Trio Ohrenschmalz - Konzert im Stile der 20er Jahre

Trio Ohrenschmalz - Konzert im Stile der 20er Jahre

Zeitreisen sind ihre Spezialität, fast 100 Jahre ein Klacks, und von Reise zu Reise nehmen sie mehr Fans mit: Als "Trio Ohrenschmalz" entführen Angelika Feckl, Julius Hassemer und Stefan Haberfeld ihre Zuhörer in die Welt der Zwanzigerjahre. Galant und lässig nehmen die drei jungen Berliner ihr Publikum mit in die Welt amüsanter und zynischer Klassiker von Otto Reutter bis zu den Comedian Harmonists, in die Welt von Frack und Fliege, von Etikette und Ritterlichkeit.

Trio Ohrenschmalz

© Berliner Akzente

Mal schmachtet sie, mal lässt Julius seine Stimme süffisant ironisch klingen, Stefans Klavier ist mal angriffslustig, mal verträumt, und Angelika gestattet ihrer Geige alle Facetten von fröhlich bis zu Tode betrübt. Als Botschafter einer Epoche, die bei vielen in dem Ruf steht, angestaubt und abgedroschen zu sein, beweist das Trio – alle drei selbst noch in den Zwanzigern – mit jedem Auftritt das Gegenteil: Was damals "in" war, ist noch heute aktuell, kann lehrreich sein und nachdenken lassen, vor allem aber ist es intelligente Unterhaltung. Zudem hat sich das Trio von seinen Vorbildern längst so weit emanzipiert, dass es nicht davor zurückschreckt, eigene Stücke im Stil der Zwanziger zu schreiben und zu komponieren.
Trio Ohrenschmalz
© Berliner Akzente

Achtzig- und Zwanzigjährige lachen über dieselbe Pointe

Diese Drei sind keine rückwärtsgewandten Geschichts-Verklärer. Das merkt man spätestens, wenn im aktuellen Bühnenprogramm ein "Diss"-Song im Zwanziger-Sound daher kommt ("dissen" = moderne Jugendsprache für "jemanden schlechtmachen") – ganz selbstverständlich neben "Zuviel Appeal", Hollaenders "Stroganoff" und dem Klassiker "Du passt so gut zu mir wie Zucker zum Kaffee".

"Uns machen die Zwanziger einfach Spaß", sagt Angelika Feckl, die Violinistin: "Und wir merken, dass wir viele Leute davon begeistern können." Wenn im Publikum Achtzig- und Zwanzigjährige über dieselbe Pointe lachen, dann "ist das ein tolles Indiz, dass wir zeitlose Dinge treffen", sagt Pianist Stefan Haberfeld – neben dem Humor vor allem den Stil, die Eleganz und auch die Würde, die damals trotz aller Schwierigkeiten gezeigt worden sei.
Mit dem Smoking setzt die Verwandlung ein

Wenn sie in ihr Bühnen-Outfit schlüpfen, die Männer Frack, Fliege und Haar anlegen und Angelika Feckl ihr Kleid stilgerecht mit Welle und Blume im Haar trägt, setzt sie ein, die Verwandlung für die Zeitreise: "Nach der Maske bin ich ein anderer Mensch. Und ich mag es, diese zwei Persönlichkeiten zu haben."

Bei dem Pianisten Haberfeld ist das besonders auffällig: "Wenn er seinen Smoking oder Frack trägt und seine Haare verändert hat, sitzt er plötzlich ganz gerade am Klavier", sagt Feckl und lacht dieses entwaffnend-herzliche Lachen, das eines ihrer vielen Markenzeichen ist. Manchmal sei dann auch der Umgang untereinander ein wenig klassischer – wobei das schwer vorstellbar ist, so vertraut und herzlich wie die Drei schon in Alltagskleidung miteinander umgehen. Dass sie mit ihrem "Fachwissen" auch im normalen Leben punkten, scheint da nur logisch: "Hin und wieder lässt sich damit schon Eindruck schinden", sagt Stefan, der genau wie Julius immer wieder um Rat gefragt wird – nicht nur, wenn es um die passende Fliege zum Smoking geht.

"Dissen" im Stil der Zwanziger

Doch bei aller Liebe zu der Epoche, deren Musik sie seit 2003 machen: "Wir wollen nicht genauso sein wie in den Zwanzigern", betont Julius Hassemer: "Wir wollen etwas machen, das alles Gute aus den Zwanzigern nimmt, was immer noch sehr aktuell ist, und das alles zu etwas Neuem führen." In "Zuviel Appeal" machen sie den Spagat so breit wie vorher noch nie. Wie in besagtem Diss-Track "Von Mann zu Mann" verlassen die Themen der Songs, die Haberfeld schreibt, immer öfter die Zwanziger – auch in "Arm, aber sexy", angelehnt an das geflügelte Wort des Berliner Regierenden Klaus Wowereit.

So haben sie von Programm zu Programm einen drauf gesetzt und Neues gewagt. Aber das haben sie sich ja ohnehin vorgenommen, sich auch als Trio immer wieder neu zu erfinden. "Alte Hasen können wir später werden", sagt Hassemer. Deshalb hat Kollege Haberfeld sich diesmal Akkordeon spielen beigebracht, in einer Nummer pfeifen sie zu dritt und wagen sich an Body-Percussion, und überhaupt hat das aktuelle Programm erstmals eine Rahmenhandlung: Die Männer konkurrieren um eine Frau, werden zu liebestollen Kavalieren und erbitterten Konkurrenten.
Trio Ohrenschmalz
© Berliner Akzente

Drei Leben in "Parallelwelten"

Genauso flexibel und vielfältig halten sie es im Leben neben dem Trio. Tenor Julius (29) hat einen Bachelor of Arts im Fach Informations- und Kommunikationsmanagement, ließ sich im Schauspiel unterrichten und schreibt nun in Aachen an seiner Doktorarbeit in Gestenforschung. Trio-Kollegin Feckl liebt die Wechsel ebenfalls, obwohl ihre "Parallelwelten" enger verknüpft sind: Die 26-jährige Geigerin studiert an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, arbeitet als Geigenlehrerin und ist Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie – viele Möglichkeiten, den Zwanzigern immer mal wieder den Rücken zu kehren.

Auch Stefan Haberfeld genießt die Abwechslung. Der 27-Jährige begann schon als Achtjähriger mit dem Komponieren und wäre wahrscheinlich Jazzpianist geworden, wenn nicht das Trio entstanden wäre. Mittlerweile studiert er parallel an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Babelsberg, um Filmtonmeister zu werden.
Ist so viel Glück überhaupt erlaubt?

Die Vielseitigkeit tut ihnen gut, die Möglichkeit, immer wieder diese 180-Grad-Wechsel machen zu können. "Wenn ich wählen dürfte, sollte mein Leben genau so weiter gehen", sagt Angelika Feckl. Die Drei haben da offenbar den optimalen Mix gefunden. Doch darauf angesprochen, scheinen sie fast ein wenig überrascht, unsicher, ob so viel Glück überhaupt erlaubt ist: "Ja, ist wirklich ganz cool", sagt Stefan Haberfeld, und Julius Hassemer wagt den Blick in die Zukunft: "Nach mehr als neun Jahren mit dem Trio können wir uns fast fragen, ob wir mittlerweile schon über den Berg sind."

Dass ihnen die Zwanziger in einigen Jahren zum Hals raushängen könnten, mögen sie nicht ausschließen. "Aber momentan fühlt es sich noch nicht nach durchhalten an", betont Haberfeld. Das Gefühl, dass es noch vieles zu entdecken gibt, hält an: "Noch ist da kein Ende in Sicht."

      Quelle: Berliner Akzente

      | Aktualisierung: 2. Februar 2012