Stolperstein Erdener Str. 13-15

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Dieser Stolperstein wurde am 16.4.2013 verlegt.

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Stolperstein Robert Graetz, Foto: F. Siebold
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HIER WOHNTE
ROBERT GRAETZ
JG. 1878
DEPORTIERT 14.4.1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET

Robert Graetz wurde am 5. Oktober 1878 in Berlin als eines von sechs Geschwistern in einfachen Verhältnissen geboren. Nach einer Kaufmannslehre gründete er 1907 zusammen mit dem gleichberechtigten Teilhaber Georg Glass die Damenmantelfirma Glass & Graetz im damaligen Berliner Zentrum für Bekleidungsfirmen im Umfeld des Hausvogteiplatzes in der Mohrenstraße 42/43. Die drei Jahrzehnte erfolgreich geführte Firma musste aufgrund der Repressalien durch die nationalsozialistische Herrschaft Ende 1939 ihre Produktion einstellen.

Graetz war in erster Ehe mit der jüdischen Opernsängerin Ella Graetz, geborene Wagner, verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, die Tochter Hilda, geb. am 3. Mai 1912, und den Sohn Helmuth, geboren am 3. Dezember 1914. Unmittelbar nach Kriegsende erwarb Graetz 1919 eine Gründerzeit-Villa in der Erdener Straße 13/15 im vornehmen Stadtteil Grunewald. Das großzügig geschnittene Haus, das heute nicht mehr vorhanden ist, bot damals mit mehr als 500 qm Wohnfläche ein großbürgerliches Ambiente sowohl für seine gesellschaftlichen Verpflichtungen als auch für seine im Wachsen begriffene Kunstsammlung, die rund 200 Kunstwerke umfasste.

Nach Angaben der Tochter war der Vater ein sehr arbeitsamer und ehrgeiziger Unternehmer, der nur wenig Zeit für seine Familie hatte. Dieser Ehrgeiz und sein kaufmännisches Geschick sicherten ihm in den folgenden Jahren wirtschaftliche Erfolge, die es ihm ermöglichten, Anfang der 1920er Jahre mit dem Aufbau seiner Privatsammlung zu beginnen. Unterstützt wurde er hierbei maßgeblich von seinem Bruder Hugo, der zahlreiche berufliche wie private Kontakte zu Künstlern pflegte. Hugo Graetz, der seit etwa 1920 Geschäftsführer der Novembergruppe war und später eine eigene Galerie in Berlin betrieb, kann zu Recht als Spiritus rector der Sammlung seines Bruders bezeichnet werden. In den folgenden beiden Jahrzehnten erwarb Robert Graetz mit der Expertise seines Bruders sukzessive Kunstwerke von überwiegend zeitgenössischen Künstlern, die in Berlin tätig waren. Darunter befanden sich Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Wilhelm Kohlhoff, Papierarbeiten von Karl Hagemeister und Käthe Kollwitz sowie Skulpturen von Ernst Barlach und August Gaul. Die Tochter Hilda erinnerte sich, dass das Haus ihrer Eltern einem Museum geglichen habe.

Dass Robert Graetz 1928 bereits einen beachtlichen Bestand an modernen Kunstwerken zusammengetragen hatte, beweisen seine Leihgaben von vorwiegend expressionistischen Gemälden, die er für die beiden Ausstellungen moderner Werke aus Berliner Privatbesitz 1928 an das Kronprinzen-Palais verliehen hatte. Im Februar 1933 trat Graetz noch einmal als Leihgeber, dieses Mal mit Gemälden von Schmidt-Rottluff, für das Kronprinzen-Palais in Erscheinung. Bereits im Herbst desselben Jahres erhielt er seine Leihgaben aufgrund der neuen Sammlungspolitik der nationalsozialistischen Machthaber jedoch zurück.

Am 28. April 1934 heiratete der verwitwete Robert Graetz zum zweiten Mal. Die ebenfalls verwitwete Bluma Haas, geb. Brin, war eine Jüdin aus Lettland, die ihren neunjährigen Sohn Werner mit in die Ehe brachte. Dieser hatte ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu seinem Stiefvater, der ihm die Welt der Kunst, Musik und Literatur eröffnet hatte. Rückblickend äußerte Werner Haas, dass er allein dem Stiefvater sein künstlerisches Interesse zu verdanken habe. Haas beschrieb ihn als einen schillernden Mann der Gesellschaft. „Er war ein wohlbeleibter, lustiger kleiner Herr, in Gesellschaft immer der Mittelpunkt, sprühend voll Witz und Leben.“ Die beiden erwachsenen Kinder von Robert Graetz wohnten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Villa.

Die Einschränkungen durch die „Nürnberger Gesetze“ am 15. September 1935 spürte auch das Ehepaar zunehmend. Durch die Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte musste die Textilfirma Glass & Graetz wirtschaftliche Verluste hinnehmen. Dies hatte Auswirkungen auf sein Privatleben: Ende 1935 ließ Graetz die große Villa in mehrere Wohneinheiten umbauen und bewohnte fortan mit seiner Frau eine Fünfzimmerwohnung innerhalb des Hauses. Weitere Zwangsmaßnahmen folgten im Laufe der Jahre. 1939 musste Robert Graetz seine Lebensversicherungen und seine Grundstücke mit hohen Verlusten veräußern, um den finanziellen Verpflichtungen nachkommen zu können.

Am 18. April 1940 ließ sich das Ehepaar zum Schein scheiden, wodurch die „deutsche Jüdin“ Bluma Graetz wieder zur Lettin und somit zu einer „Jüdin ausländischer Staatsangehörigkeit“ wurde. Eine derartige Taktik verfolgten zahlreiche Ehepaare, da ausländische Juden noch einen Sonderstatus besaßen, der ihnen für eine gewisse Zeit die Möglichkeit gab, Geld von Sperrkonten abzuheben. Die Scheidung von Robert und Bluma Graetz war vermutlich aus dieser Erwägung vollzogen worden, denn Graetz musste Ende 1940 schließlich dem Druck der Behörden nachgeben und sein Grundstück mit der Villa verkaufen.

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Robert Graetz in seinem Arbeitszimmer. Foto: Hilde und Roberto Graetz
Bild: Hilde und Roberto Graetz

Als letzter Schritt vor der endgültigen Verarmung erfolgte am 25. Februar 1941 die Zwangsversteigerung der wertvollen Inneneinrichtung mit einem Teil der Kunstwerke in der Villa. Durch das Versteigerungshaus Gerhard Harms wurden 289 Posten an Möbeln, Hausrat und verschiedenartigen Kunstobjekten zu einem Gesamterlös von 9.942 Reichsmark veräußert. Nach Zahlung der Versteigerungsgebühren wurde der Restbetrag auf das Konto von Bluma Graetz, auf deren Name die Versteigerung angemeldet worden war, am 4. März 1941 überwiesen. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass sie das Geld tatsächlich abheben konnte.

1940 und 1941 wurden Robert Graetz und seine zweite Ehefrau Bluma gezwungen, ihre Villa in Berlin-Grunewald mit der luxuriösen Wohnungseinrichtung und einem Teil der Kunstsammlung zu verkaufen. Bluma Graetz wurde im selben Jahr in ein Arbeitslager nach Lettland deportiert. Sie überlebte, konnte aber erst Jahrzehnte später die Sowjetunion Richtung Argentinien verlassen.

Nach der Versteigerung mussten Robert und Bluma Graetz vom 1. März 1941 in eine Zweizimmerwohnung in einem so genannten „Judenhaus“ – hier wurden aus ihren Wohnungen vertriebene Juden zusammengepfercht – in der Wissmannstraße 11 in unmittelbarer Nähe ihrer ehemaligen Villa umziehen. Aus Platzmangel, aber auch aus Angst vor weiteren Zwangsverkäufen hatte das Ehepaar die meisten Objekte in Kisten verpackt, die sie bei Freunden und Bekannten unterstellten. Aus dieser Wohnung wurde Bluma Graetz einen Tag nach der Kriegserklärung Hitlers an die Sowjetunion (22. Juni 1941) als „Staatsfeindin“ verhaftet und über verschiedene Arbeitslager nach Lettland transportiert.

Robert Graetz wurde am 14. April 1942 mit einem von den NS-Behörden als 14. Osttransport gekennzeichneten Zug, voll besetzt mit etwa 1000 Menschen, vom Bahnhof Grunewald ins Warschauer Ghetto deportiert. In älteren Reichsbahn-Listen war als Zielort Trawniki genannt worden. Er hatte sich an diesem Tag ursprünglich von seiner Schwester Selma und deren Ehemann Ignatz Becker am Bahnhof Grunewald verabschieden wollen, die sich dort zur Deportation hatten einfinden müssen. Robert Graetz durfte jedoch den Bahnhof nicht mehr verlassen und wurde ebenfalls auf einen der frei gewordenen Plätze dem Abtransport zugeordnet. Dieser Transport gehörte zu den Todeszügen, die seit dem 18. Oktober 1941 deutsche Juden aus dem „Altreich“ zunächst nach Lodz, Kowno, Minsk, Riga und in den Distrikt Lublin, später nach Auschwitz „evakuierten“, wie die Nazis ihre planmäßigen Massendeportationen umschrieben. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Todesdatum von Robert Graetz auf Beschluss des Amtsgerichts Charlottenburg auf den 31. Dezember 1945 festgesetzt.

Über Schicksal und Verbleib der meisten Kunstwerke aus der Sammlung Graetz konnte nach 1945 häufig keine konkreten Hinweise recherchiert werden. Bekannt ist, dass Graetz einige Kunstwerke Familienangehörigen schenkte, als diese ins Ausland emigrierten. Beispielsweise hatte er seiner Tochter eine Zeichnung von Pechstein nach Südafrika geschickt, wohin sie im Jahre 1935 ausgewandert war. Sein Sohn erhielt ein Gemälde Pechsteins erhalten, das sein Onkel Wilhelm Graetz 1939 für ihn nach Bolivien mitgenommen hatte.

2011 wurden schließlich die beiden Gemälde „Gutshof in Dangast“, entstanden 1910, und „Selbstporträt“, entstanden 1920, des Brücke-Künstlers Karl Schmidt-Rottluff an den Erben von Robert Graetz restituiert. Vorausgegangen war dieser Rückgabe eine mehr als ein Jahrzehnt währende Auseinandersetzung mit der Senatsverwaltung Berlin. Zur Rückgabe kam es schließlich durch die Anrufung der Beratenden Kommission für die Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter am 17. November 2011.
„Aufgrund der historischen Gesamtsituation, der Verfolgung von Robert Graetz und mangels konkreter gegenteiliger Belege ist zu vermuten, dass die beiden Gemälde NS-verfolgungsbedingt verlorengegangen sind und deshalb zurückgegeben werden sollten“, erklärte die Kommission unter Vorsitz der ehemaligen Verfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach.

Text: Angelika Enderlein

Quellen: Angelika Enderlein: Der Berliner Kunsthandel in der Weimarer Republik und im NS-Staat. Zum Schicksal der Sammlung Graetz, zugl. Diss. Akademie Verlag 2006, S. 157-243. Im Zentrum dieser Publikation steht der Berliner Kunsthandel während der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus. Sie geht weit über die Rekonstruktion der Sammlung Graetz hinaus und ist an der Schnittstelle zwischen Kunstwissenschaft, Sammlungsgeschichte, Politik- und Wirtschaftsgeschichte angesiedelt.
Camilla Blechen: Ein Haus wie ein Museum. FAZ 6.9.2007.
Pressemitteilung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung: Empfehlung der Beratenden Kommission für die Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter vom 18.11.2011.
Berlin gibt NS-Raubkunst an Erben zurück. Der Tagesspiegel 19.11.2011.