Siemensstadt, Infotafel 2 Hans Scharoun "Panzerkreuzer"

Jungfernheideweg 8

Link zu: Infotafel 2 Hans Scharoun "Panzerkreuzer", 7.8.2007, Foto: KHMM
Infotafel 2 Hans Scharoun "Panzerkreuzer", 7.8.2007, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Tafeltext:
Scharouns außergewöhnliche Schiffsarchitektur der Siemensstadt gilt heute gewissermaßen als Symbol für den modernen Wohnungsbau der Weimarer Republik. Mit den aus der Seefahrt abgeleiteten Gestaltungselementen (Kommandobrücke, Reling und Bullauge) wollte er wie einige progressive Architekten der zwanziger Jahre das positive Image der Seefahrt – Freiheit, Modernität, Weltläufigkeit, Rationalisierung – für seine Bauten nutzen. Der Volksmund nannte Scharouns Gebäude bezeichnenderweise “Panzerkreuzer” – und nahm damit Bezug auf die negative, kriegerische Tradition der Seefahrt.
Scharouns Bauten bilden ein Eingangstor zur Siedlung Siemensstadt. Von der zu einem Platz aufgeweiteten Kreuzung Nonnendammallee / Jungfernheideweg laufen zwei Wohnblöcke trichterförmig zum schmalen Brückendurchlass der Siemensbahn. Ein weiterer bogenförmig geschwungener Bau nimmt den Verlauf der Mäckeritzstraße auf und umschließt einen bewaldeten Innenhof. Der lebhaften Front des Panzerkreuzers setzt Scharoun die ruhige Fassade der östlichen Gebäudereihe entgegen. Breite, in den Baukörper eingeschnittene Loggien flankieren die schmalen waagerechten Fensterschlitze der Treppenhäuser. Hier finden wir 2 ½-Zimmer-Wohnungen mit einer völlig unkonventionellen Raumaufteilung. Der Wohnraum mit Essnische wird zum zentralen Bereich der Wohnung und nimmt die gesamte Tiefe des Hauses ein. Ein abgetrennter Vorraum erschließt Schlafzimmer und Bad. Scharoun selbst bewohnte bis 1960 eine dieser Wohnungen und testete sozusagen den eigenen Wohnungsgrundriss. Moderne Möblierung und freie Fensterflächen bildeten einen geräumigen, lichtdurchfluteten und sehr freizügigen und modernen Wohnraum. Andere Mieter hatten dagegen oft Mühe, hier ihre ausladenden traditionellen Einrichtungsstücke unterzubringen.
Nach schwersten Kriegszerstörungen – vor allem am Panzerkreuzer – gelang es Scharoun trotz heftigster Proteste nicht, einen stark vereinfachenden Wiederaufbau des vorderen Teils zu verhindern. Immerhin wurde Scharoun in der Folge mit dem Wiederaufbau des restlichen Siedlungsteils betraut.

Hans Scharoun
1893 Bremen – 1972 Berlin
Architekt
Mit den Planungen zur Großsiedlung Siemensstadt fand Scharoun erstmals weltweite Beachtung. Nach dem Studium in Berlin war er von 1919 – 1925 als freier Architekt in Insterburg/Ostpreußen und von 1925 bis 1932 als Professor an der Kunstakademie in Breslau tätig. Er gehörte 1919/20 zur “Gläsernen Kette” und schloss sich 1926 der Architektenvereinigung “Der Ring” an. Nach expressionistischen Anfängen war er neben Hugo Häring Vertreter des organischen Bauens. Nicht emigriert, baute er nach 1933 vor allem Privatwohnhäuser. Als Stadtrat und Leiter eines Planungskollektivs (1945/46) entwickelte er richtungsweisende Konzeptionen für den Wiederaufbau Berlins, die er zumindest in Ansätzen in der an Siemensstadt anschließenden Siedlung Charlottenburg-Nord verwirklichen konnte. Als architektonisches Hauptwerk gilt das Gebäude der Philharmonie in Berlin (1956 bis 1963). Von 1946-1958 hatte er eine Professur an der TU Berlin, von 1947-1950 leitete er das Institut für Bauwesen der Deutschen Akademie der Wissenschaften und von 1955-1968 war er Mitglied und Präsident der Akademie der Künste, später ihr Ehrenpräsident.