürzel auftauchen: BEB – Bildung, Erziehung und Betreuung. Nach Angaben der Senatsbildungsverwaltung soll damit der Bildungsauftrag des Ganztags stärker sichtbar gemacht werden.
Ein neues Selbstverständnis des Ganztags
Die neue Reihenfolge der Begriffe ist bemerkenswert: Bildung. Erziehung. Betreuung.
Betreuung steht nicht mehr allein im Mittelpunkt. Vielmehr wird deutlich gemacht, dass Lernen nicht mit dem Ende einer Unterrichtsstunde aufhört. Kinder lernen beim gemeinsamen Spielen, beim Lösen von Konflikten, in Arbeitsgemeinschaften, bei Projekten, beim Mittagessen und in vielen kleinen Situationen des Alltags. Erzieher*innen gestalten diese Prozesse professionell. Dass dies nun ausdrücklich als Bildungsauftrag bezeichnet wird, ist ein wichtiges Signal.
Die künftige Umbenennung geht auf eine Vereinbarung zwischen der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie und der GEW BERLIN vom Mai 2026 zurück. Darin wurde ausdrücklich festgehalten, dass aus der bisherigen eFöB künftig „Bildung, Erziehung und Betreuung – BEB“ werden soll. Folgt der sprachlichen Aufwertung aber auch eine tatsächliche Aufwertung der Arbeit?
Wertschätzung braucht mehr als drei neue Buchstaben
Aus eFöB wird BEB. Auf einem Türschild ist diese Veränderung schnell erledigt.
Im Arbeitsalltag ist es komplizierter. Wer den Bildungsauftrag von Erzieher*innen ernst nimmt, muss auch Bedingungen schaffen, unter denen Bildungsarbeit möglich ist. Pädagogische Qualität braucht Zeit, ausreichend Personal, geeignete Räume, verlässliche Absprachen und Möglichkeiten zur Vor- und Nachbereitung. Der neue Begriff BEB darf deshalb nicht zum Etikett werden, hinter dem alles genauso weiterläuft wie bisher.
Gerade bei Personalausfällen zeigt sich, wie schnell pädagogische Arbeit auf reine Aufsicht und Organisation reduziert werden kann. Fehlen Kolleg*innen, müssen Gruppen zusammengelegt, Angebote gestrichen oder Aufgaben von den verbleibenden Beschäftigten zusätzlich übernommen werden. Wo permanent Personalmangel verwaltet wird, bleibt wenig Raum für den Bildungsanspruch, den das neue Kürzel ausdrücklich betont.
Es soll sich tatsächlich mehr ändern
Immerhin steht die Umbenennung nicht isoliert. Die Vereinbarung zwischen Senatsverwaltung und GEW enthält weitere Punkte speziell für den Ganztagsbereich. So sollen an den Schulen Regelungen für personelle Not- und Vertretungssituationen geschaffen und bei krankheitsbedingten Ausfällen Vertretungskräfte schneller eingestellt werden. Die konkrete Ausgestaltung soll unter anderem noch durch eine Rahmendienstvereinbarung zwischen Hauptpersonalrat und Dienststelle präzisiert werden.
Auch die räumlichen Bedingungen geraten stärker in den Blick. So ist beabsichtigt, dass Mittel aus dem Ganztagsinvestitionsprogramm unter anderem zur Verbesserung der Raumqualität und weiterer belastender Faktoren genutzt werden sollen. Das sind Punkte, die erheblich wichtiger werden könnten als die eigentliche Namensänderung.
Und was ist mit der Arbeitszeit?
Ein weiterer interessanter Punkt betrifft die Berechnung der Arbeitszeit von Erzieher*innen. Das bisherige Modell der Jahresarbeitsminuten (JAM) für unmittelbare und mittelbare pädagogische Tätigkeiten soll überprüft und anschließend mit der GEW erörtert werden. Auch der Personalschlüssel soll vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung überprüft werden. Ein moderner Ganztag besteht längst nicht nur aus der Zeit, in der Beschäftigte unmittelbar mit Kindern arbeiten. Pädagogische Arbeit benötigt auch Vorbereitungszeit, Absprachen im Team, Kooperation mit Lehrkräften, Elterngespräche, Dokumentation und konzeptionelle Arbeit.
Multiprofessionelle Schule darf keine Einbahnstraße sein
BEB kann außerdem ein Anstoß sein, das Verhältnis der Professionen innerhalb einer Schule neu zu betrachten. Ganztagsschule funktioniert nicht nach dem Prinzip „Vormittags Bildung – nachmittags Betreuung“. Eine gute Ganztagsschule versteht sich als gemeinsamer Lern- und Lebensort. Lehrkräfte, Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen und weitere Beschäftigtengruppen bringen unterschiedliche Kompetenzen ein.
Das setzt jedoch voraus, dass Zusammenarbeit auch tatsächlich auf Augenhöhe stattfindet. Wenn der Begriff BEB dazu beiträgt, den eigenständigen pädagogischen Auftrag von Erzieher*innen stärker sichtbar zu machen, ist die Umbenennung ein Fortschritt. Wenn lediglich Formulare, Webseiten und Türschilder ausgetauscht werden, wäre die Veränderung dagegen schnell verpufft.
Aus BEB muss gelebte Realität werden
Die drei neuen Buchstaben können einen wichtigen Wandel ausdrücken. BEB macht sichtbar: Erzieher*innen betreuen Kinder nicht einfach nach Unterrichtsschluss. Sie leisten Bildungs- und Erziehungsarbeit und tragen wesentlich dazu bei, dass Ganztagsschule überhaupt funktioniert. Diese Anerkennung ist überfällig.
Entscheidend wird sein, ob der neue Anspruch auch im Alltag der Schulen ankommt: durch ausreichendes Personal, gute Räume, verlässliche Vertretungsregelungen, echte Beteiligung, angemessene Zeiten für pädagogische Arbeit und eine Zusammenarbeit der Professionen auf Augenhöhe. Dann könnte aus der Umbenennung tatsächlich mehr werden als ein Austausch von Buchstaben. Denn wo „Bildung“ draufsteht, müssen auch Bedingungen geschaffen werden, unter denen gute Bildungsarbeit möglich ist.
Arne Schaller