Stolpersteine Sybelstraße 42

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Hauseingang Sybelstr. 42
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese von der Hausgemeinschaft gespendeten Stolpersteine wurden in Anwesenheit zahlreicher Hausbewohner/innen am 28.4.2015 verlegt.

Zur Verlegung informierte der Hausbewohner Manfred Beeres:
Aus dem Vorder- und Gartenhaus in der Sybelstraße 42 wurden mindestens 14 jüdische Bewohner/innen zwischen dem 14. November 1941 und dem 19. Februar 1943 deportiert. Die meisten kamen nach Minsk oder Theresienstadt in die Ghettos, einige in das Vernichtungslager Auschwitz, eine von dort aus weiter nach Treblinka. Andere hatten vorher aus Deutschland flüchten können.

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Stolperstein Max Isidor Alexander
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MAX ISIDOR
ALEXANDER
JG. 1880
DEPORTIERT 14.11.1941
MINSK
ERMORDET

Max Isidor Alexander wurde am 26. September 1880 in Sadki in Pommern geboren. Seine Frau Judith Alexander, geb. Bergmann, wurde 8. Juli 1892 in Leszno zwischen Posen und Breslau geboren. Sie hatten zwei Söhne: Gerald (genannt Gert) und der fünf Jahre jüngere Manfred, der am 3. Februar 1920 in Berlin-Charlottenburg geboren wurde.

Bildvergrößerung: Max Isidor Alexander, um 1906
Max Isidor Alexander, um 1906
Bild: Privatbesitz Manfred Haevecker

Max Alexander war ein talentierter Schneider und Kaufmann für Herrenmoden. Er kam schon als junger Mann vor der Jahrhundertwende nach Berlin und arbeitete zunächst im renommierten Modehaus Gerson. Judith kam kurz vor dem ersten Weltkrieg nach Berlin. Max und Judith heirateten und zogen frisch vermählt in die Sybelstraße 42 ins Vorderhaus in die 3. Etage rechts. Max stieg 1917 zum Leiter der Herrenabteilung im Modehaus Gerson am Werderschen Markt 5 auf. Zu den Kunden zählte auch der kaiserliche Hof. Für den Kaiser fertigte Max Alexander die preußischen Uniformen. Als Dank bekam er Opernkarten vom Kaiser geschenkt. Schon kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde Max das Gehalt gekürzt. Ein Jahr später wurde ihm gekündigt. Er eröffnete in der Leipziger Straße 113 in Berlin-Mitte eine Maß-Schneiderei. Nach dem Novemberpogrom 1938 war Max Alexander gezwungen, sein Geschäft aufzugeben.

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Manfred Alexander (L.) mit Mutter und Bruder Gert, undatiert
Bild: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Privatbesitz William Cook, London

Die beiden Söhne wuchsen liberal auf. In die Synagoge in der Fasanenstraße ging die Familie nur an den hohen jüdischen Feiertagen. Gert war der Intellektuelle, Manfred eher der naturverbundene Wildere. 1937 macht Manfred Abitur auf dem Goethe-Realgymnasium in Wilmersdorf. Die Eltern schickten Gert zu Verwandten in die USA, um ihn vor dem Naziterror in Sicherheit zu bringen. Die Liebe hielt Manfred aber in Berlin. Da er als Jude nicht studieren konnte, begann er eine Lehre als Maurer und studierte nebenher heimlich mit einem Oberregierungsbaurat Statik, Ingenieurwesen und Berechnung von Baustoffen. Die Konstruktionsfirma, bei der er bis zu seiner Deportation beschäftigt war, wurde später vom Baustab Speer übernommen.

Am 1. November 1941 erhielten Max, Judith und Manfred Alexander ein Schreiben, in dem ihnen die bevorstehende »Evakuierung in den Osten« mitgeteilt wurde. Am 14. November 1941 wurde sie ins Ghetto nach Minsk deportiert. Manfred konnte sich zuvor noch in der Mommsenstraße von seiner 18 Jahre älteren Freundin Helene Lohse verabschieden. In Minsk wurde Manfred zum Arbeitseinsatz bei der Eisenbahn eingeteilt.

Die Geschichte von Manfred wird nun zur Wundergeschichte. Denn von den aus Berlin mit diesem Deportationszug nach Minsk verschleppten Jüdinnen und Juden haben nur vier überlebt. Manfred Alexander war einer von ihnen. Er entkam im Januar 1942 aus dem Ghetto Minsk. Bei der Flucht in einem Kohlewagen eines Lazarettzugs half ihm sein Vorgesetzter Arnold Ortmann, mit dem er sich angefreundet hatte. Die Geschichte der Flucht ist abenteuerlich und wird von Anja Reiss ausführlich beschrieben. In Warschau wurde er von der Gestapo verhaftet, konnte aber erneut fliehen.
Zurück in Berlin half ihm sein deutscher Freund Werner von Biel. Er versteckte Manfred in seiner Wohnung in Charlottenburg. Manfred, Helen und Lucie flohen schließlich über Luxemburg, Belgien und Frankreich in die neutrale Schweiz. Nach monatelangen Wirren in Schweizer Haft durfte er Helen endlich heiraten. 1946 erteilte das amerikanische Konsulat die Erlaubnis für die Ausreise, Manfreds Bruder Gert in New York hatte es möglich gemacht. Über Genua gelangten sie nach New York. Manfred wurde Manager und Makler in New York City. Queens wurde seine neue Heimat. Dort starb er am Neujahrstag 2006.
William Cook, Enkel Werner von Biels, schrieb einen wunderschönen Nachruf auf Manfred:

The last time I saw Manfred was last year at the Israeli consulate in New York, where, as a result of his testimony, my German grandfather was posthumously awarded the title of Righteous Among The Nations by Yad Vashem, the Holocaust remembrance authority. Helen and his brother predeceased him, but Manfred leaves an extended family of close friends.

2003 wurde Manfred von Biel für seine Hilfe als Gerechter unter den Völkern von Yad Vashem ausgezeichnet.

Recherche und Text: Manfred Beeres, der mit seiner Familie heute in der Wohnung lebt, aus der einst die Familie Alexander vertrieben wurde.

Quellen: Anja Reuss und Kristin Schneider (Herausgeber): Berlin-Minsk. Unvergessene Lebensgeschichten. Ein Gedenkbuch zur Erinnerung an die nach Minsk deportierten Berliner Jüdinnen und Juden, Juni 2013
Auszug

Nachruf von William Cook auf Manfred Alexander, The Guardian, 20. Januar 2006

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Stolperstein Judith Alexander
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
JUDITH
ALEXANDER
GEB. BERGMANN
JG. 1892
DEPORTIERT 14.11.1941
MINSK
ERMORDET

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Stolperstein Frieda Cassirer
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
FRIEDA CASSIRER
GEB. HIRSCHFELD
JG. 1883
DEPORTIERT 19.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Frieda Cassirer wurde am 17. Dezember 1883 in Schöneck in Westpreußen geboren, ihr Mädchenname war Hirschfeld. Ihr erster Ehemann war Sigmund Münzer, mit dem sie zwei Kinder hatte: Hans wurde am 10. Oktober 1909 geboren, er war der Vater von Steven Muenzer. Zu dieser Zeit lebte die Familie in der Gieselerstraße 10 in Wilmersdorf. Das zweite Kind Sophie wurde am 28. Februar 1921 geboren. Sigmund Münzer, der Großvater von Steven Muenzer, starb 1938 eines natürlichen Todes.

Im Februar 1939 heiratete Hans Münzer die in Zwickau geborene Lilli Deichsler. Das Paar wanderte im Dezember 1939 in die USA aus. Sophie verließ Deutschland 1940 nach England. Sie versuchte vergeblich, ihre Mutter Frieda nachzuholen. Die Familie von Lilli Deichsler floh nach Palästina.

Frieda heiratete in zweiter Ehe Erich Cassirer. Das Hochzeitsdatum ist nicht bekannt. Erich Cassirer wurde am 27. Februar 1894 in Dresden geboren. Die letzte gemeinsame Wohnung des Ehepaars war in der Sybelstraße 42 in Charlottenburg im 3. Stock. Frieda und Erich Cassirer wurden am 19. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Steven Muenzer berichtete über Friedas Schwager Georg Münzer, die er durch Recherchen im jüdischen Zentrum in der Synagoge in Berlin-Mitte herausgefunden hat:
Georg Münzer wurde am 14. Februar 1889 Popelken (Landkreis Labiau in Ostpreußen) geboren. Er überlebte die Nazizeit in Berlin, da seine Frau Frieda, geborene Schröder, nicht jüdisch war. Die Ehe wurde als “Mischehe” anerkannt. Georg musste einen gelben Stern tragen. Der Mut seiner Frau und anderer “arischer” Ehepartner aus “Mischehen” war es zu verdanken, dass er überlebte. In diesem Zusammenhang ist der so genannte “Rosenstraßen-Protest” interessant. Er war die größte spontane Protestdemonstration im Deutschen Reich während der Zeit des Nationalsozialismus. Ende Februar/Anfang März 1943 verlangten „arische“ Ehepartner aus „Mischehen“ und andere Angehörige von verhafteten Juden in Berlin deren Freilassung (Quelle).
Georg Münzer starb am 21. Juli 1972 im Alter von 83 Jahren in Berlin. Seine Frau Frieda Münzer Schröder starb am 14. Dezember 1974 im Alter von 74 Jahren ebenfalls in Berlin. Sie sind auf dem jüdischen Friedhof in Berlich Weißensee begraben.

Text: Manfred Beeres.
Quellen: Bundesarchiv und Informationen des Enkelsohns Steven Muenzer.
Weitere Informationen: www.farewellberlin.com/index.html

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Stolperstein Erich Cassirer
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ERICH CASSIRER
JG. 1894
DEPORTIERT 19.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Josef Elias
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
JOSEF ELIAS
JG. 1889
„SCHUTZHAFT“ 1938
SACHSENHAUSEN
DEPORTIERT 14.11.1941
MINSK
ERMORDET

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Stolperstein Käte Elias
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
KÄTE ELIAS
GEB. LEVY
JG. 1898
DEPORTIERT 14.11.1941
MINSK
ERMORDET

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Stolperstein Martha Fabian
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARTHA FABIAN
JG. 1872
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

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Stolperstein Hans Levy
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HANS LEVY
JG. 1895
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Hedwig Levy
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HEDWIG LEVY
GEB. BEER
JG. 1871
DEPORTIERT 19.11.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 14.1.1943

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Stolperstein Fanny Lippfeld
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
FANNY LIPPFELD
GEB. WOLLENBERG
JG. 1868
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 5.4.1945

Zur Verlegung des Stolpersteins zum Gedenken an Fanny Lippfeld sagte die Hausbewohnerin Brigitta Cesnik-Etienne:

Als sie die Juden holten
Von Martin Niemöller

Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Sozialdemokrat
Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.

Martin Niemöller war ein deutscher Pfarrer und Theologe. Anfangs war Niemöller ein glühender Anhänger des Dritten Reiches. Als er begann, sich gegen Hitlers Politik aufzulehnen, kam er in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau. 1945 wurde er von den alliierten Truppen befreit.

Gunter Demnig hat gesagt, dass ein Mensch erst dann vergessen ist, wenn sein Name vergessen ist. Stolpersteine geben diesen Menschen wieder ihren Namen. Sie holen sie aus ihrer Anonymität und zeigen, in welcher Nachbarschaft sie vor ihrer Deportation gelebt haben. Indem sie die Existenz von Opfern anzeigen, die den Ablauf ihres Lebens nicht mehr selbst bestimmen konnten, fordern Stolpersteine also eine intensive und offene Auseinandersetzung mit der Unmenschlichkeit jener Zeit. Sie dokumentieren das Schicksal jener Menschen, die den Holocaust nicht überlebt haben und offenbaren damit auf dramatische Weise die Brutalität des Naziregimes.

Eines dieser Opfer ist Fanny Lippfeld.
Der Versuch, in das Leben von Fanny Lippfeld einzutauchen, kann natürlich nur eine bruchstückhafte Erfassung eines Lebensentwurfes sein. Und dennoch steht der Ablauf ihres Lebens stellvertretend für die Schicksalsdramen jener Opfer des Dritten Reiches.

Es erscheint nicht schwer nachzuempfinden, wie sich diese Frau gefühlt haben muss, nachdem sie, als Jüdin rechtlos geworden, schutzlos dem Terror ausgeliefert war, einem Terror, der plötzlich schonungslos in alle Bereiche ihres Lebens eindrang, ihr Leben diktierte und es zuguterletzt auch brutal beendete.

Es gibt nur wenige Unterlagen über Fanny Lippfeld, nicht einmal ein Foto, um sich wenigstens ein äußeres Bild von ihr machen zu können. Dennoch möchte ich ihr ein Gesicht und damit ihre Würde zurückgeben.

Geboren wurde Fanny Lippfeld am 25. März 1868 als Fanny Wollenberg in Marienburg in Westpreußen. Sie scheint noch jung gewesen zu sein, als sie Isaac Lippfeld heiratete, der genauso wie sie – in der rassistischen Sprache der Nationalsozialisten – „ Volljude“ war, also vier jüdische Großeltern hatte. Drei gemeinsame Kinder bekamen sie: den Sohn Max, (Geburtsdatum unbekannt), die Tochter Dora, geboren am 28. November 1889, und die Tochter Paula, geboren am 20. August 1898. Was Isaac Lippfeld beruflich gemacht hat, ist leider nicht mehr nachvollziehbar, aber es scheint der Familie finanziell gut gegangen zu sein. Vielleicht war das auch einer der Gründe, warum es die Familie Lippfeld nach Charlottenburg zog.

Die selbständige Großstadt Charlottenburg hatte sich mittlerweile zu einer der größten und reichsten Städte Deutschlands entwickelt bis sie 1920 als siebter Verwaltungsbezirk dem Land Berlin eingemeindet wurde. Das jüdische Bürgertum mit seinen Künstlern, Wissenschaftlern, Geschäftsleuten hatte sich überwiegend in Charlottenburg und Wilmersdorf angesiedelt. 1910 lebten bereits mehr als 22.500 Juden in Charlottenburg, das waren acht Prozent der Gesamtbevölkerung.

Seit 1921 lebte die Familie in Berlin-Charlottenburg. Sohn Max war bereits während des ersten Weltkriegs im Frühjahr 1918 in Frankreich gefallen. Am 22. November 1922 starb Fannys Mann Isaac.
1937 zog Fanny Lippfeld in die Sybelstraße 42. Für 85 Reichsmark Miete bewohnte sie dort eine 3½-Zimmerwohnung im Gartenhaus. Eines ihrer Zimmer hatte sie für 40 Reichsmark an Carl Jaffe und dessen Frau vermietet, ein Hinterzimmer für 30 Reichsmark an Selma Lippschütz. Tochter Dora, mittlerweile verheiratet mit Ernst Reichenheim, wohnte mit ihrem Mann ein Haus weiter, in der Sybelstraße 43

Was für ein Mensch war Fanny Lippfeld?
Auch hier nur eine Vermutung.

Fanny Lippfelds unter Zwang handschriftlich verfasste „Vermögenserklärung“ vom 30. September 1942 erweckt jedenfalls den Eindruck, dass sie eine höchst korrekte Frau gewesen sein muss. Ihre Wohnungseinrichtung und Kleidung wurden penibel aufgelistet: 1 Standwanduhr 10 Reichsmark, 1 Sommerkleid 15 RM, 1 Regenmantel 20 RM. Bewertet wurde das gesamte Inventar mit 230 RM.

Bis 1933 war Fanny Lippfeld berufstätig. Bei Durchsicht ihrer Akte findet sich ein Vermerk vom 19. Dezember 1942. Darin bittet Gertrud Hopp, Besitzerin eines Kaufhauses in Marienburg, den Oberfinanzpräsidenten um Einstellung der Zahlungen an ihre ehemalige Angestellte Fanny Lippfeld. Gertrud Hopp habe ihr vertraglich ab dem 15. April 1933 eine monatliche Unterhaltsrente von 300 RM zugesichert. Diese sei jedoch nur auf 8 Jahre begrenzt gewesen, nun zahle sie bereits seit 10 Jahren die Rente. Sie bitte deshalb um Rückzahlung und Einstellung weiterer Zahlungen, zumal die „Jüdin Fanny Lippfeld“ ja bereits 73 Jahre alt sei und „ohnedies nicht mehr damit gerechnet werden“ dürfe, „dass die auf Lebenszeit gewährte Rente noch lange gezahlt werden“ müsse. Fanny Lippfeld war zu dem Zeitpunkt bereits seit sechs Wochen im Konzentrationslager und es kann davon ausgegangen werden, dass ihre ehemalige Arbeitgeberin darüber auch informiert war. Gertrud Hopp blieb beharrlich. Der Rechtsstreit zog sich bis ins Jahr 1944. Sie konnte eine handschriftliche Bestätigung vorlegen, auf der Fanny Lippfeld angeblich den Erhalt der 7.200 RM bestätigte. Ob die Notiz mit der Unterschrift wirklich von Fanny Lippfeld stammte, muss angezweifelt werden, da sie ja bereits zwei Jahre zuvor ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde und ihr Konto seitdem gesperrt war. Wie der Rechtsstreit ausging, bleibt unklar.

Jedenfalls wurde sie eines Tages, vermutlich am 30. September 1942, aus ihrer Wohnung abgeholt und zunächst in ein Sammellager in die Jüdische Mädchenschule Auguststraße 14-17 gebracht. Zusammen mit den beiden Hausbewohnerinnen Marta Fabian und Jenny Neumann ist sie am 3. Oktober 1942 in einem mit 1.021 Menschen vollgestopften Zug, der als „3. großer Alterstransport“ bezeichnet wurde, vom Bahnhof Grunewald nach Theresienstadt verschleppt worden. Das Todesdatum von Fanny Lippfeld war der 5. April 1945 – gut einen Monat vor der Befreiung von Theresienstadt. Ob sie an einer Krankheit oder Altersschwäche starb, ob sie verhungerte oder umgebracht wurde, ist nicht bekannt.

Fanny Lippfelds Tochter Dora Reichenheim wurde mit ihrem Mann am 9. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Am Leben blieb deren einzige Tochter Inge, die nach Kriegsende mit ihrem Mann Franz Hirschberg nach Windhoek in Südwest-Afrika auswanderte.

Ebenfalls am Leben blieb Paula, Fanny Lippfelds jüngste Tochter. Nach einigen Jahren in Tel Aviv kehrte sie mit ihrem Mann Hugo Loewi nach Berlin zurück und stellte Anfang der 1950er Jahre Wiedergutmachungsansprüche.

Zum Abschluss möchte ich ein Gedicht von Pavel Friedman vorlesen. Auch er gehörte zu den Opfern. Am 29. September 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert und kam dort um. Als er das Gedicht „Der Schmetterling” am 4. Juni 1942 in Theresienstadt schrieb, soll er 17 Jahre alt gewesen sein. Seine schriftlichen Aufzeichnungen fand man nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit Kinderzeichnungen in einem geheimen Versteck.

Der Schmetterling
Von Pavel Friedmann

Der letzte, der allerletzte.
So kräftig, hell, gelb schimmernd,
als würden sich die Tränen der Sonne
auf einem weißen Stein niederlassen.
So ein tiefes, tiefes Gelb
Er erhebt sich ganz leicht nach oben.
Er verschwand weil, so glaube ic h,
weil er der Welt einen Abschiedskuss geben wollte.
Seit sieben Wochen habe ich hier gelebt.
Eingepfercht im Ghetto.
Aber ich habe hier meine Freunde gefunden.
Der Löwenzahn verlangt nach mir
Und die weißen Kerzen der Kastanien im Hof.
Aber ich habe niemals einen zweiten Schmetterling gesehen.
Dieser Schmetterling war der letzte seiner Art.
Schmetterlinge leben nicht hier
Im Ghetto.

Text: Brigitta Cesnik-Etienne

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Stolperstein Jenny Neumann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
JENNY NEUMANN
GEB. FABIAN
JG. 1871
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 12.8.1943

Bildvergrößerung: Stolperstein Georg Seefeld
Stolperstein Georg Seefeld
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
GEORG SEEFELD
JG. 1888
DEPORTIERT 29.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Bildvergrößerung: Stolperstein Margarete Seefeld
Stolperstein Margarete Seefeld
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARGARETE
SEEFELD
GEB. MICHAELIS
JG. 1890
DEPORTIERT 29.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Marie Simon
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARIE SIMON
GEB. DIENSTAG
JG. 1871
DEPORTIERT 28.8.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET