Stolpersteine Emser Straße 37

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Hausansicht Emser Str. 37
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Das einstige Haus Nr. 37 gibt es nicht mehr, der Stolperstein liegt an der Zufahrt zu dem Grundstück.

Dieser Stolperstein wurde am 29.10.2013 mit Beteiligung von SchülerInnen und LehrerInnen der Klasse 9 D des Max-Planck-Gymnasiums, Vertreterinnen des Berliner Themenjahres „Zerstörte Vielfalt“ und einem ein Mitarbeiter der Ausstellung „7xjung!“ verlegt.

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Stolperstein Cora Berliner
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
CORA BERLINER
JG.1890
DEPORTIERT 24.6.1942
ERMORDET IN
MINSK

Cora Berliner wurde am 23. Januar 1890 als jüngstes von fünf Kindern in Hannover geboren. Sie stammte aus einer bekannten jüdischen Familie; ihr Vater Manfred war Gründer und Leiter einer Handelsschule in Hannover, ihr Onkel Emil erfand die Schallplatte und das Grammophon. Auch ihre beiden Brüder Siegfried und Bernhard brachten es zu einiger Bekanntheit, der eine als Betriebswirtschaftler und Mathematiker in Japan und in den USA, der andere als Psychoanalytiker in den USA.

Cora Berliner besuchte die Höhere Töchterschule. 1909 legte sie ihre Reifeprüfung ab. Bereits im Alter von 15 Jahren wurde sie Mitglied der „Jüdischen Bahnhofshilfe“, die jüdische Flüchtlinge aus Russland während ihres Aufenthalts auf deutschen Bahnhöfen unterstützte. In Freiburg und Göttingen studierte sie jeweils ein Semester lang Mathematik, spürte jedoch, dass dieses Fach ihrem Bedürfnis, beruflich mit Menschen umzugehen, nicht gerecht wurde. Sie wechselte für sieben Semester nach Berlin und im Jahr 1914 dann nach Heidelberg. Ihr Studienfach hieß mittlerweile Nationalökonomie, d.h. Staatswissenschaft und Volkswirtschaft.
Schon während des Studiums engagierte sie sich in der jüdischen Jugend- und Frauenbewegung und übernahm leitende Funktionen im „Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands“. Und so erschien 1916 ihre Doktorarbeit mit dem Titel: „Die Organisation der jüdischen Jugend in Deutschland. Ein Beitrag zur Systematik der Jugendpflege und Jugendbewegung.“
Ihr frühes Engagement machte sie später zu einer der Wegbereiterinnen der sozialen Arbeit mit besonderem Augenmerk auf die Situation berufstätiger Frauen: Sie war eine der ersten, die sich für die Errichtung eines Seminars zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen einsetzte.

Im März 1916 begann sie ihre Arbeit als Dezernentin bei der Stadtverwaltung Schöneberg. 1919 wurde sie Beamtin im Reichswirtschaftsministerium und war hier zuständig für Verbraucherschutzfragen – unter ausschließlich männlichen Kollegen. Im Jahre 1923 wurde Cora Berliner zur Regierungsrätin ernannt, als erste Frau überhaupt. Der Ministerialrat Hans Schäfer, ihr Vorgesetzter und später auch ihr Freund, schreibt über sie: „Ich selbst traf sie das erste Mal bei einer Referentenbesprechung, in der sie als einzige Frau unter zwanzig Männern ihren Standpunkt geschickt vertrat. (…) Fräulein Berliners Auftreten machte einen solchen Eindruck auf mich, dass ich sie mir im Austausch gegen einen älteren Regierungsrat überweisen ließ.“
1927 wurde sie der deutschen Botschaft in London für ein halbes Jahr als Beraterin der Wirtschaftsabteilung zugeteilt. Cora Berliner wurde 1930 als Professorin für Wirtschaftswissenschaft an das neue Berufspädagogische Institut in Berlin berufen. Für eine Frau in dieser Zeit war dies der Höhepunkt einer einmaligen Karriere.

Aufgrund des nationalsozialistischen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, das am 7. April 1933 in Kraft trat, wurde auch sie – wie die meisten jüdischen Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst oder „öffentlich wirksamen Berufen“ – entlassen.
In der Folge machte sie eine zweite Karriere in jüdischen Selbsthilfeorganisationen, wo sie sich erfolgreich für die Ausreise und damit Rettung mehrerer hundert jüdischer Menschen einsetzte. Auch ihre Brüder und Schwestern konnten sich retten, sie überlebten im Exil in den USA.
1936 versuchte Hans Schäfer sie zu überreden, nach Schweden auszuwandern. Cora Berliner lehnte ab: „Mein Leben würde keinen Sinn machen, wenn ich die Leute verlasse, für die ich verantwortlich bin.“ Im Sommer 1936 reiste sie nach Palästina, um sich ein Bild von den Lebensbedingungen ausgewanderter deutscher Juden zu machen. 1939 unternahm sie eine letzte Reise nach Schweden, um dort 400 jüdische Menschen in Sicherheit zu bringen.

Cora Berliner selbst konnte sich nicht mehr retten. Zusammen mit anderen leitenden Mitarbeitern der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ wurde sie am 24. Juni 1942 von Königsberg aus Richtung Osten deportiert. Die genauen Umstände dieses Transportes sind umstritten; Klarheit gibt es aber darüber, dass dieser sogenannte „16. Osttransport“ zwei Tage später Minsk erreichte. Die Menschen, die in diesem Zeitraum in den in Minsk ankommenden Deportationszügen gefangen waren, wurden kurz darauf im Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk ermordet. Von Cora Berliner gibt es nach ihrer Ankunft in Minsk kein Lebenzeichen mehr, das Datum ihrer Ermordung ist unbekannt.

Recherchen und Text: Schüler und Schülerinnen der Klasse 9D des Max-Planck-Gymnasiums und Sophia Schmitz, Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin