Stolpersteine Koenigsallee 35

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Hausansicht Koenigsallee 35
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine zum Gedenken an Otto und Martha Hirsch wurden auf Wunsch des Familienmitglieds Michael Rice (USA) am 28.9.2016 verlegt.
Er wurde als Michael Reis geboren und hatte den gleichen Großvater wie Otto Hirsch. Bei der Verlegung war er anwesend und hielt eine Ansprache.

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Stolperstein Otto Hirsch
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
OTTO HIRSCH
JG. 1885
DEPORTIERT 23.5.1941
MAUTHAUSEN
ERMORDET 19.6.1941

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Stolperstein Martha Hirsch
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARTHA HIRSCH
GEB. LOEB
JG. 1891
DEPORTIERT 26.10.1942
RIGA
ERMORDET 29.10.1942

Otto Hirsch wurde 9. Januar 1885 in Stuttgart geboren. Er war der Sohn des Weingroßhändlers Louis Hirsch und seiner Frau Helene, geborene Reis und hatte den selben Großvater wie Michael Rice, der noch 1941 über Spanien in die USA flüchten konnte. Otto Hirsch besuchte in Stuttgart die Schule und studierte von 1902 bis 1907 in Heidelberg, Leipzig, Berlin und Tübingen Rechtswissenschaften. 1903 leistete er seinen Wehrdienst und wurde 1905 zum Vizefeldwebel befördert. Von 1907 bis 1911 absolvierte er ein Referendariat in Stuttgart und legte 1911 sein zweites Staatsexamen ab. 1912 ging er in die Stuttgarter Stadtverwaltung, dort arbeitete er im Referat Bau- und Wasserrecht.

Am 14. Mai 1914 heiratete er Martha Loeb, mit der er drei Kinder hatte: Hans-Georg (geboren 1916), Grete (1921) und Ursula (1925).
Er war Verfasser eines Kommentars zum Kriegsleistungsgesetz und wurde im Ersten Weltkrieg als „unabkömmlich“ nicht eingezogen. Danach wurde Otto Hirsch ins württembergische Innenministerium berufen und nach Weimar entsandt, um die Artikel 97 bis 100 der Reichsverfassung über Wasserstraßen zu formulieren. 1921 wurde Hirsch jüngster Ministerialrat in Württemberg. Im gleichen Jahr wurde er beurlaubt und zum Vorstandsmitglied der Neckar AG berufen, die den Bau des Neckarkanals betrieb. 1926 beantragte er seine Entlassung aus dem württembergischen Staatsdienst.

Familie Hirsch 1928
Familie Hirsch 1928
Bild: Stolpersteine-Initiative Stuttgart

Gemeinsam mit dem Fabrikanten Leopold Marx und dem Musikwissenschaftler Karl Adler gründete er das Stuttgarter Jüdische Lehrhaus. 1930 wurde Hirsch zum Präsidenten des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg gewählt.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 musste Hirsch seinen Posten bei der Neckar AG aufgeben. Er gehörte zu den Gründern der Reichsvertretung der Deutschen Juden und wurde zu deren leitendem Vorsitzenden ernannt; Präsident war Leo Baeck. In seiner neuen Funktion zog Hirsch nach Berlin um, seine Familie folgte. Sie wohnten in der Koenigsallee 35. Er wurde von der Gestapo verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde er erneut festgenommen und für zwei Wochen im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert. Nach seiner Freilassung konzentrierte er sich auf Hilfe für Juden, vor allem bei der Auswanderung. Sein Kennzeichen war der Einsatz für andere Menschen, die in Berängnis und verfolgt waren.

1939 wurde die Reichsvertretung der Deutschen Juden zwangsweise in die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland überführt und unter Kontrolle der Nazi genommen. Die Sicherheitspolizei (Gestapo) ernannte Hirsch, Baeck und andere zum Vorstand. Bis zum Auswanderungsverbot und Beginn der Deportationen bewirkte er viele Auswanderungsmöglichkeiten.
Am 16. Februar 1941 wurde der von den Nazis wegen seiner Proteste gegen Ungerechtigkeiten verhasste Otto Hirsch wieder inhaftiert und am 23. Mai im Konzentrationslager Mauthausen interniert, wo er am 19. Juni 1941 ums Leben kam. Das Todesdatum ist dokumentiert, die Umstände seines Todes blieben unbekannt.

Theodor Heuss, der später Bundespräsident wurde, hat am 25. November 1945 in einer seiner ersten Reden als württembergisch-badischer Kultminister (wie das damals hieß), die der Erinnerung an die NS-Opfer galt, seinem einstigen Freund diesen Absatz gewidmet:

Da ist Otto Hirsch. Er war Ministerialrat im württembergischen Innenministerium und später Leiter der Neckartal AG, ein Mann, dem die Heimat unendlich viel verdankt. Ich bin dankbar dafür, seit den Studentenjahren mit ihm befreundet gewesen zu sein. Zu seinem 50. Geburtstag schrieb ich ihm: Wenn das Wort von `Blut und Boden` schon einen Sinn haben soll, dann hat dieses Zusammentreffen von jüdischem Blut und schwäbischem Boden etwas Schönes und Großes geschaffen. Ein grundgescheiter, ein edler Mann! Als sein Wirken in Württemberg zu Ende sein musste, trat er an die Spitze der Reichsvertretung der deutschen Juden. Er wußte, daß er sich in die tägliche Gefährdung begab, und er blieb tapfer, klar, sauber, anständig in dieser Gefährdung, bis sie ihn holten und in Mauthausen umgebracht haben.

Bildvergrößerung: Gedenkplatte vor dem Hedelfinger Friedhof
Gedenkplatte vor dem Hedelfinger Friedhof
Bild: Initiativkreis Stolpersteine für Stuttgart-Nord

1958 wurden die drei Brücken, die Hedelfingen und Obertürkheim verbinden, Otto-Hirsch-Brücken getauft. 1985 wurde ein Gedenkstein enthüllt, der 2007 vor die Friedhofsmauer in Hedelfingen versetzt wurde. Seit 1985 verleihen die Stadt Stuttgart, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und die Israelitische Religionsgemeinschaft jährlich die Otto-Hirsch-Medaille, später die Otto-Hirsch-Auszeichnung. Die Im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin an der Fasanenstraße 79/80 wurde 1970 eine Messingtafel enthüllt, die an Otto Hirsch erinnerte. Sie wird eingelagert.

Text: Helmut Lölhöffel. Quellen: Michael Rice (USA) und verschiedene Zeugnisse, unter anderen Paul Sauer: Für Recht und Menschenwürde. Lebensbild von Otto Hirsch (1885–1941). Bleicher, Gerlingen 1985 und Lebenslauf vom Initiativkreis Stolpersteine für Stuttgart-Nord, Theodor Heuss, Die großen Reden. München 1967.

Martha Hirsch geb. Loeb wurde am 28. Januar 1891 in Stuttgart geboren. Ihre Eltern hießen Benjamin und Emma Loeb geb. Silbermann. Sie heiratete am 14. Mai 1914 Otto Hirsch, der damals ein gefragter Jurist war und später neben Leo Baeck einer der führenden Köpfe der Reichsvereinigung der Juden wurde. Sie bekam drei Kinder: Hans-Georg (geboren 1916), Grete (1921) und Ursula (1925). Anfangs wohnte die Familie mit ihren drei Kindern in Stuttgart, dann in Berlin in der Koenigsallee 35. Sie führte den Haushalt und war seine couragierte Begleiterin. Nachdem ihr Mann zum dritten Mal eingesperrt und schließlich am 19. Juni 1941 im Konzentrationslager Mauthausen ermordet worden war, wurde Martha Hirsch über das Sammellager Levetzowstraße nach Riga deportiert. Vorher hatte sie in der Fasanenstraße 42 Unterschlupf gefunden. Sie sei “vorübergehend abwesend“, notierte die Meldebehörde. Am 26. Oktober 1942 fuhr der Zug von Güterbahnhof Moabit mit 798 Menschen ab. Sie wurde wie fast alle Insassen am 29. Oktober 1942 in den Wäldern um Riga erschossen.

Ihr Sohn, der 1938 in die USA geflüchtete Hans-Georg Hirsch (1916-2015, Bethesda/Maryland), hat 1997 ein Gedenkblatt für seine Mutter in Yad Vashem in Jerusalem angelegt. Die beiden Töchter hatten 1939 mit der Hilfe ihres Vaters nach England auswandern können.

An dem Haus am Gähkopf 33 in Stuttgart sind Stolpersteine zum Gedenken an das Ehepaar Hirsch verlegt worden.

Text: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf, Quellen: Micael Rice (USA) sowie Bundesarchiv, Zentralarchiv Yad Vashem, Initiativkreis Stolpersteine für Stuttgart-Nord.

Ansprache von Michel Rice (Delmar, NY, USA) bei der Stolpersteineverlegung für Otto Hirsch und Martha Hirsch

1912 bewarb sich der 27-jährige Otto Hirsch, nach Absolvierung seines zweiten Staatsexamens als Jurist um eine Stelle an der Stadtverwaltung seiner Heimatstadt Stuttgart. Seine Mutter, Helene geborene Reis, war die Kusine meines Großvaters Richard Reis, ein angesehener Rechtsanwalt in Stuttgart mit einer Kanzlei in der Königstraße. Er war der erste Jude, der in den Stuttgarter Stadtrat gewählt worden war. Um jede Anklage zu vermeiden dass er einem Vetter, und sogar einem Juden, geholfen hätte, eine Stelle an der Stadtverwaltung zu bekommen, trat mein Großvater freiwillig von seinem Amt als Stadtrat zurück.
Otto Hirsch machte schnell Karriere und wurde 1921 als 36-jähriger der jüngste Ministerialrat in Württemberg, also überholte er den Ruhm meines Großvaters. Ottos Spezialität war Wasserstraßenrecht und er wurde zum ersten Vorstandsmitglied der Neckar AG berufen, die den Bau des Neckarkanals betrieb. Auch war er aktiv in der jüdischen Gemeinde und wurde 1930 zum Präsidenten des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg gewählt.
Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, musste er seinen Posten bei der Neckar-AG aufgeben. Er gehörte danach zu den Gründern der Reichsvertretung der Deutschen Juden und wurde zu deren leitendem Vorsitzenden ernannt; Präsident war Leo Baeck. So kam Otto Hirsch nach Berlin und wohnte mit seiner Familie in dem Haus am Ende dieses Pfads.
In der neuen Stelle wurde er dreimal verhaftet von der Gestapo, erstens 1935, aber entlassen vom Gefängnis nach einigen Tagen, zweitens kurz nach der Kristallnacht wegen seines Protest gegen dieses Pogrom, zwei Wochen in das KZ Sachsenhausen, endgültig Februar 1941, wo er dann die letzten vier Wochen seines Lebens im KZ Mauthausen verbrachte bis er am 19. Juni starb.
Mitte Juli 1938 besuchte er, im Namen der deutschen Juden, die Internationale Evian Konferenz in Frankreich. Diese bestand aus 32 Nationen und 24 freiwilligen Organisationen, zusammengerufen von Präsident Franklin Delano Roosevelt, um Auswanderungsmöglichkeiten für deutsche Juden zu verbessern. Leider waren nur zwei Nationen, Costa Rica und die Dominikanische Republik, bereit, ihre Einwanderungsquoten zu erhöhen – ein wahrhaftiger Sieg für Hitler, der nun sagen hätte können: ‘Ja – Niemand will sie.’
In seiner Heimatstadt Stuttgart erinnerte man sich nach dem Wiederaufbau an die Verdienste von Otto Hirsch und benannte unter anderem eine Reihe von Brücken nach ihm. Als ich vor einigen Jahren nach Berlin kam, habe ich vergeblich nach Spuren von Otto Hirsch hier in Berlin gesucht.
Ich wurde 1930 in Stuttgart geboren und lebte mit meiner Mutter Dora Reis und ihren Eltern Richard und Auguste Reis in ihrem Haus in Stuttgart-Degerloch. Der Name Otto Hirsch war mir ein klarer Begriff, aber ich kann mich nicht erinnern, ihn persönlich kennen gelernt zu haben. Er verließ ja Stuttgart, ehe ich vier Jahre alt war. Meine ersten Schuljahre wurde ich in ein Internat in Holland geschickt, um dem nationalsozialistischen Deutschland zu entkommen. 1938 hat meine Mutter die Einwanderung nach USA beantragt, für sich und mich, aber diese wurde erst im März 1941 genehmigt. Wir hatten das ungewöhnliche Glück, im April 1941, mehr als anderthalb Jahre nach Anfang des Krieges, auswandern zu können. Meinen elften Geburtstag habe ich auf dem letzten spanischen Flüchtlingsschiff gefeiert. Die 14 jüdischen Schulkameraden, die nach 1942 noch in dem Internat geblieben waren, sind alle in KZ ermordet worden, der letzte erschossen am Tag der Befreiung des Lagers.
Stolpersteinen bin ich zum ersten Mal begegnet, als in Stuttgart ein Stein zu Ehren meiner Tante, Dr. Ella Kessler-Reis, verlegt wurde. Meine Tante Ella blieb mit meiner Großmutter in Deutschland zurück, um als Anwältin anderen Juden mit Auswandern zu helfen, wie auch Otto Hirsch es tat. Ella wurde in Auschwitz ermordet.
Als ich bemerkte, dass Otto Hirsch, der schon im Juni 1941 unter Haft in Mauthausen starb, in Berlin nicht gut bekannt und bestimmt nicht anerkannt war, obwohl dieses Haus am Hasensprung sein letzter Wohnsitz war, beschloss ich, diese zwei Stolpersteine ihm und seiner Frau Martha zu widmen. Martha ist in Berlin untergeschlupft, nachdem Otto in Haft genommen wurde, aber sie wurde Oktober 1942 nach Riga geschleppt und dort im Wald erschossen. Für sie wurde in Yad Vashem in Jerusalem ein Gedenkblatt angelegt.

Hans Hirsch, der Sohn von Otto Hirsch, starb letztes Jahr in USA im Alter von 99 Jahren. Seine Nachkommen sind sehr mit der Pflege ihrer Tante Grete, die 1921 geborene Tochter von Otto Hirsch, und der Auflösung des väterlichen Hauses beschäftigt, aber sie sind im Geiste bei uns. In einer Email schreibt Ottos Enkelin Deborah Hirsch Mayer:

Our aunt Grete — Otto and Martha’s older daughter — and we, the grandchildren and great-grandchildren of Otto and Martha Hirsch, are moved that they are being remembered in this way.
While we did not know our grandparents personally, we know them through articles, photographs, their own letters, and above all, through stories we have been told. Their memories and their legacy live on.
We are sorry that we cannot be there today and hope we will be able to visit and see the stones in the future.
Deborah Hirsch Mayer
Marga Hirsch
Daniel Otto Hirsch
Naomi Hirsch
Angela Joachim (daughter of Otto and Martha’s younger daughter, Ursula)
(And on behalf of our aunt, Grete Hirsch, and our father Hans Hirsch’s 8 grandchildren and as-yet-too-young-to understand) 5 great-grandchildren)

Da muss ich zufügen, dass diese sonst traurige Erinnerung an Otto und Martha Hirsch damit wesentlich hoffnungsvoller und freudevoller ist, wenn wir an ihre vielfältigen Nachkommen denken.

Lore Grabert, eine eingeladene Freundin meiner Lebensgefährtin Gertrud Kauderer, die in Schwaben lebt, schrieb:

Liebe Trude und Michael,
es ist schön, dass die Taten mancher Menschen uns immer wieder vor Augen gestellt werden, und dazu zählt Dr. Otto Hirsch. Die Stolpersteinverlegung ist Erinnerung, Mahnung und Verpflichtung zugleich und ich freue mich für Michael, dass die mutige Menschlichkeit seiner Vorfahren nun historisch sichtbar dokumentiert und einzementiert ist. Ich kann nur in Gedanken mit dabei sein, herzlichen Glückwunsch
Lore
Gertrud und ich bedanken uns für Ihren Beistand zu dieser Zeremonie.

Nach seiner Auswanderung hat Michael Rice in USA studiert und war 20 Jahre Physikprofessor, bis er im Alter von 48 Jahren Jura studierte (er entstammt einer Juristenfamilie, sein Großvater war Jurist und seine Tante, die in Auschwitz umgekommen ist, ebenfalls). Zuletzt arbeitete er als wissenschaftlicher Berater bei der Legislative im Staat New York. So kam er schließlich in die Hauptstadt des Staates, Albany, in deren Umgebung er jetzt mit seiner Tochter eine CSA-Farm betreibt (Community Supported Agriculture). Er ist zweimal verwitwet, beide Ehefrauen starben an Krebs.