183. Kiezspaziergang

Vom Amtsgerichtsplatz zum Verborgenen Museum

Bezirksstadtrat Carsten Engelmann

Bildvergrößerung: Skizze Kiezspaziergang 11.03.2017
Skizze Kiezspaziergang 11.03.2017
Bild: BA CW, ML

Treffpunkt: Amtsgerichtsplatz, Busse M49, X34 und 309
Länge: ca. 2,5 km

Herzlich willkommen zu unserem 183. Kiezspaziergang. Schwerpunkt unseres Märzspaziergangs ist wie jedes Jahr die Geschichte der Frauen unserer Stadt. Ich freue mich sehr, heute mit Ihnen an bedeutenden Orten vorbei zu spazieren. Erster wichtiger Ort ist das ehemalige NS-Frauengefängnis in der Kantstraße 79. Von dort aus gehen wir zu Madame Chocolat. In der Pestalozzistraße begegnen wir Charlotte Wolff, die Namensgeberin des Charlotte-Wolff-Kollegs ist. Nächstes Ziel ist das Spielhaus in der Schillerstraße. Höhepunkt unseres Spaziergangs ist das Verborgene Museum in der Schlüterstraße 70, das sich zur Aufgabe gemacht hat, unbekannte Künstlerinnen der Öffentlichkeit vorzustellen und damit dem Vorurteil, es habe früher keine herausragenden Künstlerinnen gegeben, entgegenzuwirken.

Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen Treffpunkt und Datum des Aprilspaziergangs mitteilen. Er findet am Samstag, den 8. April, um 14 Uhr statt und wird von meinem Bezirksamtskollegen Bezirksstadtrat Schruoffeneger geführt werden. Treffpunkt ist der Platz vor der Eissporthalle Charlottenburg in der Glockenturmstraße 14. Der nächste S-Bahnhof ist der S-Bahnhof Pichelsberg, den Sie mit der S 5 erreichen. Von der Eissporthalle aus steigen Sie dann in die Murellenschlucht hinunter, wo Sie einiges zur Geologie, Flora und Fauna erfahren werden. Dann geht es auf den Murellenberg mit dem Denkzeichenweg. Der Denkzeichenweg ist das Werk der argentinischen Künstlerin Patricia Pisani, in dem sie sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des Geländes auseinandersetzt. Auch nach dem Krieg wurde das Gelände militärisch genutzt. Nach dem Abzug der Briten konnte das Gelände renaturiert und der Öffentlichkeit wieder zur Verfügung gestellt werden. Am Schluss des Spazierganges geht es an der Fließwiese Ruhleben entlang. Der Kiezspaziergang endet am U-Bahnhof Ruhleben. Der ganze Kiezspaziergang geht über unebenes Gelände auf Waldwegen. Denken Sie an gutes Schuhwerk!

Station 1: Amtsgerichtsplatz

Station 1.1: Amtsgerichtsplatz
Der Amtsgerichtsplatz wurde 1897 nach dem vor uns stehenden Amtsgericht Charlottenburg benannt. Es ist ein Blockplatz, der bereits 1859 als Schmuckplatz angelegt wurde. Gegenüber dem Hauptportal des Gerichtsgebäudes wurde 1979 die Bronzeskulptur Treblinka des russischen Bildhauers Vadim Sidur aufgestellt. Sie ist den etwa 900.000 Opfern des östlich von Warschau gelegenen NS-Vernichtungslagers gewidmet.

Bildvergrößerung: Kiosk Tiroler Landhaus
Kiosk Tiroler Landhaus
Bild: BA-CW, ML

Die denkmalgeschützte Bedürfnisanstalt auf dem Platz wurde 1905 von Rudolf Walter und Walther Spickendorff im Stil eines Tiroler Landhauses geschaffen. Heute befindet sich darin eine Crêperie.

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Amtsgerichtsplatz/Quentin Boutique Hotel
Bild: BA-CW, ML

Station 1.2: Quentin Boutique Hotel
Schräg gegenüber auf der Ecke der Kreuzung steht ein interessantes Haus, das mit seiner kleinteiligen farbigen Verplättelung ein typischer Bau aus den fünfziger Jahren ist. Architekt war Johannes Jackel. Es war der Sitz der norddeutschen Provinz der Jesuiten und der Christlichen Glaubens- und Lebensschule St. Ignatius und bestand aus einer Kapelle, dem Wohnheim, Tagungsräumen und einer Ladenzone. 2003 zogen die Bewohner in einen Neubau an der Witzlebenstraße 30, neben dem Kirchvorplatz der neuen St. Canisiuskirche. Heute befindet sich in dem Bau das Quentin Boutique Hotel mit 73 Zimmern.

Station 1.3: Amtsgericht
Das Amtsgerichtsgebäude wurde in den Jahren 1895 bis 1897 von Poetsch und Clasen als Civilgericht im Stil des Märkischen Barocks errichtet. Es gab vier Schöffengerichte und ein Amtsgefängnis. Das Hauptgebäude umschließt einen großen Innenhof. Der Putzbau steht auf einem Sockel aus schlesischem Granit. Das imposante Hauptportal befindet sich in einem dreiachsigen Mittelrisalit. 1915-21 wurde ein Erweiterungsbau angefügt. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Landesanstalt für Lebensmittel, Arznei und gerichtliche Chemie ein. 1985 wurde das Haus als Gerichtsgebäude renoviert und wieder Rechtsbehörden zur Verfügung gestellt.

Das Amtsgericht Charlottenburg ist für den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zuständig, und zwar für Angelegenheiten in den Gebieten Betreuung, Grundbuch, Info- und Rechtsantragsstelle, Mediation, Nachlass, Verbraucherinsolvenzen, Wohneigentum und Zivilprozess. Zudem hat es noch überregionale Zuständigkeiten: Das Handels-, Partnerschafts-, Vereins- und das Genossenschaftsregister für Berlin werden zentral beim Amtsgericht Charlottenburg geführt. Das Amtsgericht hat zwei Standorte, der eine ist hier, der andere in der Hardenbergstraße 31. Im Amtsgericht sind ungefähr 450 Mitarbeiter, davon 55 Richter, beschäftigt.

Für die damaligen Strafabteilungen des Gerichts wurde 1896/1897 nach Entwurf von Adolf Bürckner und Eduard Fürstenau in der Kantstraße 79 ein Nebengebäude im Stil des Augsburger Barocks mit angeschlossenem Gefängnistrakt errichtet, das bis 2010 wechselnd genutzt wurde. Das Gebäude ist inzwischen an das Architekturbüro Grüntuch & Ernst verkauft worden. Wir überqueren nun die Straße und begeben treffen uns wieder im Hinterhof des Gebäudes Kantstraße 79.

Station 2: Kantstraße 79

Ich begrüße ganz herzlich Frau Grüntuch-Ernst und Herrn Grüntuch, die sich die Mühe gemacht hat, an einem Samstag hierher zu kommen, um uns die Pläne für das Gebäude vorzustellen. Außerdem begrüße ich Herrn Dürr, der ein sehr gutes Büchlein zur Geschichte des Gefängnisses geschrieben hat. Herzlich willkommen in unserer Runde! Das Gefängnis mit seinen etwa 6 m² großen Zellen war von 1897 bis 1933 eine Untersuchungshaftanstalt, von 1934 bis 1939 wurden weibliche und männliche Regimegegner im Gefängnis untergebracht und ab 1939 hauptsächlich Frauen aus dem Widerstand, vor allem aus der Roten Kapelle. Prominente Frauen waren hier inhaftiert, ich nenne hier beispielhaft nur vier: Maria Terwiel, Cato Bontjes van Beek, Mildred Harnack und Libertas Schulze-Boysen. Von ihr stammt ein Gedicht, das sie kurz nach ihrer Einlieferung schrieb, ich zitiere daraus die erste Strophe:

Sie nahmen den Namen mir an der Tür, das Wünschen an der Schwelle. Die Träume einzig blieben mir in meiner kahlen Zelle.

Das Gefängnis war im Vergleich zu den anderen nicht ganz so streng, was sich gut in dem Bericht von Greta Kuckhoff spiegelt, die den Nationalsozialismus überlebt hat. Ich zitiere aus der Broschüre von Karl Dürr:

Was uns in diesem sauberen Haus, in dem auch das Essen sorgfältig zubereitet wurde, fehlte, war der uns alle verbindende Abend mit Musik und vor allem mit den uns so lieben Gesprächen. Immer kam jemand und scheuchte uns in die Zellen zurück. Aber die „Frau Oberin“ versuchte, die ihr übergebenen Frauen so gut wie nur irgend möglich zu betreuen, Sie war sozialdemokratische Fürsorgerin gewesen und dienstverpflichtet auf diesem Posten. Sie gab der Bibliothekarin, unserer Lotte Schleiff, die Möglichkeit, aus der schlecht assortierten Bücherei des Hauses das beste zu entnehmen, um auf dem laufenden zu bleiben. Die Tänzerin Hanna Berger durfte im Anwaltszimmer üben, um ihre Geschmeidigkeit zu erhalten. Gelegentlich hörte man sie Klavier spielen. Sie holte auch die eine oder andere der Gefangenen zu sich, um zu ergründen, wieso ein Gericht diese klugen, anmutigen, gewiß nicht immer einfach zu nehmenden Frauen zum Tode verurteilen konnte. Sie schätzte es durchaus, wenn man ihr nicht unterwürfig begegnete, man begegnete ihr mit Achtung.

Greta Kuckhoff war sechs Monate in der Kantstraße. Später, von 1950 bis 1958, war sie Prädentin der Staatsbank der DDR und dann im Friedensrat aktiv. Sie starb 1981 in Wandlitz.

Ende April 1945 konnten alle noch lebenden Frauen aus dem Gefängnis fliehen, doch schon am 16. Mai wurde es durch die sowjetischen Militärs wieder in Betrieb genommen, im Juli wurde es der britischen Militärregierung unterstellt. Von 1948 bis 1970 wurde es zum Frauenjugendgefängnis, dann war das Grundbuchamt und zum Schluss das Archiv des Kammergerichts hier untergebracht. 1985 wurde es geschlossen. In dem leerstehenden Gefängnis fanden dann gelegentlich Dreharbeiten statt, z.B. spielen einige Szenen von Der Vorleser mit Kate Winslett darin, Bushido drehte einen Video-Clip und manchmal war es die Kulisse für Modeevents. Im Juni 2010 wurde das Gelände geräumt und im Herbst verkauft. Nun übergebe ich das Mikrofon an Frau Grüntuch-Ernst, die uns etwas über die Zukunft des denkmalgeschützten Gebäudes sagen wird.

Vielen Dank, Frau Grüntuch-Ernst!

Nächster Halt ist die Kantstraße 100. Dazu müssen wir ein weiteres Mal die Kantstraße überqueren, das tun wir am besten an der Ampel an der Windscheidstraße.

Station 3: Kantstraße 100

Bildvergrößerung: Confiserie Madame Choclat
Confiserie Madame Choclat
Bild: BA-CW, ML

Station 3.1: Confiserie Madame Chocolat
Die Confiserie an diesem Ort besteht seit dem Sommer 2010. Inhaberin ist Rosemarie Rohrlack, die ich nun ganz herzlich begrüße. In ihrem Geschäft werden ausschließlich Schokoladen und Pralinen von Berliner und Brandenburger Traditionsunternehmen angeboten, z. B. Sawade, Faustmann, Lauenstein, Wagner, Lanwehr, Felicitas oder Hamann, bei dem wir im September vorbeigekommen sind. Alle Produkte sind ohne jegliche Zusatzstoffe.

Ich übergebe nun das Mikrofon an Frau Rohrlack, die uns sicher noch mehr erzählen kann.

Vielen Dank, Frau Rohrlack!

Wir überqueren nun ein letztes Mal die Kantstraße und gehen ein Stück die Kaiser-Friedrich-Straße entlang bis zur Pestalozzistraße, in die wir rechts einbiegen und uns vor der Hausnummer 66 wieder treffen. Davor aber noch kurz etwas zum Namensgeber der Kaiser-Friedrich-Straße.

Station 3.2: Kaiser-Friedrich-Straße / Herkunft des Namens
Die Kaiser-Friedrich-Straße wurde erst am Ende des 19. Jahrhunderts angelegt. Sie wurde 1892 nach dem preußischen König und deutschen Kaiser Friedrich III. benannt, der 1888 für nur 99 Tage Kaiser war.

Station 4: Pestalozzistraße 66

Station 4.1: Pestalozzistraße / Herkunft des Namens
Die Straße wurde 1887 nach Johann Heinrich Pestalozzi benannt. Johann Heinrich Pestalozzi wurde 1746 in Zürich geboren und starb 1827 in Brugg, ebenfalls in der Schweiz. Er war Pädagoge, Philosoph, Politiker und Schul- und Sozialreformer. Pestalozzi war stark von der aufklärerischen Pädagogik von Jean-Jacques Rousseau beeinflusst. In den Wirren der helvetischen Revolution 1798 stellte sich Pestalozzi der neuen helvetischen Regierung zur Verfügung. Er wurde Redakteur beim Helvetischen Volksblatt und führte das Waisen- und Armenhaus in Stans, wo er grundlegende pädagogische Erfahrungen machen konnte. Im folgenden Jahr gründete er sein berühmtes Erziehungsinstitut im Schloss Burgdorf, wo er eine eigene Unterrichts- und Erziehungsmethode entwickelte und theoretisch begründete. Das Institut existierte über zwei Jahrzehnte. Pestalozzi gilt als Vorläufer der Anschauungspädagogik und der daraus Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden Reformpädagogik. Sein pädagogisches Ziel war die ganzheitliche Volksbildung. Die Menschen sollten zu Selbständigkeit und Demokratie erzogen werden. 1809 veröffentlichte er sein Buch Über die Idee der Erwachsenenbildung. Unsere Volkshochschule hat also genau die richtige Adresse: Pestalozzistraße 40/41.

Bildvergrößerung: Volkshochschule City West
Volkshochschule City West
Bild: BA-CW, ML

Station 4.2: Volkshochschule City West
1905 wurde nicht nur das Rathaus Charlottenburg in Betrieb genommen, sondern auch die Volkshochschule eröffnet. Bereits seit 1901 gab es in der Technischen Hochschule Charlottenburg, der heutigen TU Berlin, Fortbildungskurse für Arbeiterinnen und Arbeiter. Der Magistrat Charlottenburg veranstaltete ab 1905 Arbeiterfortbildungskurse – in der Aula der damaligen I. Gemeindeschule in der Pestalozzistraße 89/90, also nur ein paar Häuser weiter. Diese Form der Erwachsenenbildung war in der damaligen Zeit beispielhaft. Noch 5 Jahre später beklagte der SPD-Abgeordnete Karl Liebknecht im Reichstag das Fehlen jeder staatlichen Initiative im Bereich der Volkshochschulbewegung, wie sie in anderen Ländern, zum Beispiel in Schweden bereits selbstverständlich war. Charlottenburg war also seiner Zeit weit voraus. Teilnahmeberechtigt waren zunächst nur männliche Personen, die das 18. Lebensjahr vollendet hatten. Erst ab dem Sommersemester 1913 wurde auch Frauen die Teilnahme an Kursen gestattet. Im Gegensatz zur Technischen Hochschule waren die Kurse der Stadt unentgeltlich.

In ihr heutiges Haus an der Pestalozzistraße ist die Volkshochschule erst 1980 eingezogen. Das Haus wurde 1894-95 von Paul Bratring gebaut und 1895 als 13. und 14. Gemeindeschule Charlottenburg eröffnet. Das Vorderhaus an der Straßenfront diente als Bürogebäude, als Förderschule lernbehinderte Kinder und als Jugendheim. 1930 zog die 13. Gemeindeschule in ein neues Schulgebäude am Jungfernheideweg 31, heute ist das die Hermann-Löns-Grundschule. Stattdessen zog die Schwerhörigenschule Charlottenburg in das Gebäude ein, die heutige Reinfelder-Schule in Eichkamp. In den Kriegsjahren 1942 bis 1944 wurde das Schulgebäude als Lazarett benutzt. 1943 wurden mehrere Gebäudeteile stark beschädigt und zerstört. Schon am 1. November 1945 aber begann hier wieder der Berufsschulunterricht, und seit 1947 wurden die beschädigten Gebäude instand gesetzt.

Die heutige Volkshochschule City West ist der Zusammenschluss der Volkshochschule Charlottenburg und der Paul-Löbe-Volkshochschule Wilmersdorf.

Station 4.3: Charlotte-Wolff-Kolleg
Das Charlotte-Wolff-Kolleg ist eine Einrichtung des Zweiten Bildungsweges und bereitet seit 1971 Erwachsene auf das Abitur vor. Der Unterricht findet tagsüber statt. Die Kollegiaten und Kollegiatinnen können Mittel nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) beantragen. Wenn alles gut geht, wird die Hochschulreife in 3 bis 3 ½ Jahren erreicht. Die Schule hat ungefähr 300 Kollegiaten und Kollegiatinnen und etwa 80 Abiturienten und Abiturientinnen pro Jahr. Auch blinde und sehbehinderte Menschen können am Charlotte-Wolff-Kolleg das Abitur ablegen.

Nun noch ein paar Worte zu der Namensgeberin des Kollegs:

Charlotte Wolff wurde 1897 in Westpreußen geboren und starb 1986 in London. Sie war Ärztin und Sexualwissenschaftlerin und veröffentlichte grundlegende Werke zur weiblichen Homosexualität. Sie studierte Medizin, Psychologie und Philosophie in Freiburg und Berlin. Schon in ihrer Studienzeit entdeckte sie ihre Vorliebe für Frauen. Wolff verweigerte sich auch dem klassischen Frauenbild der damaligen Zeit und bevorzugte bequeme Männerkleidung.

Nach Abschluss ihres praktischen Jahres als Ärztin wurde sie stellvertretende Direktorin an der Klinik für Familienplanung, Schwangerschaftsfürsorge und Schwangerschaftsverhütung in Berlin. Diese Position musste Wolff aufgrund ihrer jüdischen Abstammung allerdings bald aufgeben. Bis zu ihrer endgültigen Entlassung im Februar 1933 arbeitete sie noch im Institut für elektro-physikalische Therapie in Neukölln. Im selben Monat wurde Wolff kurzzeitig von der Gestapo verhaftet und der Spionage sowie des Tragens von Männerkleidung beschuldigt. Nach einer Hausdurchsuchung emigrierte Charlotte Wolff am 26. Mai 1933 nach Frankreich. 1936 flüchtete Charlotte Wolff –auf Veranlassung von Aldous und Maria Huxley– nach London. 1947 nahm sie die britische Staatsangehörigkeit an. 1951 eröffnete sie eine eigene psychiatrische Praxis. Oft bezeichnete sich Charlotte Wolff als „internationale Jüdin mit einem britischen Pass“. Seit Anfang der 1960er-Jahre bis zu ihrem Tod forschte Charlotte Wolff zur weiblichen Homosexualität und zur Bisexualität. Mit ihren wissenschaftlichen Veröffentlichungen erlangte sie große internationale Anerkennung.

Station 4.4: Pestalozzistraße 40 / Kita Pestalozzistraße
In der Kita werden 88 Kinder im Alter von anderthalb Jahren bis zum Schuleintritt betreut. Die Einrichtung erstreckt sich baulich über drei Etagen mit sechs Gruppenräumen und hat im Parterre zwei Zusatzräume. Acht Erzieherinnen, ein Erzieher, eine Leiterin und eine stellvertretende Leiterin sind für die Betreuung und Förderung der Kinder zuständig. Eine Köchin sorgt für das leibliche Wohl der Kinder und zwei Mitarbeiterinnen sind verantwortlich für die hygienische Sauberkeit in der Einrichtung. Träger der Einrichtung ist das Pestalozzi-Fröbel-Haus.

Station 4.5: Pestalozzistraße 66
Wir stehen vor der Hofeinfahrt zur Pestalozzistraße 66. Hier befinden sich die Stolpersteine für Else Flatau und Max Danielsohn. Sie wurden am 24.3.2014 verlegt.

HIER WOHNTE
ELSE FLATAU
GEB. RAESENER
JG. 1888
FLUCHT BELGIEN
INTERNIERT MECHELEN
DEPORTIERT 26.9.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

HIER WOHNTE
MAX DANIELSOHN
JG. 1879
“SCHUTZHAFT“ 1938
SACHSENHAUSEN
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Hier ein paar Ausschnitte aus ihrer Biographie von ihrem Enkel Daniel Eger:

Else Flatau, geb. Raesener, und Max Danielsohn lernten sich 1920 kennen, als sie das Grab von Rosa Luxemburg auf dem Sozialistenfriedhof in Friedrichsfelde besuchten. Else war Witwe, der Mann war im Krieg gefallen. Max arbeitete als Buchhalter, war verheiratet und hatte zwei Kinder. Nach einem Jahr trennte sich Max von seiner Frau und zog zu Else.

Beide waren Kommunisten, und laut Lea, ihrer gemeinsamen Tochter, folgten sie dem Rat der KPD, aus Sicherheitsgründen nicht zu heiraten und nur ein Kind zu haben. Max betrieb das Geschäft weiter, das Else von ihrem gefallenen Ehemann Leo geerbt hatte, in dem Borten, Bordüren, Spitzen und andere Ziergegenstände hergestellt wurden. Die beiden zogen in eine Einzimmerwohnung in der Michaelkirchstraße 8 in Kreuzberg. Sie waren politisch und sozial aktiv und eröffneten eine Suppenküche, die regelmäßig sonntags Essen an Bedürftige austeilte.

1931 zogen sie in eine größere Wohnung in der Pestalozzistraße 66. Hier fanden Abende mit Literatur und Musik statt. Else spielte Klavier und sang dazu, und Jean, Max‘ Sohn aus der ersten Ehe, spielte Geige. Andere lasen vor. Nach dem NS-Machtantritt durchsuchte die SS die Wohnung, Max wurde verhaftet und wegen seiner kommunistischen Aktivitäten zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. 1938 wurde er erneut verhaftet und im Rahmen der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ als sogenannter Asozialer in das Lager Sachsenhausen deportiert, wo er von Juni bis September 1938 gefangen war.

Im Juli 1940 konnten Max und Else die Ausreise ihrer Tochter nach Palästina ermöglichen. Einigen Freunden der beiden gelang es ebenfalls, Deutschland zu verlassen. Ihnen aber war es nicht möglich, denn kein Land wollte einen vorbestraften Kommunisten aufnehmen. 1942 versuchten sie, Deutschland heimlich zu verlassen. Im April oder Mai des Jahres zogen sie in eine Hütte in der Nähe der deutsch-schweizerischen Grenze. Max machte sich daran, die Gegend zu erkunden, um eine Möglichkeit zum illegalen Grenzübertritt zu finden. Er verließ eines Tages die Hütte und kam nicht zurück. Daraufhin ging Else nach Berlin zurück und versteckte sich in der Wohnung eines Freundes. Schließlich floh sie nach Brüssel. Einen Monat später wurde sie verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Max war vermutlich an der deutsch-schweizerischen Grenze verhaftet und nach Berlin gebracht worden. Sein Name findet sich auf einer Liste deportierter Juden, die nach Riga verschleppt und dort erschossen wurden.

Wir gehen nun weiter bis zur Wilmersdorfer Straße, in die wir links einbiegen, dann rechts in die Goethestraße und links in die Sesenheimer Straße. Wir treffen uns wieder im Spielhaus an der Ecke Sesenheimer / Schillerstraße.

Station 5: Schillerstraße 86 / Spielhaus Schillerstraße

Ich begrüße ganz herzlich die hier anwesenden Kinder und Kuchenbäcker und Herrn Deligio, der uns gleich seine Arbeit im Spielhaus Schillerstraße vorstellen wird. Das Spielhaus ist ein pädagogisch betreuter Spielplatz mit einem echten Haus, wie wir hier sehen können. Träger ist die Friedenskirche der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde. Es ist für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren gedacht und hat wöchentlich an fünf Tagen nachmittags je fünf Stunden geöffnet. Insgesamt steht den Kindern eine Fläche von 3.000 m² für ihre Freizeitgestaltung zur Verfügung. Alles weiter erzählt Ihnen nun Herr Deligio.
Vielen Dank, Herr Deligio!

Station 6: Schillerstraße 26 / Haus der Familie

Das Haus der Familie gibt es seit 1991 und ist eine Einrichtung des Bezirksamts, Abteilung Jugend, Familie, Bildung, Sport und Kultur und gehört zum Jugendamt, Region 2. Es unterstützt junge Familien, alleinerziehende Mütter und Väter, Großeltern, Pflegefamilien und Familien mit Migrationshintergrund mit dem Ziel, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern positiv zu stärken. Ein umfangreiches Programm mit Sport, Entspannung, Bewegung, Musik und Kreativität sowie Orientierungshilfen in Erziehungsfragen wird halbjährlich erarbeitet. Wichtig ist auch das Angebot an Eltern, andere Eltern und Kinder zu treffen, miteinander ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen, gemeinsam zu singen, zu tanzen, zu spielen und etwas gemeinsam zu erleben.

Wir gehen nun weiter in die St.-Thomas-von Aquin-Kirche.

Bildvergrößerung: St. Thomas-von-Aquin-Kirche
St. Thomas-von-Aquin-Kirche
Bild: BA-CW, ML

Station 6.1: Schillerstraße 102 / St.-Thomas-von-Aquin-Kirche (ca. 15:20 Uhr)
Als erstes möchte ich ganz herzlich die Kunsthistorikerin Frau Hamm begrüßen, die uns gleich ihre Gemeinde vorstellen wird. Wir befinden uns hier in der katholischen Kirche St. Thomas von Aquin, die 1931-32 von Paul Lindner innerhalb der geschlossenen Blockrandbebauung errichtet wurde. Das dazugehörige Gemeindehaus ist durch den Umbau eines Miethauses von Ernst George aus dem Jahre 1884/85 entstanden. Die Kirche ist eine Hallenkirche im Stil der Neuen Sachlichkeit. Seit Juni 2000 ist hier der Sitz der katholischen französischsprachigen Gemeinde Berlins, die Paroisse catholique. Nach einer zehnmonatigen Renovierung wurde die Kirche am 13.12.2015 in einem feierlichen Pontifikialamt wieder eröffnet. Nun übergebe ich das Mikrofon an Frau Hamm.

Vielen Dank, Frau Hamm!

Wir gehen nun ein Stück zurück, biegen links in die Weimarer Straße, dann in die Goethestraße ein und treffen uns vor der Eichendorff-Grundschule wieder.

Station 7: Eichendorff-Grundschule
Die Eichendorff-Grundschule wurde 1867 als Knaben-Stadtschule gegründet. Sie hat dieses Jahr also 150-jähriges Jubiläum. Gefeiert wird ab dem 17. Mai, an dem die offizielle Feier stattfindet, am 19. Mai ist dann das Schulfest für die Kinder und am 20. Mai die Eltern-Lehrer-Party. Die Knaben-Stadtschule wurde später zur 1.Gemeindeschule in Charlottenburg. Seit 1954 trägt sie den Namen des deutschen Dichters der Romantik – Joseph Freiherr von Eichendorff. Zu ihm später mehr.

Das heutige Schulhaus wurde 1972-73 auf dem Gelände der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gebäude der 9. und 10. Gemeinde- und späteren Knabenmittelschule sowie des Jugendheims errichtet. Der Bauplan folgte dem Typenentwurf der Arbeitsgemeinschaft “Grundschulstandardisierung”. Das Schulgebäude ist ein zweigeschossiger Flachbau, der mit Stahlbeton-Rippenplatten errichtet wurde. Es verfügt über einen H-förmigen Grundriss. Zur Schulanlage gehören außerdem eine freistehende Sporthalle sowie ein Hort, der in das Schulgebäude integriert ist. 2006 wurde der Schulerweiterungsbau eingeweiht, der allerdings zwei Jahre später durch einen Brand zerstört wurde. 2009 war der Bau wieder hergestellt. In der Schule lernen 445 Kinder: 224 Jungen und 221 Mädchen.

Der Namensgeber der Schule, Joseph Freiherr von Eichendorff, wurde am 10. März 1788 – gestern war demnach sein Geburtstag – in Ratibor in Oberschlesien geboren und starb 1857 an einer Lungenentzündung in Neisse, ebenfalls in Oberschlesien. Eichendorff ist einer der bedeutendsten Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik. Mit etwa 5000 Vertonungen seiner Gedichte gehört er zu den meist vertonten Dichtern.
Ich lese Ihnen nun einen Ausschnitt aus seinem Werk Das Leben eines Taugenichts:

Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: «Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.» – «Nun», sagte ich, «wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.» Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehen,[…]
Ich ging also in das Haus hinein und holte meine Geige, die ich recht artig spielte, von der Wand, mein Vater gab mir noch einige Groschen Geld mit auf den Weg, und so schlenderte ich durch das lange Dorf hinaus. Ich hatte recht meine heimliche Freude, als ich da alle meine alten Bekannten und Kameraden rechts und links, wie gestern und vorgestern und immerdar, zur Arbeit hinausziehen, graben und pflügen sah, während ich so in die freie Welt hinausstrich. Ich rief den armen Leuten nach allen Seiten stolz und zufrieden Adjes zu, aber es kümmerte sich eben keiner sehr darum. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte. Und als ich endlich ins freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe Geige vor und spielte und sang, auf der Landstraße fortgehend:
Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.
[…]
Indem, wie ich mich so umsehe, kömmt ein köstlicher Reisewagen ganz nahe an mich heran, der mochte wohl schon einige Zeit hinter mir drein gefahren sein, ohne daß ich es merkte, weil mein Herz so voller Klang war, denn es ging ganz langsam, und zwei vornehme Damen steckten die Köpfe aus dem Wagen und hörten mir zu. Die eine war besonders schön und jünger als die andere, aber eigentlich gefielen sie mir alle beide. Als ich nun aufhörte zu singen, ließ die ältere stillhalten und redete mich holdselig an: «Ei, lustiger Gesell, Er weiß ja recht hübsche Lieder zu singen.» Ich nicht zu faul dagegen: «Euer Gnaden aufzuwarten, wüßt ich noch viel schönere.» Darauf fragte sie mich wieder: «Wohin wandert Er denn schon so am frühen Morgen?» Da schämte ich mich, daß ich das selber nicht wußte, und sagte dreist: «Nach Wien»; nun sprachen beide miteinander in einer fremden Sprache, die ich nicht verstand. Die jüngere schüttelte einige Male mit dem Kopfe, die andere lachte aber in einem fort und rief mir endlich zu: «Spring Er nur hinten mit auf, wir fahren auch nach Wien.» Wer war froher als ich! Ich machte eine Reverenz und war mit einem Sprunge hinter dem Wagen, der Kutscher knallte, und wir flogen über die glänzende Straße fort, daß mir der Wind am Hute pfiff.
Hinter mir gingen nun Dorf, Gärten und Kirchtürme unter, vor mir neue Dörfer, Schlösser und Berge auf, unter mir Saaten, Büsche und Wiesen bunt vorüberfliegend, über mir unzählige Lerchen in der klaren blauen Luft – ich schämte mich, laut zu schreien, aber innerlichst jauchzte ich und strampelte und tanzte auf dem Wagentritt herum, daß ich bald meine Geige verloren hätte, die ich unterm Arme hielt. Wie aber denn die Sonne immer höher stieg, rings am Horizont schwere weiße Mittagswolken aufstiegen und alles in der Luft und auf der weiten Fläche so leer und schwül und still wurde über den leise wogenden Kornfeldern, da fiel mir erst wieder mein Dorf ein und mein Vater und unsere Mühle, wie es da so heimlich kühl war an dem schattigen Weiher, und daß nun alles so weit, weit hinter mir lag. Mir war dabei so kurios zumute, als müßt ich wieder umkehren; ich steckte meine Geige zwischen Rock und Weste, setzte mich voller Gedanken auf den Wagentritt hin und schlief ein.

Wir verlassen nun den Schulhof zur Goethestraße hin, gehen links bis zur Ecke, biegen rechts in die Leibnizstraße, dann links in die Pestalozzistraße ein und treffen uns wieder vor der Synagoge mit der Hausnummer 14.

Station 8: Pestalozzistraße 14

Station 8.1: Synagoge Pestalozzistraße
Erbaut wurde die Synagoge 1911/12 als Privatsynagoge für gesetzestreue Juden nach Plänen des Architekten Ernst Dorn. Ihre Stifterin war die Charlottenburger Geschäftsfrau Betty Sophie Jacobsohn, die von 1870 bis 1942 lebte. Die Synagoge hatte Platz für 1400 Gläubige. 1919 wurde das Gotteshaus zu einer offiziellen Synagoge der Jüdischen Gemeinde. In den 1930er Jahren wirkte als Chorleiter der Musikwissenschaftler, Schriftsteller und Maler Arno Nadel in der Synagoge.

In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde die Synagoge schwer beschädigt, aber wegen ihrer Hoflage nicht in Brand gesteckt. Während des Krieges war in dem Gebäude eine Wäscherei untergebracht. 1947 wurde der Betsaal wiedereingeweiht und das Gotteshaus zu einer der wichtigsten Synagogen in Deutschland und Gebetsstätte der liberalen Juden. Von 1947 bis zu seinem Tod im Jahr 2000 war Estrongo Nachama zunächst Kantor, später Oberkantor dieser Synagoge. Die durchkomponierte Liturgie des Gottesdienstes für Kantor, Orgel und gemischten Chor zieht jährlich Besucher aus der ganzen Welt an. Im Zuge einer Restaurierung hat die Synagoge in den Jahren 2013/14 ihre ursprünglichen Wandmalereien von 1912 zurückerhalten.

Heute beginnt das jüdische Purim-Fest: Purim ist ein Fest, das an die Errettung des jüdischen Volkes in der persischen Diaspora erinnert. Nach dem Buch Ester versuchte Haman, der höchste Regierungsbeamte des persischen Königs, die gesamten Juden im Perserreich an einem Tag zu ermorden. Ester, die Königin, habe sich aber beim König für die Rettung der Juden eingesetzt, denen er erlaubte, sich zu verteidigen. Haman wurde zusammen mit rund 75.000 weiteren Einwohnern des Perserreiches getötet.

In der Synagoge wird aus diesem Anlass ein Gottesdienst gefeiert, bei dem es meist nicht sehr ernst zugeht; der ganze Ablauf zielt auf Freude. Dabei wird auch die Festrolle des Buches Ester vorgelesen. Immer wenn der Name Haman fällt, machen die anwesenden Kinder mit Tuten, Rasseln und Ratschen (jiddisch Grägger) so viel Lärm wie möglich. Da kein Wort des Textes verpasst werden darf, muss der Vorleser aufhören, bis die Kinder wieder ruhig geworden sind. Außerdem bekommen Freunde und Arme Geschenke. Purim ist ein Tag, der mit viel Essen und Trinken, auch Wein, gefeiert wird. Trauerreden und Fasten sind verboten.

In der Pestalozzistraße in dem Abschnitt zwischen Leibnizstraße und Schlüterstraße gibt es fast 60 Stolpersteine, davon 33 für Frauen. Angesichts der fortgeschrittenen Zeit kann ich nicht mehr auf die Persönlichkeiten der einzelnen ermordeten Menschen eingehen.

Wir gehen nun weiter direkt zur Schlüterstraße 70, in diese biegen wir links ein, überqueren die Straße und treffen uns wieder im Hof des Verborgenen Museums. Ich möchte Ihnen aber zuvor noch etwas zu dem Namensgeber der Schlüterstraße sagen.

Station 8.2: Schlüterstraße / Herkunft des Namens
Die Schlüterstraße ist nach dem 1659 oder 1660 in Danzig geborenen Architekten und Bildhauer Andreas Schlüter benannt. Nach seiner Ausbildung dort arbeitete Schlüter in den 1680er- und Anfang der 1690er-Jahre für den polnischen Hof. Im Jahr 1694 rief Friedrich III., der spätere König von Preußen, Schlüter als Hofbildhauer nach Berlin. 1699 ernannte ihn der Kurfürst zum Schlossbaudirektor. In dieser Position gestaltete er die Fassade des Berliner Schlosses zur Stadt hin um und schuf den heute nach ihm Schlüterhof benannten Innenhof mit Elementen des italienischen Barock und des aufkommenden Klassizismus. Das bekannte Bernsteinzimmer entwarf er ursprünglich für das Charlottenburger Schloss. Es wurde ab 1701 angefertigt und dann entgegen der ursprünglichen Planung für einen Raum im Berliner Stadtschloss verwendet. 1716 wurde es schließlich dem russischen Zaren Peter dem Großen geschenkt. Nach dem Tod des Königs 1713 ging Schlüter an den Hof des Zaren in Sankt-Petersburg, wo er ein Jahr später starb.

Station 9: Schlüterstraße 70 / Das Verborgene Museum

Ich begrüße ganz herzlich die beiden Gründerinnen und Leiterinnen des Verborgenen Museum, Frau Elisabeth Moortgat und Frau Marion Beckers, die nur für die Kiezspaziergängerinnen und –gänger die laufende Ausstellung haben hängen lassen.

Zudem begrüße ich ganz herzlich Frau Cieschinger und Frau Michel-Drees, die Ihnen wie jedes Jahr beim Hinausgehen anlässlich des Internationalen Frauentages Rosen aus Fairtrade-Handel schenken werden.

Nun aber zum Verborgenen Museum:
Das Verborgene Museum wurde 1986 in Berlin gegründet. Ziel war und ist, die Werke und Lebensgeschichte von den Künstlerinnen bekannt zu machen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in Vergessenheit geraten sind. Schwerpunkt liegt auf Künstlerinnen, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geboren wurden. Es werden Werke aus den Bereichen Malerei, Fotografie, Bildhauerei und Architektur gezeigt. Heute können wir die Ausstellung von zwei Fotografinnen, Gerti Deutsch und Jeanne Mandello, anschauen. Ich gebe nun das Mikrofon weiter, denn Frau Moortgat und Frau Beckers können natürlich viel besser über ihr Haus sprechen.

Vielen Dank, Frau Beckers! Vielen Dank, Frau Moortgat!

Hier endet unser heutiger Kiezspaziergang. Wer Lust hat, hat nun die Möglichkeit das Museum zu besichtigen. Da es sehr klein ist, vielleicht nicht alle auf einmal. Ein Besuch lohnt sich auf alle Fälle. Die Ausstellung ist exquisit. Noch einmal zur Erinnerung: Unser nächster Kiezspaziergang findet am 8. April um 14 Uhr statt. Der Treffpunkt ist vor der Eissporthalle in der Glockenturmstraße 14, zu erreichen mit der S 5, S-Bahnhof Pichelsberg. Der Kiezspaziergang geht durch die Murellenschlucht und an der Fließwiese Ruhleben entlang. Er ist etwas ausgedehnter und geht ca. 3,5 km über Stock und Stein. Denken Sie an gutes Schuhwerk! Geführt wird er von Bezirksstadtrat Schruoffeneger, der im Bezirksamt für Stadtentwicklung, Bauen und Umwelt zuständig ist. Ich wünsche Ihnen einen guten Nachhauseweg und ein schönes Wochenende!