Stolpersteine Grolmanstraße 14

Bildvergrößerung: Hausansicht Grolmanstr. 14
Hausansicht Grolmanstr. 14
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Die Stolpersteine für die Familie Czempin wurden am 16.03.2018 verlegt und von den Nachkommen gespendet. Zwölf Familienmitglieder waren zur Verlegung aus Israel und der Schweiz angereist.

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Stolperstein Georg Czempin
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
GEORG CZEMPIN
JG. 1870
FLUCHT 1937
PALÄSTINA

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Stolperstein Fanny Czempin
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
FANNY CZEMPIN
GEB. ORDENSTEIN
JG. 1889
FLUCHT 1937
PALÄSTINA

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Stolperstein Elisabeth Czempin
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ELISABETH CZEMPIN
JG. 1913
FLUCHT 1933
ITALIEN
PALÄSTINA

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Stolperstein Marianne Czempin
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARIANNE CZEMPIN
JG. 1914
FLUCHT 1934
PALÄSTINA

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Stolperstein Herta Czempin
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HERTA CZEMPIN
JG. 1918
FLUCHT 1936
ENGLAND
PALÄSTINA

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Stolperstein Margot Czempin
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARGOT CZEMPIN
JG. 1921
FLUCHT 1937
PALÄSTINA

Verlegung der Stolpersteine Familie Czempin
Verlegung der Stolpersteine Familie Czempin
Bild: Stolpersteine-Initiative CW
Georg Czempin
Georg Czempin
Bild: privat

Georg Czempin kam am 18. März 1870 als Sohn von Heimann und Rosalie Czempin, geb. Jarecki, in Berlin, Luisenstraße 27/28 zur Welt. Er wohnte dort mit seinem Eltern bis zu seinem 42. Lebensjahr.

Nach Abschluss des Gymnasium nahm er eine Kaufmannslehre auf und arbeitet in der Kohlengroßhandlung August Borg in Berlin. Er wurde Prokurist und übernahm1904 – zusammen mit Edmund Muskat – die Firma, die 1912 mit der Deutschen Kohlenhandels-gesellschaft fusionierte. Einige Jahre später verließ er die Firma und übernahm die Kohlengroßhandlung Emil Fürth.

Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 – im Alter vonn 44 Jahren – meldete Georg sich freiwillig als „ungedienter Landsturm“ und kam im Oktober 1914 mit dem „Motorbootcorps“ an die belgische Front. Ende 1916 wurde er als Leiter des Hafenamtes im von den Deut-schen besetzten Lüttich eingesetzt und ein halbes Jahr später zum Leiter der Kohlever-teilungsstelle des Kohlekommissariats in Berlin berufen. Er nahm an den Friedensverhandlungen in Versailles und Weimar teil und wurde Vizepräsident und Ehrenmitglied des „Centralverbandes der Kohlenhändler Deutschlands“ in Berlin. Er bekleidete viele weitere Aufsichtsrats- und Sachverständigenpositionen sowie die eines Handelsrichters.

Am 4. März 1921 heiratete er Fanny Ordenstein. Das Ehepaar bekam 4 Töchter. Der Familie gehörte nicht nur das heute nicht mehr existierende Haus in der Grolmannstraße 12 sondern auch ein Sommerhaus in Neu-Fahrland, das noch steht, und ein großes Gut in Wittstock.

Bildvergrößerung: Brief Czempin
Brief Czempin
Bild: privat

1934 musste Georg Czempin aufgrund der nationalsozialistischen Gesetze gegen Juden die Firma Emil Fürth verlassen. Zur Vorbereitung der Emigration nach Palästina verkaufte er die Häuser und das Gut weit unter Wert. Ein berührender Brief des Vater an seine Töchter, die – bis auf die jüngste – schon geflohen waren, ist erhalten geblieben.

Anfang 1937 emigrierten die Czempins nach Pälästina. Georg Czempin erkrankte aufgrund der erlittenen Demütigungen und Aufregungen an Parkinson und starb am 7. Juni 1945 in Haifa. In seinem „letzten Willen“ vermachte er alle seine Vermögenswerte – welcher Art auch immer – seiner Frau Fanny.

Fanny Czempin
Fanny Czempin
Bild: privat

Fanny Ordenstein wurde am 12. Februar 1889 als Tochter von Yosef Ordenstein und seiner Frau in der Nähe von München geboren.

Über ihr Leben bis zu ihrer Eheschließung mit Georg Czempin am 4. März 1912 in München ist wenig bekannt. Sie war 23 Jahre alt, er 42. Der Altersunterschied von 19 Jahren war ihr ganzes Leben hindurch von Bedeutung.

Fanny Czempin führte ein angenehmes und gesellschaftlich reiches Leben, das ihr großzügiger Mann ihr gerne bot. Sie genoss die Erweiterung ihres Horizonts bei vielen Reisen, liebte Sport, – besonders Wintersport – und jede Art kultureller Beschäftigung mit Musik, Theater etc. Sie gebar vier Töchter – Elisabeth, Marianne, Herta und Marlene – die sie recht streng erzog. Da sie aber eine Köchin, eine Gouvernante, einen Gärtner und einen Chauffeur zur Verfügung hatte, konnte sie ein „großes Haus“ führen, ohne selbst zu sehr beansprucht zu werden, denn sie verstand es gut, Verantwortung zu delegieren.

1937, als sich das Ehepaar entschied, das immer beängstigender werdende Deutschland zu verlassen und nach Palästina auszuwandern, lebte nur noch die jüngste Tochter Marlene bei ihren Eltern in Berlin. Die älteste Tochter, Elisabeth, war 1933 zum Medizinstudium nach Italien gegangen. Marianne, die zweite, ging 1934 ebenfalls nach Italien, um sich dort in einem Ausbildungs-Camp auf die Emigration nach Palästina vorzubereiten. Herta emigrierte 1935 nach Palästina und lebte im 1930 gegründeten Ayanot-Jugend-Dorf (eine Gemeinschaft Jugendlicher, die in Bildung und Erziehung wie auch im täglichen Leben auf Toleranz, Gleichheit, Weltoffenheit und soziales Engagement besonderen Wert legt).

Familie Czempin lebte im „Wunderlich-Haus“ auf dem Carmel, einem Mietshaus mit Pension, das der Familie Wunderlich gehörte und unter diesem Namen bekannt war. Fanny lernte Hebräisch und führte erneut mit viel Freude ihren Haushalt. Marlene, die nach der Ankunft in Palästina ihren Vornamen in Margot geändert hatte, lebte auch nach ihrer Heirat mit Sioma Slovin und der Geburt ihrer beiden Kinder im elterlichen Haushalt. Fanny, die seit 1945 Witwe war, begleitete deren Heranwachsen aktiv bis in die Mitte der 1960er Jahre und zog dann in das Re’ut House, eine Einrichtung des „betreuten“ Wohnens auf dem Carmel.

Auch dort hatte sie weiterhin ein lebendiges gesellschaftliches Leben. Sie besaß eine Kabine am Strand, die sie jeden 2. Tag nutzte, um im Meer zu baden. Sie hatte viele Freunde, spielte Karten, reiste nach Übersee und bekam regelmäßig Besuch von ihren Töchtern und Enkeln. Jeden Freitag besuchte ihre damals einzige Urenkelin Ayelet sie.

1966 musste sie den Tod ihrer zweiten Tochter Marianne erleben, die in den Freitod ging. 1973 starb ihre jüngste Tochter Margot an Krebs.

Fanny Czempin, geb. Ordenstein, verstarb am 18. Dezember 1969 während ihres Mittagsschläfchens und hinterließ zwei Töchter, 10 Enkel und eine Urenkelin.

Elisabeth Czempin
Elisabeth Czempin
Bild: privat

Elisabeth (Liesel) Czempin wurde am 8. März 1913 in Berlin als erste von vier Töchtern des Ehepaares Fanny, geb. Ordenstein, und Georg Czempin geboren.

Sie war eine gute Schülerin, spielte Klavier und Flöte und war sehr sportlich – Bergsteigen, Ski fahren, Speerwerfen und Schwimmen. Sie nahm an den Maccabia-Games teil und reiste dafür per Schiff nach Palästina.

1933 wollte sie Medizin studieren, was ihr als Jüdin aber verwehrt war. Sie ging zum Studium nach Innsbruck, bald darauf – wegen des auch in Österreich zunehmenden Antisemitismus – nach Genua, um dort ihr Studium fortzusetzen.1938 schloß sie das Medizin-Studium ab und emigrierte nach Palästina. Sie nahm den Vornamen Aliza an und arbeitete ehrenamtlich im Hadassah Krankenhaus auf dem Scopusberg. Weiterhin nahm sie an den Maccabia-Games teil und gewann den Champion-Titel im Speerwerfen, den sie über viele Jahre hielt.

1940 heiratete Liesel Hans (Shimon) Dzialoshinsky. Ihr Sohn Samuel wurde Ende 1941 geboren, Tochter Hanna folgte 1944. 1946 zog die Familie nach Kuskus Tabaun, um eine neue Siedlung zu gründen, die heute als Kirjat Tivon bekannt ist. Dort kam Ende 1946 ihre jüngste Tochter Tivona zur Welt, genannt nach dieser neuen Siedlung. Liesel arbeitete im Kinderkrankenhaus und behandelte insbesondere Kinder mit besonderen Problemen wie z. B. Eßstörungen und Asthma.

1953 wurde die Familie an die Botschaft des Staates Israel in Rom entsandt und änderte den Familiennamen von Dzialoshinsky in Yallon. Liesel/Aliza füllte die Rolle als Diplomatengattin aus – zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als Ärztin für die Kinder der Botschaftsangehörigen und für jüdische Kinder in Ferienlagern in Rom. Die Familie reiste sehr viel durch Europa und kehrte – nach einem Aufenthalt in Griechenland – 1957 nach Israel zurück.

1960 ließ sich Aliza von ihrem Ehemann scheiden und gründete 1963 den Soroptimist-Club in Tivon. Sie wurde Gründungsvorsitzende von Soroptimist Israel und dessen Präsidentin. Während all dieser Jahre arbeitete sie als Ärztin im Sha’ar Ha’amakim Kibbutz. Im Alter von 60 Jahren begann sie als Ärztin in der Maccabi Gesundheitsstiftung in Tivon zu arbeiten. Sie studierte Arabisch und die Bibel und wurde mit dem Titel einer „verdienten Bürgerin von Tivon“ geehrt.

Marianne Czempin
Marianne Czempin
Bild: privat

Marianne Czempin wurde als zweite Tochter des Ehepaares Fanny und Georg Czempin am 31. Juli 1914 in Berlin geboren. Sie war ein liebenswürdiges, sportliches und intelligentes Mädchen. Ihre Ferien verbrachte sie häufig im Sommerhaus der Eltern in Neu-Fahrland.

1934 ging sie nach Italien, um sich dort auf das Pionier-Leben in Palästina vorzubereiten – sie war die erste der Schwestern, die dorthin emigrierte. Sie wurde Mitglied im Kibbuz Givat Haim Ihud – ebenso wie Aryeh Manzel, den sie geheiratet hatte.

1939 wurde ihre erste Tochter Michal geboren. Marianne vermutet, dass das Baby nicht hören könne. Die Untersuchungsmethoden waren damals noch nicht sehr ausgereift, und die Ärzte wiesen die Befürchtungen der Mutter zurück. Im Alter von 3 Monaten bekam Michal eine schwere Meninghitis. Man diagnostizierte Taubheit als deren Folge. Erst nachdem die 2. Tochter, Tamar, im November 1942 geboren war – ebenfalls taub – stellte sich heraus, dass es sich vermutlich um ein genetisches Problem handelte.

1946 – vor dem Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges – wurde Aryeh für Beratungsgeschäfte in die USA entsandt und die ganze Familie zog nach New York, zumal es in Palästina keine entsprechenden Angebote für taube Kinder gab. Aryeh wurde später Handelsattaché an der Botschaft des Staates Israel in den USA – Marianne wurde Diplomatengattin. Sie bewirtete Gäste der Botschaft, war in der Elternvertretung der Schule ihrer Töchter aktiv und pflegte den Kontakt mit der Familie in Israel.

Zwanzig Jahre lang widmete Marianne sich mit all ihrer Energie der Erziehung und Ausbildung ihrer Töchter, die besondere Schulen besuchten, in denen sie lernten mit der Umgebung zu kommunizieren und sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. Sie war recht streng in der Erziehung mit dem Ziel, den beiden Mädchen alles zu vermitteln, das ihre Existenz in einer hörenden Gesellschaft ermöglichte. Später wurde Michal wegen einer geistigen Erkrankung in ein Fach-Krankenhaus in New York eingewiesen – ein schwerer Schlag für Marianne.

Herta Czempin
Herta Czempin
Bild: privat

Herta Czempin wurde als dritte Tochter von Fanny und Georg Czempin am 18. Oktober 1919 in Berlin geboren. Sie war ein ruhiges und folgsames Kind und lebte glücklich in einer sehr wohlhabenden und dem Genuss zugetanen Familie – voller aufregender Ereignisse, seien sie traurig oder fröhlich.

1934, als sie 15 Jahre alt war, wurde sie als Jüdin vom Schulunterricht ausgeschlossen und von ihrem Vater nach England geschickt, um die Zeit zu überbrücken, bis sie nach Palästina einreisen dürfte. 1936 emigrierte sie nach Palästina und studierte Landwirtschaft auf der Ausbildungsfarm „Ayonot“. Sie änderte ihren Vornamen und hieß künftig Rina.

Sie liebte das Leben in der Natur und mit der Landwirtschaft, lernte während dieser drei Jahre neue Freunde kennen und lebte glücklich mit anderen Jugendlichen zusammen, die – wie sie – überzeugte Zionisten und Poiniere waren.

Marlene Margot Czempin
Marlene Margot Czempin
Bild: privat

Marlene Czempin wurde am 26. November 1921 als jüngste der vier Töchter von Fanny und Georg Czempin in Berlin geboren. Von Geburt an wurde sie Marlene genannt bis sie nach der Emigration nach Palästina offiziell den Vornamen Margot annahm.

Als sie mit ihren Eltern 1937 nach Palästina floh, war sie 16 Jahre alt. Die Familie wohnte auf dem Berg Carmel, und Margot besuchte eine höhere Berufsschule für Büroangestellte. 1939 trat sie in ein spezielles Frauencorps der die britische Armeen ein (Auxiliary Territorial Services), wo sie Büroaufgaben übernahm. Im Rahmen ihres Dienstes wurde sie nach Ägypten entsandt. Als sie eines Abends mit ihren Freundinnen einen Nachtclub besuchte, tanzte sie mit Faruk, dem damaligen König von Ägypten (von 1936 bis 1952 der zehnte Herrscher von Ägypten). Es ist nicht genau bekannt, wie lange Margot in Diensten der britischen Armee stand. Jedenfalls qualifizierte sie sich zu höheren Sekretariatsaufgaben und perfektionierte ihre Englischkenntnisse.

Im September 1948 heiratete sie Sioma Slovin im Garten des Hauses, in dem sie mit ihrer verwitweten Mutter Fanny wohnte. Das junge Paar zog mit Fanny zusammen in ein anderes Haus ebenfalls auf dem Carmel. Im November 1949 wurde Tochter Ilana geboren. Die zweite Tochter, Talia, kam im Februar 1951 zur Welt.

Margot arbeitete über 30 Jahre – bis zu ihrem Tod 1973 – als Sekretärin und Büro-Leiterin für Hanes Simon in der Confidence Versicherungsgesellschaft. Die Tochter von Hanes Simon, Hava, war in Margots Alter und wurde zu ihrer besten und engsten Freundin. Im Laufe der Jahre wurden Hava und ihr Vater zu einem Teil der Familie Slovin.

Margot war eine sehr unabhängige Frau. Zeit ihres Lebens besaß sie ein eigenes Auto. Sie war Mitglied der Naturschutz-Gesellschaft und reiste gern. Ihre ganze Familie genoss die Ausflüge in die Natur, die Picknicks und das Pilze sammeln auf dem Carmel und in den Menashe-Wäldern.

Im Januar 1973 wurde Margot mit heftigen Bauchschmerzen ins Krankenhaus gebracht und operiert – Diagnose: inoperabler Krebs. Ihrem Mann Sioma sagte man, sie habe noch maximal drei Monate zu leben. Damals war es noch nicht üblich, tödlich erkrankten Menschen die Wahrheit über ihren Zustand zu sagen. Sioma entschied – mit Unterstützung von Margots älterer Schwester Elisabeth – Margot etwas über eine von Hunden auf sie übertragene Krankheit zu erzählen.

Im Juni 1973 verstarb Margot Czempin, die so gerne die Geburt ihrer ersten Enkeltochter erlebt hätte, im Rothschild-Krankenhaus in Haifa. Da sie ihren Körper der Wissenschaft übergeben hatte, wurde sie erst ein Jahr später bestattet. Die Familie pflanzte zu ihrem Andenken im Menashe-Wald, den Margot so liebte, einige Bäume.

Texte: Gisela Morel-Tiemann auf der Basis von Angaben von Ruty Tauber, Hanna Levy Efron und weiterer Nachkommen.