84. Kiezspaziergang am 13.12.2008

Vom ehemaligen Joachimsthalschen Gymnasium zum Haus der Berliner Festspiele

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Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen vor dem Joachimsthalschen Gymnasium, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen
Treffpunkt: Vor dem Joachimsthalschen Gymnasium, U-Bahnhof Spichernstraße

Sehr geehrte Damen und Herren!
Herzlich willkommen zu unserem 84. Kiezspaziergang. Heute steht die Besichtigung des Hauses der Berliner Festspiele im Mittelpunkt, die frühere Freie Volksbühne in der Schaperstraße. Wir haben also keinen weiten Weg vor uns. Der Intendant Joachim Sartorius hat uns zu einem Besuch eingeladen. Zunächst werden wir uns aber mit dem ehemaligen Joachimsthalschen Gymnasium beschäftigen, auf dessen damaligem Gelände heute auch das Haus der Berliner Festspiele steht.
Ich freue mich sehr, dass der Archivar der Universität der Künste, Herr Dr. Schenk, uns einiges über das Joachimsthalsche Gymnasium berichten wird. Er ist extra aus dem Urlaub zu uns gekommen. Und Frau Dehning, die in der Universität der Künste für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, ist ebenfalls gekommen. Sie wird uns den einen oder anderen Veranstaltungshinweis geben. Herzlichen Dank dafür. Außerdem wird uns an der Schaperstraße Ecke Meinekestraße der Park-Alterssitz vorgestellt.
Zuvor will ich Ihnen aber wie gewohnt mitteilen, wo der nächste Treffpunkt ist. Denn auch im neuen Jahr 2009 wollen wir die Reihe der Kiezspaziergänge fortsetzen. Den 85. Kiezspaziergang am 10. Januar wird mein Kollege Joachim Krüger übernehmen, weil ich zu dieser Zeit nicht in Berlin sein werde. Er ist Bezirksstadtrat für Bürgerdienste, Ausbildungsförderung und Personal, und er wird Sie vom Fehrbelliner Platz zur Lindenkirche führen.
In der Lindenkirche wird es nicht nur Erläuterungen zur Kirche geben, sondern auch Orgelspiel und Kaffee und Kuchen für alle, die mögen. Treffpunkt ist am Sonnabend, dem 10. Januar 2009, um 14.00 Uhr vor dem Rathaus Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz 4, U-Bahnhof Fehrbelliner Platz.
Wie Sie wissen sind unsere Kiezspaziergänge kostenlos und werbefrei. Aber heute will ich eine Ausnahme machen und Sie auf ein neues Buch aufmerksam machen, das gerade rechtzeitig vor Weihnachten erschienen ist. Und es hat in gewisser Weise auch mit unseren Kiezspaziergängen zu tun. Es ist ein Buch über Charlottenburg-Wilmersdorf für Kinder.
Gerade rechtzeitig vor Weihnachten ist bei lehmanns media das Kinderbuch “Mit Oma Charlotte durch die Stadt. Charlottenburg-Wilmersdorf für Kinder” mit durchgehend farbigen Illustrationen von Tatiana Demidova erschienen. Den Text schrieb Gudrun Raff. Das Buch im quadratischen Format 21 × 21 cm ist im Buchhandel erhältlich und kostet 14,95 EUR.
Oma Charlotte spaziert mit ihrem Enkel John aus Australien durch Charlottenburg-Wilmersdorf, zeigt ihm den Bezirk und erklärt ihm, was ein Kiez und was ein Wasserklops ist, und dass im Teufelssee kein Teufel wohnt. Die aus St. Petersburg stammende Zeichnerin Tatiana Demidova, die große Erfahrung bei der Arbeit an Zeichentrickfilmen gesammelt hat, stellt uns Charlottenburg-Wilmersdorf in umwerfend fröhlichen und treffenden Bildern vor.
Auch Erwachsene können viel lernen beim Blättern und Vorlesen. Das fängt mit der Scharrenstraße an und hört mit Charlotte von Preußen, dem ersten deutschen Personendampfschiff, noch lange nicht auf.
Das Buch ist in der Buchhandlung Lehmanns am Ernst-Reuter-Platz und sicher auch in allen anderen gut sortierten Buchhandlungen in Charlottenburg-Wilmersdorf erhältlich.

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Ehemaliges Joachimsthalsches Gymnasium, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Nr. 1-12 Ehemaliges Joachimsthalsches Gymnasium
Das klassizistische Gebäude im Stil der italienischen Hochrenaissance wurde 1875-80 von Ludwig Giersberg und Heinrich Strack für das bereits 1607 in Joachimsthal gegründete Gymnasium gebaut. Es war bald nach Berlin gezogen und zu einer der berühmtesten Elite-Schulen in Deutschland geworden. Das Haus gilt als spätes Beispiel der Schinkel-Schule. Am Mittelrisalit stehen in zwei Nischen die Statuen von Plato und Aristoteles. Sie wurden von dem Grunewalder Bildhauer Max Klein geschaffen. Im Vestibül steht die Skulptur eines Flötenspielers aus Bronze von Constantin Starck.
Das Joachimsthalsche Gymnasium war eine bedeutende Internatsschule. Sie belegte das gesamte Gelände hinter dem Hauptgebäude bis zum Fasanenplatz mit Häusern für die Schüler und Lehrer, Sportplätzen, Turn- und Schwimmhallen usw..
Das Joachimsthalsche Gymnasium zog schon 1912 wieder aus. Es hatte sich finanziell übernommen, und die Wilmersdorfer Idylle von 1880 war inzwischen vom Troubel der neuen City West abgelöst worden. Deshalb zog das Joachimsthalsche Gymnasium zurück in die Uckermarck nach Joachimsthal, wo es ursprünglich gegründet worden war. Von 1912 bis 1919 wurde in dem Haus eine städtische Schule der Großstadt Wilmersdorf untergebracht, das Joachim-Friedrich-Gymnasium. Danach wurde das Gebäude seit 1920 vom Bezirksamt Wilmersdorf als “Stadthaus” genutzt. Der größte Teil der Bezirksverwaltung wurde hier untergebracht, denn das alte Rathaus Wilmersdorf an der Brandenburgischen Straße Ecke Gasteiner Straße war längst viel zu klein geworden, und aus dem am Preußenpark geplanten neuen großen Rathaus wurde nichts, weil der Erste Weltkrieg dazwischen gekommen war.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Joachimsthalsche Gymnasium schwer beschädigt, 1955 wiederhergestellt. In der Folge diente es unterschiedlichen Zwecken, darunter als Stern’sches Konservatorium und Musikinstrumentenmuseum, heute befinden sich hier Bereiche der Universität der Künste und die Musik- und Stadtteil-Bibliothek Bundesallee. 1995 wurde die Aula zum Konzertsaal für den Fachbereich Musik der Universität der Künste umgebaut.

Eine Gedenktafel neben der Eingangstür erinnert an Ehemalige Schüler:
Wir gedenken unserer Kommilitonen
am Königlichen Joachimsthalschen Gymnasium zu Berlin
Generalleutnant Paul von Hase
Regierungspräsident a.D. Ernst von Harnack
Staatssekretär a.D. Erwin Planck
die in christlicher Verantwortung und humanistischer Tradition
Recht und Menschenwürde gegen die Tyrannei des NS-Staates verteidigten
und ihren Widerstand gegen Unrecht und Barbarei
vor fünfzig Jahren mit dem Leben bezahlten.
Ihr Opfer öffnete Deutschland den Weg in eine bessere Zukunft
und ist uns bleibende Verpflichtung.
Im April 1995 – Die Vereinigung Alter Joachimsthaler e.V.

Bundesallee
Die Bundesallee erhielt ihren Namen mit der Eröffnung des Bundeshauses am 18. Juli 1950. Zuvor hieß die Straße Kaiserallee.

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Bundeshaus, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Nr. 216-218 Bundeshaus
Das Bundeshaus wurde 1893-95 als Verwaltungsgebäude für die Königlich Preußische Artillerie-Prüfungs-Kommission errichtet von Bernhardt & Wieczorek. 1950-90 fungierte es unter der Bezeichnung Bundeshaus als Sitz des Bevollmächtigten der Bundesregierung in Berlin; bis zum Umzug des Ministerium des Inneren von Bonn nach Berlin befand sich hier außerdem eine Abteilung der Berliner Außenstelle des Ministeriums.
Die Immobilie gehört zum Ressortvermögen des Innenministeriums und wird von diversen Bundeseinrichtungen genutzt, u.a. dem Bundesverwaltungsamt.
Zwischen den beiden Fenstern links neben der Eingangstür wurde 1990 eine Gedenktafel für die beiden Widerstandskämpfer Erich Hoepner und Henning von Tresckow angebracht. Sie trägt folgenden Text:
In diesem Gebäude,
1895 für die ehemalige Königlich-Preußische Artillerie- Prüfungskommission erbaut,
arbeiteten während des 2.Weltkrieges die Offiziere des Widerstandes:
Generaloberst ERICH HOEPNER
14.9.1886 – 8.8.1944
Generalmajor HENNING VON TRESCKOW
10.1.1901 – 21.7.1944

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Gerhart-Hauptmann-Anlage, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Gerhart-Hauptmann-Anlage
Die Gerhart-Hauptmann-Anlage wurde als kleine Parkanlage auf dem ehemaligen weitläufigen Gelände des Joachimthalschen Gymnasiums angelegt. 1966 wurde das Gerhart-Hauptmann-Denkmal enthüllt, eine Granitstele mit einer Bronzebüste Hauptmanns von Fritz Klimsch.

Eine Gedenktafel erinnert an Meierotto, nach dem auch die Straße hinter der Anlage benannt ist:
“Johann H.L. Meierotto
Erster Direktor
des Joachimsthalschen Gymnasiums
*1742 + 1800”
Er gilt als Vater des Abiturs, weil er an seiner Schule ein besonderes Examen einführte, mit dem Schulabgänger auf ihre Hochschulreife geprüft wurden. Im 18. Jahrhundert bestimmten die Universitäten noch alleine über die Aufnahme von Studenten. Als erster deutscher Staat regelte Preußen 1788 die Hochschulzugangsberechtigung.

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Gefallenendenkmal, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

1924 schuf Eberhard Encke ein Gefallenendenkmal aus Muschelkalk, das direkt neben dem Joachimsthalschen Gymnasium an der damaligen Kaiserallee aufgestellt wurde. Das stelenartige, 4m hohe Denkmal erinnert an die Gefallenen des XXII. Reservekorps im I.Weltkrieg geschaffen. Die abschließende Kugel trug ursprünglich eine Schwurhand.

Nach jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Investoren, Parteien und einer Bürgerinitiative um die Bebauung der Anlage beschloss die Bezirksverordnetenversammlung am 24.1.2008, “eine Bebauung der Gerhart-Hauptmann-Anlage mit vier Einzelgebäuden planungsrechtlich vorzubereiten.” Dabei soll die Bar jeder Vernunft versetzt und der Spielbetrieb im Haus der Berliner Festspiele gesichert werden. Die Kinderspiel- und Bolzplätze sollen in mindestens gleicher Größe wie bisher neu angelegt werden. Die unansehnliche Parkpalette aus Beton soll abgerissen werden. Ein ursprünglich geplantes 80 Meter hohes Bürohochhaus fand keine Zustimmung.
Die Neue Bauentwicklungs- und Verwaltungsgesellschaft mbH (Neubau) will ab 2009 vier sechsstöckige Wohnblöcke mit rund 80 hochwertigen Eigentumswohnungen bauen.
Die Berliner Festspiele sind nicht glücklich mit dieser Planung, weil aus der unmittelbaren Nachbarschaft von Wohnhäusern und einem kulturellen Veranstaltungsort Konflikte entstehen können. Sicher wird uns der Intendant der Berliner Festspiele, Herr Sartorius, nachher seine Position zu dieser Frage erläutern.

Schaperstraße
Die Schaperstraße wurde 1888 benannt nach dem Pädagogen Karl Schaper. Er war wie Johann Meierotto Direktor des Joachimsthalschen Gymnasiums, und zwar von 1872 bis 1886

Meinekestraße
Auch die Meinekestraße wurde nach einem früheren Direktor des Joachimsthalschen Gymnasiums benannt. Johann Albrecht Friedrich August Meineke wurde 1790 in Soest geboren. Er war Gymnasialprofessor in Danzig und schließlich von 1826 bis 1857 Direktor des Joachimsthalschen Gymnasiums. Meineke starb 1870 in Wernigerode. Er schreibt sich übrigens nur mit “k” im Gegensatz zu dem berühmten Historiker Friedrich Meinecke.

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Park Alterssitz City, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Meinekestr. 14 (Ecke Schaperstraße) Park-Alterssitz
Schon lange hat uns der Park-Alterssitz zu einem Besuch eingeladen, und ich freue mich, dass es heute endlich klappt und sogar ein kleiner Weihnachtsmarkt aufgebaut wurde – fast könnte man sagen extra für uns. Die Heimleiterin, Frau Voigt, wird uns ihr Haus vorstellen. Vielen Dank dafür.

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Haus der Berliner Festspiele, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Schaperstr. 24 Haus der Berliner Festspiele (ehem. Freie Volksbühne)
Das Haus wurde 1960-63 von Fritz Bornemann für die Freie Volksbühne auf dem Gelände des früheren Joachimsthalschen Gymnasiums errichtet, nachdem er kurz zuvor die Deutsche Oper gebaut hatte. Ungewöhnlich für einen Theaterbau ist der Standort inmitten eines parkähnlichen Geländes, dem sich das Haus mit großen Glasflächen öffnet. Das Theater wurde am 1. Mai 1963 mit Romain Rollands “Robespierre” in der Regie von Erwin Piscator eröffnet. Piscator war Intendant bis 1966. Seine Nachfolger waren Kurt Hübner und Hans Neuenfels. 1992 wurde das Theater geschlossen. 1993-1997 wurde es bespielt als Musical Theater Berlin. Im Dezember 2000 zog die Berliner Festspiele GmbH ein. Das Haus ist Hauptspielstätte für das Theatertreffen Berlin.
Ich freue mich sehr, dass der Intendant der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, uns in sein Haus eingeladen hat und dass er es uns auch persönlich vorstellt. Herzlichen Dank dafür.
Prof. Dr. Sartorius wurde 1946 in Fürth geboren. Er wuchs in Tunis auf, lebte lange in New York, Istanbul und Nicosia, bevor er nach Berlin zog. Seit 2001 leitet er die Berliner Festspiele. Übrigens ist Joachim Sartorius nicht nur Jurist, Diplomat und Intendant, sondern auch Übersetzer und Lyriker, und zwar einer der renommiertesten Lyriker der deutschen Sprache. Vor wenigen Tagen kam ein neuer Gedichtband von ihm heraus, der von den Rezensenten in den Feuilletons sehr gelobt wurde. (Hôtel des Étrangers)

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Vor der Bar jeder Vernunft, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Bar jeder Vernunft
Die Bar jeder Vernunft auf dem Parkdeck neben dem Haus der Berliner Festspiele ist eine der prominentesten und erfolgreichsten Kleinkunstbühnen Berlins: Hier gibt es jeden Abend Varieté, Kabarett, Chansons und Ähnliches. Sie spielt seit 1992 im Spiegelzelt auf dem Parkdeck. 2002 haben die künstlerischen Leiter Holger Klotzbach und Lutz Deisinger für größere Ereignisse im Tiergarten unmittelbar neben dem Kanzleramt als zweite Spielstätte das Tipi eröffnet. Im Zusammenhang mit den geplanten Baumaßnahmen auf der Gerhart-Hauptmann-Anlage und dem Abriss des Parkdecks ist eine Umsetzung des Spiegelzeltes näher zur Schaperstraße hin geplant.
Das Original-Jugendstil-Spiegelzelt, von dem weltweit nur noch acht Stück existieren, wurde 1912 als sogenannter “Danse Paleis” von einer holländischen Firma erbaut. Ursprünglich diente es als saisonales Ball- und Tanzzelt in den mondänen Seebädern Flanderns und der Niederlande. 1920 konnte man es sogar auf der Weltausstellung in Antwerpen bewundern. Durch Zufall entdeckte es der Schweizer Produzent Ueli Hirzl Anfang der 80er Jahre in Holland bei einem Pommes Frites-Fabrikanten, der es als Lagerraum für Kartoffeln nutzte. Ueli Hirzl erwarb es für seine Eigenproduktionen, um es dann 1992 an seinen langjährigen Freund und Bar-jeder-Vernunft-Begründer Holger Klotzbach zuerst zu verpachten, dann zu verkaufen.