Stolpersteine Kantstraße 46

Link zu: Hauseingang Kantstr. 46
Hauseingang Kantstr. 46
Bild: H.-J. Hupka

Diese am 1.4.2014 verlegten Stolpersteine wurden von Birgit Ruck gespendet.

Link zu: Stolperstein Fanny Goldschmidt
Stolperstein Fanny Goldschmidt
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
FANNY GOLDSCHMIDT
GEB. MÜLLER
JG 1882
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Fanny Goldschmidt geb. Müller ist am 3. April 1882 in Wien geboren. In der Kantstraße 46 wohnte sie im Seitenflügel im 1. Stock. Schon 1925 war sie hier im Adressbuch zu finden, und zwar als „Witwe“. Über ihr Leben ist nicht mehr viel herauszufinden, sie soll eine Tochter gehabt haben, die unter dem Namen Alica Fleischer nach Peru flüchten konnte. „Im Mai 1943 als flüchtig gemeldet“ registrierte merkwürdigerweise die Polizeibehörde, allerdings war Fanny Goldschmidt schon 12. Januar 1943 nach Auschwitz gebracht worden, wie die Deportationsliste ausweist. Schon am 20.12.1942 hatte sie ihre Vermögenserklärung ausfüllen müssen und sie wurde im Sammellager Hamburger Straße 26 für den Auschwitz-Transport eingeteilt. Zu dieser Zeit war sie Zwangsarbeiterin bei der Firma Riedel in Britz – für einen Wochenlohn von 18,50 Reichsmark.
Die Monate zuvor waren hektisch und unübersichtlich verlaufen. Am 1.8.1942 musste Fanny Goldschmidt mit ihrer Mutter Adelheid Müller in die Dresselstraße 3, 2. Stock, in die Wohnung von Martha Wolf ziehen, die zu diesem Zeitpunkt schon „abgewandert“ war, wie die NS-Bürokratie Deportationen umschrieb. Angeblich hatte Adelheid Müller hier schon gewohnt, der Mietpreis betrug 37,50 Reichsmark. Von ihr finden sich keine Spuren mehr.
Am 4.8.1942 wurde die Wohnung in der Kantstraße 46 zwangsweise durch die Jüdische Gemeinde geräumt und am 1.10.1942 an die Eheleute Bartz vermietet. Das Inventar wurde mit 161,50 Reichsmark bewertet und verkauft, allerdings blieben Reste in der Wohnung zurück, worüber es noch einen erregten Schriftwechsel gab. Die Leipziger Barmenia forderte den Oberfinanzpräsidenten auf: „Ich bitte Sie höfl. zu veranlassen, daß dieses Gerümpel schnellstens noch beseitigt wird, da wir eine Abfuhrmöglichkeit nicht haben und auch keinen Fuhrmann bekommen. Heil Hitler!…“ Später mahnte der Hausverwalter den Abtransport der Sachen an, die „im jüdischen Luftschutzkeller untergebracht“ seien. Außerdem stünden den Hauseigentümern noch „127,40 Mietrückstand“ zu.

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Stolperstein Hans Kupfer
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
HANS KUPFER
JG.1892
DEPORTIERT 19.2.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET FEB. 1943

Hans Kupfer wurde am 22. oder am 28. August 1892 Sonnenburg (Brandenburg) geboren. Im Volkszählungsregister vom 17.5.1939 war der 22. als Geburtstag angegeben, in seine Vermögenserklärung vom 11.2.1943 trug er den 28. ein. Er war Kaufmann. Seit 1935 wohnte er in der Kantstraße 46. Am 15.8.1942 musste Kupfer in die Joachimstaler Straße 33/ 34 für ein halbes Jahr zu Abraham Schimmel in ein möbliertes Zimmer im 1.Stock umziehen. Zu dieser Zeit musste er Zwangsarbeit bei der IG Farben verrichten, wofür er einen Wochenlohn von 30 Reichsmark bekam.

Gertrude Kupfer geb. Bornstein, ist am 25. April 1896 in New York geboren und war nach Angaben ihres Mannes (schriftlich festgehalten in seiner vor der Deportation abgegebenen Vermögenserklärung) Staatsbürgerin der USA. Während er sich am 11.2.1943 zur Deportation nach Auschwitz im Sammellager Große Hamburger Straße 26 einfinden musste, blieb seine Frau unbehelligt und konnte ausreisen, über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Hans Kupfer hatte bei der Commerzbank ein bescheidenes Vermögen, das die Nazi-Finanzbehörden beschlagnahmten. Auch sonst war bei ihm anscheinend nicht viel zu holen. „Von Herrn Kupfer sind keine Sachen zurückgelassen“ hieß es in einer amtlichen Notiz. Eigentümer des Mobiliars sei der Vermieter Schimmel gewesen.

Am 19. Februar 1943 ist Hans Kupfer nach Auschwitz deportiert und dort bald danach umgebracht worden. In demselben Zug wurde auch Abraham Schimmel, geboren am 22. August 1876 in Neusandec (Galizien), nach Auschwitz deportiert.

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Stolperstein John Raphael Loewenherz
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
JOHN RAPHAEL
LOEWENHERZ
JG. 1864
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
5.4.1944

John Raphael Loewenherz wurde am 7. April 1864 in Berlin geboren. Er war Bankier und von 1899 bis 1924 Gesellschafter des Bankhauses Loewenherz, das im Handelsregister seit 1872 in Berlin eingetragen war. Der Sitz der Bank war zunächst in der Dorotheenstraße 57, ab 1907 in der Universitätsstraße 3 b.
Er wohnte in der Ansbacher Straße 3, der Berliner Straße 54 und ab 1930 in der Kantstraße 46 – dort war er 1933 als „Bankier“, ab 1935 als „Kaufmann“ im Adressbuch eingetragen.
In erster Ehe war er mit Elise, geb. St. Goar verheiratet. 1926 heiratete er Maria geb. Rausch, die nicht jüdisch war. Sie durfte deswegen nach seinem Tod das Wohnungsinventar sowie noch vorhandenes Vermögen behalten. In einem Brief an den Oberfinanzpräsidenten mit der Bitte um Freigabe des Nachlasses schrieb sie, dass ihr Mann seit 1932 erblindet war.
Die zwei Töchter aus erster Ehe, Hilde und Irma Loewenherz, konnten emigrieren. Irma war mit dem Berliner Kinderarzt Dr. Julius Peiser verheiratet und lebte ab 1939 in Palästina.
John Raphael Loewenherz wählte am 5. April 1944 den Freitod, zwei Tage vor seinem 80. Geburtstag.

Text: Helmut Lölhöffel/Barbara Boehm-Tettelbach