Stolperstein Roscherstr. 9

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Hauseingang Roscherstr. 9, Foto: H-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

Dieser von Dr. Beverley Harris-Schenz (Pittsburgh/USA) gespendete Stolperstein ist am 24.3.2014 verlegt worden.

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Stolperstein Margarete Baum, Foto:H.-J. Hupka, 2013
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
MARGARETE BAUM
GEB. COHN
JG. 1883
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

Margarete Baum , geb. Cohn, wurde am 21. Oktober 1883 in Berlin geboren. Die Namen ihrer Eltern sind unbekannt, sie war die Älteste von vier Schwestern. Sie heiratete Nathan Baum. Aus dieser Ehe stammte ein Sohn, Ludwig, der am 20. März 1912 geboren wurde.
Nach dem Tod ihres Mannes 1937 im Alter von 59 Jahren wohnte die Witwe mit ihrem frisch verheirateten Sohn und seiner Frau, die zufälligerweise auch Margarete hieß, zusammen in der Roscherstraße 9.
In ihren Erinnerungen hat die Schwiegertochter sie so beschrieben: “[Meine Schwiegermutter] war eine höchst intelligente und liebevolle Person, die nie Schlechtes über andere sagte und es äußerst ungern hatte, wenn man sich über andere lustig machte.”
Nachdem der Sohn und die Schwiegertochter ihre Arbeitsstellen verloren hatten und das Leben der Juden immer schwieriger wurde, entschloss sich das junge Ehepaar, Deutschland für immer zu verlassen. Sie versuchten vergeblich, auch die Mutter zur Ausreise zu überzeugen. Am 1. September 1939, nachdem sie vom Einmarsch in Polen gehört hatten, ergriffen sie mit finanzieller Hilfe von Verwandten im Ausland die Flucht und verließen Berlin mit dem Zug nach Belgien. In den folgenden drei Jahren versuchten sie, die Ausreise der Mutter zu ermöglichen. Als sie endlich ein Visum nach Cuba und auch die Zug- und Schiffsreise organisiert hatten, war es zu spät, denn die Deutschen hatten die Grenzen dicht gemacht. Inzwischen waren sie in Pittsburgh (USA) gelandet.

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Margarete Baum, Foto: Privatbesitz
Bild: Privatbesitz

Im März 1942 erfuhr Margarete Baum, dass sie deportiert würde. Am 13.3.1942 musste sie unterschreiben, dass ihr Inventar „beschlagnahmt“ worden sei. Dieses bestand, wie sie selbst auflistete, aus bescheidenen Möbeln und Gegenständen wie 3 Rohrsessel, 1 Hutschrank, 1 Föhn. Außerdem schrieb sie auf: „Sack mit Flicken“ und „Posten Leihwäsche“.
In ihrer am 16.3.1942 handschriftlich ausgefüllten Vermögenserklärung gab sie an, seit 1.7.1937 für 45 RM Miete in der Roscherstraße 9 zur Untermiete bei Dr. Martin Bruck (handschriftliche Anmerkung: „Jude“) gewohnt zu haben. Ein Mann dieses Namens (geboren 1878) war schon 1938 in Sachsenhausen eingesperrt und 1942 nach Minsk deportiert worden. Im Adressbuch war Margarete Baum allerdings noch selbst als „Wwe.“ (Witwe) bis 1941 eingetragen. Als Hauseigentümerin benannte sie Martha Fischer-Ferry („Jüdin“), wohnhaft in Riga, was auch bis 1941 so im Adressbuch stand.

Als ihre letzte Tätigkeit trug sie ein: „Arbeiterin bei F.D.Riedel & de Haen AG“, also leistete sie Zwangsarbeit bei dieser chemischen Fabrik in Britz, dafür habe sie „mon ca 18 RM netto“ bekommen. Ihr Barguthaben bezifferte sie auf 40 RM. Sie habe eine Witwenpension vom Gerling-Konzern von 1056,32 im Jahr bezogen, ihr „Gesamtvermögen“ betrage „Mk 90“.
Das Inventar der Wohnung wurde zum geschätzten Händlereinkaufspreis von 316,40 RM von Paul Linke, Krumme Str 43, aufgekauft, den er am 30.5.1942 an die Oberfinanzkasse einzahlte. Daraufhin wurden alle Gegenstände an Paul Linke übergeben. Am 9.12.1942 wurde dann das Postscheckkonto von Margarete Baum mit einem Guthaben von 29,01 RM geschlossen. So lassen sich anhand der Aktenvermerke die einzelnen Schritte der systematischen Ausraubung von Margarete Baum nachvollziehen.

Am 28. März 1942 wurde Margarete Baum vom Berliner Bahnhof Grunewald mit 972 Menschen zum Piaski Luterskie Ghetto (Polen) deportiert und ermordet. Die Schwiegertochter, die den gleichen Namen trug, hat zutiefst bereut, dass sie ihre Schwiegermutter nicht retten konnte. Der Sohn Dr. Ludwig Baum leitete 1955 aus USA ein Entschädigungsverfahren ein.

Text: Beverly Harris-Schenz, Ph.D., Associate Professor, German Department, University of Pittsburgh, ergänzt durch Informationen aus der Akte Rep. 36AII 2166 beim Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam und aus den Berliner Adressbüchern.