131. Kiezspaziergang am 10.11.2012

Vom Savignyplatz zum Sophie-Charlotte-Platz

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Bezirksstadtrat Marc Schulte, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Bezirksstadtrat Marc Schulte

Treffpunkt: Savignyplatz, am S-Bahn-Ausgang, Else-Ury-Bogen
ca. 2,9 km

Sehr geehrte Damen und Herren!
Herzlich willkommen zu unserem 131. Kiezspaziergang. Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann nimmt in Jerusalem an der Konferenz der deutsch-israelischen Städtepartnerschaften teil. Deshalb vertrete ich ihn. Mein Name ist Marc Schulte, ich bin Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung und Ordnungsangelegenheiten.
Viele von Ihnen, die unsere Kiezspaziergänge regelmäßig besuchen, werden in den letzten Monaten bemerkt haben, dass wir zunehmend Schwierigkeiten mit unserer Verstärkeranlage hatten. Ein Techniker hat uns jetzt erklärt, dass die bisher genutzte Funkfrequenz inzwischen auch von anderen genutzt wird. Deshalb kam es wohl zu Störungen, und deshalb haben wir jetzt Geräte, die eine neue, digitale Frequenz nutzen.
Heute wollen wir zwei neue Geräte testen, um herauszufinden, welches für unsere Zwecke am besten geeignet ist. Also wundern Sie sich bitte nicht, wenn sich der Ton ändert.

Link zu: Kartenskizze
Kartenskizze Bild: Bezirksamt

Wie immer im November geht es auch in diesem Jahr, am Tag nach dem 9. November, vor allem um die jüdische Geschichte und die Geschichte des Holocaust in unserem Bezirk. Deshalb beginnen wir hier am Else-Ury-Bogen. Wir werden an der Synagoge in der Pestalozzistraße Station machen, wo 40 Stolpersteine an ermordete Berlinerinnen und Berliner erinnern. Am Spiel- und Sportplatz Pestalozzistraße Ecke Fritschestraße wurde vor 20 Jahren der Künstler Günter Schwannecke von einem Neonazi ermordet. Im ehemaligen Reichskriegsgericht am Witzlebenplatz wurden zahllose Kriegsdienstverweigerer und Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt. Enden wollen wir am Sophie-Charlotte-Platz, wo eine Gedenktafel an den Berliner Polizeivizepräsidenten der Weimarer Republik, Bernhard Weiß erinnert.
Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen den Treffpunkt für den nächsten Kiezspaziergang mitteilen. Wie immer wird er wieder am zweiten Samstag des Monats stattfinden, also am 8. Dezember ab 14.00 Uhr.
Aber es wird eine ganz besondere Premiere geben. Der Treffpunkt wird zum ersten Mal außerhalb unseres Bezirks sein, nämlich auf dem John-F.-Kennedy-Platz vor dem Rathaus Schöneberg. Und zum ersten Mal werden zwei Personen gleichberechtigt den Kiezspaziergang leiten, nämlich die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler und Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann von Charlottenburg-Wilmersdorf.
Frau Schöttler will in ihrem Bezirk im nächsten Jahr ebenfalls Kiezspaziergänge anbieten, und wir haben ihr vorgeschlagen, gemeinsam mit uns zu beginnen.
Es wird entlang der Bezirksgrenze rund um das Bayerische Viertel durch beide Bezirke gehen und in der Seniorenresidenz Tertianum in der Passauer Straße unweit des KaDeWe enden. Sie liegt im sogenannten Kielgan-Viertel, das bis 1938 zu Charlottenburg gehörte und dann zu Schöneberg kam. Es gibt also vielfache gemeinsame historische Anknüpfungspunkte, und vielleicht kommt es ja zu einer Kiezspaziergangspartnerschaft zwischen Tempelhof-Schöneberg und Charlottenburg-Wilmersdorf.
Am gestrigen 9. November hat das Charlottenburger Gottfried-Keller-Gymnasium gemeinsam mit der Landespolizeischule Berlin und dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf wieder wie seit vielen Jahren mit einer Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht des 9. November 1938 erinnert, und viele Stolpersteine in Charlottenburg-Wilmersdorf wurden mit Kerzen erleuchtet und mit Blumen geschmückt.
Charlottenburg und Wilmersdorf waren bis zum Holocaust die beiden Berliner Bezirke mit dem höchsten Anteil jüdischer Bevölkerung. 1933 haben in Charlottenburg und Wilmersdorf jeweils rund 27.000 Juden gelebt. In ganz Berlin lebten damals 173.000 Juden. 55.000 wurden Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen. Nur 9.000 überlebten in Berlin. Heute leben wieder etwa 12.000 Juden in Berlin.
Das Ausmaß des Mordens, der Zerstörung und auch der Vernichtung von Wissen und Kultur ist bis heute kaum vorstellbar.
Inzwischen gibt es viele Publikationen, die sich mit der jüdischen Geschichte in Charlottenburg-Wilmersdorf beschäftigen, und das ist gut so.
Vor wenigen Tagen ist ein Buch des Walther Rathenau-Gymnasiums erschienen mit dem Titel “Die Vertreibung jüdischer Schülerinnen und Schüler aus dem Grunewald-Gymnasium ab 1933”.

Link zu: Start am Savignyplatz, 10.11.2012, Foto: KHMM
Start am Savignyplatz, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Savignyplatz
Für viele ist der Savignyplatz das eigentliche Zentrum Charlottenburgs. Hier im Umkreis gibt es jede Menge Restaurants, Bars, Cafés, Jazzclubs und Buchläden. Der Bücherbogen hier ist wohl die profilierteste Kunst- und Architekturbuchhandlung Berlins. Die S-Bahn-Bögen sind restauriert und vermietet.
1896 wurde der S-Bahnhof Savignyplatz eröffnet, und er wurde zum Ausgangspunkt für eine starke Bautätigkeit, wie bereits zuvor schon die Bahnhöfe Zoologischer Garten seit 1882 und Charlottenburg am Stuttgarter Platz seit 1890. Dieses Stadtviertel entstand also kurz vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts als Teil der westlichen City rund um den Kurfürstendamm.
Der Platz wurde 1887 benannt nach dem Juristen Friedrich Karl von Savigny, der von 1779 bis 1861 lebte.
1926/27 wurde der Platz von dem Städtischen Gartenbaudirektor Erwin Barth mit Sitzlauben und Staudenrabatten umgestaltet. Er gestaltete viele Plätze in Charlottenburg und den Volkspark Jungfernheide. Nach zahlreichen zwischenzeitlichen Veränderungen wurde der Savignyplatz 1987 für das Stadtjubiläum Berlins nach den Plänen Erwin Barths wiederhergestellt.

Else-Ury-Bogen
1999 wurde diese Passage vom Savignyplatz zur Bleibtreustraße nach Else Ury benannt. Sie hat von 1905 bis 1933 unweit von hier in dem Haus Kantstraße 30 gelebt. Dort erinnert seit 1995 eine Gedenktafel an sie. Der Text lautet:
“In diesem Hause lebte von 1905 bis 1933
die Schriftstellerin
Else Ury
1.11.1877 – 12.1.1943
Die Verfasserin der Nesthäkchen-Romane
wurde1935 aus der
Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen
1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert
und dort umgebracht”
Sie war das dritte von vier Kindern einer liberal-bürgerlichen Fabrikantenfamilie. 1905 zog die Familie in die Kantstraße 30 um.
Hier entstanden ihre Erfolgsbuchreihen über “Nesthäkchen” mit einer Auflage von 5 Millionen und “Professor Zwilling” mit einer Auflage von 7 Millionen. Else Ury wurde damit zur Lieblingsautorin mehrerer Mädchengenerationen. Von 1933 bis 1939 lebte sie am Kaiserdamm 24. 1935 wurde sie als Jüdin aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Die 65jährige wurde am 12. Januar 1943 vom Bahnhof Grunewald aus deportiert, am 13. Januar im Konzentrationslager Auschwitz als arbeitsunfähig eingestuft und am selben Tag in der Gaskammer ermordet.

Link zu: Bleibtreustraße 10, 10.11.2012, Foto: KHMM
Bleibtreustraße 10, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Bleibtreustr. 10: Gedenktafel für Mascha Kaléko
An diesem Haus wurde 1990 eine Gedenktafel für Mascha Kaléko enthüllt:
“Hier lebte von 1936-1938
die Dichterin
MASCHA KALÉKO
7.06.1907-21.01.1975
Das Deutschland von damals
trieb sie ins Exil und verbot ihre Bücher.
Sie emigrierte 1938 nach New York,
lebte seit 1966 in Jerusalem.”
Sie veröffentlichte 1933 im Rowohlt Verlag ihr erstes Buch, “Das Lyrische Stenogrammheft”. 1935 folgte das “Kleine Lesebuch für Große”. Danach erhielt sie als jüdische Dichterin Schreibverbot und wurde aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen.
Mit ihrem zweiten Mann, dem jüdischen Komponisten Chemjo Vinaver, und ihrem Sohn konnte sie 1938 gerade noch rechtzeitig aus Deutschland emigrieren. In der von deutschen Emigranten in Amerika gegründeten Zeitung “Aufbau” veröffentlichte Mascha Kaléko folgendes Gedicht:
“Ich bin, vor jenen ‘tausend Jahren’
Viel in der Welt herumgefahren.
Schön war die Fremde, doch Ersatz.
Mein Heimweh hieß Savignyplatz.”

Link zu: Bleibtreustraße 15, 10.11.2012, Foto: KHMM
Bleibtreustraße 15, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Bleibtreustr. 15: Gedenktafel für Tilla Durieux
Die Gedenktafel für Tilla Durieux wurde am 30.10.1987 enthüllt:
“Hier lebte von 1966 bis 1971
TILLA DURIEUX
18.8.1880-21.2.1971
Große deutsche Schauspielerin.
Ab 1903 an den Reinhardt-Bühnen in Berlin.
Emigration 1933, Rückkehr nach Berlin 1952”
Tilla Durieux bezeichnete sich selbst als “Fanatikerin des Theaters”. Aufgewachsen war sie in Wien, wo sie 1880 mit dem Namen Ottilie Godeffroy als einzige Tochter eines hugenottischen Chemieprofessors und seiner Frau geboren wurde.
Nach dem frühen Tod des Vaters besuchte sie 1898 eine Theaterschule – gegen den Willen der Mutter, die eine Laufbahn als Pianistin für standesgemäßer und schicklicher hielt.
Auf Wunsch der Mutter legte sie sich deshalb das Pseudonym Tilla Durieux zu. Nach Engagements in der Provinz wurde sie 1903 bei Max Reinhardt in Berlin verpflichtet. Das war damals der Gipfelpunkt jeder Theaterkarriere. Sie wurde zur gefeierten Schauspielerin, vor allem auf Berliner Bühnen. In zweiter Ehe seit 1910 mit dem einflussreichen Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer verheiratet, war ihr Haus im Tiergartenviertel Treffpunkt für alle prominenten Kunstschaffenden, und vielen von ihnen, darunter Liebermann, Corinth und Slevogt, saß sie selbst Modell.
Von 1926 bis 1928 war sie Dozentin für Schauspiel an der Hochschule für Musik in der Hardenbergstraße, und 1927 beteiligte sie sich finanziell und künstlerisch an Erwin Piscators Theater am Nollendorfplatz. Mit ihrem dritten Ehemann, dem jüdischen Großindustriellen Ludwig Katzenellenbogen floh sie am 31. März 1933 via Prag über die Schweiz nach Jugoslawien.
Erfolglos bemühte sich das Ehepaar um ein Visum für die USA. Nach der Besetzung Jugoslawiens durch die deutsche Wehrmacht 1941 wurde Katzenellenbogen verhaftet und deportiert; Tilla Durieux tauchte unter und schloss sich der kroatischen Widerstandsbewegung an. Als Näherin an einem Puppentheater hielt sie sich nach dem Krieg über Wasser. Ihre Eindrücke beschrieb sie 1945 in dem Stück Zagreb, das 1946 in der Schweiz uraufgeführt wurde. Nach 19 Jahren in der Emigration kehrte Tilla Durieux erstmals 1952 wieder nach Berlin zurück. Hier gelang ihr ein Come back, und so stand sie erneut bis ins hohe Alter auf der Bühne und wirkte auch in über 30 Filmen mit. Von 1955 bis 1966 lebte sie in der Bleibtreustraße 24, danach bis zu ihrem Tod 1971 hier in der Bleibtreustraße 15.
Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter das Große Bundesverdienstkreuz. Sie wurde auf dem Friedhof in der Charlottenburger Heerstraße beerdigt.

Gedenktafel für Alfred Flechtheim
Die Gedenktafel für Alfred Flechtheim wurde 2003 enthüllt:
“In diesem Hause lebte von 1923 bis 1933
Alfred Flechtheim
1.4.1878 – 9.3.1937
Kunsthändler, Verleger
und Förderer der modernen Kunst
Gründer und Herausgeber der Zeitschrift
“Der Querschnitt”
1933 mußte Alfred Flechtheim emigrieren
Er starb im Londoner Exil”
Flechtheim kam 1921 aus Düsseldorf nach Berlin, wo er viele Ausstellungen veranstaltete und zwei Kunstzeitschriften gründete: 1921 “Der Querschnitt” und 1931 Omnibus. Seine Soiréen, Ausstellungseröffnungen und Bälle im Berlin der Zwanziger Jahre waren legendär und galten als gesellschaftliche Ereignisse.
Nachdem seine letzten Ausstellungen und Versteigerungen in Düsseldorf im März 1933 von NSDAP-Anhängern gestört und verhindert worden waren, Hetzartikel gegen ihn in der nationalsozialistischen Presse erschienen flüchtete Flechtheim bereits Ende Mai 1933 über die Schweiz zunächst nach Paris, später nach London.
Sein Kunsthandlungsunternehmen wurde ab Ende 1933 liquidiert, der galerieeigene Bestand an Kunstwerken dabei unter Wert verkauft, und auch Flechtheims private Sammlung, die er zum Teil ins Ausland schaffen konnte, wurde aufgrund von Flucht, Emigration und wirtschaftlicher Not bis zu seinem Tod weitestgehend aufgelöst, gelangte unter ungeklärten Umständen in fremden Besitz oder wurde nach dem Freitod von Flechtheims Witwe Betti am 15. November 1941 in Berlin von der Gestapo beschlagnahmt.
Nach gescheiterten Versuchen, im Exil als Kunsthändler nochmals Fuß zu fassen, starb Alfred Flechtheim an den Folgen einer krankheitsbedingten Notoperation am 9. März 1937 in London.
In seiner Geburtsstadt Münster wurde ihm der Alfred-Flechtheim-Platz gewidmet.
Der Spiegel berichtete im Juni dieses Jahres: Der legendäre Galerist Alfred Flechtheim verlor in der Nazi-Zeit Dutzende kostbare Bilder. Seine Erben kämpfen seit Jahren um die Rückgabe zahlreicher Gemälde, die heute in den besten Museen Deutschlands hängen.

Bleibtreustr 43: Joan-Miró-Grundschule
Die Joan-Miro-Grundschule ist eine Staatliche Europa-Schule Berlin für Spanisch. Das Schulgebäude wurde 1899-1900 von Paul Bratring für die damalige 19. und 20. Gemeindeschule Charlottenburg gebaut. Das viergeschossige Haus ist in den Formen des Akademischen Historismus gestaltet. Vorgelagert ist eine zweigeschossige Turnhalle.
Später wurde hier das Kaiser-Friedrich-Gymnasium eingerichtet, das Walter Benjamin seit 1902 besucht hat. In seinem Buch “Berliner Kindheit um neunzehnhundert” hat er die Schule beschrieben: “Der ganze Bau, der da hart am Stadtbahngelände aufsteigt, ist von altjüngferlicher, trauriger Sprödigkeit. Mehr noch als den Erlebnissen, die ich in seinem Innern hatte, ist es wahrscheinlich diesem Äußern zuzuschreiben, dass ich keine heitere Erinnerung an ihn bewahre.”
Der brillante Kulturkritiker Walter Benjamin stammte aus einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus. Mit seiner Familie folgte er dem für das wohlhabende Berliner Bürgertum um die Jahrhundertwende typischen Zug nach Westen. Die Familie lebte bis 1895 am Magdeburger Platz im Berliner Zentrum, zog dann in die Kurfürstenstraße im sogenannten Alten Westen, weiter an den Nettelbeckplatz, dann von 1902 bis 1912 in die Carmerstraße in Charlottenburg und schließlich in die Delbrückstraße 23 in der Villenkolonie Grunewald. Walter Benjamin bezog in der Wilmersdorfer Prinzregentenstraße 1930 im Alter von 38 Jahren seine erste eigene Wohnung, in der er allerdings nur 3 Jahre bleiben konnte. Dort, an dem Haus Prinzregentenstraße 66 erinnert seit 1989 eine Gedenktafel an ihn.
1933 floh er nach Frankreich. 1940 wählte er den Freitod, weil er auf der Flucht über die Pyrenäen an der französisch-spanischen Grenze die Auslieferung an die Gestapo fürchtete.

Link zu: Mommsenstr. 5, 10.11.2012, Foto: KHMM
Mommsenstr. 5, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Mommsenstr. 5: Gedenktafel für Leo Blech
Der Text der Gedenktafel lautet:
“Hier lebte von 1913 bis zu seiner Emigration
im Jahre 1937
LEO BLECH
22.4.1871 – 25.8.1958
Komponist, Dirigent, Generalmusikdirektor
an der Staatsoper unter den Linden
und am Deutschen Opernhaus Charlottenburg”
Nachdem er bereits 1893 in Aachen seine erste Oper “Aglaja” erfolgreich uraufgeführt und das Deutsche Landestheater in Prag geleitet hatte, folgte er 1906 einem Ruf an die Berliner Hofoper; 1913 wurde er zum Generalmusikdirektor ernannt. Von 1923 bis 1926 war Blech zunächst am Deutschen Opernhaus Charlottenburg, dann an der Volksoper Berlin und schließlich an der Wiener Volksoper tätig.
Zurückgekehrt nach Berlin nahm er seine Stellung als Generalmusikdirektors an der Staatsoper Unter den Linden wieder auf. Bis 1937 hat er dort insgesamt 2.846 Vorstellungen dirigiert.
Mit besonderer Genehmigung Hermann Görings konnte der Chefdramaturg Heinz Tietjen Leo Blech trotz seiner jüdischen Herkunft zunächst auch noch während Nazi-Herrschaft beschäftigen. 1937 musste Blech aber doch emigrieren. Er ging zunächst nach Lettland, wo er in Riga die Nationaloper leitete. Als Riga 1941 von deutschen Truppen erobert wurde, stand Blechs Deportierung ins Ghetto unmittelbar bevor. Auf Vermittlung Tietjens konnten er und seine Frau über Berlin und Saßnitz heimlich nach Schweden emigrieren. An der Königlichen Oper in Stockholm erlebte er eine höchst erfolgreiche Alterskarriere. In Stockholm war er Gründungs- und Ausschussmitglied des Freien Deutschen Kulturbundes.
1949 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde zum Generalmusikdirektor an die Städtischen Oper in Berlin-Charlottenburg berufen. 1953 zwang ihn ein sich verschlimmerndes Gehörleiden, sich endgültig zurückzuziehen. Er verstarb im Jahre 1958 in Berlin und wurde auf dem Friedhof Heerstraße beerdigt.

Mommsenstr. 6: Stolperstein für Clara Lehmann
Der Stolperstein wurde am 11.12.2007 verlegt:
HIER WOHNTE
CLARA LEHMANN
GEB MEYER
JG. 1865
DEPORTIERT 17.08.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 21.09.1942
TREBLINKA

Mommsenstr.7: Gedenktafel für Hanns Sachs
Diese Gedenktafel wurde am 20. August 2006 im Rahmen der Reihe “Mit Freud in Berlin” enthüllt:
HANNS SACHS
10.01.1881 Wien – 10.01.1947 Boston Massachusetts
Psychoanalytiker und Jurist
Lebte von 1920 bis 1930 in Berlin
Freund der Literatur und des Films.
Lehranalytiker am Berliner Psychologischen Institut.
Gehörte dem engsten Kreis um Sigmund Freud an.
Mitbegründer der Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften,
„Imago“ (1912), ab 1939 „American Imago“.
Bereits 1932 erkannte er die Gefahr des Nationalsozialismus und Emigrierte nach Boston (USA).”
Sponsoren dieser Tafel:
Freunde der Psychoanalyse und des Jüdischen Museums”

Link zu: Mommsenstraße Ecke Wielandstraße, 10.11.2012, Foto: KHMM
Mommsenstraße Ecke Wielandstraße, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Wielandstraße
Die Wielandstraße wurde 1885 benannt nach dem Schriftsteller Christoph Martin Wieland, der von 1733 bis 1813 lebte.

Wielandstr. 15: Gedenktafel für Charlotte Salomon, Stolpersteine
An dem derzeit verhüllten Haus ließ der Landesjugendring eine Bronzetafel anbringen:
“IN DIESEM HAUSE LEBTE
CHARLOTTE SALOMON
VON IHRER GEBURT AM 16. APRIL 1917
BIS ZUR FLUCHT AUS DEUTSCHLAND
IM JANUAR 1939
1943 WURDE SIE NACH AUSCHWITZ
DEPORTIERT
VERGESST SIE NICHT
LANDESJUGENDRING BERLIN
Außerdem wurden am 21. April dieses Jahres drei Stolpersteine für Charlotte und ihre Eltern Albert Salomon und Paula Salomon-Lindberg verlegt.
Als Charlotte Salomon 1917 geboren wurde, zog die Familie in dieses Wohnhaus.
Albert Salomon habilitierte sich 1921 bei August Bier an der Berliner Charité und wurde Privatdozent für Chirurgie, 1927 übernahm er dort eine Professur. Im März 1933 entlassen, durfte Albert Salomon in den folgenden Jahren nur jüdische Patienten in seiner Privatpraxis behandeln. Charlotte Salomon musste ein Jahr vor dem Abitur das Fürstin-Bismarck-Gymnasium in der Sybelstraße verlassen und besuchte eine private Kunstschule. Nach dem Pogrom am 9. November 1938 war Albert Salomon mehrere Monate im KZ Sachsenhausen inhaftiert. 1939 verließen die Salomons Berlin. Charlotte Salomon ging im Februar 1939 zu den bereits früher emigrierten Großeltern nach Villefranche in Südfrankreich. Albert und Paula Salomon flohen im März 1939 nach Amsterdam, wo sie im Mai 1943 verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork deportiert wurden. Ende 1943 konnten sie fliehen und überlebten bis 1945 im Versteck. Im September 1943 wurde ihre Tochter Charlotte Salomon, die inzwischen geheiratet hatte und schwanger war, in Südfrankreich verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich am 12. Oktober 1943 ermordet wurde.
1947 reisten Albert und Paula Salomon nach Südfrankreich, um nach Spuren von Charlotte Salomon zu suchen. In Villefranche übergab ihnen Ottilie Moore, in deren Haus Charlotte Salomon gelebt hatte, das Werk „Leben? Oder Theater?“ mit über 1200 Zeichnungen und Textblättern von Charlotte Salomon. Das Werk ist heute im Besitz des Jüdischen Museums Amsterdam. Albert Salomon starb 1971, Paula Salomon-Lindberg 2000 in Amsterdam. Die Charlotte-Salomon-Grundschule in Kreuzberg trägt den Namen ihrer Tochter.

Wielandstr. 14: Gedenktafel für Artur Schnabel
Die Berliner Gedenktafel, eine Porzellantafel der KPM, wurde 1991 am Haus Berlin enthüllt:
Hier lebte und wirkte von 1906 bis 1933
der Pianist ARTUR SCHNABEL
17.4.1882 – 15.8.1951
1925 bis 1933 Leiter einer Meisterklasse
an der Musikhochschule in Berlin.
Als Interpret der Klavierwerke Beethovens
und Schuberts sowie als Lehrer hat er bis heute
unerreichte Maßstäbe gesetzt.
Emigrierte 1933, zuletzt nach New York

Pestalozzistraße
Die Pestalozzistraße wurde 1887 nach dem schweizer Pädagogen und Sozialreformer Johann Heinrich Pestalozzi benannt, der 1746 in Zürich geboren wurde und 1827 in Brugg in der Schweiz starb. Er war ein Wegbereiter der Volksschule und der Lehrerbildung. Er forderte in seinen Schriften die Anerkennung der Menschenwürde durch die Überwindung der Standesunterschiede, und zwar vor allem durch Bildung für alle.

Pestalozzistr. 14
Das Mietshaus steht unter Denkmalschutz. Es wurde 1885-86 von Ernst Gerhardt gebaut.

Pestalozzistr. 15
Auch dieses Haus steht unter Denkmalschutz. Es ist die ehemalige Villa Tuckermann, gebaut vom Kaiserlichen Postbaurat Wilhelm Tuckermann, der von 1840 bis 1919 lebte und über Jahrzehnte viele Gebäude für die Post geschaffen hat, meist im Stil des akademischen Historismus.
1875-81 das Postfuhramt in der Oranienburger Straße Ecke Tucholskystraße, 1881 das Postamt in der Charlottenburger Goethestraße und 1901-02 das Fernmeldeamt am Steinplatz. Auch die Umbauten des Postamtes in der Goethestraße im Jahr 1903 leitete er. Dieses Haus hat er für sich selbst gebaut.

Link zu: Synagoge Pestalozzistraße, 10.11.2012, Foto: KHMM
Synagoge Pestalozzistraße, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Pestalozzistr. 14/15: Synagoge
Die beiden Häuser Pestalozzistr. 14 und 15 wurden vor dem Bau der Synagoge von der Jüdischen Gemeinde erworben und für ihre Bedürfnisse umgebaut.
Die liberale Synagoge wurde 1911-13 von Ernst Dorn im Hofgelände innerhalb der geschlossenen Bebauung als rotes Backsteinbauwerk in neoromanischem Stil errichtet. Trotz Brandlegung in der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde diese Synagoge nur wenig zerstört; wegen der Gefahr des Übergreifens der Flammen auf die benachbarten Häuser löschte die Feuerwehr hier ausnahmsweise den Brand.
1942 wurde das Gebäude zwangsenteignet. Nach dem Krieg wurde es an die Jüdische Gemeinde zurück gegeben. 1947 wurde die Synagoge nach erfolgter Renovierung wieder eingeweiht. Im Innern wurde sie modernisiert. Hier war Estrongo Nachama bis zu seinem Tod Anfang 2000 Oberkantor. Er war weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt und populär als großartiger Sänger und Oberkantor. Unter vielen anderen Ehrungen hat er auch die Wilmersdorfer Bürgermedaille erhalten.

Link zu: Helmut Lölhöffel, 10.11.2012, Foto: KHMM
Helmut Lölhöffel, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Pestalozzistr. 14: Stolpersteine
Hier wurden am 26. April dieses Jahres 19 Stolpersteine verlegt für Julie Bernstein, Jenny Basch, Karin Jenny Ascher, Hedwig, Heinz und Benno Itzig, Georg und Gertrud Herrmann, Max, Gertrud und Ruth Keil, Clara Oberski, Jakob und Anna Schmul, Alfons Themal, Kurt Salomon, Hans, Lieselotte und Frieda Witkowski

Pestalozzistr. 15: Stolpersteine
Hier wurden ebenfalls am 26. April 21 Stolpersteine verlegt für Hedwig und Else Wolfsohn, Haim und Ernestine Zeida, Alfred Nathan und Lilli Reisner, Selma Schubert, Franz, Käthe und Wolfgang Gehr, Hedwig Holschauer, Margarete, Anna und Zilla Krone, Caspar und Paula Baer, Paul Francke, Fritz und Karoline Frey, Martin Lwowski, Julius Oppenheim
Ich freue mich, dass Helmut Lölhöffel bei uns ist. Er ist Mitglied der Charlottenburg-Wilmersdorfer Stolpersteine-Initiative und kann uns einiges über die ehrenamtliche Arbeit, die dort geleistet wird, erzählen.

Link zu: Karl-August-Platz, 10.11.2012, Foto: KHMM
Karl-August-Platz, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Karl-August-Platz
Der Karl-August-Platz wurde 1897 nach dem Herzog und Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach benannt. Karl August wurde 1757 in Weimar geboren und starb 1828 in Graditz bei Torgau.
Es handelt sich hier um einen Blockplatz mit acht Straßeneinmündungen. Er wurde 1894 als Kirch-, Markt- und Schmuckplatz mit Rasenstücken und Gehölzen angelegt. 1950 wurde er umgestaltet mit zwei Kinderspielplätzen. Mittwochs und samstags ist hier Wochenmarkt.

Trinitatiskirche
Die evangelische Trinitatiskirche wurde 1896-98 von Johannes Vollmer und Heinrich Jassoy als neugotischer Zentralbau in der Grundform des griechischen Kreuzes mit roter Ziegelverblendung erbaut. Die Einweihung war am 3. Advent 1898. Im Krieg wurde die Kirche stark beschädigt.
Von 1951 bis 1953 wurde sie von Erich Ruhtz vereinfacht wiederhergestellt und danach am 8.3.1953 neu eingeweiht. 1960-69 wurde dann das Innere neu gestaltet. Erst 2004 wurde der Turm saniert, nachdem auch hier noch Kriegsschäden festgestellt wurden.

Pestalozzistraße Ecke Wilmersdorfer Straße: Karstadt
Die Firma Graff & Heyn eröffnete im Jahr 1900 an der gerade ausgebauten Wilmersdorfer Straße ein Manufaktur- und Kurzwarengeschäft. 1905 errichtete der Kaufmann Hermann Graff an der Stelle des kleinen Ladens ein Warenhaus. Es war das erste Kaufhaus Charlottenburgs.
Im gleichen Jahr 1905 wurde Horst Graff als Sohn von Hermann und seiner jüdischen Ehefrau Friederike Graff geboren. Horst Graff gründete später gemeinsam mit Stefan Weintraub die Weintraubs Syncopators, die schnell zur berühmtesten deutschen Jazzband wurden. Sie erhielt 1933 Auftrittsverbot und emigrierte 1937 nach Australien.
Hermann Graff ließ das Kaufhaus bereits 1912 wieder abreißen und durch einen größeren Neubau ersetzen. 1914 wurde es von Adolf Jandorf übernommen, der 1907 am Wittenbergplatz das Kaufhaus des Westens eröffnet hatte. 1926 übernahm es Hermann Tietz, 1935 wurde es in “Hertie” umbenannt.
Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde das Kaufhaus Hertie 1950 wieder eröffnet, 1962 und 1972 erweitert und 1997 von Karstadt übernommen.
Karstadt wurde 2010 durch den Finanzinvestor Nicolas Berggruen vor der Zerschlagung gerettet. Er ist der Sohn des 1914 in Wilmersdorf geborenen Kunstsammlers Heinz Berggruen. Das erweiterte Museum Bergruen soll im Frühjahr 2013 wieder eröffnet werden.

Kugelbrunnen
Am 28. April 2009 wurde der vom damaligen Leiter des Charlottenburg-Wilmersdorfer Grünflächenamtes, Christoph-Maria Maasberg, entworfene Kugelbrunnen der Öffentlichkeit übergeben. Fünf unterschiedlich große Kugeln aus rosagrauem Granit ruhen auf kreisförmig verlegtem Kleinsteinpflaster, das in hellgrau, gelb und dunkelgrau gehalten und mit schwarzem Andesit – Mosaikpflaster abgesetzt ist.
Aus der Mitte der drei großen Kugeln sprudelt jeweils eine Kleinstfontäne empor. Das herab fließende Wasser benetzt gleichmäßig die Kugeloberfläche und bildet dort einen transparenten Film. Zwei weitere kleine Kugeln, die kein Wasser führen, runden das Ensemble ab. Mittels vier Strahlern, die im Boden eingelassen sind, wird die Brunnenanlage in den Abendstunden beleuchtet.
Der Kugelbrunnen ersetzte einen 1978 errichteten Treppenbrunnen, der als “Schlorrendorfer Plansche” in die Charlottenburger Geschichte eingegangen ist.

Link zu: Volkshochschule City West, 10.11.2012, Foto: KHMM
Volkshochschule City West, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Pestalozzistr. 39/40: Volkshochschule City West
Bereits seit 1901 hatte die Technische Hochschule Charlottenburg, die heutige TU Fortbildungskurse für Arbeiterinnen und Arbeiter angeboten, und seit 1905 veranstaltete auch der Charlottenburger Magistrat Arbeiterfortbildungskurse – und zwar nicht weit von diesem Haus in der Aula der damaligen I. Gemeindeschule in der Pestalozzistraße 89/90.
Diese Form der Erwachsenenbildung war in der damaligen Zeit beispielhaft. 5 Jahre später, 1910, beklagte der SPD-Abgeordnete Karl Liebknecht im Reichstag das Fehlen jeder staatlichen Initiative im Bereich der Volkshochschulbewegung, wie sie in anderen Ländern, zum Beispiel in Schweden bereits selbstverständlich war. Charlottenburg war also seiner Zeit weit voraus.
Teilnahmeberechtigt waren zunächst nur männliche Personen, die das 18. Lebensjahr vollendet hatten.
Erst ab dem Sommersemester 1913 wurde auch Frauen die Teilnahme an Kursen gestattet. Im Gegensatz zur Technischen Hochschule waren die Kurse der Stadt unentgeltlich.
In ihr heutiges Haus ist die Volkshochschule erst 1980 eingezogen. Das Gebäude wurde 1895 als 13. und 14. Gemeindeschule Charlottenburg eröffnet. Das Vorderhaus an der Straßenfront diente als Bürogebäude, als Förderschule für schwach befähigte Kinder und als Jugendheim. 1930 zog die 13. Gemeindeschule in ein neues Schulgebäude am Jungfernheideweg 31, heute ist das die Hermann-Löns-Grundschule. Im gleichen Jahr 1930 zog die Schwerhörigenschule Charlottenburg in das Gebäude, seit 1967 mit dem Namen “Reinfelder-Schule”. In den Kriegsjahren 1942 bis 1944 wurde das Schulgebäude als Lazarett benutzt. 1943 wurden mehrere Gebäudeteile stark beschädigt und zerstört.
Am 1. November 1945 begann hier wieder der Berufsschulunterricht. Seit 1947 wurden die beschädigten Gebäude instand gesetzt. Nachdem in den 1970er Jahren noch eine Filiale des Friedrich-Fröbel-Hauses hier untergebracht war, plante man Ende der 70er Jahre, das vorhandene, fast 100 Jahre alte Gebäude komplett abzureißen und durch einen für die Volkshochschule geeigneten Neubau zu ersetzen, aber da diese Vorhaben nicht finanziert werden konnten, zog schließlich 1980 die Volkshochschule Charlottenburg ein, und das Gebäude wurde schließlich schrittweise bis 1996 grundinstandgesetzt. Besonders aufwändig war die Restaurierung der Aula.

Link zu: Günter-Schwannecke-Spielplatz, 6.11.2012, Foto: KHMM
Günter-Schwannecke-Spielplatz, 6.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Pestalozzistraße Ecke Fritschestraße: Günter-Schwannecke-Spielplatz
Am 29. August 1992 wurde auf diesem Spielplatz der Kunstmaler Günter Schwannecke von Neonazis niedergeschlagenen. Am 5. September 1992 starb er an den Folgen des Angriffs. In diesem Jahr hat die Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative 20 Jahre nach dieser Gewalttat während einer Kundgebung hier am Ort des Geschehens eine provisorische Gedenktafel mit folgendem Text enthüllt:
“Auf diesem Platz wurde der Berliner Kunstmaler Günter Schwannecke am 29.8.1992 Opfer eines tödlichen Angriffs durch Neonazis. Er starb, weil er Zivilcourage bewiesen hat. Er steht in einer Reihe ungezählter Opfer von neonazistischem Terror, wir werden sie niemals vergessen.”
Günter Schwannecke hatte sich gemeinsam mit dem Künstler Hagen Knuth eingemischt, weil Menschen auf dem Spielplatz von zwei Neonazis rassistisch beleidigt wurden.
Die Beleidigten konnten daraufhin fliehen. Er selbst und Hagen Knuth aber wurden Opfer der darauf folgenden Angriffe mit einem Baseballschläger. Hagen Knuth überlebte. Der Täter wurde 1993 zu 6 Jahren Haftstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt.
Die Bezirksverordnetenversammlung hat am 20. September beschlossen, den Spielplatz nach Günter Schwannecke zu benennen und eine entsprechende dauerhafte Gedenktafel anzubringen. Die Tafel soll durch Spenden finanziert werden.

Steifensandstraße
Die Steifensandstraße wurde 1908 nach dem Kommunalpolitiker Richard Steifensand benannt.

Witzlebenstraße
Die Witzlebenstraße und der Witzlebenplatz wurden 1905 nach dem Preußischen Geralmajor, Staats- und Kriegsminister Wilhelm von Witzleben benannt. Er wurde 1783 in Halberstadt geboren, starb 1837 in Berlin. 1827 kaufte er in Charlottenburg den Lietzensee mit Umgebung und schuf sich hier einen Sommersitz. Im gleichen Jahr erhielt er die Charlottenburger Ehrenbürgerrechte. Nach seinem Tod verkaufte die Familie 1840 den Charlottenburger Besitz.

Link zu: Witzlebenstraße, 10.11.2012, Foto: KHMM
Witzlebenstraße, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Witzlebenstraße 4-5: Ehemaliges Reichskriegsgericht und Kammergericht
Das Gerichtsgebäude wurde 1908-1910 erbaut. Von 1910 bis 1920 fungierte das Gebäude als Reichsmilitärgericht, danach bis 1936 als Reichswirtschaftsgericht und Kartellgericht.
1936 zog hier das von den Nazis gegründete Reichskriegsgericht ein, der höchste Gerichtshof der NS-Wehrmachtsjustiz.
Das Reichskriegsgericht war zuständig für Hoch- und Landesverrat von Militärangehörigen, “Kriegsverrat” und Wehrdienstverweigerung aus religiösen Gründen. Mit Kriegsbeginn 1939 wurde seine Kompetenz erweitert auf die Delikte Spionage, Wirtschaftssabotage und “Wehrkraftzersetzung”. Aus den Jahren 1939 bis 1945 sind mehr als 1400 Todesurteile aktenkundig, von denen mehr als 1000 vollstreckt wurden.
An der Ecke Witzlebenstraße und Witzlebenplatz befindet sich ein Verkehrsspiegel, der auf das Mahnmal “Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg” hinweist.
Das von der Berliner Künstlerin Patricia Pisani geschaffene Mahnmal wurde 2002 entlang des Waldweges von der Glockenturmstraße am Olympiastadion bis in die Nähe des Erschießungsortes hinter der Waldbühne aufgestellt. Es besteht aus 106 Verkehrsspiegeln. Auf sechzehn Spiegeln informieren eingravierte Texte über das Geschehen in der Murellenschlucht. Unter den Nationalsozialisten wurde dort eine Wehrmachtshinrichtungsstätte errichtet.
In der Murellenschlucht, am Hang des Murellenberges wurden zwischen dem 12. August 1944 und dem 14. April 1945 Deserteure, Wehrdienstverweigerer und Befehlsverweigerer unterschiedlicher Dienstgrade, mehrheitlich nach Urteilen des Reichskriegsgerichtes, standrechtlich erschossen. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, etwa 230 sind bisher namentlich ermittelt.
Eine Informationstafel vor dem Haus erinnert an seine Geschichte im Nationalsozialismus:
“Zum Gedenken
In diesem Hause, Witzlebenstraße 4-10
befand sich von 1936-1943 das Reichskriegsgericht.
Die höchste Instanz der Wehrmachtsjustiz
verurteilte hier 260 Kriegsdienstverweigerer
und zahllose Frauen und Männer des Widerstands
wegen ihrer Haltung gegen Nationalsozialismus und Krieg
zum Tode und ließ sie hinrichten.”
Insgesamt haben NS-Kriegsgerichte während des Zweiten Weltkriegs mehr als 30.000 Todesurteile verhängt, von denen die meisten vollstreckt wurden. Zum Vergleich: Während des gesamten Ersten Weltkriegs hat die Militärjustiz des Kaiserreichs insgesamt 150 Todesurteile verhängt, von denen 48 vollstreckt wurden.
Am bekanntesten wurden die Verfahren gegen die Widerstandsgruppe “Rote Kapelle”. Mehr als 50 Mitglieder der Gruppe wurden hier zum Tode verurteilt und in Plötzensee ermordet. Das Reichskriegsgericht war ein Instrument des Terrors des NS-Staates. 1943 zog das Gericht wegen der zunehmenden Luftangriffe nach Torgau um. Das letzte Urteil wurde am 10.4.1945 gefällt. Danach flohen die Richter in den Süden Deutschlands.
Von einigen Überlebenden und Angehörigen der Opfer wurde unmittelbar nach dem Krieg gefordert, die Richter des Reichskriegsgerichtes als Kriegsverbrecher anzuklagen. Das französische Tribunal Général ermittelte gegen sieben führende Richter, die eineinhalb Jahre in der Festung Rastatt in Untersuchungshaft zubringen mussten. Dabei erhängte sich der ehemalige Senatspräsident Walter Biron 1947 in seiner Zelle. 1948 wurde das Verfahren vor Prozesseröffnung eingestellt.
Keiner der Richter wurde nach dem Krieg verurteilt. Erst in den letzten Jahren wurden einige der von ihnen gefällten Urteile revidiert, und erst jetzt stellt sich auch die deutsche Justiz ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit.
Das Gebäude war seit 1951 der Dienstsitz des für West-Berlin zuständigen Kammergerichtes, das sich heute wieder am angestammten Ort am Kleistpark befindet. Zuletzt wurde es bis zum Umzug nach Leipzig vom 5. Senat des Bundesgerichtshofes genutzt. Seit 1997 stand das bundeseigene Gebäude leer. Überlegungen zwecks Umbau zu einem Luxushotel wurden nicht realisiert. Im Juni 2005 kaufte ein niederländischer Privatinvestor das Gebäude. Im Juni 2006 wurde der Grundstein für den Umbau zu einem Mietwohnkomplex gelegt. Es entstanden rund 100 luxuriöse Mietwohnungen mit einer Durchschnittsgröße von 80 bis 100 qm. Auch das Dachgeschoss wurde ausgebaut.

Witzlebenstr. 34/35: Lietzensee-Grundschule
Das Gebäude wurde 1903/04 nach Plänen von Paul Bratring und Rudolf Walter für die 21. und 22. Gemeindeschule Charlottenburg gebaut. Der Mauerwerkbau ist mit orangeroten Ziegeln verblendet. Die schmückenden und gliedernden Teile sind aus Muschelkalk und Sandstein. Die Fassade ist zum Teil mit bildhauerischem Schmuck versehen. Das im Zweiten Weltkrieg ausgebrannte Dachgeschoss wurde nach 1945 vereinfacht wieder hergestellt. Heute ist hier die Lietzensee-Grundschule untergebracht.

Link zu: Kaiserdamm 1, 10.11.2012, Foto: KHMM
Kaiserdamm 1, 10.11.2012, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Kaiserdamm 1: Polizeipräsidium
Dieses Haus wurde 1906 bis 1910 von Oskar Launer und Kloeppel für das damalige Polizeipräsidium Charlottenburg gebaut. Das Haus steht unter Denkmalschutz. Heute sind hier das Referat Umweltkriminalität des Landeskriminalamtes und der Polizei-Abschnitt 24 untergebracht.
Nach der Eingemeindung Charlottenburgs nach Berlin im Jahr 1920 wurde hier die Kriminalpolizei untergebracht, und in den 20er Jahren war dies der Sitz des von den Nationalsozialisten wegen seiner jüdischen Herkunft diffamierten Berliner Vizepolizeipräsidenten und Chefs der Kriminalpolizei Bernhard Weiß.
2008 wurde an dem Wohnhaus am Steinplatz 3, wo Bernhard Weiß bis zum März 1933 lebte, eine Gedenktafel enthüllt, die an ihn erinnert.
Am 1. November 2010, haben Innensenator Körting und Polizeipräsident Gliedtsch auch hier am Haus des ehemaligen Polizeipräsidiums Charlottenburg eine Gedenktafel für Bernhard Weiß enthüllt, auf der sich auch ein Portrait des Geehrten befindet. Der Text lautet:
“Bernhard Weiß
1880 Berlin – 1951 London
Polizeivizepräsident in Berlin
von 1927 bis 1932
Preußischer Jude – Kämpferischer Demokrat
In diesem Polizeigebäude wohnte
Dr. Bernhard Weiß während seiner Amtszeit.
Er gehörte zu den Wenigen, die sich dem
aufkommenden Nationalsozialismus
mit rückhaltlosem Einsatz entgegenstellten.”
Bernhard Weiß wurde am 30. Juli 1880 in Berlin geboren. Sein Vater war Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in der Charlottenburger Fasanenstraße.
Nach dem Abitur im Jahr 1900 studierte Bernhard Weiß Rechtswissenschaften in Berlin, München, Freiburg und Würzburg, promovierte und absolvierte anschließend eine militärische Ausbildung zum Reserveoffizier.
Im Ersten Weltkrieg stieg er zum Rittmeister auf und wurde mit dem Eisernen Kreuz zweiter und erster Klasse ausgezeichnet. Im Sommer 1918 wurde er als Stellvertretender Leiter der Kriminalpolizei in Berlin in den Polizeidienst aufgenommen, 1925 wurde er Chef der Kriminalpolizei und 1927 Vizepolizeipräsident.
Weiß förderte gemeinsam mit seiner Frau Lotte auch die Kultur und war persönlich befreundet mit Künstlern wie Richard Tauber.
Als Mitglied der liberalen DDP engagierte er sich für die Demokratie der Weimarer Republik. Als Beamter der Republik griff er gegen Rechtsbrüche konsequent durch.
Nachdem Joseph Goebbels von Hitler Ende 1926 zum Berliner Gauleiter der NSDAP ernannt worden war, fand er in Bernhard Weiß seinen Hautgegner. Er veranstaltete unablässig Diffamierungskampagnen gegen ihn und nannte ihn wegen seiner jüdischen Herkunft immer nur “Isidor Weiß”. Besonders in der Hetzzeitung “Der Angriff” wurde Weiß ständig in Texten und antisemitischen Karikaturen diffamiert. Für Goebbels war Weiß ein ideales Opfer als Bürger jüdischer Herkunft und als Repräsentant der demokratischen Weimarer Republik, im Nazijargon “Vertreter des Systems”. Weiß wehrte sich und gewann gegen Goebbels mehr als 60 Prozesse. Goebbels war das egal. Er nutzte die Gerichtsverhandlungen als Bühne für seine Propaganda.
Als Vizepolizeipräsident machte Weiß keinen Unterschied zwischen rechts und links. Er bekämpfte die Pöbeltruppen der SA ebenso wie die Kampfformationen der Kommunisten, die der Weimarer Republik ebenfalls feindselig gegenüberstanden.
In der Berliner Bevölkerung und in der Polizei war Weiß sehr populär und geachtet. Liebevoll-despektierlich nannten sie ihn “Vipoprä”.
Nach dem “Preußenschlag” Papens 1932 verlor Weiß – wie die gesamte Regierung Preußens – sein Amt. Nach kurzer Haft wurde er freigelassen und lebte bis zum März 1933 in Berlin. Als die Nazis ein Kopfgeld auf ihn aussetzten, ermöglichten ihm Kollegen die Flucht. Weiß floh 1933 über Prag nach London, wo er 1951 kurz nach der Wiedererlangung seiner deutschen Staatsbürgerschaft im Alter von 70 Jahren starb.