Stolpersteine Wielandstraße 29

Bildvergrößerung: Hausansicht Wielandstr. 29
Hausansicht Wielandstr. 29
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine wurden am 18.10.2014 verlegt. Sie sind Ruth Nube (Berlin), einer Halbschwester Eike Gutmanns, gespendet worden. Die andere Halbschwester, Barbara Nube Roose (Berkeley, USA), hat zur Verlegung einen Text geschrieben.

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Stolperstein Josefa Frieda Gutmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
JOSEFA FRIEDA
GUTMANN
JG.1918
DEPORTIERT 29.11.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Josefa Gutmann, nur Sephie genannt, wurde am 24. August 1918 in Dresden-Loschwitz geboren. Über ihre Eltern ist nichts bekannt. Nachforschungen in Dresden blieben ohne Ergebnis. Ein Bruder soll im spanischen Bürgerkrieg umgekommen sein.

Sephie war von Kindheit an verwachsen. Ob durch eine Krankheit oder Fallenlassen des Kindes im Babyalter verursacht, ist unklar. Sie ging leicht gekrümmt, hatte einen Buckel und die für diese Verwachsung typischen überlangen Arme. Ein schönes Gesicht mit intensivem Blick.

Sie scheint den Willen gehabt zu haben, so früh wie möglich von zu Hause wegzukommen. Eine Bekannte holte sie 1935 mit 17 Jahren nach Berlin. Sie wurde an befreundete Familien zur Kinderbetreuung empfohlen, und sehr schnell stellte sich heraus, dass sie eine besondere Begabung im Umgang mit Kindern hatte.

Sie absolvierte eine einjährige Ausbildung für Kinderheimgehilfinnen und -erzieherinnen, die von der jüdischen Gemeinde Berlins organisiert wurde. Im Winter 1936 stand sie im Examen und bald darauf begann sie ihre Arbeit in einem jüdischen Kinderhort an der Greifswalder Straße 138/139. Zeitweilig scheint dieser Hort auch Kinderheim gewesen zu sein. Im Frühjahr 1939 wurde sie von der jüdischen Gemeinde nach Freiburg geschickt, um dort jüdische Waisenkinder zu sammeln und nach Berlin zu bringen.

Etwa um 1939 übernahm sie offenbar die Leitung des Hortes, den sie immer als Kinderheim bezeichnete. Es gab Kontakte zum II. Waisenhaus in Pankow in der Berliner Straße. Manchmal wurden Kinder aufgenommen und blieben über Nacht, wenn die Eltern sie nicht abholen konnten oder zur Zwangsarbeit verpflichtet waren.

Sephie hatte Kontakt zu meiner Familie schon seit 1935. Sie kannte mich gut und hat mich oft ausgeführt oder gehütet, als sie noch in der Ausbildung war. Im Frühjahr 1939 begann ein intensives Briefgespräch mit meinem Vater, Ernst Robert Nube. Daraus wurde eine enge Liebesbeziehung, die neben allen anderen Schwierigkeiten – mein Vater war als „Arier“ in sogenannter „privilegierter Mischehe“ verheiratet – eine große Gefahr für alle Beteiligten bedeutete, da auf Verbindungen zwischen Ariern und Juden der Paragraph der „Rassenschande“ angewandt wurde, und das hieß im Entdeckungsfall Todesstrafe oder mindestens Konzentrationslager.

Wahrscheinlich ab 1941 wohnten Josefa Gutmann mit ihrer Tochter in der Wielandstraße 29 zur Untermiete bei Ellen Voß geb. Becker (Jahrgang 1910) und ihrem Sohn Kurt Michael (Jahrgang 1937), die am 6. März 1943 nach Auschwitz deportiert wurden.

Bildvergrößerung: Stolperstein Eike Gutmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
EIKE GUTMANN
JG. 1941
DEPORTIERT 29.11.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Eike Gutmann war die Tochter der beiden. Wer in den Transportlisten den Namen „Tana“ liest, weiß, dass es sich nur um ein ein- bis zweijähriges Mädchen handeln kann, denn dieser Name wurde den Juden für Neugeborene von den nationalsozialistischen Behörden zwangsweise verordnet, wie für Erwachsene „Sara“und „Israel“. Das am 6. April 1941 im jüdischen Krankenhaus in Berlin geborene Mädchen wurde von seinen Eltern „Eike“ genannt. Ich fand die Geburtsurkunde meiner Halbschwester 2005 im Standesamt Mitte und auch ihr damaliges Wohnhaus in Schöneberg an der Habsburger Straße 12.

Das Mädchen war meist mit ihrer Mutter im Kinderheim unter anderen Kindern. Schon seit 1940 stand das Heim unter ständiger Kontrolle, mal durch das Jugendamt, mal durch die Geheime Staatspolizei, die Gestapo. Es wurden Razzien durchgeführt, Auflagen erlassen. Zermürbung durch Schikane war Absicht.

Im Oktober 1942 war die systematische Vernichtung aller jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen in vollem Gang, Kindergärten, Waisenheime, Krankenhäuser, alle sozialen Einrichtungen werden geschlossen, Kinder, Alte, Kranke und das sie betreuende Personal wurden in großem Umfang in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße geschickt und von dort aus deportiert.

Aus einem Kassiber vom 19.11.1942, den sie hinausschmuggeln konnte und der meinen Vater erreichte, ist zu erfahren, dass Sephie auf einem U-Bahnhof, den sie als Jüdin nicht betreten durfte, verhaftet und direkt ins Sammellager gebracht wurde. Die kleine Eike wurde ihr später gebracht.
In ihrem letzten Kassiber an Eikes Vater beschrieb Josefa Gutmann die grauenvollen Zustände in dem Sammellager, das früher ein jüdisches Altersheim gewesen war: „Es ist irrsinnig und vorläufig sinnverwirrend. Die Kinder (Waisenkinder schon über 100) gehen hier bereits ein … Wir hungern hier bereits und sind ohne Schlaf – auch ohne Traum – was werden wird, mit dem Kind durchzukommen, ist kaum vorstellbar …“

Am 29. November 1942 fuhr der von den NS-Behörden so genannte 23. Osttransport, dessen Transportliste 1001 Namen, davon 230 Kinder (die meisten Waisen) zwischen 6 Wochen und 18 Jahren, umfasste, vom Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald nach Auschwitz. Dort sind die 24järige Mutter Josefa Gutmann und ihre eineinhalbjährige Tochter Eike Gutmann ermordet worden.

Text: Ruth Nube
Quellen: Amtliches Fernsprechbuch von Berlin, Ausgabe Juli 1940; Geburtsurkunde und Wohnhaus von Eike Gutmann; Karteikarte der Oberfinanzdirektion; Transportliste 23. Osttransport, Nr. 165 und 166; Foto der Ruine des Kinderhorts in der Greifswalder Straße; dem Gedenkbuch Berliner Juden; Der Tagesspiegel, Artikel von Ruth Nube vom 11.10.1994
Literatur: Regina Scheer: Eine Treppe ins Nichts, in: Leben mit der Erinnerung – Jüdische Geschichte in Prenzlauer Berg, Hrsg. Kulturamt Pankow/Museum Prenzlauer Berg, 1997, S.97.

Zum Gedenken an Josefa und Eike Gutmann hat die andere Halbschwester Barbara Roose Nube folgenden Text verfasst:
„Fuer einige von uns war es leichter, als Kinder zu lernen, was 2×5 war, als was
die Familienverhältnisse in der Familie waren. Weder Verluste noch Kummer konnten zur Zeit des Holocausts erwähnt oder besprochen werden.
Ruth Nube, unsere einzige noch in Berlin lebende Schwester und Tante, hat Sephie gekannt, als Ruth noch ein kleines Kind war. Dich, Eike, unsere dritte Schwester vom selben Vater, und nicht gewordene Tante und Großtante unserer Kinder und dessen Kinder, können wir uns nur vorstellen, da wir kein Photo von Dir haben. Wir hätten gerne Zeit mit Dir verbracht und uns gewünscht, dass auch Du Kinder gehabt hättest.

Wir zitieren einige Worte aus Eduardo Galeanos Buch Children of the Days (Kinder der Tage), in dem er schreibt, was Völker in Afrika und in Amerika über die Familie sagten:
“Eure Familie ist das ganze Dorf mit all seinen lebendigen und toten Einwohnern … Eure Familie spricht auch zu Euch
im Prasseln des Feuers,
im Murmeln des laufenden Wasser,
im Atem der Waelder,
in den Stimmen des Windes,
In der Wut des Donners,
im Regen, der Euch küsst, und
im Vogelgesang. der Eure Schritte begrüßt.”

Wir sind dankbar für die Stolpersteine, die für Dich, Eike Gutmann Nube und
Deine Mutter Josefa Gutmann gelegt werden zu Eurem Andenken und als Mahnung.

Die Familie im Ausland hört Euch zu: Barbara Nube Roose in Berkeley (Kalifornien) mit Söhnen und dessen Familien: Stephan Roose in Palm Springs (Florida) und seine Tochter Alexandra Roose in Silver Springs (Maryland), Daniel und Kristine Nube und deren Tocher Camila in Berkeley, Mateo und Amanda Nube und deren Kinder Maya und Danilo Nube in Berkeley. Auch die Familie meines Bruders Stephan Nube Adler, eines weiteren Halbbruders von Eike Gutmann, und dessen Kinder Luis und Vilma Nube in Venezuela. Und meine Tochter Miriam Hodosy (Sydney/Austrralien) sowie mein Enkel Django Hodosy (Zürich/Schweiz)