Kiezspaziergang am 11.11.2006

Vom Rathaus Wilmersdorf zum Berlin Plaza Hotel

Link zu: Start mit Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen am Rathaus Wilmersdorf, 11.11.2006, Foto: KHMM
Start mit Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen am Rathaus Wilmersdorf, 11.11.2006, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

mit Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen
am Samstag, dem 11.11.2006, von 14.00 bis 16.00 Uhr
Treffpunkt: Auf dem Fehrbelliner Platz vor dem Rathaus Wilmersdorf

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herzlich willkommen zu unserem Kiezspaziergang im Oktober. Es ist unser 59., und während meine Zukunft und die Zukunft der Kiezspaziergänge beim letzten Mal noch ungewiss war, kann ich allen, die es noch nicht wissen, mitteilen: Am 26. Oktober bin ich von der Bezirksverordnetenversammlung wieder gewählt worden. Ich freue mich auf die nächsten 5 Jahre und auf unsere Kiezspaziergänge, die ich wie gewohnt fortsetzen werde: Wir treffen uns weiterhin immer am zweiten Sonnabend des Monats um 14.00 Uhr, und ich teile Ihnen im Monat davor den Treffpunkt mit.
Das will ich auch jetzt tun: Am Sonnabend, dem 9. Dezember um 14.00 Uhr treffen wir uns am U-Bahnausgang auf dem Mierendorffplatz, und wir wollen den Mierendorffkiez ein wenig kennen lernen, den früheren Ortsteil Kalowswerder. Anschließend werden wir auf dem Siemenssteig die Spree überqueren und hinter dem Rathaus Charlottenburg den alten Dorfkern von Lietzow mit der evangelischen Kirche Alt-Lietzow und der katholischen Herz-Jesu-Kirche besichtigen.

Heute wollen wir die Robert-Jungk-Gesamtschule besichtigen und von kompetenter Seite einiges über das Logenhaus in der Emser Straße hören. Leider werden wir wohl nicht hineinkönnen, weil dort gerade ein Kongress veranstaltet wird. Zum Schluss sind wir eingeladen zu einem Kaffee oder Glühwein vor dem Berlin Plaza Hotel in der Knesebeckstraße Ecke Kurfürstendamm. Und wer Lust hat, der kann ab 17.00 Uhr an einem St. Martins-Umzug teilnehmen, der vor der St. Ludwigskirche auf dem Ludwigkirchplatz startet. Aber dazu mehr, wenn wir vor Ort sein werden.

Fehrbelliner Platz

Wir sind ja schon einige Male vom Fehrbelliner Platz aus gestartet. Deshalb will ich alle diejenigen, die das schon einmal mitgemacht haben, nicht langweilen, aber für die neuen Teilnehmerinnen und Teilnehmer doch die wichtigsten Informationen kurz zusammenfassen.

Die Straßennamen erinnern hier alle an die preußische Geschichte:
Der Fehrbelliner Platz wurde 1892 benannt nach der brandenburgischen Stadt Fehrbellin, wo 1675 der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm einen entscheidenden Sieg über die Schweden errang und damit die Mark von der schwedischen Besatzung befreite.
Der Hohenzollerndamm wurde 1900 nach dem Geschlecht der Hohenzollern benannt, dessen fränkische Linie seit 1415 in Brandenburg herrschte.
Die Barstraße wurde bereits 1892 benannt, und sie erinnert ebenfalls an die glorreiche Geschichte Preußens: Bei Bar-sur-Aube, einem Ort in Frankreich fand am 17. Februar 1814 während der Befreiungskriege eine Schlacht statt, in der Napoleon geschlagen wurde.

Am Fehrbelliner Platz wurde 1913 der U-Bahnhof eröffnet, damals noch auf weitgehend unbebautem Gelände. Nur Laubenkolonien befanden sich hier, und an dieser Stelle, wo das heutige Rathaus Wilmersdorf steht, befand sich ein großer Sportplatz. 1920-25 wurde der Preußenpark angelegt, und die Randbebauung des Platzes begann.
1923 baute die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte das erste Verwaltungsgebäude an der Ruhrstr. 1-2, 1930 wurde es – ebenfalls für die RfA erweitert um den Bau an der Ruhrstr. 3. Alle anderen großen Verwaltungsgebäude am Platz wurden in den 30er Jahren gebaut. Vor allem der Fassadenschmuck zeigt teilweise noch die Vorlieben der nationalsozialistischen Bauherren.

Nr.1
Fehrbelliner Pl. Nr.1 wurde 1936 als Karstadt-Kontorhaus gebaut, 1963 zog hier das neu geschaffene Landesverwaltungsamt ein und ist bis heute an diesem Standort geblieben.

Nr.2
Nr.2 wurde 1939 von Otto Firle für die Nordstern-Versicherung gebaut, 1939-45 war hier außerdem die Reichsstelle für Milch- und Fettwirtschaft untergebracht, in der Nachkriegszeit die Senatsverwaltung für Inneres. Nach deren Umzug in die Klosterstraße in Mitte übernahm die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung das Gebäude. Die Skulpturen von Waldemar Raemisch zeigen allegorische Darstellungen der Menschenalter.

Nr.3
Nr.3 wurde 1938 von der Reichsbaudirektion als Reichsgetreidestelle errichtet, in der Nachkriegszeit wurden verschiedene Bundesinstitutionen darin untergebracht, zum Beispiel das Gesamtdeutsche Institut. Heute befindet sich darin ein Teil des Bundesarchivs und das Hauptzollamt für Prüfungen.

Link zu: Am Rathaus Wilmersdorf, 11.11.2006, Foto: KHMM
Am Rathaus Wilmersdorf, 11.11.2006, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Nr.4 Rathaus Wilmersdorf
Zum Rathaus Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz Nummer 4 möchte ich ein klein wenig ausholen: Vor 100 Jahren, 1906, erhielt Wilmersdorf Stadtrechte. Das frühere kleine Dörfchen hatte sich innerhalb von knapp 20 Jahren zur Großstadt mit mehr als 75.000 Einwohnern entwickelt. Deshalb war das kleine Rathaus an der Brandenburgischen Straße Ecke Gasteiner Straße, dort wo sich heute das UCW im früherem Gesundheitsamt befindet, längst zu klein geworden. Der Magistrat veranstaltete einen Architekturwettbewerb für einen riesengroßen Rathausbau.
Er sollte dort stehen, wo sich heute vor dem Preußenpark der Parkplatz mit dem Parkcafé befindet. Den Wettbewerb gewann ein Entwurf, dessen Turm die Rathäuser von Charlottenburg und Schöneberg überragt hätte. Aber der Erste Weltkrieg kam dazwischen und danach 1920 die Bildung Groß-Berlins. Wie alle anderen Großstädte rund um Berlin wurde auch Wilmersdorf ein Berliner Bezirk, und an ein eigenes, großes Rathaus war nicht mehr zu denken. Lange Zeit musste man sich mit Provisorien zufrieden geben. Ein großer Teil der Verwaltung zog ins Stadthaus, das ehemalige Joachimsthalsche Gymnasium an der Kaiserallee, der heutigen Bundesallee.
Dieses Haus am Fehrbelliner Platz Nr.4 wurde nicht als Rathaus gebaut. Das können Sie schon daran erkennen, dass es keinen Turm hat. Wilmersdorf war einer der wenigen Bezirke Berlins ohne Rathausturm.
Das Haus wurde 1940 als letztes großes Verwaltungsgebäude von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) in Auftrag gegeben und mitten im Zweiten Weltkrieg 1941-43 von A. Remmelmann gebaut. Es sollte die DAF-Zentrale nebenan am Hohenzollerndamm 177 ergänzen. Bei Fertigstellung zog aber nicht die DAF ein, sondern das Haus wurde als Dienstgebäude für das Oberkommando des Heeres requiriert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus 1945 von den Briten beschlagnahmt und als Hauptquartier eingerichtet. 1954 zog hier das Rathaus Wilmersdorf ein, die Briten bezogen ihr neues Hauptquartier beim Olympiastadion.

Nr.5
In der Nachkriegszeit vergrößerte sich die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte mit einer Reihe von Neubauten am Fehrbelliner Platz und in seiner Umgebung. Das Hauptgebäude am Fehrbelliner Platz 5 wurde 1970-73 von Jan und Rolf Rave gebaut. Seit einem Jahr trägt es nicht mehr das BfA-Logo, sondern das neue Logo der Deutschen Rentenversicherung Bund, so der neue Name der früheren Bundesanstalt für Angestellte.

U-Bahnhof
In den 60er Jahren wurde der U-Bahnhof zum Kreuzungsbahnhof der U-Bahnlinien 1 und 7 umgebaut. 1967-72 baute Rainer Gerhard Rümmler den neuen Eingangspavillon, der sich mit einer knallroten Keramikfliesenverkleidung im bewussten Kontrast von der Bebauung aus der Nazizeit abhebt. Der gesamte Bahnhof wurde 1999 saniert. Vor allem die unterirdische Ebene wurde komplett umgebaut und mit einem Einkaufszentrum ausgestattet.

Die Sieben Schwaben von dem Bildhauer Hans-Georg Damm wurden 1978 auf dem Mittelstreifen des Hohenzollerndamms aufgestellt. Vor dem Rathaus wurde am 5.3.1987 eine britische Telefonzelle in Betrieb genommen, neben dem Eingang ist ein britischer Briefkasten angebracht – beides Geschenke unseres Partnerbezirks Sutton in London.
Die Reliefstele im Durchgang unter dem Rathaus Wilmersdorf an der Barstraße wurde zum Europatag 1972 von Reinhold Hommes geschaffen. Sie soll die Verbundenheit Wilmersdorfs mit seinen Partnerstädten symbolisieren.

Wir gehen jetzt über den Fehrbelliner Platz, vorbei am Landesverwaltungsamt links in die Sächsische Straße zur Robert-Jungk-Gesamtschule, wo wir von der Schulleiterin Frau Dr. Ruth Garstka, erwartet werden. Sie will uns ihre Schule vorstellen.

Sächsische Straße
Die Sächsische Straße wurde 1892 nach dem früheren Königreich und heutigen Freistaat Sachsen benannt.

Die Robert-Jungk-Gesamtschule, 11.11.2006, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Nr.58 Robert-Jungk-Gesamtschule
Die Robert-Jungk-Gesamtschule wurde 1973 als 1. Oberschule Wilmersdorf gegründet und in einem neu gebauten Mittelstufenzentrum zwischen der Sächsischen Straße und der Emser Straße untergebracht. 1989 musste sie ihr Gebäude wegen Asbestbelastung verlassen. Die Gesamtschule zog in ein älteres Schulgebäude in der Pfalzburger Straße 23. Aus dem ursprünglich für ein Jahr geplanten Provisorium wurden 13 Jahre. 1992 begann die Asbestentsorgung in dem 1973 gebauten Schulhaus, das 1994 endgültig unter strengen Sicherheitsvorkehrungen abgerissen wurde. Im Mai 1999 wurde der Grundstein für den Neubau gelegt und die Schule nach dem Zukunftsforscher Robert Jungk benannt. Er hat von 1913 bis 1994 gelebt und sich unter anderem aktiv gegen die Atombombe und gegen den Bau von Kernkraftwerken engagiert. Im Mai 2002 wurde der 4geschossige Neubau eröffnet. Es war das letzte große Gebäude, das komplett von eigenen Architekten des Bauamtes im Bezirksamt Wilmersdorf entworfen wurde. Der Neubau ist behindertengerecht gestaltet. In Integrationsklassen werden behinderte und nicht behinderte Schülerinnen und Schüler gemeinsam von zwei Lehrern unterrichtet. Schülerinnen und Schüler aus mehr als 20 Ländern lernen zusammen in der Ganztagsschule. Im Frühjahr 2004 erhielt die Robert-Jungk-Oberschule die Genehmigung zum Ausbau einer gymnasialen Oberstufe.
Die Verbindung zu Polen wird durch Polnisch als zweite Fremdsprache gefördert, und seit dem Schuljahr 2005/2006 ist die Gesamtschule Staatliche Europaschule für Polnisch.

Emser Straße
Die Emser Straße wurde 1892 benannt nach Bad Ems, einer Kreisstadt des Rhein-Lahn-Kreises. Die Stadt ist eng mit der preußischen Geschichte und mit der Vorgeschichte des 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreichs verbunden. Die Stadt wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts zum beliebten Badeort des deutschen Hochadels und von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft. 1870 provozierte Fürst Bismarck den Deutsch-Französischen Krieg, indem er einen schriftlichen Bericht über die Verhandlungen des preußischen Königs Wilhelm I. mit dem französischen Botschafter Benedetti so zuspitzte und veröffentlichte, dass sie von Frankreich als Beleidigung empfunden werden musste. Frankreich erklärte daraufhin Preußen den Krieg, und der Bericht ging als “Emser Depesche” in die Geschichte ein.

Gegenüber dem Schulgelände befand sich bis vor wenigen Jahren die Kleingartenkolonie Emser Platz. Inzwischen wurde das Kleingartengelände bebaut.
Auf dem Emser Platz wurde Anfang 2000 die Seniorenresidenz Nova Vita eröffnet – direkt neben der privaten Klinik für plastische und unfallplastische Laser-Chirurgie “Clinica Vita”, die 1999 eröffnet wurde.

Link zu: Am Logenhaus, 11.11.2006, Foto: KHMM
Am Logenhaus, 11.11.2006, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Nr.12/13 Logenhaus
Der Hausherr des Logenhauses, Destriktsmeister von Berlin-Brandenburg, Martin Günther, stellt uns sein Haus vor. Wenn ich richtig informiert bin wurde er als Hausherr gewählt. Leider können wir das Haus wohl nicht besichtigen, weil gerade ein Kongress darin stattfindet. Um so mehr danke ich Herrn Günther für seine Bereitschaft, uns etwas über die Geschichte und die gegenwärtige Funktion des Hauses zu erzählen, und vielleicht ergibt sich ja doch noch die Möglichkeit, einen Blick hineinzuwerfen. Ansonsten gibt es aber immer wieder auch öffentliche Veranstaltungen und Ausstellungen zu denen das Haus besucht werden kann, darunter die Weinmesse, die Teddymesse und die Kamerabörse.
Das Haus wurde 1911-13 von Max Grünfeld als Vereinshaus der Provinzial-Großloge erbaut und am 19.11.1913 eingeweiht. Es ist ein Mauerwerksbau mit teilweiser großflächiger Natursteinverkleidung. Bemerkenswert sind zwei bronzene Leuchter beidseitig des Doppelportals. Über dem Portal befindet sich ein Emblem mit dem Abbild zweier Kinder und den Freimaurersymbolen Zirkel und Lineal, sowie dem Namen “Logenhaus Berlin”.
Im Nationalsozialismus wurden die Freimaurer-Logen verboten, das Haus wurde beschlagnahmt und Sitz einer Gestapo-Stelle. Nach schweren Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus 1958 durch Oberbaurat Wischmann wieder hergestellt und 1974/75 von Rudolf Moegelin umgebaut und neu gestaltet.
Das Haus wurde später aufgestockt und im Inneren stark verändert. Es ist Sitz verschiedener Freimaurerlogen und Veranstaltungszentrum. 1999 wurde hier die erste Frauenloge Deutschlands, die “Loge zur Humanität”, gegründet.

Link zu: Vor der Johann-Peter-Hebel-Grundschule, 11.11.2006, Foto: KHMM
Vor der Johann-Peter-Hebel-Grundschule, 11.11.2006, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Nr.50 Johann-Peter-Hebel-Grundschule
Der Schulleiter, Herr Moje, ist heute leider nicht in Berlin, sonst hätte er uns seine Schule gerne selbst vorgestellt, aber er hat auf der Website der Schule im Internet ausführlich die Geschichte seiner Schule beschrieben. Vielleicht können wir bei einem späteren Kiezspaziergang die Schule auch einmal innen besichtigen.

Das Schulhaus wurde 1909-10 von Otto Herrnring gebaut und am 1. April 1910 als Fichte-Realgymnasium für Jungen eingeweiht. Von 1910 bis 1914 gab es ein Kuriosum auf dem Schulgelände. Auf dem heutigen Fußballplatz stand eine Fregatte der Kaiserlichen Marine in voller Größe auf dem Trockenen und diente als Schulschiff der Ausbildung der Fichte-Schüler zu Seekadetten. Das Schiff war 36 Meter lang und 18 Meter hoch. Es hatte zwei Masten mit voller Besegelung, Rettungsboote und allerhand Kanonen an Bord. Zwei Offiziere im Ruhestand lebten an Bord und leiteten die Ausbildung. Auf dem ersten Kriegsschiff auf deutschem Boden (also nicht im Wasser) wurde natürlich auch geschossen – mit Platzpatronen. Später wurde dieser Platz zur Kunsteisbahn. Heute gibt es auf dem Sportplatz bauliche Probleme, die wegen Geldmangels leider in diesem Jahr nicht behoben werden können.
Ein Schüler des Fichte-Realgymnasiums für Jungen war Marcel Reich-Ranicki. Er hat hier als einer der letzten jüdischen Schüler 1938 sein Abiturzeugnis erhalten.
Im Zweiten Weltkrieg zerstörte eine Fliegerbombe Teile des Daches mit einem schönen Uhrturm.
Bis 1949 wurden die meisten baulichen Schäden beseitigt, die Aula konnte aber erst 1963 wieder in Betrieb genommen werden. Untergebracht wurde hier jetzt die Fichte-Hauptschule. Für diese wurde das Gebäude wegen abnehmender Schülerzahlen zu groß. Deshalb zog 1990 die Johann-Peter-Hebel-Grundschule ein.
Die Anfänge der Johann-Peter-Hebel-Schule liegen in den dreißiger Jahren und in der Nachodstraße 17, dort wo heute an der Ecke Bundesallee das Hochhaus der Investitionsbank Berlin steht. In den dreißiger Jahren also wurde im damaligen Bezirk Wilmersdorf in der Nachodstraße 17 die II. Volksschule gegründet. Das Haus fiel im Zweiten Weltkrieg einem Fliegerbombenangriff zum Opfer.
Ein prominenter Schüler der damaligen Johann-Peter-Hebel-Schule war Vicco von Bülow alias ‘Loriot’. Er beschreibt seine Grundschulzeit so:
“Leider nahm das Eheglück meiner Eltern ein frühes Ende. Ich verließ Brandenburg und fand mit meinem ein Jahr jüngeren Bruder für sieben Jahre Aufnahme bei zwei alten Damen, meiner Großmutter und meiner Urgroßmutter, die beide nach dem Verlust ihrer Ehemänner in Berlin-Wilmersdorf, Pariser Straße 55, zusammenlebten.
Schräg gegenüber wohnten Weizsäckers. Sie sind uns seinerzeit nicht aufgefallen, wohl weil der Bundespräsident damals erst etwa zehn Jahre als war. Im Jahre 1930 reifte in der Familie der Entschluss, mich zur Schule zu schicken. Nicht, weil man sich Besonderes davon versprach.
Aber – das sage ich nicht ohne Stolz – auch meine Eltern haben eine Schule besucht. Im übrigen war die zuständige Volksschule, der ich meine bescheidenen Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen verdanke, günstig gelegen. Sie befand sich keine zehn Minuten entfernt in der Nachodstraße 17.
Berliner Straßennamen waren seit je das unverzichtbare Fundament volksnaher Allgemeinbildung. So lässt also der Straßenname “Nachod” damals wie heute das Herz jedes sechsjährigen Grundschülers höher schlagen. Erinnert er doch an eine böhmische Kleinstadt, in deren Nähe am 27. Juni 1866 die Österreicher eine empfindliche Niederlage erlitten. Allerdings befindet sich in der Nachodstraße jetzt keine Schule mehr, sie wurde 1943 aus der Luft zerstört. Merkwürdigerweise nicht durch die Österreicher.”
Richard von Weizsäcker hat übrigens im damaligen Bismarck-Gymnasium in der Pfalzburger Straße 30 sein Abitur gemacht. Dort ist heute das Oberstufenzentrum Körperpflege untergebracht.
Nach dem Krieg bezog die Johann-Peter-Hebel-Schule zunächst ein ‘Notquartier’ hier im Schulhaus Emser Str. 50, wurde danach aber gemeinsam mit der Cäcilien-Grundschule im vormaligen Lyzeum für Mädchen am Nikolsburger Platz 5 untergebracht. Bei ständig steigenden Schülerzahlen wurde es für die beiden Schulen sehr eng. 1989 lernten über 700 Schüler unter einem Dach. 1990 zog die Johann-Peter-Hebel-Grundschule dann in dieses Gebäude, in dem bis dahin die Fichte-Hauptschule untergebracht war.
Heute werden hier 530 Kinder in 21 Klassen unterrichtet, davon 67 ausländische Kinder aus 28 Nationen.

Link zu: Am Ludwigkirchplatz, 11.11.2006, Foto: KHMM
Am Ludwigkirchplatz, 11.11.2006, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Ludwigkirchplatz
Der Platz wurde benannt bei der Grundsteinlegung für die Kirche am 29.6.1895. Der repräsentative Schmuckplatz vor der Kirche mit der malerischen Fontaine wurde 1983 nach dem historischen Vorbild gestaltet. Der Platz hinter der Kirche wurde 1989 umgestaltet. Damals wurde die Versiegelung des Platzes kritisiert. Es gab Anwohnerproteste wegen des Lärms der Skateboarder. Inzwischen wurde aber auch dieser Platz angenommen. Er erscheint als ideale Ergänzung zum Spielplatz. Alles was Räder hat wird hier immer wieder mehr oder weniger geschickt erprobt.
Der Kiez rund um den Ludwigkirchplatz ist Teil des City-Bereichs südlich des Kurfürstendammes. Und das bedeutet natürlich für die Anwohner, dass sie mit den Begleitumständen einer City zurecht kommen müssen. Hier haben die Lokale bis lange in die Nacht hinein geöffnet, und viele von ihnen werden gut besucht. Parkplätze sind Mangelware, und nachts tobt das Leben oft auch auf den Straßen.

Kirche St. Ludwig
Wir haben die Kirche St. Ludwig bereits einmal besichtigt bei unserem Kiezspaziergang im August 2004. Deshalb heute nur die wichtigsten Informationen: Die katholische Kirche St. Ludwig wurde 1891 konzipiert als Ludwig-Windhorst-Gedächtniskirche. Sie wurde seit 1896 von August Menken im Zentrum des Hopfenbruches errichtet. Das war ein sumpfiges Gebiet zwischen Charlottenburg und Wilmersdorf. Der Kurfürstendamm durchzog dieses Gebiet als befestigter Knüppeldamm für die kurfürstlichen Reiter, die vom Berliner Stadtschloss zum Jagdschloss Grunewald gelangen wollten.
Die Kirche erhebt sich über dem ehemaligen Hauptgraben, der auch “Schwarzer Graben” genannt wurde. Er durchzog das Gebiet in Ost-West-Richtung, etwa in der Achse der heutigen Pariser Straße. Vor allem in seiner Spätphase roch dieser Graben äußerst unangenehm. Er wurde im Zuge des Ausbaus des Kurfürstendammes zum Boulevard kanalisiert. Das gesamte Gebiet rund um den Ludwigkirchplatz wurde noch vor dem Ersten Weltkrieg bis etwa 1912 vollständig bebaut.

Die Kirche ist eine neugotische dreischiffige, kreuzförmige Basilika mit roter Ziegelverblendung. Das Gebäude ist lebhaft gegliedert durch zahlreiche Anbauten und Türmchen. Einweihung war am 29.6.1897. Die Kirche wurde 1943 beschädigt, 1955 und 1961 wiederhergestellt.
Die Kirche der katholischen Gemeinde wurde im gleichen Jahr 1897 eingeweiht wie die evangelische Mutterkirche Wilmersdorfs, die Auenkirche an der Wilhelmsaue. St. Ludwig erhielt ihren Namen im Gedenken an den Zentrumspolitiker und Reichstagsabgeordneten Ludwig Windthorst, der den Bau der Kirche initiierte und gegen viele Widerstände durchsetzte. Damals galt in Preußen die Regel der Kaiserin Auguste-Viktoria (“Kirchen-Juste”), dass katholische Kirchen nicht frei stehen, sondern in die Häuserfront eingebaut werden sollten (z.B. Heilig Kreuz in der Hildegardstraße), um gegenüber der evangelischen “Staatskirche” entsprechend zurückgesetzt zu sein.
Der Name der Kirche bezieht sich aber auch auf den Namenspatron Windthorsts, Ludwig IX, den Heiligen, König von Frankreich 1214-1270. Er wurde 1297 heilig gesprochen. Nach einer Legende soll ein Ritter von Willmerstorff ihm während eines seiner beiden Kreuzzüge das Leben gerettet haben und als Dank dafür mit dem Wappen der Bourbonen mit den drei Lilien ausgezeichnet worden sein. Deshalb findet sich das Liliensymbol in der Kirche an vielen Stellen wieder: in den Mosaiken des Altarraums, an den Leuchterbänken, an der Monstranz und auf einigen Messgewändern. Es wurde von der Großstadt Wilmersdorf, später vom Bezirk Wilmersdorf und jetzt auch von dem neuen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf in das Wappen übernommen.
Wie bereits vorhin erwähnt hat mich der ehrenamtliche Chronist der Pfarrgemeinde St. Ludwig, Herr Knut Müßig informiert, dass heute um 17.00 Uhr hier auf dem Ludwigkirchplatz der traditionelle St. Martins-Umzug der Gemeinde beginnt. Nach einem kurzen Martinsspiel rund um den Brunnen setzt sich der Zug mit dem Heiligen Martin auf seinem Pferd an der Spitze und von Bläsergruppen begleitet in Richtung evangelische Kirche am Hohenzollernplatz in Bewegung, wo er von einem Martinsfeuer und Glühwein erwartet wird. In den letzten Jahren haben etwa 1.500 Kinder, Eltern, Großeltern und sonstige Besucher an dieser ökumenischen Veranstaltung teilgenommen. Wenn Sie in diesem Jahr daran auch teilnehmen möchten, können Sie entweder gleich hierbleiben oder noch mitkommen bis zum Hotel Berlin Plaza, wo es ebenfalls Glühwein und Kaffee geben wird, und dann wieder hierher zurückkehren. Der Weg dürfte in 5 Minuten zu schaffen sein.

Link zu: Stiftung Wissenschaft und Politik, 11.11.2006, Foto: KHMM
Stiftung Wissenschaft und Politik, 11.11.2006, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Ludwigkirchplatz 3-4
Das Gebäude wurde 1901 als “Kaiserliches Aufsichtsamt für Privatversicherungen” gebaut, später Reichsaufsichtsamt für das Versicherungswesen und Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen. 2002 zog dieses nach Bonn, und seit 2002 ist hier das Deutsche Institut für Internationale Politik und Sicherheit der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Stiftung wurde 1962 in München auf private Initiative gegründet.
1965 beschloss der Deutsche Bundestag den Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zu dieser Stiftung, die seit Januar 2001 in Berlin ansässig ist. Die Stiftung mit ihrem Institut ist eine unabhängige wissenschaftliche Einrichtung, die den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung berät.

Link zu: Haus des C.-V. und des Philo-Verlags, 11.11.2006, Foto KHMM
Haus des C.-V. und des Philo-Verlags, 11.11.2006, Foto KHMM Bild: Bezirksamt

Emser Straße 42 / Pariser Straße 44: C.V. und Philo-Verlag

Der gesamte Baukomplex zwischen Emser Straße 40-47, Düsseldorfer Straße 17-18 und Pariser Straße 44 wurde 1930 von E. Paul Hetzer gebaut und steht unter Denkmalschutz. Es ist ein typischer 20er Jahre Bau der Neuen Sachlichkeit. In den Neubau zog 1930 die größte jüdische Organisation Deutschlands mit ihrer Hauptgeschäftsstelle ein, der 1893 gegründete Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, C.-V. mit seinem Philo-Verlag.
Wie Sie wissen haben wir vor zwei Tagen am 9. November der Pogromnacht des 9. November 1938 gedacht. Dazu haben wir in Charlottenburg-Wilmersdorf besonderen Anlass, denn in diesen beiden Bezirken Berlins war der Anteil jüdischer Bevölkerung in den 20er und 30er Jahren am höchsten. 1933 waren es in Charlottenburg mit 27.000 rund 8 Prozent der Bevölkerung und in Wilmersdorf mit ebenfalls knapp 27.000 sogar knapp 14 Prozent der Bevölkerung. Viele von ihnen sind geflohen oder wurden vom Bahnhof Grunewald aus in die Vernichtungslager deportiert. Nur wenige konnten im Untergrund überleben wie Inge Deutschkron oder Hans Rosenthal.
Dieses Haus ist ein besonders geeigneter Ort, um daran zu erinnern, denn der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens setzte sich für eine möglichst vollständige Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft ein. Mit seinen vielfältigen Publikationen versuchte er, in Deutschland über das Judentum aufzuklären und gegen Vorurteile anzukämpfen, unter anderem mit der C.-V.-Zeitung, die in hoher Auflage in ganz Deutschland erschien.
Für seine Publikationen hatte der C.-V. den Philo-Verlag gegründet und gab unter dem Titel “Anti-Anti” eine Loseblatt-Sammlung heraus, die ständig ergänzt und aktualisiert wurde. Hier wurden antisemitische Vorurteile benannt und mit sachlichen Argumenten widerlegt. Auch nach 1933 gab man im C.V. die Hoffnung nicht auf, sondern arbeitete weiter und versuchte, Wissen an die Stelle von Vorurteilen zu setzen. 1935 erschien das Philo-Lexikon. Es war ein einzigartiges Nachschlagewerk zum Judentum und insbesondere zum jüdischen Leben in Deutschland.
Wir wissen heute, dass all diese Bemühungen leider nichts genützt haben. 1935 musste der C.V. sich umbenennen in “Centralverein der Juden in Deutschland”, denn “deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens” durfte es nicht mehr geben. Nach der Pogromnacht des 9. November 1938 wurde der C.-V. und der Philo-Verlag aufgelöst und verboten, und die Büros in diesem Haus wurden geschlossen.
Heute gibt es wieder ein Philo-Lexikon. Es ist als “Handbuch des jüdischen Wissens” im Suhrkamp-Verlag erschienen. Es erläutert auch heute wieder verständlich und prägnant Grundbegriffe aus Religion, Tradition, Geschichte und Kulturgeschichte der Juden. Es erschließt in sach- und personenbezogenen Stichworten die jüdische Welt von A bis Z, von ihren Anfängen bis in die Zeit der Moderne, mit besonderem Schwerpunkt auf dem deutschen Sprach- und Kulturkreis.
In der Verlagswerbung heißt es: »Das Philo-Lexikon soll ein Wegweiser durch alle Gebiete jüdischen Wissens aus Vergangenheit und Gegenwart sein. Es ist der Versuch, auf knappem Raume über all das zu unterrichten, was das Judentum umschließt.«
Heute gibt es auch wieder einen Philo-Verlag. Er will insbesondere auf das jüdische Erbe Europas aufmerksam machen. Denn die Kultur- und Geistesgeschichte Europas ist nicht zu denken ohne die jüdische Geistigkeit. Als Motto hat der neue Philo-Verlag ein Zitat von dem deutsch-jüdischen Philosophen Theodor W. Adorno gewählt: “Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.”

Die Gedenktafel an der Pariser Str.44 wurde am 8.11.1988 enthüllt:

In diesem Hause befanden sich
seit 1930 bis zu ihrem Verbot vom 9.November 1938
der 1893 gegründete
C.-V. (CENTRALVEREIN DEUTSCHER
STAATSBÜRGER JÜDISCHEN GLAUBENS)
(Emser Straße 42) und der ihm gehörende
PHILO-VERLAG
(Pariser Str. 44)
Der C.-V., die größte jüdische Organisation in Deutschland,
vertrat beharrlich die staatsbürgerlichen Rechte der deutschen
Juden. Er gehörte zu den Vorkämpfern gegen Antisemitismus und
Nationalsozialismus.
Emser Straße 39d: Gedenktafel für Edith Jacobssohn

Die Glastafel der Reihe “Mit Freud in Berlin” wurde enthüllt am 30.4.2005

Edith Jacobssohn (Jacobson)
10.09.1897 Haynau (Niederschlesien) – 08.12.1978 New York
Ärztin und Psychoanalytikerin.
Lebte von 1925 bis 1935 in Berlin.
Edith Jacobssohn unterstützte die Widerstandsgruppe “Neu Beginen” im Kampf gegen die Nationalsozialisten und wurde im Oktober 1935 verhaftet. 1938 gelang ihr die Flucht über Prag nach New York.
Vorsitzende der New York Psychoanalytic Society (1954 – 1956).
Sie gilt heute als führende Theoretikerin und Klinikerin der nachfreudianischen amerikanischen Psychoanalyse.

Finanziert wurde diese Tafel von Thekla Nordwind, Ulrike May und Analystischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.

Link zu: Loretta an der Lietzenburger Straße, 11.11.2006, Foto: KHMM
Loretta an der Lietzenburger Straße, 11.11.2006, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Lietzenburger Straße
Die Lietzenburger Straße wurde 1890 benannt. Lietzenburg war ursprünglich der Name vom heutigen Schloss Charlottenburg. Kurfürstin Sophie Charlotte hatte es nach dem Dorf Lietzow benannt, das 1720 nach Charlottenburg eingemeindet wurde.

Link zu: Berlin Plaza Hotel, 11.11.2006, Foto: KHMM
Berlin Plaza Hotel, 11.11.2006, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Knesebeckstraße
Die Knesebeckstraße wurde1866 nach dem preußischen General Karl Friedrich Freiherr von dem Knesebeck benannt. Er lebte von 1768 bis 1848.

Nr. 63 Berlin Plaza Hotel

Hotelier Frank Hägele hat uns mit einem Kiezspaziergang zu seinem Hotel eingeladen. Ich freue mich, dass dies heute geklappt hat und bedanke mich herzlich bei Herrn Hägele, der sich auch durch die große Zahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die wir ihm angedroht haben, nicht hat schrecken lassen.