Stolpersteine Westfälische Str. 30

Hauseingang Westfälische Str. 30, Foto: H-J. Hupka, 2014

Hauseingang Westfälische Str. 30, Foto: H-J. Hupka, 2014

Der Stolperstein zum Gedenken an Richard Schaefer wurde von A. Schmitz gespendet und am 6. Mai 2014 zusammen mit den beiden anderen Stolpersteinen verlegt.

Stolperstein Eva Wasservogel, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Eva Wasservogel, Foto:H.-J. Hupka, 2014

HIER WOHNTE
EVA WASSERVOGEL
GEB. HIRSCHFELD
JG.1863
DEPORTIERT 14.1.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 1.2.1943

Eva Hirschfeld wurde am 2. Mai 1863 als Tochter des Kaufmanns Moses Samuel Hirschfeld und dessen Ehefrau Rose, geborene Freymuth in Löbau in Westpreußen (heute Lubawa in Polen) geboren. Sie hatte einen großen Bruder namens Louis (*1857), eine große Schwester namens Auguste, genannt Gittel oder Gütel (*1860), und eine kleine Schwester namens Toni (*1881).

Im Herbst 1891 heiratete Eva in Löbau den zwei Jahre jüngeren Breslauer Kaufmannssohn Hugo Wasservogel (*1865) und zog mit ihm nach Berlin. Ein gutes Jahr später, am 27. Dezember 1892, bekam das Ehepaar eine Tochter und nannte sie Käthe Lina. Am 21. August 1895 wurde ihre kleine Schwester Rosa geboren. Die Familie wohnte in der heute überbauten Mehnerstraße in Friedrichshain.

Evas Mann Hugo Wasservogel besaß seit 1890 in der Landsberger Straße in Mitte eine Papierwarenfabrik, die später in die Ritterstraße in Kreuzberg und dann in die Neue Friedrichstraße (heute Anna-Louisa-Karsch-Straße) in Mitte umzog. Sie stellte verschiedene Papiere für gehobene Ansprüche her und prägte auch Monogramme. Die Familie Wasservogel zog in die Rochstraße in der Spandauer Vorstadt in Mitte um. Vor 1915 scheint Hugo seine Firma verkauft zu haben. Er arbeite nun als kaufmännischer Unternehmer im Finanzwesen (Lombardkredite) und in der gewerblichen Logistik. Die Familie zog in die Cuxhavener Straße 10 in Wilmersdorf.

Evas Schwestern Gittel und Toni lebten ebenfalls in Berlin. Gittel wohnte mit ihrem Ehemann Emanuel Grätzer und dem gemeinsamen Sohn Hans Salo (*1896) in der Essener Straße in Moabit, Toni wohnte mit ihrem Mann, dem Privatier Julius Krakauer, und der gemeinsamen Tochter Hilde (*1913) in der Salzbrunner Straße in Schmargendorf. Was aus Evas großem Bruder Louis geworden ist, ließ sich nicht feststellen.

Käthe Lina, die Tochter von Eva und Hugo Wasservogel, heiratete 1920 in Berlin den Ingenieur Stefan Salo Goldschmidt. Die Ehe blieb kinderlos. Käthes Mann starb bereits nach sechs Jahren Ehe, am 30. März 1926, mit 42 Jahren. Evas Tochter Käthe wurde mit 33 Jahren Witwe. Was aus der jüngeren Tochter Rosa geworden war, ließ sich nicht feststellen. Es ist anzunehmen, dass sie früh, vielleicht schon im Kindesalter, verstorben ist.

Am 25. September 1927 starb Hugo Wasservogel, Evas Mann und Käthes Vater, mit 62 Jahren. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Im folgenden Jahr starb der Ehemann von Evas Schwester Toni und 1932 verlor auch ihre Schwester Gittel den Mann.

Spätestens seit 1930 wohnte Evas verwitwete Tochter Käthe in der Westfälischen Straße 30. Wahrscheinlich lebte Eva schon damals bei ihr. Bei der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 wurden Eva und Käthe hier gemeinsam in einem Haushalt erfasst. Evas Schwester Toni, verwitwete Krakauer und deren ledige Tochter Hilde lebten noch immer in Schmargendorf. Ihre Schwester Gittel, verwitwete Grätzer war im jüdischen Altersheim Köpenick untergebracht. Gittels Sohn Hans Salo, der Buchhändler von Beruf war, gelang mit seiner Ehefrau Edith 1939 die Flucht nach Großbritannien.

Evas Tochter Käthe wurde am 15. August 1942 von Berlin nach Riga deportiert und dort am 18. August mit 49 Jahren ermordet. Als nächste holte man Evas Schwester Gittel aus dem Köpenicker Altersheim und verschleppte sie am 24. August 1942 nach Theresienstadt. Dort musste sie die Strapazen und Schikanen noch vier Monate erdulden, bis sie am 28. Dezember 1942 kurz nach ihrem 81. Geburtstag starb. Wenig später bekam auch Eva den Deportationsbefehl. Am 1. Februar verschleppte man die alte Frau ebenfalls ins Ghetto Theresienstadt, wo man sie in den unregistrierten Tod schickte. Eva Wasservogel geborene Hirschfeld wurde ungefähr 80 Jahre alt.

Evas Schwester Toni Krakauer und deren Tochter Hilde wurden 1941 aus ihrer Schmargendorfer Wohnung vertrieben und zwangsweise in ein „Judenhaus” in der Mommsenstraße umgesiedelt. Toni wurde im Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Hilde war noch als Zwangsarbeiterin in der Rüstungsindustrie beschäftigt, weshalb sie ihre Mutter überlebte. Hilde Krakauer wurde am 8. März 1943 in Auschwitz ermordet.

In der Salzbrunner Straße 42 ist für Toni Krakauer geborene Hirschfeld ein Stolperstein verlegt.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Stolperstein Käthe Goldschmidt, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Käthe Goldschmidt, Foto:H.-J. Hupka, 2014

HIER WOHNTE
KÄTHE GOLDSCHMIDT
GEB. WASSERVOGEL
JG. 1892
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Käthe Lina Wasservogel wurde am 27. Dezember 1892 in Berlin geboren. Ihre Mutter Eva Wasservogel geborene Hirschfeld (*1863) war eine Kaufmannstochter aus Löbau in Westpreußen, ihr Vater Hugo Wasservogel (*1865) stammte aus Breslau. Er besaß in Berlin-Mitte eine Fabrik, die Papierausstattungen für gehobene Ansprüche herstellte. Die Familie Wasservogel wohnte in der nicht mehr existenten Mehnerstraße 2 in Friedrichshain in der Nähe des heutigen Platzes der Vereinten Nationen. Hier bekam Käthe am 21. August 1895 eine kleine Schwester namens Rosa. Über deren weiteres Leben war nichts herauszufinden wahrscheinlich starb sie jung, vielleicht schon im Kindesalter. Die Familie zog in die Spandauer Vorstadt in Mitte um. Als Käthe ein Teenager war, zogen sie nach Wilmersdorf und dort in die Cuxhavener Straße 10.

Käthe heiratete 1920 im Standesamt Tiergarten den neun Jahre älteren Diplomingenieur Stefan Salo Goldschmidt (*8. Oktober 1883). Er stammte aus Jaratschewo im Posener Land (heute Jaraczewo in Polen) und war der Sohn eines Lehrers. Das Ehepaar lebte in der Bayreuther Straße 18 in Schöneberg, Gartenhaus zweiter Stock. Sie hatten keine Kinder.

Nach sechs Jahren Ehe, am 30. März 1926, starb Käthes Mann mit 42 Jahren. Käthe wurde mit 33 Jahren Witwe. Ein Jahr später, am 25. September 1927, starb ihr Vater. Die beiden Witwen, Mutter und Tochter, zogen um 1930 in die Westfälische Straße 30. Hier wurden Käthe und Eva auch bei der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 gemeinsam in einem Haushalt erfasst.

Käthe Goldschmidt geborene Wasservogel wurde ein halbes Jahr vor ihrer Mutter, am 15. August 1942, von Berlin nach Riga deportiert und dort am 18. August mit 49 Jahren ermordet. Ihre Mutter Eva Wasservogel geborene Hirschfeld wurde am 1. Februar 1943 ins Ghetto Theresienstadt verschleppt, wo sie zu einem unbekannten Zeitpunkt mit ungefähr 80 Jahren umkam.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • Berliner Adressbücher
  • Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin
  • mappingthelives.org
  • MyHeritage
Stolperstein Richard Joseph Schaefer, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Richard Joseph Schaefer, Foto:H.-J. Hupka, 2014

HIER WOHNTE
RICHARD JOSEPH
SCHAEFER
JG. 1890
DEPORTIERT 12.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Richard Joseph Schaefer wurde am 4. November 1890 in Strassburg (Brodnica / Westpreußen) geboren. Seine Eltern waren der Amtsgerichtrat Isaac Schaefer, der 1913 in Stettin starb. Seine Mutter Paula Schaefer, geb. Weyletwa starb 1943 in Tel Aviv. Er hatte zwei Geschwister, die beide Ärzte waren und den Holocaust überlebten: Dr. Lotte Aronheim in Tel Aviv und Werner B. Schaefer in New York.

Richard Schaefer arbeitete bis zu seinem Berufsverbot 1933 zunächst als Rechtsanwalt und Notar in einer der größten und erfolgreichsten Anwaltspraxen Stettins. Dann war er am Oberlandesgericht tätig. Nebenher engagierte er sich ehrenamtlich in der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde in Stettin. Nach dem Berufsverbot zog er im Alter von 43 Jahren nach Berlin und arbeitete gegen ein geringes Gehalt als Schulreferent bei der Berliner Jüdischen Gemeinde.

In Berlin heiratete er Ilse Schaefer, verw. Sternberg, geb. Hesse, geboren am 14. April 1903 in Berlin. Sie hatten zwei Kinder: Judis Schaefer, geboren am 26. Dezember 1940 in Berlin und Abel Schaefer, geboren am 6. Juli 1942 in Berlin. Er wohnte mit seiner Familie in der Westfälischen Straße 30 als Untermieter bei Käthe Goldschmidt geb. Wasservogel und deren Mutter Eva Wasservogel, die beide ebenfalls deportiert und ermordet worden sind.

Am 12. März 1943 wurde Richard Schaefer mit seiner Frau und den beiden Kindern (neun Monate und zwei Jahre), die offenbar kurz vorher noch in die Mommsenstraße 52 umziehen mussten, mit einem von den Nationalsozialisten als „36. Osttransport“ registrierten Zug nach Auschwitz deportiert. Nach Zeugenaussagen wurde er direkt bei der Ankunft von seiner Frau und den Kindern getrennt. Sie wurden nach Aussagen desselben Zeugen einige Tage später in Auschwitz -Birkenau ermordet.

Richard Schaefer wurde im Juli 1944 noch von Harry Schnapp, einem ehemaligen Mitarbeiter aus der Jüdischen Gemeinde Berlin, im Konzentrationslager Auschwitz gesehen. Schnapp erhielt dann über einen anderen Bekannten die Nachricht, dass Schaefer den Strapazen der körperlichen Arbeit nicht mehr gewachsen gewesen war und deshalb von den KZ-Wächtern zur Selektion gebracht und vergast wurde.

Zum Gedenken an Richard Schaefers Frau Ilse und die beiden Kinder Judis und Abel, die im Alter von zwei Jahren und von neun Monaten umgebracht wurden, sollen später noch Stolpersteine verlegt werden.

Text: Pia Krause / Martina Dethloff

Quellen:
  • Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam
  • Berliner Adressbuch 1938
  • Freie Universität Berlin, Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung (Hrsg.): Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Berlin, 1995