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2014 – „Das Geheimnis des Waldes“ mit Boris Koch

Auf Wunsch der Jugendlichen wurde das Genre Fantasy zur Grundlage genommen und erstmalig ein Schreibplan erarbeitet, der als roter Faden diente. Die Mehrheit einigte sich auf den Ausschluss von Vampiren, über den Verbleib einer magischen Schildkröte gab es indessen heftige Diskussionen. Noraya, ein Mädchen mit mysteriöser Familienkonstellation und Werwolf-Tendenzen, muss im Laufe der Geschichte so einiges an Offenbarungen verkraften. Die Grenzen zwischen Freund und Feind verschwimmen, nur auf ihre Freundin Melanie ist Verlass. Verschiedene Erzählebenen jagen auch den Leser hin und her, bis er sich plötzlich in der Realität wiederfindet.

Cover des Buchs Das Geheimnis des Waldes
Bild: Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin

Boris Koch über „Das Geheimnis des Waldes“:

Ich hatte Chaos erwartet. Herrliches, ausuferndes Chaos. In den Neunzigern hatte ich zusammen mit Jörg Kleudgen einen phantastischen Abenteuerroman geschrieben, bei dem wir uns einfach von der Handlung treiben ließen. Mit Kathleen Weise hatte ich einige Jahre darauf für unseren gemeinsamen Roman
“Der Königsschlüssel” einen klaren roten Faden vereinbart, der uns jedoch die Freiheit für zahlreiche ungeplante Begegnungen ließ. Und so tauchte eine Ruinenstadt ebenso überraschend auf wie ein Drache mit Höhenangst. Aber hier wie da schrieben lediglich zwei Autoren an der Geschichte, das sorgte
automatisch für eine gewisse Linie.
Mit den Kollegen von der Website “Lesehappen.de” verfasste ich in letzter Zeit zweimal eine Round-Robin-Weihnachtsgeschichte, bei der nun fünf Kollegen ihren Kopf durchzusetzen versuchten, ohne dass es eine Absprache gab. Fünf Kollegen, die Spaß daran haben, den nächsten in eine schwierige Situation zu bringen, aus der er sich wieder rausschreiben soll.

Und jetzt also ein gutes Dutzend Autoren beim Storytausch! Das klang großartig. Ich erwartete, dass jeder jeden übertreffen wollte, so wie das bei
Partygesprächen manchmal ist: „Ja, coole Story, aber meinem Onkel ist was viel Verrückteres passiert …“
Doch dann sagte mir Renate Zimmermann, dass sie es diesmal mit einem abgesprochenen roten Faden versuchen wollten. Und ich muss gestehen, dass ich ein wenig enttäuscht war. Das Chaos, auf das ich mich gefreut hatte, sollte von Anfang an eingedämmt werden. Natürlich war das sinnvoll für die
Geschichte, aber ich gehöre eben zu den Autoren, die andere gern in schwierige Situationen bringen – zumindest in einem Storytausch-Projekt.

Zum Glück stellte sich heraus, dass der rote Faden, den meine Mitstreiter erstellten, kaum Vorgaben für die Geschichte beinhaltete: Es ging vorrangig um das Figurengeflecht, um die Frage, welche phantastische Wesen auftauchen durften und welche nicht, um das Festlegen der Hauptfigur und des zentralen Konflikts. Um das Genre, die Zeitebene, Perspektive, um die Frage nach Humor und Ernsthaftigkeit, um eine Schildkröte und darum, ob Zombies Golf spielen oder nicht, selbst wenn sie in der Geschichte gar nicht vorgesehen waren.

Spätestens jetzt wusste ich zwei Dinge: Das Chaos würde nicht vollständig einzudämmen sein. Und ich freute mich richtig auf meine Mitstreiter. Ich kannte
sie ja nicht, hatte sie nur einmal kurz bei der Lesung zum letzten Storytausch-Projekt getroffen. Aber jetzt konnte ich sehen, wie unterschiedlich ihre Vorstellungen und Ideen waren und wie sehr sie dennoch um eine gemeinsame Linie rangen. Die lebendige Diskussion um den roten Faden versprach genau das passende Spannungsfeld, in dem etwas entstehen konnte.

Beim Erstellen dieses roten Fadens beteiligte ich mich bewusst nicht, denn meine Rolle war beim Schreiben schon dominant genug, durfte ich doch zehnmal ran, alle anderen nur einmal. Jeder lieferte seine Ideen der Gnade seiner Nachschreiber aus, nur ich konnte meine Vorstellungen wieder und wieder
einbringen. Dabei sollte es ja nicht meine Geschichte werden, sondern unsere. Diese Dominanz eines Autors war wohl der entscheidende Unterschied zu all meinen bisherigen derartigen Projekten.

Und so stand ich anfangs vor der Frage, wie mit dieser Dominanz umgehen. Alles in meine Richtung zu drängen, war keine Alternative; mich zu sehr zurückhalten, auch nicht, denn Unentschlossenheit tut einer Geschichte nicht gut.
Und dann ging es wirklich los, und ich erkannte, dass ich mir wieder einmal zu viele Gedanken gemacht hatte, denn es lief einfach. Immer wieder anders als gedacht, aber genau darum geht es ja in solch gemeinsamen Projekten: nicht in
der Komfortzone der eigenen Vorstellungskraft zu stecken, sondern immer wieder von anderen Sichtweisen, Ideen und Haltungen zu einer Antwort herausgefordert zu werden. Nicht zu einem Dagegen oder Kampf, sondern zu einem spielerischen Miteinander.

Das erhoffte Chaos blieb aus, aber – und das ist bemerkenswert – die Geschichte wurde rund. Nicht nur das, sie wurde besser, als sie unter Chaos je hätte werden können. Ich vermisste mein Chaos nicht, ich freute mich auf jede Fortsetzung, war gespannt, wohin die Geschichte sich entwickelte. Freute mich
jedes Mal, wenn einer der Mitstreiter mich wieder einmal überraschte oder mir den Ball so zuspielte, dass hundert Möglichkeiten in meinem Kopf auftauchten.

Kurz gesagt: Es machte richtig Spaß. Und ich hoffe, meine Mitstreiter hatten ebenso viel Freude an meinen Seiten wie ich an ihren.
Ihnen gilt mein Dank ebenso wie Renate Zimmermann, die ein derartig aufwändiges Projekt mit viel Engagement und charmanten Mails stemmt. Mögen noch zahlreiche Storytausch-Geschichten das Licht des Tages erblicken. Oder das Dunkel der Nacht, je nachdem.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, ob ihr jetzt “Die Werwölfe von Düsterwald” mit anderen Augen spielt …

www.boriskoch.de

Das Geheimnis des Waldes - Gesamtversion

Storytausch 4: Text

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