Stolpersteine Sybelstr. 35

Stolpersteine Sybelstraße 35

Hauseingang Sybelstr. 35, Foto: Bukschat&Flegel, 20.4.13

Hauseingang Sybelstr. 35, Foto: Bukschat&Flegel, 20.4.13

Die Stolpersteine für Max und Rosa Hecht wurden von Raymond Hecht gespendet, die anderen 18 von den Hausbewohnerinnen und -bewohnern. Sie wurden am 8.11.2011 verlegt.

Der Stolperstein für Alfred Liebmann wurde am 1.4.2014 verlegt.

Das Doppelwohnhaus an der Ecke Sybelstraße/Damaschkestraße (früher: Küstriner Straße), gehörte in den 1930er Jahren zwei Frauen: Malli Tausk, die mit ihrem Mann, dem Kaufmann Abraham Tausk, hier wohnte, und H. Wolff, die bis 1939 in Schöneberg in der Nymphenburger Straße 9 gewohnt hatte. Sie lebte ab 1940 in London, was darauf hindeutet, dass sie nach England geflüchtet war. In den Berliner Adressbüchern von 1941 und 1942 war sie jedenfalls als Miteigentümerin gestrichen. Jedoch tauchte sie 1943 als alleinige Eigentümerin wieder auf.
In dem prächtigen Haus mit gerundeten Erkern lebten damals zahlreiche jüdische Berlinerinnen und Berliner, von denen fast alle Opfer des Holocaust wurden. 21 Stolpersteine auf dem Gehweg an der Straßenecke erinnern an sie. Im Jahr 1940 war außerdem der Zahnarzt Dr. J. Neumann eingezogen, der seinen Beruf nur noch als „Zahnbehandler“ ausüben durfte, über sein Schicksal ist nichts bekannt. Von 1931 bis zu ihrer Flucht nach Paris 1933 hatten im vierten Stock der Journalist und Filmkritiker Siegfried Kracauer (1889 bis 1966) und seine Frau, die Bibliothekarin Elisabeth (Lilli) Kracauer, geb. Ehrenreich (1893 bis 1971), gewohnt. Nach ihnen ist seit 2010 der Platz vor dem Haus benannt.

Die Hausbesitzer Abraham und Malli Tausk , die 1937 hier einzogen, wohnten im ersten Stock, in der „Beletage“, mit Blick auf den damaligen Holtzendorffplatz . Malli Tausks Sohn aus erster Ehe Alfred Liebmann zog hier mit ein. Abraham Tausk ist am 28. Juni 1874 in Colmar (Chodziesen) im Bezirk Posen geboren, seine Frau Malli, geb. Segal (auch Segall geschrieben), am 19. April 1883 in Berlin. Malli Tausk war in erster Ehe mit Moritz Liebmann verheiratet gewesen, ihr gemeinsamer Sohn Alfred kam am 2. Januar 1909 zur Welt. Außerdem lebte in der geräumigen Wohnung zum Zeitpunkt der Volkszählung 1939 noch ein Untermieter namens Hans Rosenthal.
Abraham Tausk trug sich in die Vermögenserklärung, die er am 12. Oktober 1941 in der Sammelstelle für zur Deportation vorgesehene Juden in der Synagoge an der Levetzowstraße 7-8 ausfüllen musste, als selbständiger Textilkaufmann ein. Fein säuberlich listete er dort das Hab und Gut seiner Familie auf – es lässt auf beträchtlichen Reichtum schließen. So besaß er einen Smoking und einen Cut, dazu 36 Kragen und 18 Krawatten. Eine Nähmaschine, ein Föhn und ein Fotoapparat sowie ein Theaterglas befanden sich im Haushalt, und handschriftlich fügte er korrekt hinzu: „Handwerkzeug, was man im Haushalt gebraucht“. Malli Tausk vermerkte zusätzlich einen Besteckkasten „verkromt“ mit 75 Teilen, elf silberne Bestecke und „ca. 30 Kristallgegenstände“. Außerdem nannte die Familie einen Plattenspieler mit 15 Schallplatten ihr eigen.
Die in der Vermögenserklärung enthaltene Frage nach seinem Geldvermögen konnte Abraham Tausk nicht beantworten. Er schrieb: „Bei der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit, zumal die Dt. Bank am Sonnabend ab 2 Uhr geschlossen ist, vermag ich nicht die Höhe meines Bankkontos und meiner Wertpapiere, welche sich im Depot befinden, anzugeben.“ Er habe einen Barbeitrag von 152 Reichsmark bei sich. Am 7.7.1942, als Tausk schon umgebracht war, errechnete das Finanzamt Charlottenburg-West (Vermögensverwertung-Außenstelle, Alt-Moabit 143, Berichterstatter: Regierungsrat Dr. Rau) ein Vermögen Tausks von rund 260 000 Reichsmark (RM). Außerdem wurde das halbe Grundstück Sybelstraße/Küstriner Straße, für das 1935 ein Einheitspreis von 223 600 Reichsmark galt, mit 111 800 RM bewertet.
Das gesamte Vermögen wurde „aufgrund der Elften Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.11.1941 als zugunsten des Deutschen Reiches verfallen“ erklärt. Für den Nazistaat war die Familie Tausk also eine willkommene Einnahmequelle, das Finanzamt bereicherte sich mit einer „Reichsfluchtsteuer“ genannten Summe von 62 161 RM.
Zuvor, am 25.10.1941, waren Möbel, Inventar und Hausrat öffentlich versteigert worden. Eine Liste von 128 Posten befindet sich in der Vermögensakte Tausk, die im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam erhalten ist. An dieser Aufstellung ist abzulesen, wie gierig und wie unverschämt zugegriffen wurde. Auch Hausbewohner der Sybelstraße 35 beteiligten sich eifrig an der Versteigerung, so erwarb einer das Schlafzimmer, und der Elektrohändler Topp eignete sich „35 Garn. Unterwäsche“ für 13 RM sowie „diverse Oberhemden und Kragen“ für 47 RM an. Als Gesamterlös verbuchte der Obergerichtsvollzieher Engelmann 7 386,50 RM, woran er mit einer eigenen Kostenrechnung von 117,61 RM teilhatte. Einen Tag nach der makabren Versteigerung meldete Engelmann dem Finanzamt Moabit-West: „Hiermit zeige ich an, dass die obige Wohnung frei ist bis auf das an den Juden Rosenthal abvermietete Zimmer“, sie sei somit „frei für Bombengeschädigte“.

Alfred Liebmann war der am 2. Januar 1909 in Berlin geborene Sohn von Malli Tausk, geb. Segal (auch Segall geschrieben), geboren am 19. April 1983 Berlin, und des Fabrikbesitzers Moritz Liebmann. Nach der Scheidung und der Heirat von Malli und Abraham Tausk wurde Alfred dessen Stiefsohn und zog nach 1939 in die Sybelstraße 35 ein.
Als Beruf gab Alfred Liebmannn in seiner Vermögenserklärung Kürschner an, also Pelzemacher. Von 1933 bis 1935 stand er im Berliner Adressbuch als Kaufmann mit der Anschrift Alexandrinenstraße 105/106. Dieser auch Sandmannshof genannte Gebäudekomplex in Kreuzberg beherbergte zahlreiche Gewerbebetriebe, Handelsvertretungen, Kleinfabriken und Büros, darunter lange Zeit auch die Firma A.&S.Segall, Pelzwarenfabrik und Rauchwarenhandlung. In diesem Familienunternehmen war Alfred Liebmann beschäftigt und wurde als Mitinhaber geführt.
Die 1901 gegründete A.&S.Segall gehörte bis 1920 Salomon Segall, vermutlich Vater oder Bruder von Malli Tausk, und Moritz Liebmann, den sie heiratete. Danach war die Firma Alleineigentum von Moritz Liebmann, der 1933 seinen Sohn Alfred als Geschäftspartner hinzunahm.
1939 wurde Alfred Tausk verhaftet und im Strafgefängnis Tegel eingesperrt. Weder der Grund noch die Dauer seiner Haft sind bekannt. Jedenfalls musste er anschließend Zwangsarbeit in der Uniformfabrik Geb. Pluskiewitz, Große Frankfurter Straße 101, verrichten. In seiner Vermögenserklärung stand „Lohnempfänger“.
Als er am 12.10.1941 in der Synagoge Levetzowstraße, die als Sammellager für zur Deportation bestimmte Juden missbraucht wurde, seine Vermögenserklärung ausfüllen musste, ließ er unter anderem als seinen Besitz eintragen: ein 20bändiges Meyer’s Lexikon „komplett“ und zwei Bände der Weltgeschichte von Georg Weber sowie eine Schreibmaschine, ein Schifferklavier und außer sechs Straßenanzügen auch einen Skianzug.
Nach seinem Vermögen befragt, gab er Konten bei der Commerzbank und einer Privatbank in der Ritterstraße 38 an und wählte er den gleichen Wortlaut wie sein Stiefvater Abraham Tausk: „Bei der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit, zumal die Commerzbank am Sonnabend ab 2 Uhr geschlossen ist, vermag ich nicht die Höhe meines Bankkontos und meiner Wertpapiere, welche sich im Depot befinden, anzugeben.“ Er besitze 196 Reichsmark Bargeld.
All sein Hab und Gut wurde am 28.10.1941 mit dem seiner Mutter und seines Stiefvaters öffentlich versteigert. Danach teilte er mit, die Wohnung wäre am 3.11.1941 „geräumt“. Das Finanzamt eignete sich alle Wertpapiere an und erlöste bis 1944 einen „Überschußbetrag aus der Veräußerung“ von 12 984,20 RM. Alfred Liebmanns Vermögen bezifferte der zuständige Berichterstatter Steuerrat Müller auf 68 697 Reichsmark.
Am 18. Oktober 1941 wurde Alfred Liebmann wie Abraham und Malli Tausk mit dem ersten vom Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald abgehenden Osttransport mit 1013 Menschen ins Ghetto Lodz/Litzmannstadt deportiert. Am 24. Mai 1944 ist er, ein aufstrebender junger Unternehmer, dort im Alter von 35 Jahren ums Leben gebracht worden.

Unbekannt ist das Schicksal des Untermieters Kurt Rosenthal. Einen Tag nach der Räumung der Wohnung wurde ihm gekündigt, aber er bekam eine Genehmigung zum „Verbleiben“ und wurde „als Untermieter übernommen“, als in die Tausk-Wohnung „ein neuer jüdischer Mieter“ (so notierte der Hausverwalter) einzog.

Zur Familie Tausk-Liebmann-Segall gehören auch Johannes Segall und Rahel Segall , die eine Wohnung im Haus hatten. Johannes Segall, der im Adressbuch 1941 als Kaufmann eingetragen war, ist am 1. August 1873 in Marienwerder (Westpreußen) geboren, seine Frau Rahel Segall, geb. Neumann, am 22. August 1875 in Preußisch Friedland (Westpreußen). Beide wurden am 16. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Er wurde kurze Zeit später nach Treblinka weiter transportiert und dort am 19. September 1942 umgebracht. Sie wurde aus dem Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz gebracht und dort am 16. Mai 1944 ermordet.

Leopold Mann , der zum Stichtag der Volkszählung am 17. Mai 1939 in der Sybelstraße 35 gemeldet war, wurde von den Nazi-Behörden als „Reichsfeind“ eingestuft, verhaftet und bis zum 5. Dezember 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt. Im Alter von 72 Jahren wurde er entlassen und quartierte sich bei der Familie Haas in der Sybelstraße 35 ein, wo auch Bertha Jacobowitz und ihre Tochter Gertrud untergekommen waren.
Die wenigen noch vorhandenen Akten geben keine eindeutige Auskunft, wo Leopold Mann, der am 18. August 1866 in Neuwedell (Brandenburg) geboren wurde, zuletzt aus freiem Willen lebte, bevor er zur Deportation abgeholt wurde. Früher hatte er wohl in der Lietzmannstraße 21 im Bezirk Mitte gewohnt, die es nicht mehr gibt, und danach im Altersheim der Jüdischen Kultusvereinigung in der Gerlachstraße 18-21, die ebenfalls nicht mehr existiert. Mann war verwitwet und verfügte nach eigenen Angaben über ein „Gesamtvermögen von 27.50 RM“, als er sich im Sammellager an der Großen Hamburger Straße zum Abtransport registrieren lassen musste. Am 17. August 1942 wurde er vom Güterbahnhof Moabit an der Putlitzstraße in einen Personenzug mit 987 Menschen gesteckt, der ins Ghetto Theresienstadt fuhr. Von dort kam er wie viele seiner Leidensgefährten ins Vernichtungslager Treblinka, wo er am 19. September 1942 ums Leben gebracht worden ist.
Fast ein Jahr später entdeckten Finanzbeamte dann noch etwas: eine „Anleiheablösungsschuld des Deutschen Reiches mit Auslosungsrechten“, die auf den Namen Leopold Mann lief. Den Betrag von 888,12 Reichsmark ließen sie sich nicht entgehen, denn, so hieß es in einem perfiden Vermerk, „der Genannte“ sei am 17.8.1942 „nach Theresienstadt abgemeldet worden“.

Bertha Jacobowitz , geboren am 24. August 1858 in Domsel (Schlesien) als Bertha Feibelsohn, wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt nach 1939 aus der Sybelstraße 35, wo sie bei der Familie des Chemikers Dr. G. Haas gewohnt hatte, vertrieben und zwei Straßenecken weiter in die Sybelstraße 53 eingewiesen. Von dort wurde sie am 2. September 1942 im Alter von 84 Jahren in einem mit 100 Menschen überfüllten Waggon vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 18. März 1943 umgekommen ist.

Gertrud Jacobowitz , geboren am 4. April 1887 in Adelnau/Odolanów (Posen), wohnte zusammen mit ihrer Mutter Bertha Jacobowitz, geb. Feibelsohn, als Untermieterin bei Haas. Sie wurde zwei Wochen nach ihrer mittlerweile zwangsumquartierten Mutter deportiert. Am 26. September 1942 musste sie auf dem Güterbahnhof Moabit in einen Zug mit 812 Berliner Juden einsteigen, der an einen zwei Tage zuvor in Frankfurt/Main gestarteten Zug angekoppelt wurde und mit 1049 Menschen, darunter 108 Kindern unter zehn Jahren, fünf Tage später in Raasiku (bei Reval in Estland), eintraf. Der 31. Oktober 1942 ist vermutlich der Todestag von Gertrud Jacobowitz, denn die meisten der Zuginsassen sind gleich nach der Ankunft in der dortigen Tötungsstätte erschossen worden.

Recherchen und Texte: Helmut Lölhöffel

Stolperstein Abraham Tausk, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Abraham Tausk, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
ABRAHAM TAUSK
JG. 1874
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ/LITZMANNSTADT
ERMORDET 7.3.1942

Stolperstein Malli Tausk, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Malli Tausk, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
MALLI TAUSK
GEB. SEGAL
JG 1883
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ/LITZMANNSTADT
ERMORDET 17.7.1942

Stolperstein Alfred Liebmann, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Alfred Liebmann, Foto:H.-J. Hupka, 2014

HIER WOHNTE
ALFRED LIEBMANN
JG. 1909
VERHAFTET 1939
ZUCHTHAUS BERLIN-TEGEL
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 24.5.1944

Stolperstein Johannes Segall, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Johannes Segall, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
JOHANNES SEGALL
JG.1873
DEPORTIERT 16.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 19.9.1942
TREBLINKA

Stolperstein Rahel Segall, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Rahel Segall, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
RAHEL SEGALL
GEB. NEUMANN
JG. 1875
DEPORTIERT 16.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 16.5.1944
AUSCHWITZ

Stolperstein Leopold Mann, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Leopold Mann, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
LEOPOLD MANN
JG. 1866
VERHAFTET NOV. 1938
SACHSENHAUSEN
ENTLASSEN 5.12.1938
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 19.9.1942
TREBLINKA

Stolperstein Bertha Jacobowitz, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Bertha Jacobowitz, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
BERTHA
JACOBOWITZ
GEB. FEIBELSOHN
JG. 1858
DEPORTIERT 2.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 18.3.1943

Stolperstein Gertrud Jacobowitz , Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Gertrud Jacobowitz , Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
GERTRUD
JACOBOWITZ
JG. 1887
DEPORTIERT 26.9.1942
ERMORDET IN
RAASIKU

Stolperstein Friederike Weinberg, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Friederike Weinberg, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
FRIEDERIKE
WEINBERG
GEB. SCHWARZ
JG. 1893
DEPORTIERT 20.11.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 16.5.1944
AUSCHWITZ

Friederike („Friedel“) Gertrud Weinberg , geborene Schwarz, kam am 26. Januar 1893 in Naumburg an der Saale. Ihr Vater Albert Schwarz betrieb dort ein Textilwarengeschäft, das er von seinem Vater übernommen hatte. Die Mutter Eugenie, geborene May, stammte aus Bayern. Über ihre Ehe ist nichts Näheres bekannt. Ende der 1930er Jahre war Friederike Weinberg verwitwet und lebte zuletzt zusammen mit ihrer ebenfalls verwitweten Mutter. Am 20. November 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Nach eineinhalb Jahren brachte man sie am 16. Mai 1944 auf dem vorletzten Transport aus Theresienstadt in das Konzentrationslager Auschwitz. Von den 2500 Deportierten wurden 2460 ermordet. Friederike Weinberg war eine von ihnen.

Recherche und Text: Christian Porzelt

Eine ausführliche Darstellung der Familiengeschichte May nachzulesen in:
Christian Porzelt: Die Familie May. Geschichte und Schicksal einer jüdisch-fränkischen Familie, in: Landkreis Kronach (Hrsg.): Heimatkundliches Jahrbuch des Landkreises Kronach 29 (2019), S. 85-92.

Stolperstein Max Berliner, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Max Berliner, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
MAX BERLINER
JG. 1881
DEPORTIERT 26.10.1942
RIGA
ERMORDET 29.10.1942

Stolperstein Johanna Berliner, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Johanna Berliner, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
JOHANNA BERLINER
GEB. ISAAK
JG. 1886
DEPORTIERT 26.10.1942
RIGA
ERMORDET 29.10.1942

Stolperstein Paul Cohn, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Paul Cohn, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
PAUL COHN
JG. 1880
VERHAFTET NOV.1938
SACHSENHAUSEN
ENTLASSEN 5.12.1938
DEPORTIERT 4.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein Hans Hermann Cohn, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Hans Hermann Cohn, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
HANS HERMANN COHN
JG 1919
DEPORTIERT 4.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein Erna Cohn, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Erna Cohn, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
ERNA COHN
GEB. GURAU
JG. 1887
DEPORTIERT 4.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein Julius Brinn, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Julius Brinn, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
JULIUS BRINN
JG 1871
DEPORTIERT 1.11.1941
LODZ/LITZMANNSTADT
ERMORDET 12.5.1942
CHELMNO/KULMHOF

Stolperstein Kurt Julius Goldstein, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Kurt Julius Goldstein, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
KURT JULIUS
GOLDSTEIN
JG. 1908
DEPORTIERT 29.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein Hanna Goldstein, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Hanna Goldstein, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
HANNA GOLDSTEIN
GEB. SOMMERFELD
JG. 1915
DEPORTIERT 29.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein Eugenie Schwarz, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Eugenie Schwarz, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
EUGENIE SCHWARZ
GEB. MAY
JG. 1869
DEPORTIERT 20.11.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 16.5.1944
AUSCHWITZ

Eugenie Schwarz wurde am 12. Juli 1869 in Oberlangenstadt als Tochter des Kaufmanns Wilhelm May und seiner Ehefrau Ernestine, geborene Freund, geboren. 1881 zog die Familie nach Kronach um, wo der Vater eine Schuhfabrik betrieb. Eugenie heiratete am 28. Dezember 1890 den Kaufmann Albert Schwarz, geboren am 26. August 1867 in Halle an der Saale. Das Ehepaar lebte zunächst in Naumburg an der Saale, wo Albert Schwarz das von seinem Vater gegründete Handelsgeschäft für Leinen-, Baumwolle-, Schnitt- und Modewaren übernahm. Dort kam am 26. Januar 1893 die gemeinsame Tochter Friederike („Friedel“) Gertrud zur Welt. Später lebte die Familie in Hannover und schließlich in Berlin. Albert Schwarz starb vor 1939.
Die letzte Wohnadresse der mittlerweile verwitweten Eugenie Schwarz war bei ihrer ebenfalls verwitweten Tochter Friederike Weinberg in der Sybelstraße 35 in Berlin-Charlottenburg. Von dort aus wurde Eugenie Schwarz am 20. November 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 16. Mai 1944 weiter nach Auschwitz gebracht, wo sie ermordet wurde.

Recherche und Text: Christian Porzelt
Eine ausführliche Darstellung der Familiengeschichte May nachzulesen in:
Christian Porzelt: Die Familie May. Geschichte und Schicksal einer jüdisch-fränkischen Familie, in: Landkreis Kronach (Hrsg.): Heimatkundliches Jahrbuch des Landkreises Kronach 29 (2019), S. 85-92.

Stolperstein Esther M. Fröhlich, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Esther M. Fröhlich, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
ESTHER M. FRÖHLICH
GEB. OETTINGER
JG. 1873
DEPORTIERT 17.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 16.5.1944
AUSCHWITZ

Stolperstein Ludwig Hirsch, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Ludwig Hirsch, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
LUDWIG HIRSCH
JG. 1869
GEDEMÜTIGT/ ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
5.1.1943

Stolperstein Rosa Hecht, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Rosa Hecht, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
ROSA HECHT
GEB. HEIMANN
JG. 1881
DEPORTIERT 29.1.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Stolperstein Max Hecht, Foto: F. Siebold, Juni 2013

Stolperstein Max Hecht, Foto: F. Siebold, Juni 2013

HIER WOHNTE
MAX HECHT
JG. 1878
VISUM USA VERWEIGERT
24.3.1941
GESTORBEN 8.5.1941

Familie Hecht, vorne links sitzend ist Max Hecht, die dritte von links sitzend ist Rosa Hecht

Familie Hecht, vorne links sitzend ist Max Hecht, die dritte von links sitzend ist Rosa Hecht

Ansprache zur Verlegung von Stolpersteinen für Max und Rosa Hecht am 8. November 2011 vor dem Haus Sybelstr. 35 in Berlin-Charlottenburg

Max Hecht wurde 1878 in St. Goarshausen, Rosa Heimann 1881 in Pakosch geboren. Pakosch liegt in der ehemaligen Provinz Posen, heute ist der Ort polnisch. Möglicherweise wurde Rosa Hecht später von der Familie ihres Mannes etwas verächtlich angesehen als „Ostjüdin“. St. Goarshausen liegt am Rhein, dort ist auch der berühmte Fels, der den Namen „Loreley“ trägt. Wann Max Hecht, das älteste von sechs Geschwistern, nach Berlin zog und warum ist unbekannt. Er hatte ein Textilgeschäft und lebte bis in die Nazizeit hinein im Ostteil der Stadt, zuletzt in der Grellstr. in Prenzlauer Berg, bevor er, wahrscheinlich wegen Kündigung seiner Wohnung, zusammen mit seiner Frau als Untermieter einer Familie Cohen in die Sybelstr. 35 zog, wo sie im 2. Stock wohnten.

Die Briefe von Max und Rosa Hecht in Berlin gingen dorthin, wohin ihr einziges Kind, Dagobert, 1909 in Berlin geboren, ausgewandert war, zuerst nach Guatemala, dann nach New York City und zuletzt nach St. Louis, wo ein ebenfalls aus Deutschland ausgewanderte Bruder von Max Hecht wohnte. In Berlin arbeitete Dagobert in der Werbeabteilung von Berlins ältestem Kaufhaus, dem Kaufhaus Nathan Israel direkt gegenüber vom Roten Rathaus. In allen Briefen wurde dem Sohn die Erledigung der Formalitäten dringendst ans Herz gelegt, so dass die Eltern „… endlich zur Untersuchung kommen, denn es ist allerhöchste Zeit“. Gemeint ist hier die ärztliche Untersuchung im amerikanischen Konsulat, die nur dann unternommen wurde, wenn alle nötigen Papiere vorhanden waren und die Quotennummer aufgerufen wurde.

Für die Verschickung der Möbel in die U.S.A. verlangte man Devisen, auch für die Schiffspassagen. Das war das nächste Problem, woher die Devisen holen? Die Möbel mussten aus Mangel an Devisen zu guter Letzt in Berlin zurückbleiben. Und ohne Vorweisung der Schiffspassagen, die ebenfalls nur mit Devisen bezahlt werden musste, konnte man Deutschland nicht verlassen. Der Sohn war ja erst kurze Zeit in den U.S.A., die Juden mussten Deutschland mittellos verlassen. Anfangs war auch kein Geld von ihm zu erwarten. Probleme über Probleme.

16. Juli 1940: Rosa schrieb: „ … bei allen klappt es, nur bei uns nicht.“

4. August 1940: „Jetzt glauben [wir] kaum, dass wir noch heraus können. … Werden wir denn hier bleiben müssen? … Wir haben keine Hoffnung mehr … Wir sind, wie Du Dir’s denken kannst, liebes Kind, ganz verzagt. Trotzdem wollen u. geben wir noch nicht ganz den Mut auf u. hoffen noch, daß alles klappen kann.“

14. November 1940: Rosa schreibt: „Nun, mein Kind, sind es jetzt zwei Jahre, wo Du von uns fort bist. Wir wollen aber jetzt hoffen u. wünschen, daß wir bald vereint zusammen kommen. Der l. Gott gebe es.“

Unterdessen schickte Dagobert gelegentlich Pakete mit Lebensmitteln an seine dankbaren Eltern.

3. Dezember 1940: Max schrieb: „Sonst gibt es nichts Neues: Julian Moses wurde vorige Woche beerdigt, er starb an derselben Krankheit wie s. Zt. Onkel Arthur; Mutti war zur Beerdigung.“ Die „Krankheit“, die Onkel Arthur hatte, das wusste man, war die Ermordung in einem Konzentrationslager. Im gleichen Brief steht folgendes: „Mutti hat einen Finger gequetscht bekommen durch brutales Vorgehen eines Untermieters, sie ist in ärztlicher Behandlung. Durch diese Aufregung ist bei mir die Leber etwas geschwollen und die Galle angegriffen; es wird bei Ruhe wieder vergehen, da ja der Veranlasser nicht mehr hier im Hause ist.“

Anfang 1941 schreibt Rosa Hecht ihren Sohn, dass der Vater seit ein paar Wochen in einer Klinik liegt und Wasser in den Füssen hat, er sollte aber bald wieder zu Hause sein.

Trotz allem hatten die Hechts noch Hoffnung, dass sie bald auswandern konnten, so sehr sogar, dass sie schon, bevor die Visa erteilt worden waren (das Geld in Dollar wurde von den Verwandten in den USA hinterlegt), Schiffspassagen buchten ab Lissabon und zwar für den 20. April, Hitlers Geburtstag. Verärgert waren die Hechts schon, da sie die Wartenummer 41478 hatten und andere Ausreisewillige mit Wartenummern 46000 und höher schon abgereist waren, während sie noch in Berlin saßen.

Am 8. März 1941 erhielten Max und Rosa Hecht ein Schreiben vom amerikanischen Konsulat. Der Termin für die Prüfung der Papiere und die amtsärztliche Untersuchung wurde auf den 24. März festgelegt. Endlich ging es weiter und die Hoffnung aus Deutschland heraus zu kommen und den Sohn wiederzusehen war enorm.

Beim Termin stellte der Konsul seltsame Fragen und das Ehepaar Hecht musste am nächsten Tag, den 25. März, ein zweites Mal erscheinen. Dann fing wieder das Warten an bis man sicher war, dass das Vorhaben „Auswanderung“ diesmal gelungen war. Eine neue Schiffspassage wurde nunmehr ab Lissabon für den 29. Juni gebucht.

Am 6. April meldete sich das amerikanische Konsulat. Wegen seines Gesundheitszustandes wurde ein Visum für Max Hecht abgelehnt doch für Rosa Hecht genehmigt. Natürlich wanderten beide nicht aus, Rosa Hecht wollte ihren Ehemann nicht alleine zurücklassen.
„Nun kannst Dir unsere Verzweifelung … vorstellen, aber trotzdem wollen wir nicht verzagen.
Wir wissen genau liebes Dagobertchen, Du wirst jetzt alles aufbieten, um uns schnell in ein anderes Land zu bringen. Du schriebst doch von Guatemala, also siehe zu alles schnell … zu unternehmen. Passage haben wir für Ende Juni, vielleicht klappt bis dahin etwas. Du kannst Dir wohl die Aufregung vom l. Vati vorstellen. Ich tröste ihn natürlich, dass wir bestimmt raus kommen. Wir sind so weit mit allem fertig, brauchen nur zu packen, da wir bestimmt mit dem Visum gerechnet haben.“

Hinzu kam, dass der eine Bürge plötzlich stellungslos geworden ist und daher seine Bürgschaft zurückzog und nach Meinung des Konsuls war der andere Bürge nicht in der Lage auf Grund seiner Beweismittel den Lebensunterhalt der Hechts zu sichern, falls sie ihren eigenen Lebensunterhalt nicht besorgen konnten. „Bei uns geht doch alles schief, nun stehen wir da.“

Brief von Rosa Hecht 5. Mai 1941: „Vati hat doch keine ansteckende Krankheit. So viele sind durchgekommen, die auch ein Herzleiden haben. … Also liebes Kind, Du musst alles aufbieten. Du kannst Dir wohl unsere Stimmung vorstellen. Dadurch hat sich Vati auch sehr aufgeregt, denn wir waren voller Hoffnung … und haben alles fertig bis aufs packen, feste Buchung für den 29. Juni. Was soll nun geschehen, aber [wir] verlieren trotzdem den Mut nicht, denn wir setzen alle unsere Hoffnungen auf Dich, mein geliebtes Kind.“

Den nächsten Brief schrieb Rosa Hecht am 9. Mai: „… ich hatte vor, mit dem lieben Vati [am] 8.5. zu einem Professor zu gehen …, aber leider ist es nicht mehr dazu gekommen, da der geliebte Vati am selben Tage vormittags 12½ seine Augen für immer geschlossen [hat]. Er ist ruhig eingeschlafen. Er war leider sehr krank, aber nur die letzten 4 Wochen. Und trotzdem glaubte ich nicht, dass es so schnell kommen wird. Noch bis vor ½ Stunde seines Todes war der Arzt bei Vati, gab ihm eine Spritze, die er zweimal in der Woche immer bekommen hat, damit das Wasser aus dem Bauch u. Füßen [verschwand] und der Vati dadurch seine Erleichterung haben sollte. Aber leider hat alles nichts mehr geholfen.“ Nunmehr war Rosa Hecht allein. Die Verwandten ihres Mannes lebten woanders in Deutschland oder waren ausgewandert. Sie hatte Verwandte in Berlin. Besonders ihre Nichte Margot Heimann, ein recht junges Mädchen, war oft bei ihr. Jetzt versuchte Rosa Hecht alleine aus Deutschland auszuwandern.

Eine Woche später schrieb sie an ihrem Sohn: „… die Absage vom Konsulat hat dem sel. geliebten Vater den letzten Stoß gegeben. Ich kann es kaum fassen.“ Die anderen Juden in der Sybelstr. 35 waren sehr mitfühlend. Zitat: „Du glaubst nicht, mein liebes Dagobertchen, wie alle Bekannte u. Freunde um mich herum sind und wie sie mir alle beiseite stehen. Meine Wirtsleute sind aufopfernd, alle Wege hat der Herr erledigt, alle umgeben mich mit so viel Liebe u. lassen mich nicht allein. … Liebes Dagobertchen, verrichte auch das Gebet für den sel. Vater.“

Wofür lebte Rosa Hecht noch? „Ich erhalte mich ja nur noch für Dich und werde erst Trost finden, wenn ich bei Dir sein werde. Wenn dieses nur schnell ginge.“ Sie versuchte weiterhin in die USA zu kommen. Ihr Mann war tot, jetzt war Sohn Dagobert der nächste Verwandte.

3. Juni 1941: „Ich weiß, mein Kind, das Du im Sinne unseres geliebten sel. Vaters Dein Leben führen wirst u. dieses gibt mir meinen Trost. Denn sein Trachten u. Sinnen warst Du. … Der l. sel. Vati wollte mich nur noch zu Dir bringen und Dich noch mal sehen, aber leider war ihm dieses nicht mehr vergönnt und dieses nagt [an mir] und kann ich [es] nicht fassen. Ja, mein Kind, ich werde mir die größte Mühe geben, um gesund u. stark zu bleiben, denn ich weiß ja, ich habe Pflichten. Ich habe Dich nur noch allein, um mit Dir vereint zu sein. Mein sehnlichster Wunsch ist ja nur so schnell wie möglich zu Dir zu kommen. Die Feiertage waren traurige für mich, war beide Tage in der Synagoge. Wenn wir beide den Schmerz tragen werden wird er für uns leichter sein.“

Rosa kann eines nicht verstehen. Sie hatte die amtsärztliche Untersuchung in März überstanden und nunmehr, da Max tot war, wollten die Amerikaner ihr das Visum nicht erteilen, wohl weil sie es damals ablehnte, ohne ihren Mann in die U.S.A zu fahren. Sie hatte kaum noch Freunde, da diese peu à peu auswanderten. Jeden Sonntag besuchte sie ihren Mann auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee.

Sollte man es doch nicht mit Kuba versuchen? Nach Guatemala? In irgend ein anderes „Zwischenland“? An die Regierung in Washington schreiben? Alle erdenklichen Möglichkeiten wurden in Betracht gezogen.

4. August 1941: „Betreff der Auswanderung, mein liebes Kind, weiß ich genau, dass Du alles tust was nur in Deiner Kraft steht und alles aufbietest was Du nur kannst, was soll ich auch hier allein. Ich war beim Hilfsverein und hat mir der Berater auch gesagt, es bestände für mich eine Hoffnung, da ich die Untersuchung schon habe. … Wenn bloß erst für mich ein Hoffnungsschimmer vorhanden ist, ich brauche nur zu packen, bin vollständig fertig mit allem. Eine Sache wird doch wohl klappen.“

Nun hatte sich Dagobert mit einer jungen jüdischen Frau aus München verlobt ohne zuvor seiner Mutter zu erzählen, dass er überhaupt eine Freundin hatte. Etliche Verwandte in Deutschland und den U.S.A waren entsetzt, er hätte ja warten können bis seine Mutter in Sicherheit wäre. Nun war Rosa Hecht bestimmt darüber sehr überrascht. Am 7. August 1941 schrieb sie: „Ich glaubte bestimmt, ich könnte an Deiner Hochzeit teilnehmen, aber wie Du schreibst habt ihr die Absicht im Oktober zu heiraten. Von Deinem Standpunkt kann ich es verstehen. Ich lege Euch auch nichts … [in den Weg], nur glücklich sollt ihr beide werden, so schwer es mir auch sein wird an diesem Tage nicht bei Euch zu sein, wo dieses mein Wunsch ist. So muss ich mich fügen, vielleicht gelingt doch noch meine Auswanderung bis dahin. … Ich bitte Dich sehr, mein liebes Kind, mir genau zu berichten wann Du heiratest, [an] welchen Kalendertag.“ Natürlich gab sie ihren Segen, bedauerte, dass der Vater diese Freude nicht mehr erleben konnte und schrieb: „Ich bin derart erregt, dass ich wirklich nicht weiter schreiben kann, denn Tränen fließen.“

Trotz aller Freude spricht auch Panik aus Rosa Hechts Briefen. „Ich will Euch, so Gott will, wenn es mir vergönnt sein soll zu meinen Kindern zu kommen, Dir sowie der lieben Ruth eine Mutter … sein wie ihr’s verdient. Ich will mein letztes hingeben für Euch, ach wäre es nur schon so weit. Ich möchte Euch helfen in all Eueren Unternehmungen. Ich fühle mich noch jung … und auch stark dazu, um noch auf eigenen Füßen zu stehen, denn ich will noch arbeiten für meine Kinder, wenn mir dieses der l. Gott noch vergönnen wird.“ Also niemandem zur Last fallen, Hauptsache raus.

3. Oktober 1941: „… wie schwer waren [die Feiertage] für mich, besonders der Versöhnungstag. Ich war den ganzen Tag im Tempel. Du weißt … doch wie ich es immer gemacht habe, aber allein musste ich gehen u. allein musste ich nach Hause gehen. … gefastet habe ich ausgezeichnet, denn ich hatte gehofft, wenn ich des Abends nach Hause komme, von Dir u. der Ruth Brief vorzufinden. Leider war die Enttäuschung zu groß. Ich war derart in Erregung, das Hella Weinberg Deiner Schwiegermutter schreiben musste, ob Sie Nachricht von Euch hatte, ich konnte nicht selbst schreiben.“

12. Oktober 1941: „Heute Nachmittag um 2½ Uhr wird das Grabdenkmal von gel. sel. Vater eingeweiht. Ich habe ein schönes schlichtes machen lassen, genau so schlicht u. einfach wie der geliebte Vater war.“

Die Hochzeit von Dagobert Hecht und Ruth Gottheiner wird wohl in der ersten Oktoberhälfte 1941 gewesen sein. Mutter Hecht konnte nicht dabei sein. Am 18. Oktober 1941 ging der erste Deportationszug von Berlin in das Ghetto Lodz. Noch in November 1941 folgten die letzten drei Briefe von Rosa Hecht. „Wer weiß, ob wir uns Wiedersehen werden. Zwar rede ich es mir ein. Ich will u. muss … vertrauen auf Gott. Ich lege mein Schicksal in Gottes Hand.“

16. November 1941: „Heute war [ich] auf dem Friedhof, habe Vati besucht. Es war für mich ein herrlicher Tag, eine Erleichterung. Viele liebe Freunde u. Bekannte sind jetzt verreist zu Verwandten.“ „Verreisen“ galt bei Juden allgemein als ein Codewort für deportiert.

In ihrem letzten Schreiben vom 22. November 1941 schreibt sie: „Am Freitag 21/11 erhielt von Deinem Muttchen, liebes Ruthchen, eine Karte, die von 18/11 datierte, worin sich Muttchen von mir verabschiedet und an Euch herzl. Grüße sandte.“ Das bedeutete nichts anderes als das Ruth Gottheiners Mutter deportiert wurde. Dann erreichte Dagobert Hecht keine Post von seiner Mutter mehr.

Danach musste Rosa Hecht Zwangsarbeit in einer Wellpappenfabrik in Lichtenberg leisten. Sie machte einen Vertrag mit einem Ehepaar in Niederschönhausen, das ihre Möbel kaufte, im voraus bezahlte und netterweise Rosa Hecht die Möbel weiterhin benutzen ließ bis “Muttchen” später abgeholt werden würde.

Rosa Hecht wurde am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert.

Verfasst von Raymond Wolff