Stolpersteine Jenaer Straße 11

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Hauseingang Jenaer Str. 11
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Die Stolpersteine zum Gedenken an die Familie Robert sind von der Wohnungseigentümergemeinschaft gespendet und am 21.3.2014 in Anwesenheit zahlreicher Bewohner/innen verlegt worden.
Die Stolpersteine zum Gedenken an das Ehepaar Borck wurden auf Wunsch und in Anwesenheit von Michael Heymann (London) sowie seiner Frau Sarah am 7.6.2017 verlegt, ebenfalls unter Beteiligung zahlreicher Anwohner.

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Stolperstein Martha Robert
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARTHA ROBERT
GEB. MANTHEIM
JG. 1886
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

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Stolperstein Julius Robert
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
JULIUS ROBERT
JG. 1891
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

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Stolperstein Rolf Robert
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ROLF ROBERT
JG. 1925
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET 17.8.1942
MAJDANEK

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Stolperstein Horst Robert
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HORST ROBERT
JG. 1931
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

Julius Robert wurde geboren am 24. August 1891 in Berlin, seine Frau Martha Robert geb. Mantheim am 30. November 1886 in Soldau (Dzialdowo, Ostpreußen). Die beiden Söhne Rolf Robert kamen am 17. August 1925 in Berlin und Horst Robert am 29. Juli 1931 in Bad Freienwalde (Brandenburg) zur Welt. Die Eltern von Julius Robert hießen Rudolf und Flora Robert.

Der Deportationsliste ist zu entnehmen, dass Julius Polsterer war, Rolf war Schlosser. Im Adressbuch war Julius Robert als Kaufmann eingetragen und hatte aus seiner Arbeit einige Geldbestände gesammelt, die von den Nazis eingezogen wurden.

Zuletzt mussten sie – wahrscheinlich zwangsumgesiedelt – in der Herderstaße 12 wohnen, als Untermieter bei Scheindla Fluss geb. Rottenberg sowie deren Sohn Josef. Der Vater und ein anderer Sohn waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr da.
Zunächst musste die Familie Robert durch das Sammellager Levetzowstraße 7-8, eine von der Gestapo stillgelegte jüdische Synagoge in Moabit. Alle vier wurden am 28. März 1942 vom Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald in einem Viehwagen-Zug mit 985 Menschen deportiert. In Lublin wurden mindestens 23 jüngere Männer herausgeholt und zum Bau des dortigen Lagers festgehalten, später in Majdanek getötet. Unter ihnen war Rolf, der am 17. August 1942, an seinem 17. Geburtstag!, ermordet wurde. Die anderen wurden nach Piaski weiter gefahren, wo sie ermordet worden sind.

Ein in New York lebender Cousin, Amy Aaron, hat 1979 Gedenkblätter für Julius, Rolf und Horst Robert in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hinterlegt.
Scheindla Fluss (geboren 1892), die als „staatenlos“ registriert war, wurde mit ihrem 15jährigen Sohn Josef (geboren 1926), der als polnischer Staatbürger einsortiert war, am 14. April 1942 ins Warschauer Ghetto verfrachtet. Der ältere Sohn Isi (geboren 1924) war schon am 27. September 1939 mit 15 Jahren ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert und dort am 14. Dezember 1942 ermordet worden.

Textmaterial von Christine von Arnim.
Quellen: Bundesarchiv; Adressbücher; Gottwaldt/Schulle: Die Judendeportationen, Wiesbaden 2005; Deportationsliste; Totenbuch des Lagers Majdanek.

Zur Verlegung hielt die Hausbewohnerin Christine von Arnim diese Ansprache:

Wir verlegen heute, im 20. Jahr der Stolpersteinverlegungen, Stolpersteine für Julius, Martha, Horst und Rolf Robert, die in unserem Haus, in der Jenaer Straße 11, gewohnt haben. Wir erinnern an diese Familie, obwohl wir gar nicht von Erinnerung sprechen können. Denn wir kennen niemanden, der sie kannte, mit ihnen verwandt war oder sich an sie erinnert. Es gibt keine feststellbaren Angehörigen, wenig Aktenmaterial, kaum Zeugnisse.
Julius Robert, geboren 1891 in Berlin, wurde mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen am 28. März 1942 ins Ghetto Piaski deportiert. Sie waren nicht die Einzigen: 985 Menschen wurden an diesem Tag zum Gleis 17 am Bahnhof Grunewald gebracht und in Viehwaggons verfrachtet. Es war ein Tag wie heute: Der Frühling machte sich bemerkbar nach einem langen kalten Winter, man freute sich über die wärmende Sonne und blieb ein Weilchen auf der Straße stehen, um mit den Nachbarn zu plaudern. Das haben Roberts hier nicht mehr erlebt, denn sie hatten die Jenaer Straße schon verlassen müssen, um in der Herderstraße in Charlottenburg ihr letztes schon erzwungenes Quartier vor der Deportation zu beziehen.
Julius Robert war damals 51 Jahre alt. Sein Beruf wird im Telefonbuch als Polsterer genannt. Er besitzt ein Vermögen von über 21.000 Mark, wird darüber aber nicht mehr frei verfügt haben können, denn nach der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12.11.38 hatte allein die Oberfinanzdirektion Zugriff zu seinem Vermögen. Julius Robert wird im Ghetto gleich wieder als Polsterer eingestellt. Rolf, sein Sohn, gerade 16 Jahre alt, wird im Ghetto als Schlosser geführt.
Julius’ Frau Martha, geborene Mantheim, ist 1886, also fünf Jahre vor ihrem Mann, in Soldau in Ostpreußen geboren. Wie die beiden sich begegnet sind, wissen wir nicht.
1925 wurde ihr erster Sohn Rolf in Berlin geboren, da ist sie 39 Jahre alt. 1931 kommt ihr zweiter Sohn Horst in Bad Freienwalde auf die Welt. Martha war da schon 45 Jahre alt und wird diese überraschend späte Geburt besonders dankbar angenommen haben.
Horst ist 11 und Rolf ist 16. Und jetzt sollen sie ihre schöne große Wohnung in der Jenaer Straße verlassen und zu irgendeiner anderen Familie in die Herderstraße ziehen („bei Fluss“ heißt es auf der Transportliste), vermutlich Vater, Mutter und beide Söhne in einem Zimmer.
Wie kann man einem 11-Jährigen erklären, dass er nicht mehr in ein öffentliches Schwimmbad, in den Fußballverein, in den Kinderchor darf, dass er keine Haustiere haben darf?
Als sich die Spur der Familie verliert, ist die Wohnung in der Jenaer Straße vermutlich schnell neu belegt. Wer das war und was er dachte, als er den Hausrat der jüdischen Vorbewohner vorfand, hat niemand freiwillig erzählt. Wir können uns das heute überhaupt nicht vorstellen: Eine Familie wird geholt, verschwindet und die im Nachbarhaus und die gegenüber auch. Das kann nicht geräuschlos zugegangen sein in dieser eher kurzen und engen Jenaer Straße, die mit dem heutigen Tag allein 35 Stolpersteine aufweist. Alle Roberts kommen in das Durchgangs-Ghetto Piaski bei Lublin in Polen. Überlebende und polnische Zeugen berichteten, dass viele Deportierte – von März bis Juni 1942 wurden etwa 5000 Juden in die kleine polnische Stadt deportiert – fest davon überzeugt waren, hier zum Arbeitseinsatz eingeteilt zu werden. Aber nur junge arbeitsfähige Männer wurden offenbar vor der Ankunft von den Transporten separiert und von der SS zur Zwangsarbeit nach Majdanek geschickt. Nach der Ankunft im Transit-Ghetto verloren die meisten Deportierten bald den Kontakt zu Verwandten und Freunden in der Heimat, auch weil es seit Ende Mai 1942 verboten war, Briefe nach Hause zu schicken.
Von unseren Roberts verschwinden hier die letzten Spuren – bis auf einen besonders traurigen Eintrag:
Rolf Robert ist am 17. August 1942, an seinem 17. Geburtstag, in Majdanek ermordet worden. Wie seine Eltern und sein kleiner 11-jähriger Bruder Horst umkamen, wissen wir nicht.
Die Familie Robert aus unserem Haus Jenaer Straße 11 steht für viele jüdische Familien, die von den Nationalsozialisten regelrecht ausgelöscht wurden. Deswegen fühlen wir uns besonders verpflichtet, ihnen eine Art verspätete Verwandtschaft anzubieten und ihrer auf diese Weise zu gedenken.

Bildvergrößerung: Stolperstein Emil Borck
Stolperstein Emil Borck
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
EMIL BORCK
JG. 1867
DEPORTIERT 24.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET SEPT. 1942
CHELMNO / KULMHOF

Bildvergrößerung: Stolperstein Rita Borck
Stolperstein Rita Borck
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
RITA BORCK
GEB. TÜRK
JG. 1868
DEPORTIERT 24.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 15.11.1941

Emil Borck
Emil Borck
Bild: Privatarchiv Michael Heymann

Emil Borck wurde am 23. Oktober 1867 in Breslau geboren und war Kaufmann.
Rita Borck, geb. Türk kam am 31. Januar 1886 in Posen zur Welt.

Seit ihrer Hochzeit wohnten sie in der Jenaer Straße 11. Im Mai 1939 wurde das Ehepaar zwangsweise in die Bamberger Straße 15 eingewiesen und unmittelbar vor der Deportation erneut “umgesiedelt” und zwar in die Apostel-Paulus-Straße 6.

Das Ehepaar Borck hatte eine Tochter Herta Natalie, die am 6. August 1906 geboren wurde. Sie heiratete Dr. Carl Gerhard Heymann und floh mit ihm 1934 nach Palästina. Später gingen sie berufsbedingt nach England. Sie versuchten im August 1939 – mit Hilfe des Deutsch-Jüdischen Hilfskomitees in London – die Eltern nach London zu holen. Das gelang aber nicht. Am 22. September 1943 wurde ihr Sohn, Michael Bruno geboren.

Rita Borck
Rita Borck
Bild: Familienarchiv

Emil und Rita Borck wurden gemeinsam am 24. Oktober 1941 aus der Apostel-Paulus-Straße. in das Ghetto Lodz – damals Litzmannstadt – deportiert. Rita Borck kam dort am 15. November 1941 um – also knapp drei Wochen nach der Deportation. Emil Borck wurde am 11. September 1942 in das ca. 60 Kilometer entfernte Todeslager Chelmno – damals Kulmhof – verschleppt und dort ermordet.

Für die Schwester von Dr. Carl Gerhard Heymann, Charlotte Rosa Heymann, wurde ein Stolperstein in der Hektorstraße 3 verlegt.

Text: Gisela Morel-Tiemann aufgrund von Informationen von Michael Heymann

Hier finden Sie ein Video, das Michael Heymann, der Enkelsohn der Borcks und Neffe von Charlotte Rosa Heymann über seine Familie in Berlin gemacht hat.