Stolpersteine Duisburger Straße 19

Link zu: Hausansicht Duisburger Str. 19, 2014
Hausansicht Duisburger Str. 19, 2014
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine wurden am 20.5.2014 verlegt. Spender waren Anna Bogunovic, Barica Divjakinja, Prof. Dr. Hartmut Espe, Familie Michael Hartwig, Familie Dr. Robert Heimbach, Familie Sebastian Loscher, Margit J. Mayer, Dr. Saaid Osman, Ralf Thielemann, Familie Norbert Wollschläger (alle Berlin) und Prof. Dr. Lothar Zeidler (USA).

„Eine feine Straße ist das hier. Sehr feine Gegend!“ Mit diesen Worten begann Norbert Wollschläger seine Ansprache vor mehr als 80 Menschen, die am Gedenken für die einstigen Hausbewohner teilnahmen. Unter ihnen waren Nachkommen zweier Opfer, Patricia Sedlatzek-Schneider, Ronald Sedlatzek, Olaf Feig (Frankfurt a.M.) und Prof. Dr. Lothar Zeidler (USA). Begrüßt wurden auch der Bürgermeister des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann, und der Vorsitzende des Jüdischen Bildungszentrums Chabad Lubawitsch Berlin, Rabbiner Yehuda Teichtal.

,Eine feine Straße ist das hier. Sehr feine Gegend!‘ So oder so ähnlich mochte Kurt Tucholsky – Journalist, Schriftsteller und Gesellschaftskritiker – die Duisburger Straße damals charakterisiert haben. Er liebte Berlins Neuen Westen, die Gegend um den Kurfürstendamm.
Zwischen 1912 und 1929 wohnte Tucholsky in Wilmersdorf. An wechselnden Adressen: Nachodstraße 12, Kaiserallee 79 (heute Bundesallee) und – hier gleich nebenan – Duisburger Straße 16, zur Untermiete, für einige Monate.
‚Eine feine Straße.‘ Dabei wusste Tucholsky wahrscheinlich nur recht wenig
über die eher unscheinbare Duisburger Straße mit ihren 21 Häusern, alle fertig gestellt zwischen 1912 und dem Sommer 1914, gerade als der Erste Weltkrieg begann. Die Straße profitierte von der Nähe zum Kurfürstendamm und dem Olivaer Platz, damals einer der schönsten Plätze Berlins. In der Duisburger Straße mit ihren ungefähr 300 Haushalten wohnten Vertreter des gehobenen Bürgertums. Kaufleute, mittelständische Unternehmer, Privatiers sowie etliche bildende und darstellende Künstler.
Von Anfang an hatte die Straße viele jüdische Anwohner. Folgt man neueren Berechnungen, dann lebte Ende der zwanziger Jahre in jedem dritten Haushalthalt der Duisburger Straße mindestens ein Mitglied der jüdischen Gemeinde.
Jüdische Nachbarn zu haben, mit ihnen in derselben Straße oder im selben Haus zusammenzuleben, war ein Stück Normalität.
Das aber sollte sich alsbald ändern.
Angriffe auf dieses Zusammenleben begannen lange vor der sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Bereits zum jüdischen Neujahrsfest im September 1931 kam es auf dem Kurfürstendamm und seinen Nebenstraße zu massiven antisemitischen Ausschreitungen.
Mit Ernennung Hitlers zum Reichskanzler geriet Antisemitismus zur Staatsräson und der Alltag der jüdischen Anwohner verschlechterte sich schlagartig. Mit den Nürnberger Ariergesetzen wurden sie zu Angehörigen einer minderwertigen Rasse erklärt und verloren ihre bürgerlichen Rechte.
Für die Wilmersdorfer Juden begann mit dem Novemberpogrom von 1938 eine schreckliche Zeit. Alle drei Synagogen des Bezirks wurden in Brand gesteckt. Unschuldige Menschen wurden in Konzentrationslager gebracht, Familien wurden auseinander gerissen, jüdischen Mietern wurden Wohnungen gekündigt, jüdische Hauseigentümer wurden enteignet, und die Gegend um den Kurfürstendamm zum ‚judenreinen Gebiet‘ erklärt, in das keine als jüdisch geltenden Mieter mehr einziehen sollten.
Mit Beginn des 2. Weltkrieges verschärften sich die Lebensbedingungen der ins Deutschland verbliebenen Juden noch einmal erheblich. Auch in der Duisburger Straße. Ab Februar 1941 werden gezielt Wohnungen jüdischer Bewohner geräumt, und ab Oktober 1941 beginnen systematische Zwangräumungen, Verschleppungen und Deportationen.
Der Berliner Historiker Dirk Nordhoff zieht eine grausame Bilanz:
‚Von den 236 als jüdisch definierten Anwohnern [der Duisburger Straße] brachten sich mindestens sieben um, vermutlich aus Angst vor der bevorstehenden Deportation. Mehrere Menschen starben unter unbekannten Umständen. 109 Menschen wurden deportiert und starben in Konzentrationslagern, die meisten wurden zwischen April und Oktober 1942 nach Theresienstadt oder im ersten Halbjahr 1943 nach Auschwitz gebracht. Einige Deportationsopfer wurden über die besetzten Nachbarländer Belgien, Frankreich und die Niederlande in Lager verschleppt, rund 90 wurden aber direkt von Berlin aus in den Tod geschickt.‘
Das jüngste Deportationsopfer war 4 Jahre alt, das älteste 88 Jahre.
Die Deportationen in der Duisburger Straße vollzogen sich nicht massenweise, sondern eher diskret: in Abständen mehrerer Tage oder Wochen, manchmal von Monaten, mal einen Juden, mal zwei oder auch vier jüdische Bewohner. Vielleicht auch um in dieser kleinen Straße zuviel Aufsehen zu vermeiden.
Wir wissen wenig von den Reaktionen der nichtjüdischen Nachbarn. Mit Sicherheit aber konnte das Verschwinden der Menschen nicht unbemerkt geblieben sein.
Karl Jaspers, Philosoph und Doktorvater von Hannah Arendt, hat sich früh und intensiv mit der Schuldfrage auseinandergesetzt.
‚Wir Überlebenden haben nicht den Tod gesucht. Wir sind nicht, als unsere jüdischen Freunde abgeführt wurden, auf die Straße gegangen, haben nicht geschrien, bis man uns vernichtete. Wir haben es vorgezogen am Leben zu bleiben mit dem schwachen, wenn auch richtigem Grund, unser Tod hätte nichts helfen können. Dass wir leben, ist unsere Schuld. Wir wissen vor Gott, was uns tief demütigt.‘
Uns, den Nachgeborenen – die wir nicht wissen, wie wir selbst gehandelt hätten – fehlt die moralische Kompetenz, zu richten. Aber es ist unsere fortdauernde Verpflichtung, der Opfer zu gedenken und ihnen einen Ort zu geben, an dem man sich immer wieder an sie erinnern kann. Ein Ort, der auch nie vergessen machen soll, aus welchem Land die Täter kamen.
Heute leben jüdische und nicht jüdische Bewohner im Haus Duisburger Straße 19 wieder zusammen. Ein Stück Normalität, wie es überall auf der Welt sein sollte. In jedem Land, in jeder Stadt, in jeder Straße, in jedem Haus.

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Stolperstein Rosa Hirsch, 2014
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ROSA HIRSCH
GEB. JACOBI
JG. 1862
DEPORTIERT 10.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 24.8.1942

Rosalie Hirsch, geb. Jacobi, geboren am 5. Dezember 1862 in Thorn (Torun), war bis 1934 in Heringsdorf Eigentümerin und Geschäftsführerin eines Hotels an der Wilhelmstraße. Ihr wurde nach antijüdischen Ausschreitungen das Betreten des Hauses verboten; sie musste das Hotel mit vollem Inventar abgeben.Ob es eine Gegenleistung gab, wurde nicht endgültig geklärt. Ein Entschädigungsantrag aus der Familie wurde abgelehnt mit dem schäbigen Argument abgelehnt, Rosalie Hirsch sei 1934 schon 72 Jahre alt gewesen und es sei unglaubhaft, dass sie nicht mehr hatte verkaufen können. Bis 1939 wohnte sie dann in der Mommsenstraße 18 in einer 3 ½-Zimmer-Wohnung. Auch dort wurde sie vertrieben, ein Parteigenosse der NSDAP beanspruchte die Wohnung, anscheinend mit Inventar. Sie zog zu ihrer Tochter Else, geboren am 17. Februar 1898 in Thorn, verheiratet mit Herbert Sedlatzek, in die Duisburger Straße 19.

Aus der Duisburger Straße wurde Rosalie Hirsch in die Große Hamburger Straße gebracht, wo die Nazis ein Sammellager eingerichtet hatten, am 10. August 1942 mit einem „Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert und dort am 24. August 1942 umgebracht. In den Totenschein www2.holocaust.cz/de/document/DOCUMENT.ITI.2232 schrieben die Ghetto-Ärzte „Altersschwäche, Darmkatarrh, Herzschwäche“, um die wahren Todesursachen – Unterernährung und fürchterliche hygienische Zustände im Ghetto – zu verschleiern.

In der systematischen Befragung im Sammellager, das Protokoll musste von ihr gegengezeichnet werden, hatte sie auf die Frage, ob Verwandte emigriert sind, benannt: Paul Hirsch, mit einer „Arierin“ verheiratet; Curt Hirsch, geboren am 15. April 1895, mit einer „Arierin“ verheiratet, 1932 nach Antwerpen emigriert (im späteren Entschädigungsantrag als Miterbe von Else genannt); Margarete Hirsch, 1939 nach Manchester geflüchtet.

Der Schwiegersohn, Herbert Sedlatzek, musste sein Geschäft in der Friedrichstraße wegen seiner Ehe mit einer jüdischen Frau schließen und wurde als Auslandskorrespondent „kriegsdienstverpflichtet“; er war kein Parteimitglied. 1951, mittlerweile am Kurfürstendamm 165/166, fragte Herbert Sedlatzek in der Jüdischen Gemeinde nach dem Schicksal von Rosalie Hirsch. Die Antwort lautete: „nach dem Transport unbekannt; nicht zurückgemeldet“.

Rosalie Hirsch war mit Isidor Hirsch verheiratet, der 1908 in Berlin starb. Ihre Kinder waren Georg Hirsch, im Ersten Weltkrieg 1916 gefallen; Paul Hirsch, gestorben 1951; Margarete Hirsch, gestorben 1952 in Manchester; Curt Hirsch, der in Antwerpen lebte; und Else Sedlatzek geb. Hirsch.

Die Tochter Else überlebte geschützt durch ihre Heirat und hatte mit Herbert zwei Kinder. Tochter Jutta geboren am 9. Juli 1926, verheiratete Feig, und Sohn Axel, geboren am 4. April 1934. Die Familie war in Berlin mehrfach umgezogen, zuletzt aus der Konstanzer Straße 39, I. Stock, „wegen Beschimpfungen durch unter ihnen wohnenden Präsidenten der Reichsmusikkammer“ in die Duisburger Straße 19. 1961 zog die Familie nach Frankfurt am Main. Im Entschädigungsverfahren (der Antrag wurde zurückgezogen) waren als langjähriger Freund der Familie von Rosalie Hirsch Martin Czarnkau, Hildegardstraße 13a, und als Notar Ludwig Eckstein, Uhlandstraße 95, Vertreter Alfred Jackier, Konstanzer Straße 10 erwähnt.

Recherche und Text: Stolpersteine-Initiative Duisburger Straße 19

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Stolperstein Alfred Laskau, 2014
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ALFRED LASKAU
JG. 1881
SCHUTZHAFT
SACHSENHAUSEN
DEPORTIERT 14.11.1941
ERMORDET IN
MINSK

Dr. Alfred Laskau , geboren am 18. September 1881 in Grünberg (Niederschlesien), war Rechtsanwalt und Landwirt. Sein Vater war Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Grünberg, der vorletzte in der Geschichte dieser Gemeinde. Nach dem Niederbrennen der Synagoge am 10. November 1938 war Alfred Laskau – gezwungenermaßen – Mitunterzeichner des Vertrags über den Verkauf des Grundstücks an die Stadt Grünberg. Zum Zeitpunkt der Volkszählung 1939 wohnt der ledige Alfred Laskau in der Mommsenstraße 3. Wahrscheinlich wurde er gezwungen, seine eigene Wohnung aufzugeben und lebte seit dem 2.9.1940 in der Duisburger Straße 19. Dort bewohnte er ein möbliertes Zimmer 1 ½ Treppen hoch bei Flesch zur Untermiete.

Alfred Laskau war vermögend, seinen Anteil an einem Grundstück in Grünberg musste er an die Hamburger Firma Olff, Köpcke & Co., Obst- und Gemüsehandel, verkaufen. Der Grundbucheintrag war auf den 11.9.1941 datiert. In der Vermögensaufstellung vom 9.11.1941 wurde außerdem ein Vermögen von ca. 50 000 Reichsmark, verteilt auf etliche Bankkonten, Depots und Versicherungen, angegeben. Der Einzug des Vermögens zu Gunsten des Reichs wurde am 11.11.1941 verfügt, nur drei Tage später wurde Alfred Laskau unter der Nummer 1171 mit dem von den Nazi-Behörden als 5. Osttransport bezeichneten Zug von Grunewald nach Minsk deportiert. Noch bis in den Januar 1945 waren die Reichsbehörden damit beschäftigt, seine Konten aufzulösen und von Schuldnern Alfred Laskaus Geld einzutreiben.

Bis 21. Dezember 1938 war er im Konzentrationslager Sachsenhausen, also gehörte er wahrscheinlich zu jenen, die nach der Reichpogromnacht am 9./10. November willkürlich verhaftet wurden. Nach Angaben des Gedenkbuchs der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus (Freie Universität Berlin) ist er am 14. November 1941 vom Bahnhof Grunewald mit 956 Juden aus Berlin nach Minsk (Weißrussland) deportiert worden. Vier Tage war dieser Zug für die 1 120 Kilometer lange Strecke unterwegs. Die meisten wurden nach der Ankunft ermordet. In einem Gedenkblatt vom 18.9.1977, das seine Schwägerin Kate Mankin aus Los Angeles an die Yad Vashem-Opferdatei schickte, hat sie Alfred Laskaus Schicksal als „unbekannt“ bezeichnet.

Recherche und Text: Thomas Rimpler

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Stolperstein Oscar Flesch, 2014
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
OSCAR FLESCH
JG. 1874
DEPORTIERT 28.8.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Oscar Flesch wurde am 19. November 1874 in Heilbronn am Neckar geboren. Er machte eine kaufmännische Lehre und trat jung in das Herren- und Damenmodegeschäft seiner Eltern Julius und Bella Flesch, geb. Stern, ein. 1903 heiratete Oscar die damals 23-jährige Charlotte (Lotte) Israel aus Berlin. 1907 wurde dem Paar ein Sohn geboren, dem sie als gute deutsche Bürger der Kaiserzeit den Namen Fritz gaben.

Das in den 1870er Jahren gegründete Modegeschäft der Familie Flesch lag in der Kaiserstraße 30, einer gründerzeitlichen Prachtstraße im Herzen von Heilbronn, die repräsentative Geschäftshäuser säumten. “Es war das eleganteste Geschäft in Heilbronn, mit mehreren Angestellten und einem Lehrmädchen”, so beschrieb Fritz Flesch nach Kriegsende das elterliche Unternehmen, in dem er selbst auch eine Ausbildung als Verkäufer gemacht hatte.

Wie viele andere deutsch-jüdische Geschäftsinhaber geriet die Familie Flesch im Zuge der Weltwirtschaftskrise und des Aufstiegs der NSDAP in Bedrängnis. Auch im Neckarstädtchen Heilbronn gab es Aufrufe zum Boykott jüdischer Läden und Verhaftungen linksgerichteter Politiker; zeitgeschichtliche Archivdokumente zeigen Häuser mit NS-Beflaggung. Die bürgerliche Idylle der Familie Flesch zerbrach. 1933 emigrierte Sohn Fritz mit 26 Jahren nach Palästina – genau wie sein Saarbrückener Vetter Eugen Scheuer und viele andere junge Juden aus Europa. Er wurde Landwirt in der “Kwuzah (kleiner Kibbutz) Schiller” in Rechovot bei Tel Aviv.

Im August 1934 musste Oscar Flesch das Heilbronner Familiengeschäft verkaufen. Fortan lebte er als “Rentier” von den Zinsen seines bescheidenen Vermögens – oder wie Sohn Fritz es ausdrückte: “Er verzehrte den Erlös des Geschäftes”. Oscar Flesch zog mit seiner Frau Charlotte in deren Heimatstadt Berlin, wo das Paar eine Wohnung in der Duisburger Straße 19 anmietete.

Am 2. Februar 1938 starb Charlotte Flesch in Berlin. Im Frühjahr 1941 heiratete Oscar Flesch erneut: Seine zweite Frau, geboren am 10. Februar 1890 als Lucie Händel, stammte aus Pyritz (Pommern, im heutigen Polen). Ab April des Jahres war auch Lucie Flesch in der Duisburger Straße 19 gemeldet.

Von September 1941 an musste das Ehepaar den sogenannten “Judenstern” tragen, der sie als Mitglieder einer vom Regime unerwünschten Bevölkerungsgruppe denunzierte. Man kann sich ihre stetig wachsende Bedrückung und Angst ausmalen, als nach und nach, einzeln oder in kleinen Gruppen, ihre jüdischen Nachbarn in der Duisburger Strasse von der Gestapo abgeholt wurden. Im Oktober des Jahres erreichte der Terror schließlich ihr eigenes Wohnhaus: Ihre Türnachbarin Gertrud Krohn wurde in den Tod deportiert, ihr folgten im Juli 1942 das Ehepaar Hermann und Lina Glant, und am 8. August 1941 schließlich Rosalie Hirsch.

Oscar und Lucie Flesch wurden am 28. August 1942 nach Theresienstadt deportiert (er war damals 67 Jahre alt, sie erst 52) und am 29. September 1942 in Treblinka ermordet.

Am Vortag seiner Deportation wurde Oscar Fleschs gesamtes Vermögen zu Gunsten des Deutschen Reichs eingezogen. Auf Veranlassung der Finanzbehörden wurden Wertpapiere in einem Nennwert von 10 000 Mark der Deutschen Reichsbank übertragen. Der Hausrat der Eheleute Flesch wurde versteigert bzw. an parteitreue Genossen verschleudert: Armselige 292,24 Reichsmark betrug der Auktionserlös für ihre sicher gutbürgerliche Wohnungseinrichtung. Ihre verlassene Wohnung in der Duisburger Straße 19 übernahm laut den Akten ein “SS-Obersturmführer Leiteritz”.

Vertreten durch den israelischen Notar Dr. Fritz Strauss, meldet sich Fritz Flesch, der in Palästina den Vornamen “Joel” angenommen hatte, Anfang der 1950er Jahre als Sohn und Erbe von Oscar Flesch beim URO (United Restitution Office) in Berlin-Wilmersdorf. Er stellte die Deportation fest und erklärte, damals von seinem Vater einen Rot-Kreuz-Brief erhalten zu haben – das letzte Lebenszeichen von Oscar Flesch.

Es folgte ein von Verzögerungen und amtsdeutscher Borniertheit gekennzeichnetes Verfahren zur Feststellung seiner Ansprüche. So wurde in einem Schreiben vom 13. Juni 1957 seinem ermordeten Vater für dessen “Schaden an der Freiheit” — die entsprechende Untergliederung beinhaltet auch die Kategorie “Tod” — eine Entschädigungssumme von 6 450 D-Mark “gewährt”.

Erst mit Beginn 1960er Jahre beschleunigte sich der schleppende Prozess der Erben-Entschädigung. Für das Textilgeschäft seiner Familie in Heilbronn erstritt Joel Flesch 15 250 DM, die ihm am 6. Januar 1960 zugesprochen werden. Für die nach amtlichen Angaben “von Russen aus dem Tresor” der Reichsbank geraubten Wertpapiere seines Vaters erhielt er in einem am 20. April 1965 (also ganze zwei Jahrzehnte nach Kriegsende) geschlossenen Vergleich 1000 D-Mark.

Recherche und Text: Margit J. Mayer

Link zu: Stolperstein Lore Grünthal, 2014
Stolperstein Lore Grünthal, 2014
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
LORE GRÜNTHAL
JG. 1924
DEPORTIERT 3.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Lore Grünthal wurde am 20. Juni 1924 in Crossen/Oder geboren. Zum Zeitpunkt der Volkszählung am 17. Mai 1939 lebte sie in einem Haushalt mit Gertrud Krohn, geb. Grünthal (wahrscheinlich ihre Tante) in der Duisburger Straße 19. Ebenfalls in Berlin wohnten ihre Eltern Meta (geboren am 19. Juni 1989 in Lessen) und Max Grünthal (geboren am 29. Dezember 1892 in Fürstenwalde). Lore hatte mit Heinz (geboren am 09. Januar 1923) und Vera (gebopren am 07. Oktober 1927) zwei Geschwister. Aus den von der ganzen Familie unter Zwang anzufertigenden Vermögensaufstellungen zum Zweck der Enteignung geht hervor, dass Vater Max zuletzt als Zwangsarbeiter bei Otto Linemann in der Mühlenstraße 85 in Pankow beschäftigt war. Bruder Heinz war zuletzt als Löter bei Raederstein in der Wusterhauser Straße 16 beschäftigt. Lore selbst wurde als Arbeiterin in der Schuhfabrik Reh & Praedel in der Jahnstraße 68-72 in Britz geführt.

In der von Mutter Vera angefertigten Vermögensaufstellung wurde auch Lore als mit ihr im Haushalt lebende Person aufgeführt. Die Familie lebte zu diesem Zeitpunkt zur Untermiete in zwei Zimmern bei Radilewski in der Kottbusser Straße 20, Hochparterre vorn. Mutter Meta und Schwester Vera wurden am 2. März 1943 mit dem von der Gestapo so benannten 32. Osttransport von Moabit nach Auschwitz deportiert. Nur einen Tag später wurden Lore und ihr Vater mit dem 33. Osttransport, zusammen mit weiteren 1 724 Personen, ebenfalls von Moabit nach Auschwitz deportiert. Vater Max wurde in Auschwitz unter der Häftlingsnummer 105782 erfasst. Noch im Januar 1945, als sie längst ermordet waren, machte der Oberfinanzpräsident bei den letzten Arbeitgebern von Heinz und Lore Forderungen über drei bzw. einen noch ausstehenden Tagelohn geltend.

Recherche und Text: Thomas Rimpler

Link zu: Stolperstein Gertrud Krohn, 2014
Stolperstein Gertrud Krohn, 2014
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
GERTRUD KROHN
GEB. GRÜNTHAL
JG. 1879
DEPORTIERT 29.10.1941
LODZ/ LITZMANNSTADT
1942 CHELMNO / KULMHOF
ERMORDET 24.10.1942

Gertrud Krohn, geb. Grünthal, wurde am 13. September 1879 in der westpolnischen Stadt Gnesen (Gnieszno) geboren. Sie heiratete den Kaufmann Hermann Krohn, der seit Ende der 1890er Jahre in Crossen an der Oder ein Textilwarenhaus unter der Firma Cassirer & Co. betrieb. Es war das führende Geschäft am Platz. Im Juli 1900 kam die Tochter Hanna Elisabeth zur Welt, im Oktober 1901 der Sohn Hans Siegbert.

Crossen, eine zunächst eher unbedeutende Kleinstadt, erhielt 1870 Anschluss an das preußische Eisenbahnnetz. Nach Ende des Ersten Weltkrieges entwickelte sich in Crossen die Metallindustrie und die Stadt erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung, von dem auch das Kaufhaus der Krohns profitierte. Hermann Krohn, der das Geschäft gemeinsam mit seinem Bruder Emil betrieb, starb 1923. Kurze Zeit später starb auch der Bruder und Mitinhaber, so dass die beiden hinterbliebenen Witwen sich das ererbte Unternehmen teilten und weiterführten. Das Geschäftshaus bestand aus zwei Häusern. Gertrud Krohn übernahm die Damenkonfektion, ihre Schwägerin betrieb das Herrenkonfektions-Geschäft.

In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre hatte das Geschäft einen derartigen Aufschwung genommen, dass sie sich zu einem größeren Umbau und einer Modernisierung entschlossen. Das Unternehmen beschäftigte 25 Angestellte und sein jährlicher Umsatz betrug zwischen 400 000 und 500 000 Reichsmark – für eine Kleinstadt mit knapp zehntausend Einwohnern sehr viel. Gertrud Krohn wohnte in Crossen inzwischen in einer geräumigen Villa und war zu einer vermögenden Frau geworden.

Ab 1934, als im Zuge anwachsender antisemitischer Stimmung viele Kunden begannen, das jüdische Geschäft zu meiden und der Umsatz ständig weiter zurückging, entschlossen sich die Inhaberinnen, das Kaufhaus und zu verkaufen, wie es damals hieß: „in arische Hände zu legen“. Gertrud Krohns Sohn Hans hatte zu dieser Zeit Deutschland bereits verlassen und begann im Oktober 1933 ein Medizinstudium in Genua. Seine Schwester Hanna zog 1934 nach Berlin, um von dort aus ihre Auswanderung vorzubereiten; 1936 folgte sie ihrem Bruder nach Italien, der inzwischen in Mailand als Arzt arbeitete.

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Gertrud Krohn um 1935
Bild: Privatbesitz

Der Verkauf des Warenhauses gestaltete sich, insbesondere wegen des Geschäftsrückgangs und des zunehmenden antisemitischen Drucks, recht problematisch. 1936 ging der Betrieb an einen Herrn Joachim von Stuckradt über. Das Geschäft selbst und die gesamte Einrichtung wurden an ihn verpachtet, die noch vorhandenen Warenbestände – unter Einräumung von Teilzahlung – an ihn verkauft. Der neue Inhaber war jedoch völlig unfähig, das Geschäft zu leiten. Auch nach Einräumung eines Zahlungsaufschubs konnte er seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen und beging 1937 Selbstmord. Sein Bruder, ein hoher Funktionär der NSDAP, der ihm die Geschäftsübernahme finanziert hatte, erstattete daraufhin gegen Gertrud Krohn Anzeige wegen Betruges. Ihr wurde vorgeworfen, beim Verkauf des Warenlagers die Erzeugnisse und Stoffe vorsätzlich „hochgezeichnet“ und somit vom Käufer einen überhöhten Preis gefordert zu haben – eine typisch antisemitisch gefärbte Denkweise.

Im Juni 1937 wurde Gertrud Krohn verhaftet und in Untersuchungshaft gestreckt, aus der sie erst nach zwei Monaten entlassen wurde. In der Hauptverhandlung vor dem Schöffengericht Guben im darauffolgenden Jahr wurde sie aber in allen Anklagepunkten freigesprochen und die Kosten des Verfahrens der Staatskasse auferlegt.
Für das Kaufhaus in Crossen musste nochmals ein neuer Inhaber gesucht werden. Wie schon der erste Pächter kam auch der neue seinen Zahlungsverpflichtungen nicht oder nur teilweise nach. Um das ehedem wertvolle Warenlager und seine Bewertung entspann sich ein langjähriger, vor Gericht ausgetragener Streit.
Gertrud Krohn war inzwischen von Crossen nach Berlin gezogen, in die Duisburger Straße 19, wo sie im III. Stock eine Viereinhalbzimmer-Wohnung gemietet hatte. Seit Ihrer Verhaftung besaß sie keinen Pass und konnte nicht mehr wie früher ihre Kinder Hans und Hanna in Italien besuchen, vor allem auch nicht ihren Enkelsohn Peter Michael, an dem sie besonders hing. Sie hatte gehofft, nach dem Freispruch ihren Pass zurückzuerhalten. Ohne Erfolg. Ihr wurde erklärt, dass bei ihr der Verdacht bestehe, auswandern zu wollen.

1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, verließen Gertrud Krohns Kinder Italien und wanderten mit ihren Familien nach Montreal (Canada) aus. Ein letzter Versuch, der Mutter über Cuba eine Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen, scheiterte. Gertrud Krohn erhielt nie wieder einen deutschen Pass.

Am 22. Oktober 1941 wurde Gertrud Krohn in ihrer Wohnung darüber informiert, dass ihr gesamtes Vermögen eingezogen worden war. Fünf Tage später wurde sie nach Litzmannstadt/Lodz deportiert und im darauffolgenden Jahr, am 24. Oktober 1942, im Kulmhof /Chelmno ermordet.

Das Grundstück in Crossen war auf das Reich übergegangen. Die ehemalige Eigentümerin, Gertrud Krohn, galt als nach Litzmannstadt „abgeschoben“ und verstorben, die beiden Kinder Hans und Hanna wurden als ausgebürgert geführt. Im November 1944 erteilte die Vermögenswertungsstelle die Vollmacht, das Grundstück an den ehemaligen Mieter und zweiten Pächter zu veräußern und die Umschreibung im Grundbuch vorzunehmen. Im Frühjahr 1945 kam es beim Einmarsch der sowjetischen Truppen zu heftigen Kämpfen in und um Crossen. 499 Häuser und damit 65 Prozent der Bausubstanz der Stadt wurden zerstört. Die deutschen Gebiete rechts der Oder und der Lausitzer Neiße wurden im selben Jahr unter polnische Verwaltung gestellt und die Bevölkerung vertrieben. Ein Jahr später hatten 2000 Polen den in „Krosno Odrzańskie“ umbenannten Ort besiedelt. Ab 1955 erfolgte ein langsamer Aufbau der Stadt.

Text und Recherche: Norbert Wollschläger

Link zu: Stolperstein Hermann Glant, 2014
Stolperstein Hermann Glant, 2014
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HERMANN GLANT
JG. 1870
DEPORTIERT 24.7.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Hermann Glant wurde am 8. Juli 1870 in Vieksniai (Wieksznie) / Kowno / Russland geboren, kam als kleines Kind nach Berlin und besuchte das Gymnasium zum Grauen Kloster. Nach einer kaufmännischen Lehre war er als kaufmännischer Angestellter und nach einigen Jahren als Geschäftsführer tätig. Später machte er sich selbstständig und handelte seit ca. 1925 mit Antiquitäten und Orientteppichen. Verheiratet war er mit Lina Glant , geb. Rosenberg, geboren am 13. Januar 1877 in Wusterhusen (bei Greifswald).

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde ihm die Geschäftstätigkeit erst erschwert und ab 1935 komplett verboten. Seitdem waren die Glants gezwungen, von ihrem Vermögen zu leben. Sie gaben nach 1939 ihre großzügige Wohnung in der Lauenburger Straße 7 (heute Fechnerstraße) auf und zogen in die Duisburger Straße 19. Von dort wurden sie am 24. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Am 26. September 1942 wurden Lina und Hermann Glant in Treblinka ermordet.

Das Ehepaar Glant hatte zwei Töchter, Charlotte, geboren am 14. April 1904 und Margot Ruth, geboren am 6. Dezember 1910. Beide konnten 1933 aus Deutschland auswandern. Charlotte Glant, geschiedene Kaiser, starb am 26. Juli 1946 in Manila. Margot Ruth wurde bereits in Berlin als Sängerin ausgebildet und konnte in Italien und der Schweiz unter dem Künstlernamen Margerita de Landi ihre Karriere als Opernsängerin fortsetzen, unter anderem als Solistin beim Orchester des Radio della Svizzeria Italiana. Sie heiratete den Komponisten Eduard Stämpfli und hatte eine Tochter (Ruth Barbara, geboren im Dezember 1945). Margerita de Landi-Stämpfli starb am 3. August 1976 in Lugano.

Recherche und Text: Ralf Thielemann

Link zu: Stolperstein Lina Glant, 2014
Stolperstein Lina Glant, 2014
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
LINA GLANT
GEB. ROSENBERG
JG. 1877
DEPORTIERT 24.7.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Link zu: Stolperstein Hertha Levy, 2014
Stolperstein Hertha Levy, 2014
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HERTHA LEVY
GEB. ANSCHEL
JG. 1879
DEPORTIERT 6.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Hertha Levy war eine der neun jüdischen Bewohner des Hauses Duisburger Str. 19, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fielen. Geboren wurde sie am 20. Dezember 1879 als Hertha Anschel, Tochter einer Kaufmannsfamilie, in dem kleinen kaum 500 Seelen zählenden Ort Gornitz in der ehemaligen Provinz Posen-Westpreußen. Nach der Heirat mit Rudolf Levy, geb. am 11. November 1873 im nahe gelegenen Schönlanke als zweite Ehefrau, finden wir sie nun als Hertha Levy im Berlin der Gründerzeit wieder, wo am 5. April 1903 ihr einziges Kind, Max Paul Levy, zur Welt kam.

Die Familie Levy lebte in kultivierten gutbürgerlichen Verhältnissen mit einem Klavier in der Wohnung, Perserteppichen, Rosenthal-Porzellan, Silberbesteck, einer Bibliothek und wertvollen Gemälden. Bereits 1939 mussten Teile des Inventars für einen Spottpreis an die preußische Pfandleihe in der Jägerstraße abgegeben werden. Im gleichen Jahr am 15. Oktober 1939 wurde der Sohn Paul Levy zusammen mit seiner am 2. Juni 1932 geborenen Tochter Vera Carola zur Auswanderung nach Santiago de Chile gezwungen, wo er am 24. März 1965 starb. Zuvor war ihm im Oktober 1938 im Rahmen der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ die Lizenz als Börsenhändler entzogen worden.

Link zu: Hertha Levy auf ihrem Balkon, Bild aus dem Nachlass von Susi Levene in der Opferdatei Yad Vashem
Hertha Levy auf ihrem Balkon, Bild aus dem Nachlass von Susi Levene in der Opferdatei Yad Vashem
Bild: Nachlass von Susi Levene in der Opferdatei Yad Vashem

Nach dem Tod ihres Mannes Rudolf am 9. Januar 1942 im Jüdischen Krankenhaus Berlin musste Hertha Levy wenige Monate später auf Druck der NS-Behörden ihre Wohnung in der Duisburger Str. 19 unter Zurücklassung des größten Teils ihres verbliebenen Hausrats verlassen und eine Odyssee durch wahrscheinlich drei verschiedene „Leerzimmer“ in anderen von Juden bewohnten Wohnungen in der Nähe erleiden. In vorliegenden Dokumenten werden die Anschriften Konstanzer Straße 6, 51 und 61 genannt. Mieterschutz gab es nicht mehr für Juden. Wohnraum sollte für eine „deutschblütige“ Bevölkerung frei werden. Die aus ihren Wohnungen vertriebenen Juden wurden bis zur Deportation bevorzugt in arisierten „Judenhäusern“ aus vormals jüdischem Besitz in beengten Wohnverhältnissen konzentriert. Das war wohl bei Hertha Levy so geschehen.

Auch ihr Vermögen, nach Angaben des Sohnes Wertpapiere und Aktien bei Filialen der Commerzbank und der Sparkasse sowie 67 000 Reichsmark Bargeld, gingen verloren oder wurden nach der 11.Verordnung zum „Reichsbürgergesetz“ von den Nazis eingezogen. Wie zum Hohn tauchte 1965 auf einem Konto bei der Commerzbank noch ein Restsaldo von 134,70 DM auf.
Das Entschädigungsverfahren, das der Enkeltochter (der Sohn war inzwischen gestorben) schließlich am 29.8.1966 in einem Vergleich die Summe von 3 150 DM zusprach für alles erlittene Ungemach ihrer Großmutter, brachte es zu Tage.

Im Herbst 1941 begann die systematische bis in das letzte Detail bürokratisch geregelte Deportation der Juden aus Deutschland. In Berlin lebten zu diesem Zeitpunkt noch etwa 66 000 von ihnen.
Am 6. März 1943 wurden Hertha Levy und 664 weitere Juden mit einem von den Organisatoren der Massendeportation als 35. Osttransport eingeordneten Zug vom Güterbahnhof Moabit nach Ausschwitz verschleppt. Vermutlich dort wurde sie ermordet.

Susi Levene, Enkeltochter von Rudolf Levy aus dessen erster Ehe, die in Rechovot/Israel, lebte, hinterließ am 1.8.2007 ein Gedenkblatt bei Yad Vashem für Hertha Levy mit einem Foto.

Recherche und Text: Dr. Saaid Osman

Link zu: Stolperstein Erich Zeidler, 2014
Stolperstein Erich Zeidler, 2014
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ERICH ZEIDLER
JG. 1889
EINGEWIESEN
HEILANSTALT WEISSENSEE
VERLEGT’ 1942
ERMORDET IN
HEILANSTALT OBRAWALDE

Erich Zeidler wurde am 1887 in Crossen an der Oder (Niederschlesien) geboren. Das Abitur machte er 1905 in Posen, danach nahm er ein Studium der Neueren Sprachen und Geschichte auf und war Frontsoldat im Ersten Weltkrieg von 1915-1917.

Mit seiner Familie wohnte er in der Duisburger Str. 19 in Wilmersdorf. Als Studienrat unterrichtete Erich Zeidler an Wilmersdorfer Gymnasien. Eines Tages wurde er krank und schied aus dem Schuldienst aus.

Unterlagen eines Weißenseer Krankenhauses besagen, dass Erich Zeidler dort Patient war, bevor er am 6.10.1941 gegen den Willen der Krankenhausleitung nach Bernau bei Berlin und im Frühjahr 1942 nach Prenzlau verlegt wurde. Der Familie ist bekannt, dass er 1942/43 wiederum verlegt wurde, und zwar nach Meseritz-Obrawalde, wo er ums Leben kam.

Über den wahren Charakter der seit 1904 bestehenden „Pflege- und Heilanstalt“ Obrawalde ist aus verschiedenen Forschungen, unter anderem von Ernst Klee, bekannt: In der Anstalt Meseritz-Obrawalde, 150 km östlich von Berlin in der damaligen Provinz Posen, wurden ab 1942 schätzungsweise 18 000 Menschen ermordet, die Opferzahlen variieren je nach der historischen Quelle. Die letzten wurden noch am 28.1.1945, einen Tag bevor die sowjetische Armee eintraf, umgebracht. Einige tausend neue Urnen dokumentieren, dass weiter gemordet werden sollte. In Wirklichkeit war Obrawalde eine „Tötungsanstalt“, in der die Nationalsozialisten nerven- und geisteskranke Menschen überwiegend mit Giftinjektionen systematisch umbrachten.

Recherche und Text: Lorena Endler
Literatur: Ernst Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, Frankfurt am Main, 8. Auflage, 1997; Ernst Klee: Dokumente zur „Euthanasie“, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 1997.

Für die Nachkommen der Opfer hielt Olaf Feig (Frankfurt a.M.) diese Ansprache:

Wir sind heute hier zusammengekommen, um neun jüdischer Opfer des Nazi-Terrors zu gedenken – neun von insgesamt sechs Millionen Ermordeten der Shoa.
Eines dieser Opfer ist meine Urgroßmutter Rosalie Hirsch, geb. Jacobi. Sie wurde am 5. Dezember 1862 in Thorn im damaligen Westpreußen geboren.
Die Familiengeschichte unserer Urgroßmutter lässt sich bis ins Spanien der Inquisition zurückverfolgen. 1495 vor die Wahl gestellt zum Katholizismus zu konvertieren oder die Heimat zu verlassen, entschieden sich ihre Vorfahren nach Amsterdam zu gehen. Nach antisemitischen Ausschreitungen zog die Familie weiter und ließ sich 1640 in Thorn nieder. Nach den napoleonischen Kriegen wurde Thorn 1815 preußisch und die Juden wurden verpflichtetet Nachnamen anzunehmen. Nach dem Namen eines Ihrer Vorfahren – Jaakob – nahm die Familie den Namen Jacobi an.
1839 ging Samuel Jacobi – der Großvater von Rosalie Hirsch – nach Paris und wurde ein Schüler von Louis Daguerre – dem Erfinder der Fotografie. Er brachte als Erster die Fotografie in den Osten Deutschlands und eröffnete das erste Fotogeschäft in Thorn. Im Übrigen blieb die Fotografie in der Familie eng verwurzelt. Zwei Nichten von Rosalie Hirsch – Lotte und Ruth Jacobi – wurden berühmte Fotografinnen. Erst in Berlin und nach der Emigration in den USA.
In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts siedelte die Familie nach Berlin um. Mein Urgroßvater Isaak starb früh im Jahre 1908. Rosalie Hirsch hatte es als alleinerziehende Mutter mit Ihren fünf Kindern wirtschaftlich sehr schwer, schaffte es jedoch sich einen kleinen Wohlstand zu erkämpfen. Zunächst betrieb sie einen kleinen Käseladen, später erwarb sie ein kleines Hotel in Heringsdorf an der Ostsee. Gleichzeitig war sie in der Lage Ihren Kindern eine gute Erziehung zu geben.
Ab 1933 verdüsterte sich der Himmel über Deutschland und insbesondere über Berlin. In dem Maße, in dem die Nazihorden die Macht übernahmen und der Terror gegen Andersdenkende und besonders gegen die jüdischen Bürger zunahm, bekam auch Rosalie Hirsch zu spüren, was es hieß, Jüdin in diesem Neuen Deutschland zu sein. 1934 verlor sie ihr Hotel in Heringsdorf entschädigungslos.
Von Monat zu Monat nahmen die Repressalien zu. Zu den bekannten antijüdischen gesetzlichen Maßnahmen kamen noch die persönlichen Diskriminierungen dazu.
Eines Tages zum Beispiel stand meine Urgroßmutter auf Ihrem Balkon in der Mommsenstraße und sang das Lied von der Lorelei. Umgehend wurde sie von einer Nachbarin angezeigt, weil Sie dem Text ein “Es war einmal” hinzufügte. Zudem war der Text natürlich auch von dem Juden Heinrich Heine verfasst, dessen Werke verboten und verbrannt wurden. Sie hatte Glück, dass der herbeigerufene Polizist ein recht verständnisvoller Mensch war und keine weiteren Maßnahmen ergriff. Solche Vorfälle konnten auch einen anderen Ausgang nehmen, wie zum Beispiel Haft oder sogar die Einweisung in ein Konzentrationslager.
Im Jahr 1939 wurde sie letztlich gezwungen, ihre Wohnung in der Mommsenstraße unter Zurücklassung des gesamten Inventars zu verlassen. Ein nationalsozialistischer Parteigenosse hatte Anspruch auf die Wohnung erhoben. Sie zog in die Duisburger Straße 19 zu ihrer Tochter Else, ihrem Schwiegersohn Herbert Sedlatzek und ihrer Enkelin Jutta – meiner Mutter und ihrem Enkel Axel, dessen Kinder Patrizia und Ronald heute auch mit dabei sind.
Meine Großmutter Else Sedlatzek war in erster Ehe mit dem jüdischen Filmschauspieler Felix Hecht verheiratet. Aus dieser Ehe entstammt meine Mutter, Jutta Feig. Im Nazijargon war sie damit Volljüdin. Ich erwähne dies, weil es für die weiteren Ereignisse wichtig ist und es ein Schlaglicht darauf wirft, dass es auch in diesen dunklen Zeiten Menschen gab, die den Mut aufbrachten, es mit dem System aufzunehmen.
Der Stiefvater meiner Mutter, Herbert Sedlatzek, widerstand der Aufforderung der Nazis, sich von seiner jüdischen Ehefrau scheiden zu lassen. Dies hätte die spätere Deportation meiner Mutter und meiner Großmutter zur Folge gehabt. Und er leitete ein Adoptionsverfahren für meine Mutter ein, um sie als seine leibliche Tochter anerkennen zu lassen und sie damit zu schützen. Er zahlte dafür mit seiner beruflichen Existenz – er hatte ein Juweliergeschäft in der Friedrichstraße – und mit der gesellschaftlichen Ächtung. Eines Tages stand ein Polizist in Begleitung eines Gestapo-Offiziers vor der Wohnung, um beide abzuholen. Mein Großvater erreichte, dass sie unverrichteter Dinge abziehen mussten und rettete ihnen damit das Leben.
Soviel Glück hatte Rosalie Hirsch nicht. Seit dem 1.September 1941 musste sie den gelben Stern tragen, Anfang August 1942 wurde sie aus der Wohnung in der Duisburger Straße 19 abgeholt und am 10. August nach Theresienstadt deportiert. Dort wurde sie nur wenig später am 24. August 1942 ermordet. In der Sterbeurkunde heißt es nur lapidar und zynisch “an Entkräftung gestorben”.
Ein Grab gibt es für sie nicht, wie auch nicht für Millionen anderer ermordeter Juden. Wir – die Familien – haben keinen Platz, an dem wir um die Ermordeten trauern können. Im Judentum haben Gräber und Friedhöfe einen hohen Stellenwert. Ein jüdisches Grab ist für die Ewigkeit geschaffen, die dauerhafte Totenruhe ist unantastbar. Eine besondere Perfidie der Nazis war, die Leichen ihrer Opfer zu verbrennen und die Asche zu verstreuen, damit letztendlich keine Spur mehr übrig bliebe und damit die Erinnerung ausgelöscht werde.
Wir beweisen heute, dass die Pläne der Nazis nicht aufgegangen sind. Heute stehen drei Nachfolgegenerationen von Rosalie Hirsch an diesem Ort und gedenken der Opfer: Enkelin, Urenkel und -enkelinnen und Ur-Urenkel und -enkelinnen.
Wir möchten uns besonders herzlich bei den Mitgliedern der Stolperstein-Initiative Duisburger Straße 19 bedanken, insbesondere den drei Paten für meine Urgroßmutter – Frau Bogunovic, Frau Divjakinja und Herrn Prof. Espe. Wir sehen es nicht als Selbstverständlichkeit an und schätzen es deshalb umso höher ein. Ihnen ist es zu verdanken, dass hier ein Platz geschaffen wurde, an dem wir unserer Angehörigen gedenken können. Die Stolpersteine in Berlin, aber auch in ganz Deutschland werden für immer ein Mahnmal sein, sich der Opfer von Gewalt, Terror und Diktatur zu erinnern.
Ich möchte zum Abschluss aber auch einen besonderen Dank aussprechen, und zwar an die alliierten Soldaten und Soldatinnen, insbesondere – und das wird vielleicht nicht jeder gerne hören – an die Soldaten und Soldatinnen der Roten Armee, welche einen außergewöhnlichen Blutzoll mit alleine 27 Millionen Toten gezahlt haben, um Deutschland und Europa vom Faschismus zu befreien. Ohne diese Opfer würden wir heute nicht vor ihnen stehen und zu Ihnen sprechen.