106. Kiezspaziergang am 09.10.2010

Vom Bahnhof Charlottenburg zum Lietzenseeufer

Link zu: Bahnhof Charlottenburg, 29.9.2010, Foto: KHMM
Bahnhof Charlottenburg, 29.9.2010, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen

Treffpunkt: Bahnhof Charlottenburg, vor dem Haupteingang auf dem Stuttgarter Platz an der Kaiser-Friedrich-Straße

Sehr geehrte Damen und Herren!
Herzlich willkommen zu unserem 106. Kiezspaziergang. Diesmal folgen wir einer Einladung. Wir gehen von hier zum Lietzenseeufer, wo das Haus See-Eck neben dem Hotel See-Hof in diesem Jahr seinen 100sten Geburtstag feiert. Der Besitzer, Herr Jost, hat uns dazu eingeladen und versprochen, dass auch 200 Personen in seinem Haus mit dem kleinen Hotel Belle Etage am Lietzensee Platz finden. Wir wollen gegen 15.30 Uhr dort eintreffen, und damit wir nicht zu spät ankommen, werden wir heute ausnahmsweise einmal ziemlich geradlinig gehen. Auf dem Weg dahin werden wir unter anderem das ehemalige Frauengefängnis an der Kantstraße 79 besichtigen, zumindest den Innenhof des Gebäudekomplexes werden wir betreten können. Für den Zellentrakt und die einzelnen Zellen ist unsere Gruppe zu groß.
Bevor wir starten möchte ich Ihnen den Treffpunkt für den nächsten Kiezspaziergang mitteilen. Wie Sie wissen finden die Kiezspaziergänge immer am zweiten Samstag eines Monats ab 14.00 Uhr statt. Den nächsten wird meine Kollegin, Sozialstadträtin Martina Schmiedhofer, übernehmen, weil ich am 13. November unseren Partnerbezirk in Budapest besuchen werde. Der Treffpunkt ist dann am Sonnabend, dem 13. November, um 14.00 Uhr auf dem Henriettenplatz am S-Bahnhof Halensee und es wird über den neu benannten Kracauerplatz zum Walter-Benjamin-Platz gehen.
Alle Informationen über die Kiezspaziergänge finden Sie im Internet unter www.kiezspaziergaenge.de.

Stuttgarter Platz (Baustelle)
Der Stuttgarter Platz verdankt seine Entwicklung der Eröffnung der Stadtbahn im Jahr 1882. Sie verband Berlin und Charlottenburg erstmals mit einem direkten, schnellen und bequemen Verkehrsmittel. Sie brachte einen Schub für die Bautätigkeit und für das Bevölkerungswachstum. Die Bahnhöfe der Stadtbahn wurden zu Ausgangspunkten für den Bau neuer Wohnviertel.
Eines dieser Wohnviertel entstand hier um den Bahnhof Charlottenburg. Zunächst bildete allerdings der berüchtigte Schwarze Graben noch ein Hindernis für die Bebauung. Der Graben kam von Wilmersdorf, unterquerte die Stadtbahn, führte die Schöneberger und Wilmersdorfer Abwässer mit sich und mündete in den Lietzenseeabfluss. 1889 wurde er von der Wilmersdorfer Grenze an der Lietzenburger Straße bis zur Scharrenstraße, der heutigen Schustehrusstraße kanalisiert. Unmittelbar danach entstanden der Stuttgarter Platz und die Kaiser-Friedrich-Straße. Das Gebiet zwischen der Stadtbahn und dem Schloss Charlottenburg wurde zügig bebaut.
Seinen Namen erhielt der Stuttgarter Platz 1892. In den Jahren 1893-94 entstanden die auf der Westseite des Platzes erhaltenen repräsentativen Wohnhäuser. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der damals hier gelegene Busbahnhof zu einer Hochburg des Schwarzhandels, in den 1960ern machte die Kommune I den Platz über Berlin hinaus bekannt, und in den 70ern entstanden hier die ersten Bürgerinitiativen.
Zwischen Windscheidstraße und Kaiser-Friedrich-Straße zeichnet sich der Stuttgarter Platz heute aus durch eine gute Wohnlage mit stuckverzierten Altbauten, gemütlichen Cafés und Feinkostläden, mit Verkehrsberuhigung, einer Grünanlage und einen Spielplatz mit Spielbrunnen, die Ende der 70er Jahre durch eine Bürgerinitiative initiiert wurden. Dies ist der gut bürgerliche Teil des Stuttgarter Platzes.
Von der Kaiser-Friedrich-Straße bis zur Wilmersdorfer Straße ist der Stuttgarter Platz nicht gerade ein Schmuckstück. Hässliche Neubauten der 70er Jahre; Bordelle, Bars und Clubs, sowie billige Im- und Exportgeschäfte beherrschen hier das Bild, das sich allerdings derzeit zum Besseren entwickelt.
Dazu beitragen soll auch die Anlage eines neuen grünen Parks zwischen Kaiser-Friedrich-Straße und Wilmersdorfer Straße hier auf der nördlichen Seite der Bahngleise. Wie Sie sehen wird auch der Platz hier vor dem Bahnhofsgebäude neu gestaltet. Der Park wird von der Deutschen Bahn AG finanziert, als Ausgleich für gefällte Bäume bei der Ostverschiebung des S-Bahnhofs vor einigen Jahren. Damit wurde der Umsteigeweg zum U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße verkürzt.
Jetzt erhalten wir also gewissermaßen als Nachschlag zu dieser Baumaßnahme noch einen neuen Park. Die Planungen wurden vom Umweltamt gemeinsam mit einem beauftragten Planungsbüro und Bürgerinnen und Bürgern entwickelt. Insgesamt sollen 218 Bäume neu gepflanzt werden. Mitten durch den Park soll ein öffentlicher Fußweg laufen. Es gab zwar auch einzelne Proteste wegen weg fallender Auto-Parkplätze, aber insgesamt stößt diese Umbaumaßnahme auf große Zustimmung. Bereits 2008 hat die Deutsche Bahn AG auf der südlichen Seite der Bahngleise an der Gervinusstraße einen Park mit einem Spielplatz mit rund 750.000 Euro finanziert.

Kaiser-Friedrich-Straße
Die Straße wurde 1892 benannt nach Friedrich III, dem Sohn Kaiser Wilhelms I. Er war 1888 für 100 Tage Deutscher Kaiser. Sein Nachfolger im gleichen Jahr, dem sogenannten Dreikaiserjahr, war Wilhelm II.
Die Kaiser-Friedrich-Straße wurde erst am Ende des 19. Jahrhunderts angelegt.
Sie verläuft teilweise entlang dem früheren berüchtigten “Schwarzen Graben”, und sogar in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es bei einigen Häusern noch Probleme wegen dem morastigen Untergrund.

Kaiser-Friedrich-Str.54a: Kommune I
Am 1. Mai 1967 zogen einige junge Leute, die sich von den Treffen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) her kannten, in die dritte Etage der Kaiser-Friedrich-Straße 54a und bildeten eine Kommune. Sie wurde als Kommune I zur populärsten in Deutschland. Es waren fünf Männer und drei Frauen, unter ihnen Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann, etwas später kamen auch Rainer Langhans und das Foto-Modell Uschi Obermeier hinzu. Sie trugen lange Haare, hörten Rockmusik, rauchten Haschisch und forderten freien Sex. Sie waren eine Provokation für die deutsche Nachkriegsgesellschaft.
Bald wurde die Wohnung in der Kaiser-Friedrich-Straße zu klein. Am 1. August 1968 zog die Kommune l in eine Fabriketage in Moabit, in der alle in einem großen Raum lebten. Nach insgesamt 30 Monaten alternativen Zusammenlebens löste sich die Kommune l offiziell auf.
Die neue Art des Zusammenlebens nahmen sich jedoch viele zum Vorbild für Wohngemeinschaften überall in Deutschland.
Fritz Teufel fuhr später als Fahrradkurier durch die Stadt. Er starb am 6. Juli dieses Jahres – und sorgte auch nach seinem Tod noch für Aufregung. Am 6. August war seine Urne verschwunden.
Eine Woche später tauchte sie auf dem Dahlemer Waldfriedhof neben dem Grab von Rudi Dutschke wieder auf.
Das Haus machte Ende der 70er Jahre noch einmal Schlagzeilen in Berlin. Der Hausbesitzer Kausen ließ es leer stehen und ignorierte die vom Wohnungsamt angeordneten Maßnahmen zur Wiederherstellung. In den Zeitungen wurde es als “Spekulationsobjekt des Monats” bezeichnet. Anschließend wurden zeitweise Sozialhilfeempfänger eingewiesen, was dem zuständigen Sozialstadtrat Horst Heinschke den Vorwurf einbrachte, Mietwucher im Spekulationshaus zu begünstigen. Auch eine kurzzeitige Instandbesetzung fand hier statt.
Als kurze Zeit später im Nachbargebäude Nr.54 der Dachstuhl vollständig ausbrannte wurde über vorsätzliche Brandstiftung und warmen Abriss spekuliert.

Link zu: Gedenktafel für Herta Heuwer, 29.9.2010, Foto: KHMM
Gedenktafel für Herta Heuwer, 29.9.2010, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Kantstr. 101 (Gebäudeseite Kaiser-Friedrich-Straße, Asia-Markt): Gedenktafel für Herta Heuwer
Am 29. Juni 2003 haben wir an der damaligen Aldi-Filiale an der Kantstraße 101, hier an der Seite zur Kaiser-Friedrich-Straße zum 90. Geburtstag von Herta Heuwer eine Gedenktafel für sie enthüllt, auf der zu lesen ist:
“Hier befand sich der Imbissstand,
in dem am 4. September 1949
Herta Heuwer
30. Juni 1913 in Königsberg – 3. Juli 1999 in Berlin
die pikante Chillup-Sauce
für die inzwischen weltweit bekannte Currywurst erfand.
Ihre Idee ist Tradition und ewiger Genuss!”

Zu verdanken haben wir die Tafel vor allem dem Ehepaar Böhme aus der Schweiz. Brigitte Böhme ist die Nichte von Herta Heuwer. Sie und ihr Mann, Dr. Olaf Böhme, hatten die Idee, und sie haben sich hartnäckig und unermüdlich für eine Tafel für ihre Tante eingesetzt. Sie haben die Gedenktafel auch selbst gestiftet und in Auftrag gegeben.
Herta Heuwer hat bis zu ihrem Tod im Eichkatzweg in der Siedlung Eichkamp in unserem Bezirk gewohnt. Mit dieser Gedenktafel wollten wir an eine einfache Frau erinnern, die für Berlin eine bleibende kulinarische Attraktion geschaffen hat.

Kantstraße
Die Kantstraße wurde 1887 nach dem großen Philosophen Immanuel Kant benannt, der von 1724 bis 1804 in Königsberg lebte. Die Kantstraße ist ein wichtiges chinesisches Zentrum in Berlin – und zwar seit bald 100 Jahren. Vor allem wer von hier in Richtung Breitscheidplatz geht, kann sich ein wenig wie in Chinatown fühlen.
Die bereits seit den 1920er Jahren hier vermehrt anzutreffenden Chinesen verleiteten die Berliner Presse damals zu der Vermutung, dass Kant die Gäste aus Fernost an ihre Heimatstadt Kanton erinnern könnte und es sie deshalb hier herzog. Das ist allerdings doch eher unwahrscheinlich, denn der chinesische Name von Kanton hat mit Kant nichts zu tun. Die Stadt Kanton heißt Guangzhou, die Provinz Guangdong.
Allerdings ist Immanuel Kant in China ein sehr bekannter Philosoph, fast so bekannt wie Konfuzius, der bereits lange vor Kant den kategorischen Imperativ formuliert hat. Er lautet bekanntlich sinngemäß: “Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu!”.
Der Grund für die Beliebtheit der Kantstraße bei chinesischen Studenten ist eher darin zu suchen, dass die meisten von ihnen an der Technischen Universität studierten und hier ganz in der Nähe der Uni, im Bereich der westlichen City Berlins unweit des Kurfürstendammes bezahlbaren Wohnraum fanden. Die entsprechenden gastronomischen und sonstigen Angebote und Einrichtungen folgten dann nach.
Wenn wir jetzt in Richtung Westen gehen, dann werden Sie feststellen, dass die Kantstraße international und multikulturell ist. Sie können hier russische Lebensmittel und in einer persischen Buchhandlung Bücher aus dem Iran kaufen.
Sie werden auch feststellen, dass nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg viele Neubauten errichtet wurden, aber hin und wieder gibt es auch Häuser aus der Kaiserzeit mit schön restaurierten Fassaden. Unser nächstes Ziel an der Kantstraße 79 ist ein solches Haus.

Link zu: Ehemaliges Strafgericht Charlottenburg, 9.7.2010, Foto: KHMM
Ehemaliges Strafgericht Charlottenburg, 9.7.2010, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Kanstraße 79: Ehemaliges Frauengefängnis
Das Gebäude wurde 1896-97 von Adolf Bürckner und Eduard Fürstenau mit einer Fassade im Stil des Augsburger Barock errichtet, nachdem das Amtsgericht Charlottenburg zu klein geworden war. Die Fassade ist erhalten, und so gehört dieses Haus zu den besonders schönen Beispielen an der Kantstraße.
Die Strafabteilungen des Amtsgerichts wurden ausgelagert und hier untergebracht. Im Hof wurde ein Gefängnistrakt mit roten Verblendern und reichhaltigem Bauschmuck als Vollzugsanstalt für weibliche Jugendliche und Strafabteilung des Amtsgerichtes eingerichtet. Der Komplex diente in den letzten Jahrzehnten als Landesanstalt für Lebensmittel-, Arzneimittel- und gerichtliche Chemie, später als Dienstgebäude des Amtsgerichtes und Grundbuchamt.
Im ehemaligen Gefängnistrakt wurde bis vor kurzem das Archiv des Kammergerichtes untergebracht. Seit 1985 steht das Gefängnis im Hinterhaus leer.
In der Berliner Zeitung vom 26. Mai 2010 habe Sabine Deckwerth in einem ausführlichen Artikel unter der Überschrift “Gefängnis zu verkaufen” die Geschichte dieses Hauses zusammengefasst. Sie schreibt unter anderem:
“Im Haus vorn, in dem einst Richter tagten, war zuletzt die Nachlassabteilung untergebracht. Das einstige Gefängnis mit Zellen für rund 100 Häftlinge befindet sich dahinter. Es wurde 1985 geschlossen, aber verändert hat sich am Bau nicht viel: roter Backstein, winzige Fenster mit Gittern davor, schmale Gänge, überzogen mit Maschendraht. Selbst der Stacheldraht auf den Mauern ist noch zu sehen. Die Zellen sind etwa sechs Quadratmeter groß.
So ganz ungenutzt blieb das Haus in den letzten Jahren nicht. Das leerstehende Gefängnis wurde gern für Filmarbeiten genutzt. Szenen für „Der Vorleser“ mit Kate Winslet sind dort entstanden, Skandal-Rapper Bushido drehte einen Videoclip, Models präsentierten Dessous in Gefängnis-Atmosphäre.
Kaum ein Außenstehender weiß noch, was einst hinter diesen roten Backsteinmauern geschah. Während der Nazizeit waren dort Frauen aus dem Widerstand inhaftiert. Viele haben ihre letzten Tage bis zur Hinrichtung in einer der winzigen Zellen verbracht. Der Charlottenburger Karl Dürr, 76 Jahre alt, hat sich aus Interesse mit dem Haus befasst. Er sagt, er hätte sich gewünscht, dass in dem Gebäude eine Gedenkstätte für diese Frauen eingerichtet wird, weil ihr Widerstand häufig ignoriert werde.
Dürr erzählt von Frauen aus der Widerstandsgruppe der „Roten Kapelle“, 19 von ihnen waren in der Kantstraße 79 inhaftiert. Libertas Schulze-Boysen zum Beispiel, die Frau von Harro Schulze-Boysen, die Material über Gewaltverbrechen an der Ostfront sammelte und auf Flugblättern publik machte. Nach Entdeckung ihrer Verbindungen zur Sowjetunion wurden Libertas und ihr Mann verhaftet und vom Reichskriegsgericht 1942 zum Tode verurteilt. Libertas Schulze-Boysen hat zehn Tage in der Kantstraße verbracht. Sie starb im Alter von 29 Jahren am 22. Dezember 1942 unter dem Fallbeil.
Eva-Maria Buch war 21 Jahre alt, Maria Terwiel 32, als sie in der Kantstraße auf ihre Hinrichtung warteten. Beide Frauen, strenge Katholikinnen, haben zwei Monate in den Zellen gesessen. Die Widerstandskämpferin Greta Kuckhoff ist dem Todesurteil entgangen. Sie saß sechs Monate in der Kantstraße, in der DDR war sie später, von 1950 bis 1958, Präsidentin der Staatsbank und dann im Friedensrat aktiv. Sie starb 1981 in Wandlitz.
Auch die Politikerin Ottilie Pohl hat viele Nächte im Frauengefängnis Kantstraße verbracht. Sie engagierte sich gegen das Nazi-Regime und war in der „Roten Hilfe Deutschland“ aktiv. 1940 wurde sie zu acht Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie einen Kommunisten bei Bekannten versteckte. Sie starb 1943 in Theresienstadt.
An wen das 3 760 Quadratmeter große Grundstück verkauft wird, ist noch nicht klar. Viele Interessenten hat Hausmeister Fred Köcher durch Räume und Treppenhäuser geführt, Deutsche und Investoren aus Israel, Italien, Holland, Russland, Schweden. Die Lage inmitten der City ist ideal, der Lietzensee nur 250 Meter entfernt. Aber das Objekt ist schwierig. Schwer vorstellbar, dass aus kleinen Zellen Hotelzimmer oder Wohnungen entstehen, große Umbauten sind nicht erlaubt, weil das Haus unter unter Denkmalschutz steht.
Es habe einige Angebote gegeben, Verhandlungen würden noch laufen, heißt es beim Liegenschaftsfonds, der das Objekt im Auftrag des Landes Berlin vermarktet.”
So weit der Artikel von Sabine Deckwerth aus der Berliner Zeitung. Unser Museum Charlottenburg-Wilmersdorf wird die Geschichte dieses Gebäudes aufarbeiten und weiter erforschen.
Wir wissen beispielsweise von Franz von Hammerstein, dass die Widerstandskämpferin Helene Jacobs, für die wir in der Künstlerkolonie am Ludwig-Barnay-Platz eine Gedenktafel angebracht haben, ebenfalls hier eine Zuchthausstraße verbüßt hat, nachdem sie in der Dahlemer Bekenntnisgemeinde Juden geholfen hatte. Sie wurde hier als Hilfskraft beschäftigt und konnte mit Wissen der Gefängnisoberin viel für ihre Mitgefangenen tun.
Den Schlüssel haben wir vom Hausmeister des Amtsgerichts erthalten, der dieses Gebäude mit beaufsichtigt. Selbstverständlich werde ich den Schlüssel nach unserem Besuch wieder zurück bringen.

Amtsgerichtsplatz
Der Amtsgerichtsplatz wurde bereits 1859 als Schmuckplatz angelegt. Nach dem Bau des Amtsgerichts erhielt er 1897 seinen Namen. Die 1905 von Rudolf Walter im Stil eines Tiroler Landhauses erbaute Bedürfnisanstalt steht unter Denkmalschutz. Heute befindet sich ein Bistro darin.
Gegenüber dem Hauptportal des Gerichtsgebäudes wurde 1979 die Bronzeskulptur “Treblinka” aufgestellt. Der russische Bildhauer Vadim Sidur hat sie 1966 geschaffen und wollte damit erinnern an die Opfer des östlich von Warschau gelegenen Vernichtungslagers, in dem etwa 900.000 Juden ermordet wurden. Es zeigt aufeinandergetürmte menschliche Körper in abstrahierter Form.
Auf der einen Seite der Tafel wurde eine Bronzeplatte in den Boden eingelassen mit dem Schriftzug “Treblinka”, oben und unten gerahmt von dem Namen des Bildhauers, sowohl in kyrillischer, wie in lateinischer Schrift.
Auf der anderen Seite befindet sich eine Tafel mit dem Text:
“Im Lager Treblinka II wurden vom Juli 1942 bis November 1943 über 750.000 Menschen ermordet. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Unrechtstaten.”
Das heutige Amtsgerichtsgebäude wurde 1895-97 von Poetsch und Clasen als Civilgericht im Stile des Märkischen Barock errichtet. Es gab vier Schöffengerichte und ein Amtsgefängnis. Das Hauptgebäude umschließt einen großen Innenhof. Der Putzbau steht auf einem Sockel aus schlesischem Granit. Das imposante Hauptportal befindet sich in einem dreiachsigen Mittelrisalit. 1915-21 wurde ein Erweiterungsbau angefügt.
In der Nachkriegszeit befand sich hier bis 1979 die Landesanstalt für Lebensmittel, Arznei und gerichtliche Chemie. 1985 wurde das Haus als Gerichtsgebäude renoviert und wieder Rechtsbehörden zur Verfügung gestellt.
Heute ist das Amtsgericht zuständig für Charlottenburg-Wilmersdorf und für das Handels- und Vereinsregister Berlins. Hier sind etwa 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, davon 50 Richterinnen und Richter. Das für unseren Bezirk zuständige Grundbuchamt befindet sich allerdings in der Zuständigkeit des Amtsgerichts Schöneberg in der Ringstraße 9 in Berlin-Lichterfelde.

Neue Kantstraße
Die Neue Kantstraße erhielt ihren Namen im Jahr 1905, nachdem die Kantstraße bereits 1887 nach dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant benannt worden war. Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, warum es eine alte und eine Neue Kantstraße gibt, wobei die Neue Kantstraße nun auch schon 105 Jahre alt ist und die alte nur 18 Jahre älter.
Das hängt mit der Zweiteilung des Lietzensees zusammen. Bis 1904 endete die Kantstraße hier. Dann wurde ein Damm aufgeschüttet, um sie zu verlängern. Der Damm teilte den Lietzensee in zwei Hälften, und über den Damm führte die Neue Kantstraße.

Link zu: Ignatius-Haus, 14.11.2009, Foto: KHMM
Ignatius-Haus, 14.11.2009, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Neue Kantstraße 1: Ignatiushaus
1955/56 errichtete Johannes Jackel das Ignatiushaus mit Kapelle, Wohnheim, Tagungsräumen und Ladenzone. Mit seiner kleinteiligen farbigen Verplättelung der Außenwände ist es ein typischer 1950er Jahre Bau. Es war Sitz der norddeutschen Provinz der Jesuiten und der Christlichen Glaubens- und Lebensschule St. Ignatius, die 2003 in einen Neubau an der Witzlebenstraße 30, neben dem Kirchvorplatz der neuen St. Canisiuskirche umgezogen ist. Seither steht das Haus leer, und leider ist es dadurch nicht schöner geworden.

Neue Kantstraße 1: Stolpersteine für Johanna und Dr. Paul Reiche
(Im Pflaster rechts neben der Eingangstür)
Der 1947 in Berlin geborene Kölner Bildhauer Gunter Demnig hat 1996 in Köln die ersten Stolpersteine verlegt, die im Gehweg vor dem früheren Wohnort an Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen erinnern. Es sind 10 × 10 cm große aus Beton gegossene Steine mit eingelassener Messingtafel, in die der Künstler mit Hammer und Schlagbuchstaben “Hier wohnte”, Namen, Jahrgang und Stichworte zum weiteren Schicksal eines einzelnen Menschen einstanzt.
Charlottenburg und Wilmersdorf waren in den 20er und 30er Jahren die beiden Berliner Bezirke mit dem höchsten Anteil jüdischer Bevölkerung. Deshalb sind besonders viele Bürgerinnen und Bürger aus Charlottenburg-Wilmersdorf Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung geworden. In dieser Woche, am Montag, dem 4. Oktober, haben wir in Charlottenburg-Wilmersdorf den tausendsten Stolperstein verlegt. Ein Verzeichnis aller Stolpersteine in Charlottenburg-Wilmersdorf finden Sie im Internet unter www.stolpersteine.charlottenburg-wilmersdorf.de.

Die beiden Stolpersteine für Johanna und Dr. Paul Reiche wurden am 5.6.2004 verlegt. Sie tragen folgende Inschriften:
Hier wohnte
Johanna Reiche
geb. Wolff
JG. 1890
deportiert 3.10.1942
Theresienstadt
überlebt

Hier wohnte
Dr. Paul Reiche
JG. 1878
deportiert 3.10.1942
Theresienstadt
überlebt

Neue Kantstraße 10: Gedenktafel für Hubertus Prinz zu Löwenstein
Die Gedenktafel für Hubertus Prinz zu Löwenstein wurde am 14. Oktober 2001 zum 95. Geburtstag des Geehrten enthüllt. Sie enthält folgenden Text:
Hier lebte von 1931 bis zu seiner Emigration am 30.4.1933
Hubertus Prinz zu Löwenstein
14.10.1906 – 28.11.1984
Der Politiker, Historiker und Schriftsteller war Mitglied der Zentrumspartei
und des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold
Gemeinsam mit seiner Frau Helga Prinzessin zu Löwenstein
von den Nationalsozialisten ausgebürgert,
gründete er 1936 in den USA die Deutsche Akademie
der Künste und Wissenschaften im Exil
Er kehrte 1946 mit seiner Familie nach Deutschland zurück
1953 – 1957 Mitglied des Deutschen Bundestages

Hubertus Prinz zu Löwenstein war als Mitglied der Zentrumspartei und Abgeordneter im Reichstag zugleich führendes Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.
Diese Organisation wurde von der SPD, dem Zentrum und der Deutschen Demokratischen Partei gegründet, um die Demokratie zu schützen und sie gegen die Nationalsozialisten zu verteidigen.
Im April 1929 heiratete Hubertus Prinz zu Löwenstein Helga Maria Schuylenburg. Sie wurde nicht nur seine Frau, sondern auch seine engste Mitarbeiterin.
Sie emigrierte mit ihm zusammen 1933 zunächst nach Österreich, später in die USA und arbeitete aktiv mit in der von ihm gegründeten Deutschen Akademie der Künste und Wissenschaften im Exil. Auf Vortragsreisen und in Interviews warb sie für das bessere, demokratische Deutschland und wurde bekannt in den USA und im freien Teil Europas.
Nach der Rückkehr der Familie nach Deutschland im Jahr 1946 baute Helga Prinzessin zu Löwenstein mit Hilfe amerikanischer Spenden ein Hilfswerk für Flüchtlinge auf. Sie ist Ehrenmitglied im Freien Deutschen Autorenverband, in der Union Deutscher Widerstandskämpfer und Verfolgtenverbände und in anderen Organisationen. Seit dem Tod ihre Mannes 1984 betreut sie seinen literarischen Nachlass.
Sie war bei der Enthüllung der Gedenktafel dabei, die angeregt und finanziert wurde von der Tochter Konstanza Prinzessin zu Löwenstein.

Neue Kantstraße 12/13: Gedenktafel für Georg Heym
Die Berliner Gedenktafel wurde am 30.10.1987 zum 100. Geburtstag von Georg Heym enthüllt:
In dem hier vormals stehenden Hause
lebte der Dichter
GEORG HEYM
30.10.1887 – 16.1.1912
Einer der bedeutendsten Vertreter
des Frühexpressionismus

Georg Heym wurde 1887 in Hirschberg in Schlesien geboren. Er kam 1900 mit seinen Eltern nach Berlin in die Schöneberger Martin-Luther-Straße 5 und besuchte das Joachimsthalsche Gymnasium in der damaligen Kaiserallee, der heutigen Bundesallee in Wilmersdorf. Zu Ostern 1905 musste er die Schule wegen schlechter Noten und eines Schülerstreichs verlassen und in ein Internat nach Neuruppin wechseln, wo er 1907 das Abitur ablegte. Danach studierte er Jura in Würzburg, Jena und Berlin.
1910 wurden seine ersten Gedichte in der Zeitschrift “Herold” abgedruckt. 1911 veröffentlichte er den Lyrikband “Der ewige Tag” und 1913 die Novelle “Der Dieb”. Mit diesen Texten wurde Georg Heym zum führenden Vertreter des Frühexpressionismus in der deutschen Dichtung. Von 1909 bis Ende September 1911 wohnte er mit seinen Eltern hier in der Neuen Kantstraße 12/13. Dann zog die Familie ein paar Häuser weiter in den Königsweg 31, die heutige Wundtstraße. Am 16. Januar 1912 ertrank Georg Heym im Alter von 24 Jahren mit einem Freund beim Eislaufen auf der Havel bei Schwanenwerder. Vermutlich kam er ums Leben, als er vergeblich versuchte, seinen eingebrochenen Freund zu retten.
Freunde aus dem “Neuen Club” gaben nach seinem Tod 1912 seinen Gedichtband “Umbra vitae” heraus. In diesem Band findet sich auch das Gedicht “Der Krieg”. Dieses gehört zusammen mit “Der Gott der Stadt” zu Heyms bekanntesten Gedichten und wird häufig in Schulbüchern abgedruckt.

Lietzenseeufer
Die Straße wurde 1905 nach dem Lietzensee benannt.
Der Lietzensee ist 6,6 ha groß und 3-4m tief. Er hat keinen Zufluss, sondern wird allein durch Grundwasser gespeist. Heute gibt es einen Abfluss zur Spree, früher gehörte der Lietzensee zu dem Sumpfgelände des am Ende des 19. Jahrhunderts zugeschütteten “Schwarzen Grabens”.
Als General von Witzleben 1827 an der Westseite des Sees eine Parkanlage in dem umgebenden Wald- und Sumpfgelände und eine kleine Badeanstalt anlegen ließ, ergaben sich durch Aufschüttungen Veränderungen am See. Dennoch blieb sein Naturzustand noch lange Zeit weitgehend erhalten, bis er gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahezu verlandet, völlig verschilft und nur noch knapp 20cm tief war und auf zwei Meter Tiefe ausgebaggert werden musste. Aufgrund der übermäßigen Nährstoffbelastung wurde hier – vermutlich weltweit zum ersten Mal – eine künstliche Sanierung durch Nährstoffdrosselung durchgeführt.
1904 wurde der See – wie bereits erwähnt – durch die Dammaufschüttung für die Verlängerung der Kantstraße zweigeteilt. In diesem Zusammenhang baute die “Terrain-Aktiengesellschaft Park Witzleben” im gleichen Jahr auch die Buntsandsteinbrücke. Sie überquert den Verbindungskanal zwischen den beiden Seehälften. Erst 1954 wurde durch eine Fußgängerunterwegung unter der Brücke wieder eine Verbindung der beiden Parkhälften für Fußgänger hergestellt.

Neue Kantstraße 14: Ziegler-Filmproduktion
In dem Haus an der Neuen Kantstraße 14, unmittelbar vor der Lietzenseebrücke, residiert die Ziegler Film GmbH & Co. KG. Die 1973 von Regina Ziegler gegründete Film-Produktionsfirma hat inzwischen mehr als 400 Filme aller Genres produziert. Viele von ihnen wurden mit Preisen ausgezeichnet. Seit 2000 ist die 1966 in Berlin geborene Tochter von Regina Ziegler, Tanja Ziegler, Geschäftsführerin. Derzeit läuft in der ARD, immer dienstags nach der Tagesschau die 6teilige Fernsehserie “Weissensee”, eine spannende “Romeo-und-Julia” Geschichte aus Ost-Berlin in der DDR-Zeit, die von Tanja und Regina Ziegler produziert wurde.
Lietzenseeufer 11: Ringhotel Seehof Berlin
Das Hotel Seehof ist idyllisch am Lietzensee gelegen und dennoch mitten in der Stadt. Besonders Messebesucher schätzen die Übernachtung in Reichweite der Messehallen unterm Funkturm. Frühstück gibt es im Sommer auf der Seeterrasse. Beliebt ist auch der Gobelinsaal oder der Wintergarten für Eheschließungen. Hier arbeitet das Hotel mit unserem Standesamt zusammen.

Lietzenseeufer 10: Haus See-Eck, Hotel Belle Etage
Das Haus See-Eck, direkt neben dem Hotel See-Hof am Lietzensee wurde 1908-10 von Hart & Lesser für den Geheimen Komerzienrat und Direktor der Terraingesellschaft Park Witzleben, Werner Eichmann, gebaut. Im September 2009 eröffnete der Ur-Urenkel des Bauherrn in der gut erhaltenen Belle Etage ein kleines Privathotel, in dem er auch regelmäßig den “Salon am Lietzensee” veranstaltet. Er hat uns zum 100jährigen Bestehen seines Hauses eingeladen und will uns auch sein Hotel vorstellen. Ich bin sehr gespannt darauf und bedanke mich herzlich bei Herrn Veit Jost.