Stolpersteine Richard-Strauss-Straße 1-3 (früher Jagowstraße)

Verlegeort Richard-Strauss-Str.

Bis 1953 war diese Adresse Jagowstraße 1-3 – benannt nach Traugott Achatz von Jagow, von 1909-1916 Polizeipräsident von Berlin. Dann wurde sie wegen dessen fragwürdiger Persönlichkeit umbenannt nach dem Komponisten Richard Strauss (1864-1949). Auf dem Gelände stand einst die Grunewald-Klinik, später wurden dort Edelwohnungen gebaut. An der Straßenecke zur Delbrückstraße wurde eine Büste des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch aufgestellt, der in der Nähe gewohnt hatte.

Gegenüber dieser Gedenkstätte wurde am 22.10.2015 der Stolperstein für Eva Weinmann verlegt, dessen Enkel Stephen Eisenstein (Großbritannien) Orthopäde und ein Bewunderer Sauerbruchs war. Eisenstein sagte zur Verlegung des Stolpersteins für seine Großmutter, bei der er und seine Frau Helen anwesend waren: „Sauerbruch was one of my heroes as a student, when reading the history of surgery.“ Und er sei einer der Dozenten seines Vaters gewesen, bevor dieser von der Universität verbannt wurde.

Am 10.10.2017 wurden weitere Stolpersteine für Edith und Gertrud Saul verlegt.

Stolperstein Eva Weinmann

HIER WOHNTE
EVA WEINMANN
GEB. BUKA
JG. 1892
DEPORTIERT 29.11.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Eva Weinmann geb. Buka wurde am 7. März 1892 in Berlin geboren. Der Vater war Professor für Mathematik an der Universität Berlin. Eva ging auf eine Höhere Töchterschule in Charlottenburg, dann wurde sie auf ein Pensionat in Dresden geschickt.

Eva Weinmann war zweimal verheiratet. Der erste Mann war der Chemiker Dr. phil. Bruno Fels (1881-1961), von dem sie geschieden wurde. Kinder aus dieser Ehe waren Ursula Fels, geboren am 15. Juni 1913 in Berlin, verheiratet 1936 mit Martin Eisenstein, geflüchtet nach Südafrika, und Klaus Fels, geboren am 15. September 1916 in Berlin, nach Kalifornien ausgewandert. Martin und Ursula Eisenstein bekamen zwei Kinder: Eva und Stephen.

Töpferarbeit von Ulla Goodman 1952

Der zweite Mann war Kurt Weinmann, 1886 geboren und am 4. Dezember 1934 in Berlin gestorben. Tochter aus dieser Ehe war Ulla Weinmann, geboren am 8. Dezember 1924 in Berlin. Sie gelangte mit einem Kindertransport 1939 nach England, heiratete 1947 und erlangte die britische Staatsbürgerschaft. Sie hieß Ulla Goodman, die Ehe wurde 1956 geschieden. Sie lebte zunächst in Derby, dann in London.

Kurt Weinmann war, was alle wussten, die ihn kannten, ein wohlhabender Mann mit hohem Lebensstandard. Er war Mitinhaber des Geschäfts Gebr. Weinmann am Spittelmarkt. Spezialität dieses Unternehmens war die Umorganisation und Modernisierung von Betrieben. In einem dazugehörigen Laden wurden auch Büroeinrichtungen und -artikel wie Rechenmaschinen und Adressierautomaten verkauft.

Nach der Weltwirtschaftskrise 1931 brach die Firma jedoch zusammen. Kurt und Eva Weinmann waren gezwungen, in bescheideneren Verhältnissen zu leben. Nach dem Tod ihres Mannes musste sie mit den Resten des Vermögens und den Erlösen der Vermietung eines Teils ihrer Wohnung auskommen. Bis 1934 hatten sie in Spandau in der Wörther Straße 47 und in der Franzstraße 17 gewohnt. Dann zog sie nach Grunewald in die die Jagowstraße 1-3.

Eva wollte Berlin nicht verlassen, weil sie zunächst ihren todkranken Mann pflegte und später die Flucht ihrer 14-jährigen Tochter mit einem Kindertransport nach England organisieren musste. Danach war es für Eva selbst zu spät. Sie musste ihre Einrichtung „verschleudern“, wie das Entschädigungsamt später festhielt, „vor ihrer Deportation hat sie ihren gesamten Besitz teils aus Not, teils aus Zwang verkaufen müssen“.

Sie hielt sich an verschiedenen Orten auf und versteckte sich bei anständigen Bekannten. Eines Tages fand sie sogar eine Beschäftigung in einer Wäscherei, wo sie früher zu besseren Zeiten Kundin gewesen war. Ein Bediensteter an einem der Orte, wo sie sich vorübergehend niedergelassen hatte, schrieb nach dem Zweiten Weltkrieg an Evas Sohn Klaus, plötzlich sei sie aufgebrochen – womöglich, um ihre Gastgeber nicht in Bedrängnis zu bringen.

Ihre letzte Adresse war in den Meldeunterlagen der Polizei mit Ringbahnstraße 5 angegeben. Dort wohnte sie, allerdings nur kurze Zeit vor der Deportation, in einem möblierten Zimmer bei Martha Pincus und war Zwangsarbeiterin. Deren Haushälterin Veronika Kaczmarek schrieb später auf: „Sie arbeitete ab 5 Uhr morgens in einer Fabrik und kam erst spät nachmittags nach Haus.“

Eva wurde eines Tages geschnappt und am 29. November 1942 aus der Sammelstelle Große Hamburger Straße 26 zum Güterbahnhof Moabit gebracht, wo sie in einen Zug der Reichsbahn gesteckt wurde, der 998 Menschen nach Auschwitz deportierte.

In der Jagowstraße 1-3 wohnte auch Kurt Weinmanns Bruder Alfred, also ihr Schwager. Er flüchtete am 14. Oktober 1939 in die Niederlande und ist am 27. März 1944 in Amsterdam ums Leben gekommen.

Eva Weinmann hatte in der Jagowstraße zwei Schwestern als Untermieterinnen: Gertrud Saul, geboren am 23. Dezember 1881 in Berlin, und Edith Saul, geboren am 6. Dezember 1890 in Berlin. Beide sind kurz vor ihr am 26. Oktober 1942 nach Riga deportiert und dort am 29. Oktober erschossen worden. Martha Pincus, geboren am 20. September 1862 in Filehne (Wielen), wurde am 28. September 1942 im Alter von über 80 Jahren in Theresienstadt umgebracht.

Tochter Ulla führte mit ihren Halbgeschwistern Ursula und Klaus seit 1954 ein entwürdigendes Verfahren, das sich über fünf Jahre hinzog und damit endete, dass sie eine Entschädigung von 5826 D–Mark zugesprochen bekamen.

Text: Helmut Lölhöffel mit Informationen von Prof. Stephen Eisenstein (Oswestry, Großbritannien); Entschädigungsamt Berlin

Stephen Eisenstein, who attended the laying of the Stolperstein, said:

bq. Our grandmother Eva Weinmann had lived with her husband Kurt Weinmann in an apartment just off the Ku’damm, probably Wielandstraße 24, until he died of some illness. Eva could not leave Berlin because she had to supervise the escape of her teenage daughter, our Aunt Ulla, by Kindertransport to England. It was then too late for Eva herself and she went ‘on the run’, hiding with very brave acquaintances and at one point finding work in the laundry where she had been a customer in better times. We know from a letter sent after the war to Eva’s son, my Uncle Klaus, by a servant at one of her locations, that Eva suddenly just left one day, possibly to hand herself in before she was discovered, to avoid putting her hosts at great risk.
The mention of Prof Sauerbruch is amazing! I have recently retired after a career in Orthopaedic Surgery, specifically spine surgery, in South Africa where I grew up, and here in England. Sauerbruch was one of my heroes as a student, when reading the history of surgery. Then my father told me that he had done a couple of years as a medical student before being banned from university and having to train as a carpenter. Sauerbruch was one of his lecturers! A remarkable coincidence, and we would be delighted to have the Stolperstein set near the monument to Sauerbruch.

Stephen Eisenstein, Emeritus Hon Prof. Keele University
The Robert Jones and Agnes Hunt Orthopaedic Hospital

Stolperstein Edith Saul

HIER WOHNTE
EDITH SAUL
JG. 1890
DEPORTIERT 26.10.1942
RIGA
ERMORDET 29.10.1942

Edith und Gertrud Saul waren Schwestern. Gertrud, die ältere der beiden, wurde am 23. Dezember 1881 und Edith am 6. Dezember 1890 geboren. 
Sie hatten zwei Brüder, Georg Louis, geb. 1884 und Martin, geb. am 5. August 1885. Georg Louis starb 1915 als Soldat im Ersten Weltkrieg.
Die Eltern der vier Geschwister hießen Lisbeth und Emanuel Saul. Emanuel war Kaufmann und betrieb zusammen mit Samuel Weinmann eine Möbel- Bautischlerei.
Es handelte sich bei Samuel Weinmann um den Schwiegervater der Eva Weinmann, Vater ihres zweiten Ehemannes Kurt Weinmann, welche später den Töchtern Emanuel Sauls, Gertrud und Edith ein neues Zuhause gegeben hat. Die Firma Gebr. Weinmann existierte bis 1896.

Berliner Adressatenbuch von 1895

Stolperstein Gertrud Saul

HIER WOHNTE
GERTRUD SAUL
JG. 1881
DEPORTIERT 26.10.1942
RIGA
ERMORDET 29.10.1942

1898 gründete Lisbeth Saul das „Wohnungs- und Einrichtungshaus L.Saul“ zunächst in der Tauentzienstraße 12a, ab 1920 Tauentzienstraße 8. 1929 waren Geschäft und Wohnung der Sauls in der Bayreuther Straße 36, ab 1933 am Kurfürstendamm 169.

Es gibt keine Hinweise, wie die unverheirateten Schwestern für ihr Auskommen gesorgt haben. Die spärlichen Angaben in den Adressbüchern geben keine eindeutige Auskunft, (1933 Edith Saul, Tauentzienstraße 8; 1935 Gertrud Saul, Sebastianstraße 67, Verkäuferin) zumal nicht eindeutig klar ist, ob diese Gertrud Saul die hier gemeinte ist.
Vielleicht werden die Schwestern Gertrud und Edith ihr Auskommen durch die Einnahmen des elterlichen Geschäftes gehabt haben.
1937 starb Lisbeth Saul in ihrer Wohnung am Kurfürstendamm. Über den Tod ihres Mannes ist nichts bekannt.
Ab 1939 gibt es keinen Eintrag mehr für das Möbelgeschäft in den Berliner Adressbüchern, im Zuge der „Arisierung jüdischen Eigentums“ wird es verkauft oder liquidiert worden sein.


Edith und Gertrud wohnten nun zur Untermiete bei der einige Jahre jüngeren Eva Weinmann in die Jagowstraße 1-3. Unter dieser Adresse lebte ebenfalls deren Schwager Alfred Weinmann.
Es begann eine entbehrungsreiche Zeit für die Schwestern. Emma Panßner, die für das Einrichtungshaus Saul in der Tauentzienstraße gearbeitet hatte, war mit den beiden Frauen befreundet. Sie seien sehr nette feine Damen gewesen, erzählte Emma Panßner später.

Das Zeugnis wurde Emma Hansch verh. Panßner 1918 von Lisbeth Saul ausgestellt.

Das Zeugnis wurde Emma Hansch verh. Panßner 1918 von Lisbeth Saul ausgestellt.

Sie und ihre Tochter nahmen Edith und Gertrud in ihr „Versorgungsprogramm“ auf und brachten ihnen all die Lebensmittel und sonstige Waren, die die Schwestern aufgrund der ständig zunehmenden Restriktionen und Drangsalierungen nicht mehr selbst besorgen konnten.
Die 61-jährige Gertrud und die 52-jährige Edith mussten noch vor ihrer Deportation ihre Räume bei Eva Weinmann verlassen und in die Nachodstraße 28 ziehen.
Emma Panßner und ihre Tochter standen eines Tages vor der von der Gestapo versiegelten Wohnungstür der Schwestern in der Nachodstraße.

Erinnerungsstücke an Lisbeth und Edith Saul, Serviettenringe mit den Initialen LS und ES

Erinnerungsstücke an Lisbeth und Edith Saul, Serviettenringe mit den Initialen LS und ES

Gertrud und Edith Saul waren am 26. Oktober 1942 aus dieser Wohnung abgeholt und nach Riga verschleppt worden.
 Die 798 deportierten Menschen dieses Transports wurden sofort nach ihrer Ankunft in den Wäldern bei Riga ums Leben gebracht.

Der in Breslau lebende Bruder Martin wurde 1943 von dort nach Theresienstadt deportiert und 1944 weiter nach Auschwitz, wo er am 9. Oktober desselben Jahres ermordet wurde.

Für Eva Weinmann, der Vermieterin Edith und Gertrud Sauls wurde an der Richard – Strauss – Straße 1-3 schon 2015 ein Stolperstein verlegt. Die Steine für Gertrud und Edith Saul wurden von Stephen Eisenstein gespendet. Stephen Eisenstein ist der in England lebende Enkel Eva Weinmanns, die selbst in der letzten Zeit vor ihrer Deportation in Berlin versteckt lebte.





Recherche und Text: Karin Sievert

, Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf
Quellen:
- www.bundesarchiv.de/gedenkbuch

Berliner Adressbücher
Landesarchiv Berlin

Deportationslisten

Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 -1945“
http://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/stolpersteine/artikel.413558.php
weitere Angaben von Stephan Ebers, Enkel der Emma Panßner