Kiezspaziergang am 14.2.2004

durch Kalowswerder rund um den Mierendorffplatz

mit Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen
Treffpunkt: vor dem Rathaus Charlottenburg, Otto-Suhr-Allee 100

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herzlich willkommen zu unserem Kiezspaziergang im Februar. Nachdem wir im Januar einen Wilmersdorfer Kiez erkundet haben, wollen wir uns heute wieder einem Teil von Charlottenburg widmen. Dabei handelt es sich streng genommen um eine Insel. Wenn Sie in den Stadtplan schauen, werden Sie feststellen, dass sie eine fast quadratische Form hat und im Süden und Westen von der Spree begrenzt wird, im Norden vom Westhafenkanal und im Osten vom Charlottenburger Verbindungskanal. Kaum jemand kennt heute noch den alten Charlottenburger Stadtteil Kalowswerder. Dabei handelt es sich genau um diese Insel, zumindest um den Teil, den wir heute erkunden, der im Norden von der S-Bahn-Trasse begrenzt wird.

Bevor wir starten aber zunächst wie immer der Hinweis auf unseren nächsten Termin. Natürlich ist es wieder der zweite Sonnabend im Monat, dann also der 13. März, und da der 8. März der Internationale Tag der Frau ist, wollen wir uns auch beim Kiezspaziergang insbesondere bedeutenden Frauen in unserem Bezirk widmen. Und da nach unserem heutigen Ausflug nach Charlottenburg im März wieder Wilmersdorf dran ist, wollen wir uns am Roseneck treffen und einen Teil von Grunewald und Schmargendorf erkunden, in dem besonders viele jüdische Pädagoginnen gelebt und gearbeitet haben, aber auch andere Frauen wie Lou Andreas-Salomé und Vicki Baum. Treffpunkt ist am Sonnabend, dem 13. März, um 14.00 Uhr am Roseneck, Hohenzollerndamm Ecke Hundekehlestraße und Rheinbabenallee.

Über das Rathaus Charlottenburg habe ich bei anderen Kiezspaziergängen schon ausführlich gesprochen. Sie können das im Internet nachlesen: Unter www.charlottenburg-wilmersdorf.de haben wir alle Manuskripte der bisherigen Kiezspaziergänge veröffentlicht. Heute will ich nur noch einmal daran erinnern. Im nächsten Jahr wird das Rathaus 100 Jahre alt. Es wurde am 20. Mai 1905 eingeweiht, und damit war es ein Geburtstagsgeschenk, das die damalige Großstadt Charlottenburg sich zum 200. Geburtstag selbst machte. Wir werden also im nächsten Jahr nicht nur den 100. Geburtstag des Rathauses feiern, sondern auch den 300. Geburtstag Charlottenburgs.

Mehr will ich heute zum Rathaus nicht sagen, denn wir haben noch viel vor, und wir sind eingeladen zu drei Besichtigungsterminen: Gleich um die Ecke in der Wintersteinstraße 22 erwartet uns Hartmut Burba in seinem ToKa-ToHei-Indoor-Spielplatz, denn er uns präsentieren möchte. Dann wird uns gegen 15.00 Uhr Herr Szeklinski, der Vorsitzende Richter am Landgericht erwarten, um uns das Landgericht am Tegeler Weg zu zeigen. Und zum Schluss lädt uns Frau Thorau ein in die Gustav-Adolf-Kirche. Frau Thorau ist schon jetzt bei uns. Sie kennt die ganze Insel und weiß viel darüber zu berichten. Sie hat sich sehr darüber gefreut, dass dieser Kiez, der sonst eher selten beachtet wird, einmal von uns besucht wird. Vielleicht kann Frau Thorau uns im Laufe unseres Spazierganges an ihrem Wissen teilhaben lassen. Herzlich willkommen und vielen Dank für ihre Unterstützung.

Jetzt aber wollen wir uns auf den Weg machen zur Charlottenburger Insel. Wir gehen die Otto-Suhr-Allee bis zum Richard-Wagner-Platz. Wir biegen dann rechts in die Wintersteinstraße ein und gehen bis zur Hausnummer 22, kurz vor der Brücke, wo uns Herr Burba erwartet.

Otto-Suhr-Allee

Richard-Wagner-Platz

Wintersteinstraße

Die Wintersteinstraße wurde 1950 benannt nach dem Charlottenburger Stadtbaurat Prof. Hans Winterstein (1864-1946), der unter anderem die Westendschule gebaut hat. Die Straße hieß von 1824 bis 1950 Spreestraße.

Nr.20

Das Fassadengemälde von 1989 mit dem Titel “Phönix” von Gert Neuhaus, zeigt ein Schiff, das zwischen zwei Häusern hervorkommt. Gert Neuhaus verfremdet seit den 70er Jahren Hausfassaden.

Nr.22

Seit drei Jahren besteht hier der Indoor-Spielplatz ToKa-ToHei, der kürzlich in der BZ unter “Berlins schönsten Kinderzimmern” 4 Sterne erhalten hat. Herr Burba wird uns seinen Spielplatz vorstellen und sicher auch etwas zu seinen Plänen für ein Eis-Café an der Spree sagen.

Caprivibrücke

Die Brücke wurde 1900 auf Anregung der Charlottenburger Bürgerschaft als einfache Holzbrücke gebaut und 1902 benannt nach Leo Graf von Caprivi (1831 – 1899). Er war ein gebürtiger Charlottenburger und wurde Nachfolger Bismarcks als Deutscher Reichskanzler (1890-1894). Außerdem war er bis 1892 preußischer Ministerpräsident. Nach dem Ersten Weltkrieg, von August 1919 bis 1923 wurde die Holzbrücke durch eine Eisenbrücke ersetzt. Die dritte und vorläufig letzte Brücke an dieser Stelle wurde am 20. Juni 1956 dem Verkehr übergeben. Sie ist eine 80 m lange, 24 m breite Konstruktion aus Spannbeton. Die Inschrifttafel am Eisengitter nennt die Daten:

“Caprivi-Brücke, erbaut 1919-23, zerstört 1945, wiederaufgebaut 1954-55, Baukosten: 1,06 Millionen DM”

Die Caprivibrücke ist eine von 7 Straßenbrücken, die die Charlottenburger Insel mit dem umliegenden Festland verbinden. Außerdem gibt es 2 S-Bahnbrücken und 2 Fußgängerstege. Die U-Bahn unterquert direkt hier neben der Caprivibrücke die Spree und im Norden den Westhafenkanal. Auf der Insel gibt es den U-Bahnhof Mierendorffplatz und den S- und U-Bahnhof Jungfernheide.

Charlottenburger Ufer

Bereits auf einer Karte von 1874 ist das Charlottenburger Ufer eingezeichnet. Hier hat die Stadt Charlottenburg 1861 ihr erstes Gaswerk errichtet, insbesondere zur Verbesserung der Straßenbeleuchtung. Dem war eine mehr als 10jährige Auseinandersetzung vorausgegangen. Charlottenburg hatte in dieser Zeit um 1850 rund 10.000 Einwohner und große Finanzprobleme. Sowohl der Magistrat von Berlin, die Polizei und die Königlich Preußische Regierung verlangten von der Stadt mehrmals, endlich für eine Verbesserung der Straßenbeleuchtung zu sorgen. Der Charlottenburger Magistrat bat immer wieder um Aufschub, weil die Kosten zu hoch waren. In einer Eingabe vom 20. Juni 1854 an die Königliche Regierung hieß es beispielsweise; eine große Schuldenlast sei vorhanden und viel dringendere Aufgaben, wie die Errichtung eines neuen Schulhauses und die Erweiterung des Krankenhauses erheischten große Ausgaben. Zu einer Erhöhung der Kommunalsteuern dürfe aber nur im äußersten Falle gegriffen werden; schon jetzt wären die Beträge nur mit großer Anstrengung aufzutreiben, eine Erhöhung derselben möchte vielmehr “die Zugrunderichtung der Steuerprlichtigen” bewirken.

Die Regierung antwortete daraufhin am 10. Juli, dass die vorgebrachten Gründe durchaus nicht stichhaltig seien, “der Magistrat solle vielmehr darauf Bedacht nehmen, die erforderlichen Mittel durch Ersparnisse im städtischen Haushalte zu gewinnen.”

Diese Art der Auseinandersetzung erscheint uns heute sehr vertraut. Aber nach vielem Hin und Her kam es dann 1861 zur Eröffnung der Gasanstalt. Diese war nach weniger als 30 Jahren viel zu klein geworden, denn in diesen Jahren wuchs Charlottenburg von 10.000 auf etwa 80.000 Einwohner. Deshalb wurde im nördlichen Bereich der Insel Kalowswerder an der heutigen Gaußstraße ein neues Gaswerk Charlottenburg gebaut. Über den Charlottenburger Verbindungskanal hatte auch dieses einen Anschluss an die Wasserwege.

Am Spreebord

1909 benannt. Auf einer Karte von 1835 war an dieser Stelle des Ufers der Spree “Spree Port” eingezeichnet. “Port” bedeutete Hafen. Daraus wurde im Verlauf der Zeit “Spreebord”.

Kraftwerk Charlottenburg

Die Maschinenhalle des Kraftwerks wurde 1899/1900 von Georg Klingenberg als roter Ziegelbau mit weißen Putzfeldern gebaut. Die ursprünglichen Kegeldächer der Ecktürme wurden entfernt. Gleichzeitig wurde der Siemenssteg als Fußgängerweg über die Spree gebaut, eine Metallkonstruktion mit Sandsteinrahmungen. Für das Kraftwerk gab es mehrfach Erweiterungsbauten: 1925 ein Schalthaus im Stil der neuen Sachlichkeit, 1953 Abriss des alten und Bau eines neuen Kesselhauses als vertikal gegliederter Kubus. 1989 Rauchgasentschwefelungsanlagen und 1994 die großen Rauchgasentstickungsanlagen, die seither den gesamten Bau dominieren.

Bei dem Kraftwerk handelt es sich um eine frühe Kraft-Wärme-Kopplungsanlage. Die Errichtung eines eigenen Kraftwerkes für die Stadt Charlottenburg erfolgte durch Magistratsbeschluss von 1898. Die erste Heizwärme floss in das Rathaus Charlottenburg. Die Kraftwerksanlage wurde errichtet durch die Frankfurter Firma Lameyer & Co. Die Generatoren wurden durch Kolbendampfmaschinen angetrieben. Die dafür benötigten Kohle wurde über die Spree angeliefert.

Mit dem 1891 eröffneten Gaswerk an der Gaußstraße und dem Kraftwerk hier am Spreebord wurde Kalowswerder zum wichtigsten Standort für die Energieversorgung Charlottenburgs.

1922 wurde das Kraftwerk in die “Berliner Städtischen Elektrizitätswerke” eingegliedert und 1925/26 umgebaut zum ersten deutschen Hochdruck-Großkraftwerk mit Hochdruckturbinen. Hier wurde das erste Fernheiznetz Berlins eingerichtet. 1954-66 wurde neben dem mit Wasserdampf als Wärmeträger arbeitenden Heiznetz zusätzlich ein Heißwasser-Heiznetz eingerichtet. 2001 kam das Ende des “Dampfkraftwerkes” mit der Stillsetzung des letzten der drei kohlebefeuerten Dampfblöcke. Die heutige Anlage arbeitet mit drei leichtölgefeuerten Gasturbinen. Für die nicht mehr benötigten Gebäudekomplexe wird nach einer neuen Nutzung gesucht.

Sömmeringstraße

Die Sömmeringstraße wurde 1902 benannt nach dem Arzt und Naturforscher Samuel Thomas von Sömmering (1755-1830).

Sömmeringstr. 29 Sporthalle Charlottenburg

Bis 1960 war es ein Konkurrenzkampf zwischen Charlottenburg und Wilmersdorf und umstritten, ob eine große Sporthalle neben dem Stadion am damaligen Lochowdamm in Wilmersdorf, der heutigen Fritz-Wildung-Straße, oder hier an der Sömmeringstraße gebaut würde. Kurz nach dem Mauerbau 1961 wurde dann hier der Grundstein gelegt für den bis dahin größten Sporthallenbau Berlins nach dem Krieg. Der “Kleine Sportpalast”, wie es damals hieß, sollte Plätze für 2.200 Zuschauer bieten. Die 55 mal 25 Meter große Spiel- und Sportfläche kann verkleinert werden, so dass dann weitere 1.000 Zuschauer Platz finden. Die ursprünglich auf 2,2 Millionen DM veranschlagten Kosten erhöhten sich beträchtlich auf 3,5 Millionen, unter anderem durch die Entdeckung, dass der Baugrund im Urstromtal der Spree so schlecht war, dass die Halle auf etwa 150 dicken Stahlpfählen errichtet werden musste. Eingeweiht wurde die Halle schließlich am 31. Oktober 1964.

Inzwischen ist die Halle als “Sömmering-Halle” bekannt und beliebt für sportliche und manchmal auch andere Großveranstaltungen.

Nordhauser Straße

Die Nordhauser Straße wurde 1909 benannt nach der Stadt am Südrand des Harzes

Mierendorffstraße

Die Mierendorffstraße wurde 1950 nach dem Politiker und Widerstandskämpfer Carlo Mierendorff benannt. Davor war sie Bestandteil der Kaiserin-Augusta-Allee. Der 1897 in Großenhain in Sachsen geborene Carlo Mierendorff kehrte aus dem Ersten Weltkrieg als Pazifist heim und wurde 1930 Reichtstagsabgeordneter der SPD. Im März 1933 floh er nach einer Hausdurchsuchung für 14 Tage in die Schweiz, kehrte aber zurück und wurde am 13. Juni 1933 in Frankfurt/Main verhaftet. Bis zum Juni 1938 war er in verschiedenen Konzentrationslagern und im Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin inhaftiert. Nach seiner Entlassung ging er als Mitglied des Kreisauer Kreises in den Widerstand. Am 4. Dezember 1943 kam er in Leipzig bei einem Bombenangriff ums Leben.

Mierendorffstr. 30: Gedenktafel

An dem Haus Mierendorffstraße 30 erinnert eine Gedenktafel an Carlo Mierendorff, die 1983 von der Hochschule der Künste gestiftet und an ihrem Gebäude angebracht wurde:

Dem Andenken an
Carlo Mierendorff
1897 – 1943
Nationalökonom und SPD – Reichsabgeordneter
Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime
Verbindungsmann der SPD zur
Widerstandsgruppe “ Kreisauer Kreis”
Hochschule der Künste Berlin

Mierendorffstr. 20-24: Mierendorff-Grundschule

Im Oktober 1893 bezog die 5. Gemeindeschule mit 14 Klassen das neue Schulhaus an der damaligen Kaiserin-Augusta-Allee 4a. Die durchschnittliche Klassenfrequenz lag damals bei 47 Kindern. 1894 wurden vier weitere Klassen eröffnet. Im Dezember 1902 wurde eine Elementar-Schifferkinderklasse mit 43 Kindern eröffnet. Die Kinder stammten von Familien, die mit ihren Frachtkähnen am nahen Spreeufer vor Anker lagen. Im Jahr 1917 war die Schule übrigens in den Monaten Februar und März wegen Kälteferien geschlossen. 1931 wurde im Rahmen drastischer Sparmaßnahmen infolge der Brüningschen Notverordnungen die 5. Gemeindeschule mit der 6. Gemeindeschule zu einer gemischten Schule vereinigt.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Schule erheblich beschädigt, die Turnhalle zerstört. Nach dem Krieg 1945 wurde zunächst das Dach wieder instand gesetzt. 1954 wurde die Schule nach Carlo Mierendorff benannt.

Am 20 Juni 2003 haben wir an der Schule eine Gedenktafel für Carlo Mierendorff enthüllt, die nun auch die Schülerinnen und Schüler über den Namensgeber ihrer Schule informiert:

Diese Schule wurde am 25.10.1954 benannt nach
Carlo Mierendorff
23.3.1887 – 4.12.1943
Volkswirt und Politiker
1930-33 Reichtagsabgeordneter der SPD.
1933-38 von den Nationalsozialisten inhaftiert.
Als Mitglied des Kreisauer Kreises aktiv
im Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
Starb bei einem Bombenangriff in Leipzig.

Mindener Straße

Die Mindener Straße wurde 1906 benannt nach der nordrhein-westfälischen Kreisstadt. Wilmersdorf hat 1968 eine Partnerschaft mit Minden geschlossen, die seit der Bezirksfusion vom neuen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf weiter gepflegt wird.

Mindener Str..1Katholische Kirche Mariä Himmelfahrt

Eine zu Beginn der 20er Jahre geplante Kirche an dieser Stelle wurde aus Geldmangel nicht gebaut. Aber am 15. 8. 1926 weihte Prälat Lichtenberg eine bescheidene Kapelle ein. Die heutige Kirche wurde 1964-66 von Alfons Boklage gebaut, und zwar als Nachfolgebau der zuvor abgerissenen Kapelle aus den zwanziger Jahren. Es ist eine Vierflügelanlage in geschlossener Bebauung. Neben Sichtbetonbalken und verglasten Betonformsteinen gibt es eine Verblendung mit rotbraunen holländischen Handstrichziegeln. Die Kirche dient als Gotteshaus für die italienisch-sprachigen Katholiken, um die sich Pfarrer Alfio Guido Bordiga kümmert. Die Kirche steht als eine von sechs katholischen Kirchen in Berlin zum Verkauf. Sie soll wegen der Verschuldung der katholischen Kirche Berlins aufgegeben werden. In der Presse konnte man lesen, dass die Verkaufsgespräche mit der rumänisch-orthodoxen Kirche kurz vor dem Abschluss stehen.

Die Insel Kalowswerder wurde erst relativ spät in größerem Stil bebaut, und zwar in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Zunächst gab es nur eine einzige Brücke, und zwar eine Zugbrücke, die heutige Schlossbrücke, die Kalowswerder mit der Stadt Charlottenburg verband. König Friedrich Wilhelm II betrachtete das Gelände als eine Art erweiterten Schlossbezirk und wollte vom Schloss her freie Aussicht behalten. Im 19. Jahrhundert nannte man das Gebiet “Über der Spree”, womit die Sicht aus der Schlossperspektive gemeint war. So wurden zunächst lediglich Holzplätze und Holzhandlungen hier geduldet. Später entstanden einige kleinere Produktionsanlagen wie etwa die Gottschalk’sche Zichorienfabrik und eine Ätherfabrik der Firma Schering.

Die Kaiserin-Augusta-Allee wurde 1848 von einer privaten Aktiengesellschaft angelegt. Sie verlief hier entlang der heutigen Mierendorffstraße bis zur Schlossbrücke. Für ihre Benutzung wurde an der Einmündung der Wiebestraße ein Chausseegeld erhoben. 1865 erwarb die Stadt Berlin die Chaussee und verpachtete sie. Berlin kassierte also indirekt Wegezölle auf Charlottenburger Gebiet. Erst 1893 übernahm die Stadt Charlottenburg die Straße in Ihr Eigentum um schaffte die lästige Straßenbenutzungsgebühr ab.

Eine Voraussetzung für die Bebauung im großen Stil war die Verkehrserschließung und die Kanalisation. Ein wichtiges Datum dafür war der 1. Mai 1894, an dem der Bahnhof Jungfernheide eröffnet wurde. Damit hielt zum ersten Mal ein Zug in Kalowswerder. Zunächst allerdings stiegen hier vor allem die Leute aus, die am Wochenende die Jungfernheide besuchen wollten. Aber der Bahnhof war eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Justizverwaltung das Angebot Charlottenburgs annahm, ein Grundstück am Tegeler Weg kostenlos zur Verfügung zu stellen für den Bau des Landgerichts. Die Stadt versprach sich davon einen Aufschwung des Stadtteils, und sie sollte Recht behalten. Der Bau des Landgerichts von 1901 bis 1906 und der damit verbundene Straßenbau und Anschluss an die Kanalisation sorgten dafür, dass in der Folge bis 1914 das Viertel zwischen dem Tegeler Weg und der heutigen Mierendorffstraße an der Osnabrücker Straße, Mindener Straße, Tauroggener Straße und Kamminer Straße mit Mietshäusern bebaut wurden. Das Ensemble ist für die Gestaltung des Mietshausbaus kurz für dem Ersten Weltkrieg beispielhaft, und da die Kriegsschäden hier nur gering waren kann man es bis heute erleben. Besonders an der Kaiserin-Augusta-Allee entstand eine durchgehende Bebauung. An den anderen Straßen blieben Baulücken, die erst in den zwanziger und dreißiger Jahren ausgefüllt wurden. Sie können also jetzt auf unserem Weg zum Landgericht rechts und links betrachten, was in der Folge des Baues dieses Gerichtsgebäudes entstand.

Tauroggener Straße

Die Tauroggener Straße wurde 1892 benannt nach der litauischen Kreisstadt. Der Ort gehörte von 1691 bis 1793 zu Preußen. Er wurde bekannt durch die Konvention von Tauroggen, mit der sich Preußen und Russland gegen Napoleon verbündeten.

Kamminer Straße

Die Kamminer Straße wurde 1906 benannt nach der 6 km von der Ostseeküste entfernt gelegenen polnischen Stadt Kammin. Die Stadt kam 1648 zu Schweden und 1679 zu Brandenburg, nach dem Zweiten Weltkrieg zu Polen.

Tegeler Weg

Der Tegeler Weg wurde 1884 benannt, zuvor hieß er “Weg nach Spandau”. 1955 erhielt der nördliche Teil des Tegeler Weges den Namen Kurt-Schumacher-Damm.

Tegeler Weg 100 Platten-Pedro

In Marco Polos Berlin-Führer heißt es: “Pedro hat alles und weiß alles über Popkultur”. Hier gibt es auf 110 Quadratmetern 250.000 antiquarische Schallplatten und keine einzige CD. Es ist Deutschlands größtes Schallplattenantiquariat, und sogar der amerikanische Filmregisseur Steven Spielberg hat bereits Requisiteure auf die Suche nach Raritäten zu Peter Patzek alias Platten Pedro geschickt. Er betreibt sein Geschäft seit 1976.

Tegeler Weg 17-20 Landgericht

Ich freue mich sehr, dass der Vorsitzende Richter am Landgericht, Herr Szeklinski, sich bereit erklärt hat, uns sein Gericht zu zeigen und dass er dafür extra an diesem Sonnabend einen langen Anfahrtsweg auf sich genommen hat. Herzlichen Dank dafür.

Das Landgericht ist eine Institution der Zivilgerichtsbarkeit. In erster Instanz ist es zuständig für nicht vermögensrechtliche Streitigkeiten und solche ab einem bestimmten Streitwert, in zweiter Instanz hinsichtlich möglicher Rechtsmittel gegen amtsgerichtliche Entscheidungen in Zivilprozessen und in Verfahren der Freiwilligen Gerichtsbarkeit.

Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs im Jahre 1871 entstanden in Berlin drei Landgerichte: Das Landgericht I war für den Stadtkreis Berlin zuständig und wurde 1905 in dem neu gebauten Gebäudekomplex an der heutigen Littenstraße in Berlin Mitte untergebracht. Das Landgericht II in einem Gebäude an der Möckernstraße in Kreuzberg war für die stadtnahen Kreise südlich von Berlin zuständig. Schließlich wurde 1899 die Errichtung eines Landgerichts III beschlossen, das für die nördlich gelegenen stadtnahen Kreise von Nauen über Bernau bis Straußberg zuständig wurde. Dazu gehörten damals die selbständigen Gemeinden Charlottenburg, Wedding, Spandau, Lichtenberg, Pankow und Weißensee.

Im Juli 1933 wurden die drei Landgerichte zu einem Landgericht Berlin verschmolzen und in Mitte untergebracht. Hier wurden bis zum Ende des ZweitenWeltkriegs das Arbeitsgericht und danach ein Teil des Bezirksamtes Charlottenburg und ein Postamt untergebracht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Landgericht im Westteil Berlins zunächst in mehreren Zehlendorfer Villen untergebracht. Es war mit amerikanischer Unterstützung gebildet worden als Gegengewicht zu dem von der sowjetischen Besatzungsmacht im Ostteil Berlins eingerichteten Bezirksgericht. Die Zuständigkeit des Landgerichts wurde schnell auf alle Westsektoren Berlins ausgedehnt, und Ende 1950 bezog es dieses Gebäude des ehemaligen Landgerichts III, wo es bis heute seinen Sitz hat. Nach dem Fall der Mauer hat das Landgericht die Zahl seiner Dienststellen auf drei erweitert. Sämtliche Berufungs- und Beschwerdekammern sind 1993 in das Justizgebäude an der Littenstraße in Mitte umgezogen. Die Gerichtsverwaltung und die erstinstanzlichen Zivilkammern sind hier in Charlottenburg geblieben.

In einer Baubeschreibung aus dem Jahr 1916 heißt es: “In landschaftlich schöner Umgebung, im Angesicht des Charlottenburger Schloßparks wurde das Königliche Landgericht III Berlin in Charlottenburg errichtet.” Den Bauplatz für das neue Gerichtsgebäude hatte die Stadt Charlottenburg kostenlos zur Verfügung gestellt.

Das Landgericht wurde 1901-06 von Hermann Dernburg und Ernst Petersen gebaut. Die Gesamtbaukosten betrugen 1.250.000 Mark. 1912-15 baute Waldemar Pattri den Erweiterungsbau an der Herschelstraße. Die Bildhauerarbeiten stammen von Hermann Engelhardt, die Kunstschmiedearbeiten von Julius Schramm. Entstanden ist ein neoromanisches, burgähnliches Gebäude auf unregelmäßigem Grundriss mit 8 verschieden großen Höfen. Die Fenster- und Portalsäulen sind teilweise mit Löwen besetzt.

Die burgenartigen Fassaden sind im Anklang an die norditalienische und deutsche Romanik gestaltet. Verwendet wurde Jerxheimer Roggenstein in rotbrauner Tönung und grauer Rothenburger Kalkstein. Insgesamt vermittelt die Fassade den Eindruck des wehrhaft-romanischen. Die Hauptseite am Tegeler Weg wird bestimmt von dem Haupteingang in einem überhöhten, vorspringenden Mittelbau mit steilem Dreiecksgiebel und hohem Satteldach. Am Mittelgiebel gibt es zwei Inschriftplatten: rechts mit einem Adler, darunter: “Suum cuique” (Jedem das Seine), links der Reichsapfel, darunter: “Anno Domini MCMV” (1905)

Der romanische Stil ist sehr ungewöhnlich für ein Gerichtsgebäude. Justizbauten wurden entweder im Stil der Renaissance, des Barock oder auch der Gotik gebaut, niemals aber im romanischen Stil. Es war der vom damaligen Kaiser Wilhelm II bevorzugte Baustil, den er beispielsweise für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und die darum herumliegenden Bauten vorgeschrieben hatte.

1987 wurde nach 4jähriger Bauzeit der Erweiterungsbau von Gerd Rümmler an der Straßenfront des Tegeler Weges übergeben. Der Neubau wurde harmonisch mit dem 80 Jahre älteren Hauptgebäude abgestimmt.

Brahestraße

Die Brahestraße wurde 1905 benannt nach dem dänischen Astronomen Tycho Brahe benannt, der 1546 in Knudstrup geboren wurde und 1601 in Benatky bei Prag starb.

Fabriciusstraße

1930 benannt nach dem Astronomen Johannes Fabricius benannt, der von 1587 bis 1615 lebte.

Herschelstraße

Die Herschelstraße wurde 1905 nach dem Astronomen Sir Friedrich Wilhelm Herschel benannt, der 1738 in Hannover geboren wurde und 1822 in England starb. Er desertierte während des Siebenjährigen Krieges nach England, wo er ein Spiegelfernrohr baute und 1779 den Planeten Uranus entdeckte. 1816 wurde er von Könige Georg III für seine Verdienste geadelt.

Herschelstraße 14 (Ecke Brahestraße) Gustav-Adolf Kirche

Ich freue mich, dass nun Frau Thorau von der Gustav-Adolf-Kirchengemeinde uns ihre Kirche vorstellen wird.

Bereits 1915 wurde die damalige Gemeinde “Luisen-Nord” als vierte Tochtergemeinde der Luisenkirche in Charlottenburg gegründet. Sie wurde später in “Gustav-Adolf-Kirchengemeinde” umbenannt und blieb lange ohne eigenen Kirchenbau, bis 1934 die Kirche mit Gemeinde- und Schwesternhaus nach einem Entwurf von Prof. Otto Bartning mit Anklängen an die Neue Sachlichkeit und den Expressionismus in Form eines Kreissegments gebaut wurde. Der berühmte Architekt Otto Bartning lebte von 1883 bis 1959. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche stark zerstört, 1950-60 vereinfacht wieder aufgebaut.

1951 wurde die Gedenktafel im gartenseitigen Eingang enthüllt:

WIEDERAUFBAU
GUSTAV-ADOLF-KIRCHE

ERBAUT 1934 ZERSTÖRT 1943

MIT SPENDENHILFE VON
THE LUTHERAN-WORLD-FEDERATION
DURCH IHREN ERBAUER
PROF.OTTO BARTNING
IM JAHRE 1951

1984 wurde eine weitere Gedenktafel enthüllt, die an den am Bau der Kirche beteiligten Architekten Pali Meller erinnert:

ZUM MAHNENDEN GEDENKEN
AN DIPL.ING. PALI MELLER

  • 18.6.1902 31.3.1943
    ARCHITEKT BEIM BAU DIESER KIRCHE
    UMGEBRACHT IM ZUCHTHAUS BRANDENBURG
    VOM NATIONALSOZIALSITISCHEM REGIME
    AUS RASSISCHEN GRÜNDEN

Mierendorffplatz

Wie die Mierendorffstraße wurde auch der Mierendorffplatz 1950 benannt nach dem Politiker und Widerstandskämpfer Carlo Mierendorff. Zuvor hieß der Platz Gustav-Adolf-Platz; 1950. Es ist ein verkehrsreicher Platz inmitten der von Spree, Charlottenburger Verbindungs- und Westhafenkanal gebildeten Charlottenburger Insel am Kreuzungspunkt von fünf Straßen und mehreren Buslinien. Außerdem ist hier ein Bahnhof der U7. Mittwochs und samstags ist von 8 bis 13 Uhr Wochenmarkt.

Bemerkenswert für die so genannte “Kleine-Leute-Gegend” ist die aufwändige Gestaltung der Parkanlage, deren Rekonstruktion nach den historischen Plänen im Jahr 2000 mit dem Gustav-Meyer-Preis ausgezeichnet wurde. Der Park wurde 1912-13 nach Entwürfen des Städtischen Gartenbaudirektors Erwin Barth mit Rhododendren, Blumengarten, Spielplatz, kleinen Laternen mit quadratischem Glaszylinder sowie einem Fontänenbrunnen angelegt und von Platanen eingerahmt; er spiegelt die soziale Gesinnung seines Gestalters wider. Barths Credo lautete: “Wenn irgendwo eine reiche Ausstattung der Plätze mit verschwenderischer Blumenfülle, mit Brunnen und dergleichen angebracht ist, so ist es da, wo Leute wohnen, die sich keine eigenen Gärten leisten können.”

Der Platz wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, danach vorübergehend kleingärtnerisch genutzt, 1950 wieder instand gesetzt, 1975 für den U-Bahnbau abgeräumt und 1978 bis 1987 unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten wieder hergestellt.

1980 wurde am Parkeingang eine Gedenktafel für Erwin Barth enthüllt:

ERWIN BARTH
1880 -1933
GARTENDIREKTOR VON
CHARLOTTENBURG 1912 – 1926
GROSS-BERLIN 1926 – 29
GUSTAV ADOLF (MIERENDORFF) PLATZ
KAROLINGERPLATZ LIETZENSEEPARK
SACHSEN (BRIX) PLATZ
VOLKSPARK JUNGFERNHEIDE
CHARLOTTENBURG 1980

Unter den originellen Läden und Geschäften am Platz ist bei Liebhabern besonders gefragt das Modellbahngeschäft von Hartmut Weidemann, wo keineswegs in erster Linie Kinder als Kunden gesichtet werden, sondern überwiegend leidenschaftliche erwachsene Eisenbahnsammler. Weidemann findet seinen Standort ideal, besonders wegen der guten Bus- und U-Bahnverbindungen und der bezahlbaren Miete, die damit zusammen hängt, dass dies nicht gerade ein Schickeria-Viertel ist.