Stolperstein Leibnizstraße 72

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Hauseingang Leibnizstr. 72
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Dieser Stolperstein zum Gedenken an Suzanne Wesse, die sich dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten anschloss, wurde am 17.5.2017 gesetzt. Ihre Tochter Katharina Martin (Berlin) und Freunde (Niederlande) waren bei der Verlegung anwesend.

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Stolperstein Suzanne Wesse
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
SUZANNE WESSE
GEB. VASSEUR
JG. 1914
IM WIDERSTAND
GRUPPE HERBERT BAUM
VERHAFTET 23.5.1942
GEFÄNGNIS BARNIMSTR.
PLÖTZENSEE
HINGERICHTET 18.8.1942

Suzanne Wesse geb. Vasseur ist am 16. Januar 1914 in Calais (Frankreich) geboren. Sie war die Tochter eines Industriellen, der dort eine Spitzenherstellung besaß. Ihre Brüder hießen Amand, Auguste und André. In ihrer Jugend besuchte sie Schulen in England, Spanien und in Berlin. 1934 arbeitete sie in Berlin, wo sie den Ingenieur Richard Wesse kennenlernte. Nach einer vorübergehenden Rückkehr nach Frankreich heirateten sie 1936 in Berlin. Am 15. April 1937 kam die Tochter Katharina zur Welt.

Bis 1937 arbeitete Suzanne Wesse freiberuflich als Übersetzerin. Im selben Jahr schloss sie sich auf Vermittlung eines Cousins ihres Mannes dem kommunistisch orientierten Freundeskreis um Herbert Baum an. Während des Zweiten Weltkriegs beteiligte sie sich mit der von Baum organisierten Widerstandsgruppe an deren Aktionen. Wesse übernahm die Aufgabe, Matrizen für die Vervielfältigung von gegen den Nationalsozialismus und den Krieg gerichteten Propagandaplakaten und -broschüren herzustellen. Die Entwürfe von Flugblatttexten wurden von Mitgliedern der Widerstandsgruppe diskutiert und schließlich formuliert. Im Keller der Wohnung von Herbert Baum wurden die Matrizen dann vervielfältigt und danach auf verschiedenen Wegen verteilt.

Als ihr Bruder Auguste als französischer Kriegsgefangener in der Nähe Berlins inhaftiert war und sie die Erlaubnis bekam, ihn im Gefängnis zu besuchen, nutzte Suzanne Wesse ihre Sprachkenntnisse, um Kontakte zu belgischen und französischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern herzustellen und mit ihnen Informationen sowie illegales Druckmaterial auszutauschen.

Am 18. Mai 1942 war Suzanne Wesse an einem von der Baum-Gruppe organisierten Brandanschlag auf die antisowjetische Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ im Berliner Lustgarten beteiligt. Zusammen mit anderen besuchte sie die Ausstellung, wobei sie verschiedene Sprengsätze und brennbares Material versteckten. Bei dem entstehenden Feuer wurden Teile der Ausstellung zerstört. Die Feuerwehr konnte den Brand allerdings bald löschen. Die Attentäter entwischten aus dem Ausstellungspavillon.

Mit ihrem Mann Richard Wesse, der nach den nationalsozialistischen Nürnberger Rassegesetzen Halbjude war, und ihrer Tochter Katharina wohnte Suzanne damals in der Leibnizstrasse 72. Hier wurde sie mit ihrem Mann unter den Augen ihrer damals fünfjährigen Tochter von der Gestapo am 23. Mai 1942 verhaftet und abgeführt. Er kam nach drei Wochen Gefängnis wieder auf freien Fuß. Sie aber wurde am 16. August 1942 vom Sondergericht V zum Tod verurteilt und am 18. August 1942 im Gefängnis Plötzensee hingerichtet.

Ein Gedenkstein hinter den Verwaltungsgebäuden und der Trauerhalle auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee erinnert an die Mitglieder der Baum-Gruppe, darunter Suzanne Wesse.

Die Tochter Katharina Martin lebt seit 1949 wieder in Berlin.

Text: Helmut Lölhöffel. Quellen: Erinnerungen der Tochter von Suzanne Wesse; Jewish Women’s Archive. Literatur: Regina Scheer: Im Schatten der Sterne. Eine jüdische Widerstandsgruppe. Berlin 2004; Wolfgang Wippermann: Die Berliner Gruppe Baum und der jüdische Widerstand. Berlin.